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Sri Aurobindo

Das Göttliche Leben

Buch 1

Buch 1

I. Das Streben des Menschen

II. Die beiden Verneinungen. 1.Die Ablehnung des Materialisten

III. Die beiden Verneinungen. 2.Die Zurückweisung des Asketen

IV. Allgegenwärtige Wirklichkeit

V. Die Bestimmung des Einzelnen

VI. Der Mensch im Universum

VII. Das Ich und die Dualitäten

VIII. Die Methoden vedantischer Erkenntnis

IX. Das Reine Seiende

X. Bewußte Kraft

XI. Seins-Seligkeit: Das Problem

XII. Seins-Seligkeit: Die Lösung

XIII. Die Göttliche Maya

XIV. Das Supramental als Schöpfer

XV. Das Höchste Wahrheits-Bewußtsein

XVI. Der dreifache Status des Supramentals

XVII. Die Göttliche Seele

XVIII. Mental und Supramental

XIX. Leben

XX. Tod, Begehren und Untauglichkeit

XXI. Der Aufstieg des Lebens

XXII. Das Problem des Leben

XXIII. Die doppelte Seele im Menschen

XXIV. Materie

XXV. Der Knoten der Materie

XXVI. Die aufsteigende Reihe der Substanz

XXVII. Das siebenfache Geflecht des Seienden

XXVIII. Supramental, Mental und Übermental-Maya

Buch 2

XV. Wirklichkeit und integrales Wissen

XVI. Das integrale Wissen und das Ziel des Lebens. Vier Theorien des Daseins

XVII. Der Fortschritt zum Wissen. Gott, Mensch und Natur

XVIII. Der Entwicklungsprozeß. Aufstieg und Integration

XIX. Aus der siebenfachen Unwissenheit zum siebenfachen Wissen

XX. Die Philosophie der Wiedergeburt

XXI. Die Ordnung der Welten

XXII. Wiedergeburt und andere Welten. Karma, Seele und Unsterblichkeit

XXIII. Mensch und Evolution

XXIV. Die Entwicklung des spirituellen Menschen

XXV. Die dreifache Umwandlung

XXVI. Der Aufstieg zum Supramental

XXVII. Der gnostische Mensch

XXVIII. Das Göttliche Leben

Kapitel I. Das Streben des Menschen

Usha folgt denen zum Ziel, die ins Jenseitige weitergehen. Sie ist die erste in der Folge der ewigen Morgendämmerungen, die kommen, – sie weitet sich aus, bringt das Lebendige hervor, erweckt einen Gestorbenen... Wie weit reicht sie, wenn sie Einklang schafft zwischen den Morgendämmerungen, die früher leuchteten, und denen, die jetzt scheinen müssen? Sie sehnt sich nach den Morgen der Vergangenheit und bringt ihr Licht zu vollem Glanz. Sie strahlt ihr Licht in die Zukunft und eint sich mit denen, die noch kommen sollen.

Kutsa Angirasa – Rig Veda, I.113.8.10.

Dreifach sind jene höchsten Geburten dieser göttlichen Kraft, die in der Welt ist, sie sind wahr, sie sind begehrenswert. Dort regt Er sich, weit-offenbar, im Inneren des Unendlichen, und leuchtet klar, lichtvoll, Erfüllung bringend... Was in Sterblichen unsterblich ist und im Besitz der Wahrheit, ist ein Gott, er wohnt im Innern als eine Kraft, die sich in unseren göttlichen Mächten auswirkt... Erhebe dich hoch über alles, o Stärke, zerreiße alle Schleier und offenbare in uns die Dinge der Gottheit.

Vamadeva – Rig Veda, IV.1.7., IV.2.1., IV.4.5.

Das früheste Anliegen im erwachten Denken des Menschen und, wie es scheint, sein unentrinnbares und letztes ist auch das höchste, das sein Denken sich vorstellen kann, – denn es überlebt die längsten Zeiträume des Skeptizismus und kehrt nach jeder Verbannung wieder zurück. Es offenbart sich in der Ahnung der Gottheit, im Impuls zur Vollkommenheit, im Suchen nach reiner Wahrheit und unvermischter Seligkeit, im Empfinden einer geheimen Unsterblichkeit. Die frühen Morgendämmerungen menschlicher Erkenntnis bezeugen dieses ständige Streben. Heute sehen wir, daß sich eine Menschheit anschickt, zu ihren ursprünglichen Sehnsüchten zurückzukehren, gesättigt und doch nicht befriedigt von der sieghaften Analyse des Äußeren der Natur. Die älteste Formulierung der Weisheit verspricht auch ihre letzte zu sein: Gott, Licht, Freiheit, Unsterblichkeit.

Diese unvergänglichen Ideale der Menschheit stehen andererseits in Widerspruch zu ihrer alltäglichen Erfahrung und sind die Bestätigung höherer und tieferer Erfahrungen, die für die Menschheit im allgemeinen ungewöhnlich sind und in ihrer organischen Vollständigkeit nur durch eine revolutionäre individuelle Anstrengung oder durch einen evolutionären allgemeinen Fortschritt erlangt werden können. Als die Offenbarung Gottes in der Materie und als das Ziel der Natur in ihrer irdischen Evolution wird uns verheißen: Wir sollen in einem tierhaften, vom Ego bestimmten Bewußtsein das göttliche Wesen erkennen, besitzen und sein. Wir dürfen unsere zwielichtige oder verfinsterte physische Mentalität in die Fülle supramentaler Erleuchtung verwandeln. Wir können Frieden und eine aus dem Selbst seiende Seligkeit dort erbauen, wo es jetzt nur die Spannung vergänglicher Befriedigungen gibt, die stets bedrängt werden vom physischen Schmerz und Leiden des Gemüts. Wir vermögen die Fundamente zu einer unendlichen Freiheit in der Welt zu legen, die sich uns als ein Komplex mechanischer Notwendigkeiten präsentiert. Wir sollen unsterbliches Leben in einem Leib entdecken und verwirklichen, der dem Tod und ständiger Veränderung unterworfen ist. Für den gewöhnlichen materiellen Intellekt, der seine gegenwärtige Bewußtseins-Organisation als äußerste Grenze seiner Möglichkeiten ansieht, ist der direkte Widerspruch zwischen den unverwirklichten Idealen und der verwirklichten Tatsächlichkeit ein endgültiges Argument gegen den Wert jener Ideale. Wenn wir aber die Wirkensweisen der Natur gründlicher erforschen, kommt uns diese direkte Widersprüchlichkeit eher vor als Teil der tiefsinnigen Methode der Natur und als das Siegel ihrer vollen Zustimmung.

Denn alle Probleme des Daseins sind im wesentlichen Probleme der Harmonie. Sie entstehen aus der Wahrnehmung einer unaufgelösten Disharmonie und dem unbewußten Verlangen nach einer unentdeckten Übereinstimmung oder Einheit. Die praktischen und mehr animalischen Schichten im Menschen bringen es fertig, sich mit einer unaufgelösten Disharmonie zufriedenzugeben. Das ist aber für sein voll erwachtes Mental unmöglich. Gewöhnlich gehen selbst seine praktischen Seiten der allgemeinen Notwendigkeit einer Lösung nur dadurch aus dem Wege, daß sie entweder das Problem ausklammern oder einen faulen, unerleuchteten Nützlichkeitskompromiß eingehen. Denn die gesamte Natur sucht wesenhaft nach Harmonie: das Vital und die Materie in ihrem eigenen Bereich ebenso wie das Mental durch die Ordnung seiner Wahrnehmungen. Je größer die scheinbare Unordnung der dargebotenen Materialien oder die scheinbare Verschiedenheit, selbst bis zur unvereinbaren Gegensätzlichkeit der Elemente, die verwendet werden müssen, ist, desto stärker der Ansporn zur Harmonie. Er drängt nach einer feineren und machtvolleren Ordnung, als sie normalerweise durch ein weniger schweres Bemühen zustande kommen kann. Das aktive Leben in Einklang zu bringen mit einem zu formenden Material, in dem Trägheit die Grundlage der Aktivität zu sein scheint, ist ein Problem des Entgegengesetzten, das die Natur gelöst hat und in immer umfassenderer Vielfalt zu lösen sucht. Seine vollkommene Lösung wäre die materielle Unsterblichkeit eines völlig durchorganisierten, das Mental unterstützenden Tierkörpers. Ein anderes Problem des Entgegengesetzten, bei dem die Natur erstaunliche Ergebnisse zustande gebracht hat und nach immer neuen höheren Wundern strebt, ist der Einklang zwischen bewußtem Mental und bewußtem Willen mit einer Gestalt und einem Leben, die an sich nicht offenkundig ihres Selbsts bewußt sind und bestenfalls einen mechanischen oder unterbewußten Willen aufbringen können. Ihr höchstes Wunder wäre hier das Bewußtsein eines Tierwesens, das nach der Wahrheit und dem Licht nicht mehr nur sucht, sondern beide zugleich mit der praktischen Allmacht besitzt, die aus dem Besitz eines unmittelbaren, vervollkommneten Wissens herrührt. So ist also dieser Aufwärtsdrang im Menschen nach Harmonisierung immer umfassenderer Gegensätze nicht nur an sich vernunftgemäß, sondern einzig mögliche Erfüllung eines Gesetzes und Bemühens, wie sie einer grundlegenden Methode der Natur und dem wahren Sinn ihres universalen Ringens zu entsprechen scheinen.

Wir sprechen von der Evolution des Lebens in der Materie, von der Evolution des Mentals in der Materie. Evolution ist aber ein Wort, das eigentlich nur das Phänomen feststellt, ohne es zu erklären. Denn es scheint keinen Grund zu geben, warum sich Leben aus materiellen Elementen oder Mental aus lebendigen Formen durch Evolution entfalten sollte, wenn wir nicht die vedantische Lösung annehmen, daß Leben schon in Materie und Mental schon in Leben involviert ist, weil ihrem Wesen nach Materie eine Form verhüllten Lebens und Leben eine Form verhüllten Bewußtseins ist. Dann dürfte nur wenig gegen einen weiteren Schritt in der Reihe und gegen die Zustimmung dazu eingewendet werden können, daß mentales Bewußtsein selbst nur eine Form und eine Verhüllung höherer Zustände ist, die jenseits des Mentals liegen. In diesem Fall erweist sich der unbesiegbare Drang des Menschen zu Gott, Licht, Seligkeit, Freiheit, Unsterblichkeit wohl an seinem richtigen Platz in der Kette einfach als der zwingende Impuls, durch den Natur die Evolution über das Mental hinaus sucht, und er erscheint ebenso natürlich, wahr und richtig zu sein wie der Impuls zum Leben, den sie in gewisse Formen der Materie einpflanzte, und wie der Impuls zum Mental, den sie gewissen Formen von Leben eingab. Wie dort, so existiert dieser Impuls hier mehr oder minder dunkel in ihren verschiedenen Gefäßen mit einer immer höher ansteigenden Reihe in der Macht seines Willens-zum-Sein. Wie dort, so entwickelt er sich hier in Stufen und muß die notwendigen Organe und Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen. So wie der Impuls zum Mental von den empfindsameren Reaktionen des Lebens in Metall und Pflanze bis zu seiner vollen Organisation im Menschen emporreicht, so gibt es auch im Menschen die gleiche emporsteigende Reihe, die Vorbereitung, wenn nicht noch mehr, eines höheren göttlichen Lebens. Das Tier ist ein lebendiges Laboratorium, in dem die Natur sozusagen den Menschen erarbeitet hat. Der Mensch mag sehr wohl ein denkendes, lebendiges Laboratorium sein, in dem sie mit seiner bewußten Mitwirkung den Über-Menschen, den Gott erarbeiten will. Oder sollten wir nicht besser sagen: Gott offenbaren will? Denn wenn die Evolution die fortschreitende Offenbarung seitens der Natur von dem ist, was in ihr schlief oder involviert in ihr wirkte, ist die Natur auch die offenbare Realisation von dem, was sie insgeheim ist. Wir dürfen sie also nicht auf einer gewissen Stufe ihrer Evolution bitten, innezuhalten, und wir haben auch nicht das Recht, mit den Vertretern der Religion als verkehrt und anmaßend oder, mit den Vertretern des Rationalismus, als Krankheit oder Halluzination ihre etwaige Absicht oder ihr Bemühen zu verurteilen, über die jetzige Stufe hinauszugehen. Wenn es wahr ist, daß Geist in Materie involviert und sichtbare Natur insgeheim Gott ist, dann ist es für den Menschen auf Erden das erhabenste und legitime Ziel, in sich selbst das Göttliche zu offenbaren und Gott im Innern und nach außen hin zu verwirklichen.

So rechtfertigt sich vor der überlegenden Vernunft wie vor dem drängenden Instinkt oder der Intuition der Menschheit das ewige Paradoxon und die ewige Wahrheit eines göttlichen Lebens in einem Tierkörper, der einem sterblichen Gehäuse innewohnenden unsterblichen Sehnsucht oder Wirklichkeit eines sich in begrenzten Mentalwesen und getrennten Ichs repräsentierenden einzigen und universalen Bewußtseins, eines transzendenten, unbegrenzbaren, zeitlosen und raumlosen Wesens, das allein Zeit, Raum und Kosmos möglich und in diesen allen die höhere Wahrheit durch den niedrigeren Begriff realisierbar macht. Man hat manchmal den Versuch unternommen, Fragen, die schon so oft vom logischen Denken für unlösbar erklärt wurden, endgültig loszuwerden und die Menschen zu überreden, ihre mentale Betätigung auf die praktischen unmittelbaren Probleme ihrer materiellen Existenz im Universum zu beschränken. Solche Fluchtversuche hatten aber nie dauerhafte Wirkung. Die Menschheit kehrt von ihnen mit nur noch heftigerem Drang zum Forschen und noch stärkerem Hunger nach unmittelbarer Lösung zurück. Aus diesem Hunger zieht der Mystizismus seinen Nutzen, und neue Religionen entstehen, um die alten zu ersetzen, die man zerstörte oder ihrer Bedeutung beraubte durch einen Skeptizismus, der selbst nicht befriedigte, da das Forschen zwar sein Beruf, er aber nie willens war, gründlich genug zu ermitteln. Eine Wahrheit ableugnen oder ersticken zu wollen, weil sie in ihrem äußeren Wirken noch unerleuchtet ist und nur zu oft durch finsteren Aberglauben oder eine rohe Glaubensform dargestellt wird, ist selbst eine Art von Obskurantismus. Schließlich erweist sich, daß der Wille, sich einer kosmischen Notwendigkeit deshalb zu entziehen, weil es mühevoll und schwierig ist, sie durch leicht greifbare Ergebnisse zu rechtfertigen, und weil es lange dauert, ihre Abläufe unter Kontrolle zu bringen, keine Anerkennung der Wahrheit der Natur, sondern eine Revolte gegen den geheimen mächtigeren Willen der Großen Mutter ist. Es ist besser und vernünftiger, wir nehmen das, was sie uns als Menschheit zu verwerfen verbietet, an und erheben es aus dem Bereich blinden Instinkts, unerleuchteter Intuition und ziellosen Strebens empor in das Licht der Vernunft und in einen aufgeklärten und bewußt vom Selbst gelenkten Willen. Wenn es dann ein höheres Licht erleuchteter Intuition oder sich selbst enthüllender Wahrheit gibt, die jetzt im Menschen blockiert oder unwirksam ist oder nur zeitweise wie durch einen Schleier aufblitzt oder nur gelegentlich aufleuchtet wie das Nordlicht an unserem materiellen Himmel, auch dann sollen wir uns nicht fürchten, weiter zu streben. Denn wahrscheinlich wird das der nächsthöhere Zustand eines Bewußtseins sein, demgegenüber das Mental nur eine Vorform und Verschleierung darstellt. Der Pfad unserer fortschreitenden Selbst-Ausweitung in jenen höchsten Zustand, der am Ende der Ruheplatz der Menschheit ist, mag durch die Herrlichkeiten dieses Lichtes hindurchführen

Kapitel II. Die beiden Verneinungen. 1. Die Ablehnung des Materialisten

Er verlieh der Bewußtseinskraft Nachdruck, (in der strengen Disziplin des Denkens) und kam zu der Erkenntnis, daß Materie das brahman ist. Denn aus Materie werden alle Wesen geboren. Nach der Geburt wachsen sie durch Materie und gehen wieder in Materie ein, wenn sie von hinnen scheiden. Dann ging er zu Varuna, seinem Vater, und sprach: “Herr, belehre mich über das brahman.” Der aber antwortete ihm: “Konzentriere in dir (erneut) die Bewußtseinskraft; denn die Kraft ist brahman”.

Taittiriya Upanishad III, 1,2.

Die Behauptung, es gebe ein göttliches Leben auf Erden und ein Erfühlen der Unsterblichkeit im sterblichen Dasein, kann nur dann eine feste Grundlage haben, wenn wir nicht allein ewigen Geist als den Bewohner dieser körperlichen Behausung und Träger dieses veränderlichen Gewandes anerkennen, sondern auch Materie, aus der der Körper gemacht ist, als ein geeignetes und edles Material annehmen, aus dem Er ständig Seine Gewänder webt und immer neu die unendliche Reihe Seiner Wohnungen erbaut.

Das genügt jedoch nicht, uns davon abzuhalten, daß wir vor dem Leben im Körper zurückschrecken, es sei denn, wir nehmen mit den Upanishaden hinter den Erscheinungen die Identität im Wesentlichen dieser beiden extremen Begriffe des Daseins wahr und können darum in der Sprache jener alten Schriften sagen: “Auch Materie ist brahman.” So erst geben wir dem kraftvollen Bild seine volle Bedeutung, womit das physische Universum als der äußere Leib des Göttlichen Wesens beschrieben wird. Diese Identifikation überzeugt jedoch den rationalen Intellekt durchaus nicht – so weit sind offensichtlich diese beiden extremen Begriffe voneinander getrennt –, wenn wir nicht eine Reihe von Begriffen in aufsteigender Folge zwischen Geist und Materie anerkennen wollen: Leben, Mental, Supramental und die Stufen, die Mental und Supramental verbinden. Sonst müssen die beiden als unversöhnbare Gegner erscheinen, die durch eine unglückliche Ehe aneinander gebunden sind, deren Scheidung die einzig vernünftige Lösung wäre. Identifiziert man beide und stellt jeden in den Begriffen des anderen dar, dann wird daraus ein künstliches Gebilde des Denkens, das der Logik der Tatsachen widerspricht und nur durch irrationalen Mystizismus möglich ist.

Bejahen wir nur einerseits reinen Geist und andererseits mechanische, nicht intelligente Substanz oder Energie und nennen wir das eine Gott oder Seele und das andere Natur, dann wird es unvermeidlich sein, daß wir schließlich entweder Gott verleugnen oder uns von der Natur abkehren. Sowohl für das Denken als auch für das Leben wird also eine Entscheidung zwingend. Denken kommt entweder zur Verleugnung des einen als einer Illusion der Phantasie oder des anderen als einer Illusion der Sinne. Leben klammert sich fest an das Immaterielle und flieht in Abscheu oder selbstvergessener Ekstase vor sich selber, oder es verleugnet seine eigene Unsterblichkeit, orientiert sich nicht mehr an Gott, sondern am Tier. Dann haben purusha und prakriti, die passiv-lichtvolle Seele der Sankhyas und deren mechanisch-aktive Energie nichts miteinander gemein, nicht einmal ihre entgegengesetzten Seins-Zustände trägen Beharrens. Ihre Antinomien können nur dadurch aufgelöst werden, daß die von Trägheit angetriebene Aktivität sich in die unbewegliche Ruhe auflöst, auf die sie die bedeutungslose Aufeinanderfolge ihrer Bilder in wirkungsloser Weise projiziert hatte. Shankaras weltfreies, inaktives Selbst und seine maya der vielen Namen und Formen sind in gleicher Weise unvereinbare, unversöhnbare Einheiten. Ihr starrer Widerstreit kann nur dadurch aufhören, daß sich die vielfältige Illusion in die alleinige Wahrheit ewigen Schweigens auflöst.

Der Materialist hat es leichter. Wenn er den Geist leugnet, kann er zu einer eher überzeugenden einfachen Behauptung gelangen, zu einem wirklichen Monismus der Materie oder auch der Kraft. Er kann aber nicht auf die Dauer bei dieser einseitigen Behauptung bleiben. Auch er muß schließlich ein Unerkennbares als unbeweglich beharrend annehmen, fern dem bekannten Universum, den passiven purusha oder den schweigenden atman. Das dient aber nur dem Zweck, durch vage Konzession die unerbittlichen Forderungen des Denkens beiseite zu schieben, oder als Entschuldigung für die Weigerung, die Grenzen des Forschens weiter auszudehnen.

Darum kann sich das menschliche Mental mit diesen unfruchtbaren Widersprüchen nicht zufriedengeben. Es muß immer weiter nach vollständiger Bejahung suchen. Sie kann es nur durch erleuchtete Aussöhnung der Gegensätze finden. Um diese Aussöhnung zu erreichen, muß es durch alle Stufen gehen, die uns unser inneres Bewußtsein auferlegt, und dabei entweder durch die objektive Methode der Analyse, angewandt auf das Leben und das Mental wie bisher auf die Materie, oder durch subjektive Synthese und Erleuchtung zu dem Ruhepunkt der höchsten Einheit gelangen, ohne dabei der Energie ihren Ausdruck in der Vielfalt zu verbieten. All die vielförmigen und scheinbar einander widersprechenden Gegebenheiten des Daseins können allein in solch vollständiger und allumfassender Bejahung harmonisiert werden. Nur so können die zahlreichen, einander bekämpfenden Kräfte, die unser Denken und Leben beherrschen, die zentrale Wahrheit entdecken, die sie hier symbolisieren und verschiedenartig zur Erfüllung bringen. Nur so kann unser Denken, das eine wahre Mitte erlangt hat, aufhören, die Dinge zu umkreisen. Es kann nun so wirken wie das brahman der Upanishaden: tief gegründet und standfest in seinem Kräftespiel und weltweitem Herumschweifen. Unser Leben kennt nun sein Ziel und kann ihm ebenso mit heiterer unwandelbarer Freude und Erleuchtung wie mit rhythmisch wechselnder Kraft dienen.

Ist dieser Rhythmus aber einmal gestört, dann ist es für den Menschen nötig und dienlich, jeden dieser beiden großen Gegensätze gesondert in seiner extremen Behauptung nachzuprüfen. Es ist die natürliche Art des Mentals, dann mit vollkommener Klarheit zu der Bejahung, die es verloren hatte, zurückzukehren. Es mag unterwegs den Versuch machen, auf den dazwischenliegenden Stufen anzuhalten und alle Dinge auf die Begriffe von ursprünglicher Lebens-Energie oder von Sinnesempfindung oder von Ideen zurückzuführen. Solche ausschließenden Lösungen haben aber immer den Charakter von etwas Unwirklichem. Sie mögen eine Zeitlang die logische Vernunft zufrieden stellen, die nur mit reinen Ideen umgeht. Sie können aber nicht den Sinn des Mentals für Aktualität befriedigen. Denn dieses weiß, daß hinter ihm etwas steht, das nicht die Idee ist. Andererseits weiß es auch, daß etwas in seinem Inneren ist, das mehr ist als der vitale Atem. Sowohl Geist wie Materie können es eine Zeitlang meinen lassen, sie seien die absolute Wirklichkeit. Keines der dazwischenliegenden Prinzipien kann das tun. Darum muß das Mental zuerst zu den beiden Extremen gehen, bevor es sich wieder erfolgreich dem Ganzen zuwenden kann. Dem Intellekt steht ein Sinnenapparat zur Verfügung, der seiner Eigenart gemäß nur Teile des Daseins deutlich und klar wahrnehmen kann und sich einer Sprache bedienen muß, die nur dann deutlich wird, wenn sie sorgfältig trennt und abgrenzt. Hat er diese Vielfalt elementarer Prinzipien vor sich, so wird er bei seinem Suchen nach der Einheit dazu getrieben, alles rücksichtslos auf die Begriffe eines einzigen Prinzips zurückzuführen. Um dieses durchzusetzen, versucht er praktisch, die anderen auszuschließen. Will aber der Intellekt ohne diesen Prozeß des Ausschaltens den wahren Ursprung der Identität erkennen, muß er entweder den Sprung über sich selbst hinaus wagen oder den Kreis ganz durchlaufen, um am Ende zu finden, daß sich alles in gleicher Weise auf Jenes zurückführen läßt, das über jede Definition und Beschreibung erhaben und doch nicht nur wirklich, sondern auch erreichbar ist. Auf welchem Weg wir auch gehen mögen, Jenes ist immer das Ziel, zu dem wir gelangen, und wir können es nur verfehlen, wenn wir uns weigern, die Reise zu vollenden.

Darum ist es verheißungsvoll, daß wir heute nach vielen Experimenten und verbalen Lösungen wieder den beiden Extremen gegenüberstehen, die allein so lange Zeit die strengsten Nachprüfungen durch die Erfahrung ausgehalten haben und am Ende der Erfahrung beide zu einem Ergebnis kamen, dem das universale Grundgefühl in der Menschheit, dieser verhüllte Richter, Hüter und Vertreter des universalen Geistes der Wahrheit, die Anerkennung als richtig oder befriedigend verweigert. In Europa und in Indien haben sich in gleicher Weise die Ablehnung des Materialisten und die Entsagung des Asketen als die einzige Wahrheit zu behaupten und das Verständnis des Lebens zu beherrschen gesucht. Wenn das Ergebnis in Indien ein reiches Anhäufen der Schätze des Geistes, oder doch mancher von ihnen, gewesen ist, so führte es auf der anderen Seite zu einem folgenschweren Bankrott des Lebens. In Europa hat dagegen die Fülle an Reichtümern und die triumphale Beherrschung der Mächte und Schätze dieser Welt fortschreitend zu einem gleichen Bankrott in den Dingen des Geistes geführt. Der Intellekt, der die Lösung aller Probleme in dem einen Begriff der Materie suchte, fand keine Befriedigung in der erhaltenen Antwort. Darum wird die Zeit reif -und dahin bewegt sich auch die Tendenz der Welt – für eine neue umfassende Bejahung im Denken, in der inneren und äußeren Erfahrung und für die ihr entsprechende neue, reiche Selbst-Erfüllung in einem vollständigen Menschsein für den Einzelnen wie für die Menschheit.

Aus dem Unterschied in den Beziehungen des Geistes und der Materie zu dem Unerkennbaren, das sie beide repräsentieren, ergibt sich auch ein Unterschied der Wirksamkeit in den materiellen und den spirituellen Verneinungen. Die Ablehnung des Materialisten ist zwar nachdrücklicher und unmittelbar erfolgreicher, sie spricht auch die Masse der Menschheit viel leichter an. Sie ist aber von geringerer Dauer und letztlich weniger wirkungsstark als die verzehrende, gefährliche Entsagung des Asketen. Denn sie trägt ihre eigene Überwindung in sich. Ihr stärkstes Element ist der Agnostizismus, der das Unerkennbare hinter aller Manifestation zugibt, aber die Grenzen des Unerkennbaren soweit ausdehnt, daß es alles umfaßt, was noch unbekannt ist. Seine Voraussetzung ist, daß die physischen Sinne unser einziges Erkenntnismittel sind und darum die Vernunft, selbst bei weitesten und kühnsten Höhenflügen, dem Bereich der Sinne nicht entkommen kann. Sie muß sich immer und ausschließlich mit den Tatsachen auseinandersetzen, die jene ihr liefern oder nahelegen. Und selbst diese Anregungen müssen stets fest an ihren Ursprung gebunden bleiben. Wir können nicht über sie hinausgehen und können sie nicht als Brücke verwenden, die uns in einen Bereich führt, in dem machtvollere und weniger begrenzte Fähigkeiten eine Rolle spielen und eine andere Forschungsmethode angewandt werden muß.

Eine so willkürliche Voraussetzung spricht sich ihr eigenes Urteil der Unzulänglichkeit. Man kann sie nur aufrechterhalten, wenn man den ganzen weiten Bereich von Evidenz und Erfahrung, der ihr widerspricht, unbeachtet läßt oder wegerklärt, wenn man edle und nützliche Eigenschaften bestreitet oder herabsetzt, die in allen menschlichen Wesen bewußt, verborgen oder zumindest latent vorhanden sind, und sich weigert, supra-physische Phänomene zu erforschen, wenn sie nicht in Beziehung zur Materie und ihren Bewegungen hervortreten und als untergeordnete Wirkung materieller Kräfte aufgefaßt werden können. Sobald wir die Wirkungsweisen von Mental und Supramental zu untersuchen beginnen und dabei jenes Vorurteil fallen lassen, das in ihnen von Anfang an nur einen der Materie untergeordneten Begriff sehen will, kommen wir mit einer Masse von Phänomenen in Berührung, die dem starren Zugriff und einengenden Dogmatismus der materialistischen Formel völlig entgehen. In dem Augenblick, wo wir anerkennen – was uns unsere sich immer mehr ausweitende Erfahrung anzuerkennen zwingt –, daß es im Universum erkennbare Wirklichkeiten außerhalb der Reichweite der 22 - Sinne gibt und daß im Menschen Mächte und Fähigkeiten vorhanden sind, die viel eher die materiellen Organe bestimmen, durch die sie sich in Berührung mit der Welt der Sinne, mit dieser äußeren Schale unseres wahren vollständigen Daseins, halten, als daß sie durch diese bestimmt werden – verschwindet die Prämisse des materialistischen Agnostizismus. Nun sind wir für eine umfassende Darstellung und eine sich immer weiter entwickelnde Erforschung der Tatsachen bereit.

Zuerst sollten wir aber den außerordentlichen, unentbehrlichen Nutzen anerkennen, den wir der kurzen Periode des rationalistischen Materialismus, durch die die Menschheit hindurchgegangen ist, verdanken. Denn man kann jenes weite Gebiet von Tatsachen und Erfahrungen, dessen Tore sich jetzt wieder vor uns zu öffnen beginnen, nur dann mit Sicherheit betreten, wenn der Intellekt streng zu einer klaren, nüchternen Disziplin trainiert worden ist. Wenn sich das Mental unreifer Menschen dieses Gebietes bemächtigt, führt das zu gefährlichen Entstellungen und irreführenden Phantastereien. Tatsächlich hat das in der Vergangenheit einen wirklichen Wahrheitskern mit einer solchen Kruste entstellenden Aberglaubens und vernunftwidriger Dogmen überzogen, daß dadurch jeder Fortschritt zu wahrer Erkenntnis unmöglich wurde. Da war es zu einer gewissen Zeit nötig, reine Bahn zu schaffen und dabei die Wahrheit zusammen mit ihrer irreführenden Entstellung hinauszufegen, damit der Weg für einen neuen Anfang und ein gesicherteres Fortschreiten frei werde. Die rationalistische Tendenz des Materialismus hat der Menschheit diesen großen Dienst erwiesen.

Die die Sinne transzendierenden Befähigungen wurden, durch die Tatsache, daß sie in die Materie verstrickt, in einen physischen Körper entsandt sind, um dort zu wirken, und unter ein Joch gespannt sind, um den einen Wagen zusammen mit den Sehnsüchten des Gefühlslebens und den Impulsen der Nerven zu ziehen, einem vermischten Wirken ausgesetzt, wobei sie in Gefahr stehen, eher eine Verwirrung zu erleuchten, als die Wahrheit aufzuhellen. Dieses vermischte Tätigsein ist besonders dann gefährlich, wenn Menschen mit ungeläutertem Mental und unreinen Empfindungen sich in die höheren Bereiche spiritueller Erfahrung zu erheben versuchen. Wie oft verlieren sie sich durch diese voreiligen und überstürzten Abenteuer in Bereiche ungreifbarer Wolkengebilde, halberhellten Nebels und einer Finsternis, von Blitzen zerrissen, die mehr blenden als leuchten. Das Abenteuer war auf dem Weg, auf dem die Natur ihren Fortschritt zu bewirken beliebt – und sie amüsiert sich ja auch bei ihrem Wirken, – gewiß notwendig, für die Vernunft war es aber doch überstürzt und voreilig.

Darum ist es unerläßlich, daß sich die vorwärtsschreitende Erkenntnis auf einen klaren, reinen und disziplinierten Intellekt gründet. Ebenso nötig ist auch, daß sie von Zeit zu Zeit ihre Irrtümer durch die Beschränkung auf die sinnlich wahrnehmbare Tatsache korrigiert und zu den konkreten Wirklichkeiten der physischen Welt zurückkehrt. Dem Sohn der Erde erbringt, selbst wenn er nach supraphysischem Wissen sucht, die Berührung mit der Erde stets eine Erneuerung seiner Kraft. Man kann sogar sagen, daß wir das Supraphysische nur dann in seiner ganzen Fülle meistern – zu seinen Höhen können wir immer emporstreben wenn wir unsere Füße fest auf dem irdischen Grund behalten. “Die Erde ist seiner Füße Stand,” sagt die Upanishad, wenn immer sie das Selbst betrachtet, das sich im Universum manifestiert (Mundaka Upanishad, II. 1. 4. und Brihadaranyaka Upanishad, I. 1. 1.). Es steht sicherlich fest: Je weiter wir unsere Erkenntnis der physischen Welt ausdehnen und je gesicherter wir sie machen, desto breiter und tragfähiger wird auch die Fundierung der höheren Erkenntnis, selbst für das höchste Wissen, selbst für brahmavidya.

Wenn wir also aus der materialistischen Periode menschlicher Erkenntnis auftauchen, müssen wir uns davor hüten, vorschnell das zu verurteilen, was wir hinter uns lassen, oder auch nur ein Tüttelchen ihrer Errungenschaften wegzuwerfen, bevor wir über Wahrnehmungen und Mächte verfügen können, die klar verstanden und gesichert genug sind, um sie zu ersetzen. Vielmehr sollen wir das, was der Atheismus für das Göttliche tat, mit Achtung betrachten und die Dienste bewundern, die jener Agnostizismus vorbereitend für die grenzenlose Vermehrung des Wissens leistete. In unserer Welt ist Irrtum ständig Diener und Pfadfinder von Wahrheit. Denn Irrtum ist in Wirklichkeit halbe Wahrheit, deren Fehler nur in ihrer Begrenztheit liegt. Oft ist er Wahrheit, die sich vermummt, um unbeachtet ihrem Ziel nahezukommen. Es wäre gut, er könnte immer das sein, was er in dem großen Zeitabschnitt war, den wir nun verlassen; der treue Diener, streng, gewissenhaft, mit reinen Motiven, innerhalb seiner Grenzen erleuchtet, zwar nur halbe Wahrheit, aber nicht rücksichtslose, anmaßende Verirrung.

Ein gewisser Agnostizismus ist die endgültige Wahrheit jeder Erkenntnis. Denn wenn wir an das Ende jeglichen Pfades gelangen, erscheint uns das Universum nur als ein Symbol, als äußere Erscheinung einer unerkennbaren Wirklichkeit, die sich hier in verschiedenen Systemen von Werten zum Ausdruck bringt: physischen, vitalen und sinnlichen, sowie intellektuellen, idealen und spirituellen Werten. Je mehr Jenes für uns zur Wirklichkeit wird, desto mehr wird erkannt, daß es stets jenseits des definierenden Denkens und des formulierenden Ausdrucks steht. “Dorthin reicht nicht das Mental und auch nicht die Sprache” (Kena Upanishad, I. 3.). Dennoch kann man, wie von Seiten der Illusionisten, die Unwirklichkeit der Erscheinung ebenso wie die Nichterkennbarkeit des Unerkennbaren übertreiben. Wenn wir von Ihm als dem Unerkennbaren sprechen, meinen wir in Wirklichkeit, daß Es sich dem Zugriff unseres Denkens und unserer Sprache entzieht, dieser Instrumente, die stets mit dem Sinn der Unterscheidung vorgehen und mit der Methode der Definition darstellen. Ist Es aber auch nicht durch das Denken erkennbar, so ist Es doch durch eine höchste Bemühung von Bewußtsein erreichbar. Es gibt überdies eine Art Erkenntnis, die mit Identität eins ist und durch die Es in gewissem Sinn erkannt werden kann. Gewiß kann eine solche Erkenntnis nicht zutreffend in den Begriffen von Denken und Sprache ausgedrückt werden. Wenn wir sie aber erlangt haben, ergibt sich daraus eine Neubewertung von Jenem in den Symbolen unseres kosmischen Bewußtseins, und zwar nicht nur in einem einzigen, sondern in allen Symbolbereichen. Das führt zu einer Umwandlung unseres inneren Wesens und, durch die innere Umwandlung, zu einer Verwandlung unseres äußeren Lebens. Außerdem gibt es eine Art des Erkennens, durch die Jenes sich mittels all dieser Namen und Gestaltungen des phänomenalen Daseins offenbart, die Es vor der gewöhnlichen Intelligenz verbergen. Zu diesem höheren (wenn auch noch nicht höchsten) Verfahren des Erkennens können wir gelangen, wenn wir die Grenzlinien der materialistischen Formel überschreiten und Leben, Mental und Supramental in den Phänomenen untersuchen, die für sie charakteristisch sind, und nicht mehr nur in jenen untergeordneten Abläufen, durch die sie sich mit der Materie verknüpfen.

Das Unbekannte ist nicht das Unerkennbare. (“Anders ist Jenes als das Erkannte; es steht auch über dem Unerkannten”, Kena Upanishad, I. 3.). Es braucht für uns nicht das Unerkannte zu bleiben, wenn wir nicht Unwissenheit vorziehen oder in unseren anfänglichen Begrenzungen stecken bleiben wollen. Denn allen Dingen, die nicht unerkennbar sind, also allen Dingen im Universum, entsprechen in diesem Universum Eigenschaften, die sie zur Kenntnis nehmen können. Im Menschen, dem Mikrokosmos, sind diese Fähigkeiten stets existent und auf einer bestimmten Stufe entwicklungsfähig. Wir können vorziehen, sie nicht zu entfalten. Wo sie nur teilweise entwickelt sind, können wir sie anhalten und ihnen eine Art Unterernährung auferlegen. Grundsätzlich ist alles, was erkennbar ist, auch der Erkenntnis des Menschen zugänglich. Da nun im Menschen dieser unveräußerliche Drang der Natur zu seiner Selbst-Verwirklichung liegt, kann sich auch kein Kampf des Intellekts für immer durchsetzen, das Wirken unserer Fähigkeiten auf einen begrenzten Bereich einzuschränken. Wenn wir die Materie erforscht und ihre verborgenen Eigenschaften als wirklich erkannt haben, muß dieselbe Erkenntnis, die sich in jener zeitweiligen Begrenzung als nützlich erwiesen hatte, uns nun (wie die Treiber im Veda) zurufen: “Vorwärts, drängt nun weiter auch in andere Gefilde!”, Rig Veda, I. 4. 5.).

Wäre der moderne Materialismus nur ein nicht-intelligentes Sich-zufriedengeben im materiellen Leben, dann wäre der Fortschritt auf unbestimmte Zeit verzögert. Da aber seine wahre Seele das Suchen nach der Erkenntnis ist, kann er diesem unmöglich selbst ein Halt zurufen. Wenn er die Schranken der Sinneserkenntnis und der Vernunftschlüsse aus der Sinneserkenntnis erreicht hat, wird sein eigener Schwung ihn darüber hinwegtragen. Die Schnelligkeit und Sicherheit, mit der er das sichtbare Universum erfaßt hat, ist nur ein Unterpfand für die Energie und den Erfolg, die wir bei der Eroberung dessen, was jenseits der Sinnenwelt existiert, wiederholt zu sehen hoffen, wenn einmal der Schritt über die Schranke hinweg getan ist. Wir sehen dieses Vordringen jetzt schon in seinen verborgenen Anfängen.

Erkenntnis hat, auf welchem Pfad man auch nach ihr strebt, die Tendenz, nicht nur in dem einen letzten Begriff, sondern auch auf der großen Linie ihrer allgemeinen Ergebnisse eins zu werden. Hierfür kann nichts auffallender und überzeugender sein als der Umfang, bis zu dem die moderne Naturwissenschaft auf dem Gebiet der Materie die Auffassungen und sogar die Formeln der Sprache bestätigt, zu denen man mit einer ganz anderen Methode im Vedanta gekommen ist, und zwar im ursprünglichen Vedanta der Upanishaden, nicht dem der verschiedenen Schulen metaphysischer Philosophie. Diese offenbaren andererseits ihre volle Bedeutung und ihre reicheren Inhalte erst, wenn man sie in dem neuen Licht betrachtet, das durch die Entdeckungen der modernen Naturwissenschaften auf sie geworfen wird. Das gilt beispielsweise für jenen vedantischen Ausdruck, der die Dinge im Kosmos als eine einzige Saat beschreibt, die von der universalen Energie in vielfachen Formen entfaltet worden ist (Svetasvatara Upanishad, VI. 12.). Bedeutungsvoll ist besonders die Tendenz der Naturwissenschaften zu einem Monismus, der sich mit der Vielfalt verträgt, also zur Idee des Veda von dem einen wesenhaften Sein mit seinen vielfachen Werdeformen. Selbst wenn man auf der dualistischen Erscheinung von Materie und Kraft besteht, widerspricht das doch nicht diesem Monismus. Denn es wird offenkundig, daß Materie ihrem Wesen nach etwas für die Sinne nicht Existentes, sondern nur, wie das pradhana der Sankhya-Philosophen, eine begriffliche Form der Substanz ist. Tatsächlich hat man immer schneller den Punkt erreicht, an dem nur noch eine willkürliche Unterscheidung im Denken die Form der Substanz von der Form der Energie trennt.

Schließlich ist Materie Ausdruck der Formulierung einer unbekannten Kraft. Auch das Leben, dieses noch nicht ausgelotete Mysterium, offenbart sich als eine geheime Energie von Empfindungsfähigkeit, die in ihre materielle Formulierung eingesperrt ist. Ist die trennende Unwissenheit überwunden, die uns eine Kluft zwischen Leben und Materie empfinden läßt, können wir nur schwer annehmen, Mental, Leben und Materie seien etwas anderes als eine einzige in einer dreifachen Formel ausgedrückte Energie, die dreifache Welt der vedischen Seher. Dann wird sich auch die Auffassung von einer rohen materiellen Kraft als Mutter des Mentals nicht mehr halten lassen. Die Energie, die die Welt erschafft, kann nichts anderes sein als ein Wille, und Wille ist Bewußtsein, das sich in den Dienst eines Wirkens und eines Resultats stellt.

Was sollte dieses Werk und dieses Ergebnis anderes sein als eine Selbst-Involution von Bewußtsein in die Form und eine Selbst-Evolution aus der Form, um so die mächtige Möglichkeit im Universum, das es geschaffen hat, zu aktualisieren? Was ist der Wille im Menschen anderes als ein Wille zu unendlichem Leben, zu unbegrenztem Wissen und zu ungefesselter Macht? Selbst die Naturwissenschaft träumt heute von einem physischen Sieg über den Tod, sie drückt einen unersättlichen Durst nach Wissen aus und schafft irgendwie an einer irdischen Allmacht für die Menschheit. Raum und Zeit ziehen sich durch ihr Wirken fast bis zum Nullpunkt zusammen. Sie versucht auf hundert Wegen, den Menschen zum Herrn über die Umstände zu machen und ihm so die Fesseln der Kausalität zu erleichtern. Die Vorstellung von einer Begrenzung, von einem “unmöglich” wird immer verschwommener. Statt dessen sieht es so aus, als ob der Mensch das, was er beharrlich will, schließlich auch zu tun fähig sein muß. Denn das Bewußtsein in der Menschheit findet am Ende immer die Mittel dazu. Diese Allmacht drückt sich aber nicht im einzelnen Menschen aus, sondern der kollektive Wille der Menschheit bewirkt das und verwendet das Individuum als Werkzeug. Schauen wir aber noch tiefer, dann ist das nicht ein bewußter Wille des Kollektivs, vielmehr eine überbewußte Macht, die das Individuum als Zentrum und Mittel und das Kollektiv als Grundbedingung und Feld verwendet. Was ist dieser Wille aber anderes als der Gott im Menschen, die unendliche Identität, die vielfältige Einheit, der Allwissende, der Allmächtige? Den Menschen hat Er zu Seinem Ebenbild erschaffen und ihm das Ich als Zentrum des Wirkens gegeben. Und Er erschuf die Menschheit, den kollektiven narayana,1 um darin den Menschen zu prägen und zu begrenzen. Nun sucht Er in den universalen Menschen, visvamanava, irgendein Ebenbild von Einheit, Allwissenheit und Allmacht zum Ausdruck zu bringen, in denen das Göttliche Wesen sich selbst versteht. “Was unsterblich in den Menschen lebt, das ist ein Gott. Er wohnt in ihrem Inneren als eine Kraft, die sich in unseren göttlichen Kräften auswirkt” (Rig Veda, IV. 2. 1.). Diesem ungeheuren kosmischen Impuls dient die moderne Welt, ohne daß sie ihr Ziel recht erkennt, mit all ihren Aktivitäten, und sie bemüht sich unbewußt um dessen Erfüllung.

Doch gibt es stets Begrenzung und Behinderung, Begrenzung in der Er-Kenntnis durch den materiellen Bereich, und Behinderung in der Macht durch den materiellen Mechanismus. Aber auch hier ist die neueste Bestrebung bedeutungsvoll für eine freiere Zukunft. So wie die Außenposten der wissenschaftlichen Erkenntnis immer mehr an die Grenzen hinausgeschoben werden, die das Materielle vom Immateriellen scheiden, so suchen die höchsten Errungenschaften der praktischen Naturwissenschaft die technischen Mittel, mit denen man die höchsten Wirkungen erzielt, immer mehr zu vereinfachen und bis auf den Nullpunkt zu reduzieren. Drahtlose Telegraphie ist äußeres Zeichen der Natur und Hinweis auf eine neue Orientierung. Das sinnenfällige physische Mittel für die unmittelbare Übertragung der physischen Kraft ist beseitigt. Es wird nur noch an den Punkten der Sendung und des Empfangs beibehalten. Schließlich müssen auch diese noch verschwinden. Denn wenn man die Gesetze und Kräfte des Supraphysischen vom richtigen Ausgangspunkt her studiert, wird man unfehlbar für das Mental Mittel und Wege finden, die physische Energie unmittelbar zu erfassen und genau auf ihrem Weg zum Ziel zu beschleunigen. Wenn wir das einmal erkennen, stehen uns die Tore für ungeheure Ausblicke in die Zukunft offen. Selbst wenn wir das volle Wissen und die vollständige Kontrolle über die Welten unmittelbar oberhalb der Materie hätten, wäre auch dort noch eine Grenze und noch ein Jenseits davon. Der letzte Knoten unserer Gebundenheit befindet sich an jenem Punkt, an dem das Äußere in die Einung mit dem Inneren übergeht. Dort wird der Mechanismus des Ichs selbst bis zum Nullpunkt verfeinert. Das Gesetz für unser Handeln ist letztlich Einheit, die Vielfalt umfaßt und in sich selbst besitzt. Da ist nicht mehr wie jetzt Vielfalt, die um Gestaltung der Einheit ringt. Hier ist der zentrale Thron des kosmischen Wissens, von wo es sein ausgedehntes Reich überschaut. Hier ist das Reich unseres Selbsts eins mit dem Reich unserer Welt: svarajya und samrajya, das doppelte Ziel, das sich der Yoga der Alten gesetzt hatte. Hier ist das Leben in dem ewig erhabenen Wesen: salokya-mukti, Befreiung durch das Dasein in einer einzigen Welt des Seienden zusammen mit dem Göttlichen Wesen. Hier ist die Verwirklichung Seiner Göttlichen Natur in unserem menschlichen Dasein: sadharmya-mukti, die Befreiung durch die Annahme der Göttlichen Natur.

Kapitel III. Die beiden Verneinungen. 2. Die Zurückweisung des Asketen

All dies ist das brahman; dieses Selbst ist das brahman, und das Selbst ist vierfältig. (Es ist) jenseits von Beziehung, gestaltlos, undenkbar, in ihm ist alles still.

Mandukya Upanishad, Verse 2,7.

Es gibt doch noch ein Jenseits davon.

Denn auf der anderen Seite des kosmischen Bewußtseins gibt es, für uns unerreichbar, ein noch mehr transzendentes Bewußtsein – nicht nur transzendent zum Ich, sondern auch zum Kosmos selbst demgegenüber das Universum wie ein winziges Bild vor einem unermeßlichen Hintergrund dazustehen scheint. Jenes trägt und erhält die universale Aktivität – oder duldet sie vielleicht nur. Es umfaßt das Leben mit Seiner ungeheuren Weite, – oder lehnt es vielleicht von Seiner Unendlichkeit her ab.

Der Materialist ist zwar von seinem Gesichtspunkt her gerechtfertigt, wenn er darauf besteht, die Materie sei die Wirklichkeit, die relative Welt das einzige, dessen wir einigermaßen gewiß sein könnten, das Jenseits etwas völlig Unerkennbares, wenn nicht gar Nicht-Seiendes, ein Traum des Mentals, eine Abstraktion des Denkens, das sich von der Wirklichkeit geschieden hat. Andererseits ist auch der in das Jenseits verliebte Sannyasin von seinem Gesichtspunkt aus gerechtfertigt, wenn er darauf besteht, der reine Geist sei die Wirklichkeit, das einzige, das frei ist von Wechsel, Geburt und Tod, das Relative sei nur eine Schöpfung des Mentals und der Sinne, ein Traum, eine Abstraktion im umgekehrten Sinn einer Mentalität, die sich vom reinen und ewigen Wissen zurückziehe.

Gibt es eine Rechtfertigung durch Logik und Erfahrung, die zur Stütze für das eine Extrem vorgebracht werden kann, der man nicht auch eine ebenso zwingende Logik und eine in gleicher Weise gültige Erfahrung vom anderen Ende her entgegenstellen könnte? Die Welt der Materie wird durch die Erfahrung der physischen Sinne bestätigt, und da diese als solche nicht fähig sind, etwas Nichtmaterielles oder nicht als grobe Materie Organisiertes wahrzunehmen, möchten sie uns davon überzeugen, das Übersinnliche sei das Unwirkliche. Dieser primitive simple Irrtum unserer körperlichen Organe gewinnt dadurch nicht an Gültigkeit, daß er in das Gebiet des philosophischen Vernunftdenkens erhoben wird. Seine anmaßende Behauptung ist offensichtlich unbegründet. Selbst in der Welt der Materie existiert manches, das die physischen Sinne zu erkennen unfähig sind. Dennoch gründet sich dieses Leugnen des Übersinnlichen, es sei notwendigerweise eine Illusion oder Halluzination, auf die dauernde, sinnenhafte Gleichsetzung des Wirklichen mit dem materiell Wahrnehmbaren, was doch selbst eine Halluzination ist. Da es durchweg das, was es zu beweisen sucht, schon voraussetzt, kommt es zu einem Zirkelschluß und kann darum keinen Wert für ein unparteiisches Vernunftdenken beanspruchen.

Nicht nur gibt es physische Wirklichkeiten von übersinnlicher Art, sondern auch – wenn Evidenz und Erfahrung überhaupt eine Probe auf die Wahrheit bieten – Sinne, die supraphysisch sind, die nicht nur die Wirklichkeiten der materiellen Welt ohne die Hilfe der körperlichen Sinnesorgane erkennen, sondern uns auch in Berührung mit anderen supraphysischen Wirklichkeiten bringen können, die einer anderen Welt angehören, – sozusagen eingeschlossen in eine Organisation bewußter Erfahrungen, die von einem anderen Prinzip abhängen als dem der groben Materie, aus dem unsere Sonnen und Erden gebildet zu sein scheinen (suksma indriya, subtile Organe, die im subtilen Körper, suksma deha, existieren und Mittel des subtilen Sehens und Erfahrens sind, suksma drsti).

Diese Wahrheit, durch Erfahrung und Glauben der Menschheit seit den Ursprüngen des Denkens dauernd behauptet, wird jetzt, da der Zwang zu einer ausschließlichen besonderen Beschäftigung mit den Geheimnissen der materiellen Welt nicht länger besteht, immer mehr durch neu entdeckte Formen wissenschaftlicher Forschung gerechtfertigt. Den immer zahlreicheren Beweisen, von denen nur die offensichtlichsten, äußerlichsten unter dem Namen Telepathie und verwandten Erscheinungen bekannt sind, kann nur die mentale Haltung solcher Menschen widersprechen, die noch im brillanten Gehäuse der Vergangenheit eingeschlossen sind, deren Intellekt trotz seiner Schärfe durch die Begrenzung auf das Feld ihrer Erfahrung und Forschung beschränkt ist oder die die Aufklärung und Vernunft mit der gutgläubigen Wiederholung von Formeln verwechseln, die, von einem verflossenen Jahrhundert uns vererbt, nun eifersüchtig als tote oder sterbende Dogmen konserviert werden.

Gewiß ist der Einblick in supraphysische Wirklichkeiten, der durch methodische Forschung erworben wird, noch unvollkommen und ungenügend bestätigt, denn die dabei verwendeten Methoden sind noch primitiv und fehlerhaft. Jedoch hat man diese wiederentdeckten subtilen Sinne schließlich als vertrauenswürdige Zeugen physischer Tatsachen erkannt, die jenseits der Reichweite körperlicher Organe liegen. Es ist also unberechtigt, sie falsche Zeugen zu schelten, wenn sie supraphysische Tatsachen jenseits des Bereiches der materiellen Bewußtseinsorganisation bezeugen. Ihr Zeugnis muß wie jede Evidenz, also auch die der physischen Sinne selbst, kontrolliert, erforscht und durch die Vernunft geordnet werden. Man muß es richtig auswerten, in die richtigen Beziehungen setzen, seinen Geltungsbereich, seine Gesetze und Verfahrensweisen genau bestimmen. Die Wahrheit großer Erfahrungsbereiche, deren Objekte in einer subtileren Substanz existieren und durch subtilere Instrumente als durch die der groben physischen Materie wahrgenommen werden, beansprucht letztlich dieselbe Geltung wie die Wahrheit des materiellen Universums. Die jenseitigen Welten existieren: Sie haben ihren universalen Rhythmus, ihre erhabenen Linien und Gestaltungen, ihre aus sich seienden Gesetze, mächtigen Energien und die ihnen entsprechenden lichtvollen Erkenntnismittel. Sie üben auf unsere hiesige physische Existenz und in unserem physischen Körper ihren Einfluß aus. Hier organisieren sie auch die Mittel für ihre Manifestation und entsenden hierher ihre beauftragten Boten und Zeugen. Die Welten sind jedoch nur Rahmen für unsere Erfahrung, die Sinne nur Instrumente der Erfahrung und Ausdrucksmittel. Die große zugrunde liegende Tatsache ist das Bewußtsein. An es, den universalen Beobachter und Zeugen, für den die Welt ein Feld und die Sinne Instrumente sind, appellieren die Welten und ihre Gegenstände zur Bestätigung ihrer Wirklichkeit, der einen oder der vielen Welten, der physischen ebenso wie der supraphysischen Welt; denn wir haben keinen anderen Beweis dafür, daß sie existieren. Man hat eingewendet, das sei keine der Konstitution der Menschheit und ihrer Betrachtung einer objektiven Welt eigentümliche Beziehung, sondern gerade die wahre Natur des Daseins an sich. Denn alles phänomenale Dasein bestehe aus einem beobachtenden Bewußtsein und einer aktiven Objektivität, und die Aktion könne nicht ohne den beobachtenden Zeugen vor sich gehen, weil das Universum nur im Bewußtsein und für das Bewußtsein existiere, das beobachtet, und unabhängig davon keine Wirklichkeit besitze. In Erwiderung darauf hat man dann behauptet, das materielle Universum erfreue sich einer ewigen Existenz aus sich selbst: Es war schon hier, bevor Leben und Mental in Erscheinung traten, es wird überleben, wenn sie wieder verschwunden sind und den ewigen unbewußten Rhythmus der Sonnen nicht mehr mit ihrem vergänglichen Ringen und ihren beschränkten Gedanken stören. Der Unterschied zwischen diesen Auffassungen, nur scheinbar ein metaphysischer, ist praktisch von größter Bedeutung, er bestimmt die gesamte Anschauung des Menschen vom Leben, vom Ziel, dem er all sein Bemühen weiht, und vom Feld, auf das er seine Energien konzentrieren soll. Er stellt die Frage nach der Wirklichkeit des kosmischen Daseins und, was noch wichtiger ist, nach dem Wert des menschlichen Lebens.

Verfolgen wir den materialistischen Schluß konsequent genug, ergibt sich daraus die Bedeutungslosigkeit und Unwirklichkeit des Lebens des Einzelnen und der Menschheit. Logischerweise läßt uns das nur folgende Wahl: Der Einzelne muß mit fieberhaftem Bemühen aus seinem vergänglichen Dasein alles, was er kann, an sich reißen, um, wie man sagt, “sein Leben auszuleben”. Oder er muß der Menschheit und dem Einzelnen leidenschaftslos und absichtslos dienen, wobei er gut weiß, daß der Einzelne nur eine vorübergehende Fiktion des nervlichen Mentals und die Menschheit nur die ein wenig länger lebende kollektive Form desselben regulären nervlichen Spasmas der Materie ist. Dann arbeiten oder genießen wir unter dem Zwang einer materiellen Energie, die uns mit dem kurzen Wahn des Lebens betrügt oder mit der edleren Täuschung irreleitet, es gebe ein sittliches Ziel und höchste mentale Erfüllung. Materialismus wie spiritueller Monismus gelangen zu einer maya, die ist und doch auch nicht ist: Sie ist, denn sie ist gegenwärtig und zwingend, und sie ist nicht, denn sie ist nur eine Erscheinung und in ihren Wirkungen vorübergehend. Wenn wir vom anderen Ende her zu viel Nachdruck auf die Unwirklichkeit der objektiven Welt legen, gelangen wir auf anderem Weg zu ähnlichen, sogar noch einschneidenderen Schlüssen: zum fiktiven Charakter des individuellen Ichs, zur Unwirklichkeit und Zwecklosigkeit des menschlichen Daseins, zur Rückkehr in das Nichtsein oder in das beziehungslose Absolute, der einzig vernünftigen Flucht aus dem sinnlosen Wirrwarr des Lebens in einer Scheinwelt.

Aber diese Frage kann eben nicht durch logisches Argumentieren aufgrund der Gegebenheiten unseres gewöhnlichen physischen Daseins gelöst werden. Denn in diesen Gegebenheiten gibt es immer eine Lücke der Erfahrung, die keine Auseinandersetzung zu einem Schluß kommen läßt. Normalerweise haben wir weder die definitive Erfahrung eines kosmischen Mentals oder eines Supramentals, die nicht an das Leben des individuellen Körpers gebunden wäre, noch besitzen wir eine feste Erfahrungsgrenze, die uns zu der Vermutung berechtigen könnte, unser subjektives Selbst sei wirklich von dem physischen Rahmen abhängig und könne diesen weder überleben noch sich über den individuellen Körper hinaus ausweiten. Dieser uralte Streit kann nur entschieden werden durch Ausweitung unseres Bewußtseins oder durch unverhofftes Wachsen unserer Erkenntnis-Instrumente.

Um befriedigend zu sein, muß die Ausweitung unseres Bewußtseins notwendigerweise eine innere Ausdehnung der individuellen zur kosmischen Existenz sein. Denn wenn der beobachtende Zeuge existiert, ist er nicht das individuelle verkörperte Mental, das in die Welt hineingeboren ist, sondern jenes kosmische Bewußtsein, das das Universum umfängt und zugleich als immanente Intelligenz in all dessen Wirken erscheint. Beide Welten werden ewig und wirklich von Ihm erhalten als Sein eigenes aktives Dasein, oder sie werden aus ihm geboren und verschwinden wieder in es durch einen Akt von Wissen oder einen Akt bewußter Macht. Nicht das organisierte Mental ist der beobachtende Zeuge des kosmischen Daseins und sein Herr, sondern Jenes, das still und ewig gleichmäßig in der lebendigen Erde und dem lebenden menschlichen Körper west, für das Mental und Sinne entbehrliche Instrumente sind.

Nach und nach wird in der modernen Psychologie die Möglichkeit eines kosmischen Bewußtseins in der Menschheit ebenso wie die Möglichkeit elastischer Werkzeuge der Erkenntnis zugegeben, wenn sie auch, obwohl ihnen Wert und Macht zugestanden wird, noch als Halluzination eingestuft werden. In der Psychologie des Ostens wurde das kosmische Bewußtsein immer als Wirklichkeit und Ziel unserer weiteren subjektiven Entfaltung anerkannt. Das Wesentliche für den Übergang zu diesem Ziel ist, daß wir die uns durch den Ich-Sinn aufgezwungenen Schranken durchschreiten, am Wissen aus dem Selbst zumindest teilnehmen und, als höchstes Ziel, uns mit ihm, das insgeheim in allem Leben und in dem, was uns als unbelebt erscheint, west, identifizieren.

Wenn wir in jenes Bewußtsein eingehen, können wir, ebenso wie Es, weiter im universalen Dasein verweilen. Dann beginnen alle unsere Begriffe des Bewußtseins und auch unsere sinnenhafte Erfahrung, sich zu verwandeln, und wir werden dessen gewahr, daß die Materie ein einziges Sein ist. Die Körper sind seine Gestaltungen, in die sich das einzige Sein, das auch in allen anderen Körpern ist, von sich selbst physisch absondert, obwohl es wiederum durch physische Mittel eine Kommunikation zwischen diesen zahllosen Punkten seines Wesens herstellt. Ähnlich erfahren wir Mental und Leben als das gleiche Sein, eins in seiner Vielfalt, sich trennend und sich auf jedem Gebiet wieder durch die jener Bewegung angemessenen Mittel vereinend. Wenn wir wollen, können wir so weitergehen und nach zahlreichen verbindenden Stufen eines Supramentals innewerden, dessen universale Wirksamkeit der Schlüssel für alle untergeordneten Aktivitäten ist. Dabei werden wir dieses kosmischen Seins nicht nur bewußt, sondern zugleich in ihm bewußt. Wir empfangen es in unserem Empfinden, und wir treten in einem Innewerden in es ein. Wir leben nun in ihm, wie wir vorher im Ich-Sinn gelebt haben: aktiv, immer mehr in Verbindung, ja, geeint mit Mental, Leben und Körpern, die anders sind als der Organismus, den wir den unseren nennen, und dadurch Wirkungen auf unser moralisches und mentales Wesen und auf das subjektive Wesen anderer Menschen hervorrufen ebenso wie auf die physische Welt und ihre Ereignisse durch Mittel, die der göttlichen Begabung näher liegen als jene, die unserer ichhaften zur Verfügung stehen.

Das kosmische Bewußtsein ist also für den Menschen, der mit ihm in Kontakt gekommen ist oder in ihm lebt, etwas Wirkliches, und zwar von größerer Wirklichkeit, als es die physische ist. Es ist wirklich an sich, in seinen Auswirkungen und Werken. Ist es so für die Welt, die sein eigener totaler Ausdruck ist, etwas Wirkliches, so ist auch die Welt für es wirklich. Sie ist es jedoch nicht als ein unabhängiges Dasein. Denn in jener höheren, weniger behinderten Erfahrung nehmen wir wahr, daß Bewußtsein und Seiendes nichts voneinander Verschiedenes sind, sondern daß alles Seiende ein höchstes Bewußtsein und alles Bewußtsein ein Selbst-Sein ist ewig in sich selbst, wirklich in seinem Wirken, weder ein Traum noch eine Evolution. Die Welt ist genau deshalb wirklich, weil sie nur im Bewußtsein existiert. Denn sie ist eine Bewußte Energie, eins mit dem Seienden, das sie erschafft. Das Dasein einer materiellen Gestaltung aus eigener Vollmacht, unabhängig von der aus dem Selbst erleuchteten Kraft, die diese Form annimmt, – das wäre ein Widerspruch gegen die Wahrheit der Dinge, ein Phantasiegebilde, ein Albdruck, etwas Unmögliches, Falsches.

Aber dieses bewußte Seiende als die Wahrheit des unendlichen Supramentals Ist mehr als das Universum und lebt unabhängig davon ebenso in Seiner eigenen unausdrückbaren Unendlichkeit wie in den kosmischen Harmonien. Durch Jenes lebt die Welt, Jenes lebt nicht durch die Welt. Ebenso wie wir in das kosmische Bewußtsein eingehen und eins sein können mit allem kosmischen Dasein, so können wir auch in das die Welt transzendierende Bewußtsein eingehen und über alle kosmische Existenz erhoben werden. Und dann stellt sich die Frage, die uns zuerst begegnete, ob diese Transzendenz notwendigerweise auch eine Ablehnung des Universums bedeutet. Welche Beziehung hat dieses Universum zu dem Jenseits?

An den Toren der Transzendenz steht jener reine, vollkommene Geist, der in den Upanishaden beschrieben wird: lichtvoll, lauter, er trägt die Welt und erhält sie, ist aber in ihr inaktiv, ohne Kraftanspannung, ohne den Makel der Dualität, ohne die Narben der Zerteilung, ein Einziger, Identischer, bar aller Erscheinung von Relation und Vielfalt, das reine Selbst der Advaitins (der vedantischen Monisten), das intakte brahman, das transzendente Schweigen. Wenn das Mental plötzlich, ohne vermittelnde Übergänge, durch diese Tore hindurchgeht, überkommt es ein Empfinden, die Welt sei unwirklich, wirklich sei allein das Schweigen. Das ist eine der machtvollsten und überzeugendsten Erfahrungen, deren das menschliche Mental fähig ist. Hier haben wir in der Wahrnehmung des reinen Selbsts oder des Nichtseins hinter ihm den Ausgangspunkt für eine zweite Verneinung, am anderen Pol, parallel zur materialistischen. Sie ist aber vollständiger, endgültiger, gefährlicher in ihren Auswirkungen auf die einzelnen Menschen und auf die Kollektive, wenn sie ihren machtvollen Anruf hören, in die Wüste zu gehen –, die Entsagung des Asketen.

Diese Revolte des Geistes gegen die Materie hat zweitausend Jahre lang immer stärker die Mentalität Indiens beherrscht seit der Buddhismus das Gleichgewicht der alten arischen Welt erschütterte. Zwar ist das Empfinden, der Kosmos sei eine Illusion, nicht der ganze Ausdruck indischen Denkens. Es gibt noch andere philosophische Aussagen und religiöse Strebungen. Es fehlte auch nicht an manchen Versuchen, selbst von seiten der extremsten Philosophien, zu einem Ausgleich zwischen den beiden Aussagen zu kommen. Alle haben aber im Schatten der großen Entsagung gelebt, und für alle ist das höchste Ziel des Lebens das Gewand des Asketen. Die allgemeine Auffassung des Daseins ist durchsetzt von der buddhistischen Lehre von der Kette des Karma, der konsequenten Antinomie von Gebundenheit und Freiheit, Gebundenheit durch Geburt und Befreiung, wenn das Geborenwerden aufhört. Deshalb vereinen sich alle Stimmen zu einem großen Einklang: Nicht hier in dieser Welt der Dualitäten kann unser Himmelreich sein, sondern im Jenseits, entweder in den Wonnen des ewigen vrinda-van (goloka, dem Vaishnava-Himmel ewiger Schönheit und Seligkeit), oder in der hohen Seligkeit des brahmaloka (dem höchsten Zustand von reinem Sein, Bewußtsein und Wonne, den die Seele erlangen kann, ohne selbst völlig im Undefinierbaren ausgelöscht zu werden), oder jenseits von allen Manifestationen in einem unaussprechlichen nirvana (nicht notwendigerweise dem Erlöschen alles Seienden, aber doch des Wesens, wie wir es kennen: Auslöschung des Ego, des Begehrens, ichhaften Handelns und ichhafter Mentalität), oder dort, wo alle besondere Erfahrung in der gestaltlosen Einheit des unbestimmbaren Seins aufgegangen ist. Viele Jahrhunderte hindurch hat ein großes Heer leuchtender Zeugen, von Heiligen und Lehrern, von Namen, die der indischen Erinnerung heilig sind und die Vorstellungswelt Indiens beherrschen, immer dasselbe Zeugnis abgelegt und mit anschwellendem Klang denselben erhabenen weltfernen Ruf erhoben: Entsagung ist der einzige Pfad zur Erkenntnis, Annahme des physischen Lebens der Akt des Unwissenden, Beendigung des Geborenwerdens der rechte Gebrauch der menschlichen Geburt. Das ist die Forderung des Geistes, die Abkehr von der Materie.

Für ein Zeitalter ohne Sympathie für den asketischen Geist – in der ganzen Welt scheint die Stunde des Einsiedlers vorbei zu sein oder vorüberzugehen – ist es leicht, diese so hochbedeutsame Richtung dem Nachlassen der vitalen Energie einer alten Rasse zuzuschreiben, die müde wurde unter ihrer Bürde, ihrem einst gewaltigen Anteil am gemeinsamen Fortschritt, und erschöpft ist durch ihren vielseitigen Beitrag zur Summe des Ringens und Wissens der Menschheit. Wir haben aber erkannt, daß der asketische Geist einer Wahrheit des Daseins, einem Zustand bewußter Realisation entspricht, die auf der höchsten Stufe unserer Möglichkeit steht. Auch im praktischen Leben ist der asketische Geist ein unentbehrliches Element für die menschliche Vervollkommnung. Solange die Menschheit am entgegengesetzten Ende steht und ihren Intellekt und ihr Vitalwesen nicht vom Hörigsein einer immer aufdringlicheren Tierhaftigkeit befreit hat, kann man auf seine besondere Betonung nicht verzichten.

Gewiß suchen wir nach einer vollständigeren und umfassenderen Bejahung. Wir erkennen, daß in dem indischen asketischen Ideal die große vedantische Formel: “Der Eine ohne einen Zweiten” nicht genügend im Licht jener anderen, in gleicher Weise zwingenden Formel gelesen wurde: “Alles dieses ist das brahman.” Das leidenschaftliche Streben des Menschen empor zum Göttlichen Wesen wurde nicht stark genug mit dem Herniederkommen des Göttlichen Wesens verbunden, das Sich herabneigt, um ewig Seine Manifestation zu umfassen. Seine Bedeutung in der Materie ist nicht ebenso klar verstanden worden wie Seine Wahrheit im Geist. Die Wirklichkeit, die der Sannyasin sucht, ist in ihrer vollen Höhe begriffen worden, aber nicht, wie von den alten Vedantins, in ihrer vollen Ausdehnung und umfassenden Fülle. Wir dürfen bei unserer vollständigeren Bejahung nicht die Rolle des reinen spirituellen Impulses unterschätzen. Wie wir gesehen haben, was für einen großen Dienst der Materialismus den Zielen des Göttlichen Wesens geleistet hat, so müssen wir auch den noch größeren Dienst anerkennen, der dem Leben von den Asketen geleistet wurde. In der endgültigen Harmonie werden wir die Wahrheiten der materialistischen Naturwissenschaften und ihren wirklichen Nutzen auch dann bewahren, wenn manche oder gar alle ihrer bestehenden Formen zerbrochen oder zurückgelassen werden müssen. Eine noch größere Gewissenhaftigkeit in der richtigen Bewahrung muß uns bei unserem Umgang mit dem Vermächtnis der arischen Vergangenheit leiten, selbst wenn es heute geringer eingeschätzt oder entwertet wird

Kapitel IV. Allgegenwärtige Wirklichkeit

Wenn jemand Ihn als brahman, das Nicht-Seiende, erkennt, wird er nur zum Nicht-Seienden. Wenn einer erkennt, daß brahman Ist, dann wird er erkannt als der wirklich Seiende.

Taittiriya Upanishad, II.6.

Da wir also den Anspruch des reinen Geistes anerkennen, in uns seine absolute Freiheit zu offenbaren, wie auch den Anspruch der universalen Materie, Prägeform und Voraussetzung für unsere Manifestation zu sein, müssen wir nun eine Wahrheit finden, die diese Widersacher völlig aussöhnen, beiden den ihnen zukommenden Anteil am Leben und die ihnen zustehende Rechtfertigung vor dem Denken geben kann. Dabei dürfen wir keinen in seinen Rechten beschränken, keinem seine souveräne Wahrheit bestreiten, aus der selbst seine Irrtümer und auch die Ausschließlichkeit seiner Übertreibungen ständig ihre Kraft herleiten. Wir dürfen dessen sicher sein, daß wir überall dort, wo eine extreme Behauptung einen so starken Eindruck auf das menschliche Mental macht, vor etwas stehen, das nicht nur Irrtum, Aberglaube oder Halluzination ist, sondern vor einer souveränen verhüllten Tatsache, die von uns Loyalität verlangt und sich rächen wird, wenn wir sie leugnen oder ausschließen. Hierin liegt die Schwierigkeit für eine zufriedenstellende Lösung und die Ursache für diese fehlende Endgültigkeit, die allem Kompromiß zwischen Geist und Materie anhaftet. Ein Kompromiß ist immer ein Schachern, ein Interessengeschäft zwei miteinander streitender Mächte. Er ist keine wahre Versöhnung, die stets von einem gegenseitigen Verstehen ausgeht, das zu einer Art inniger Einheit führt. Wir werden also am ehesten durch die bestmögliche Einigung von Materie und Geist zu der sie versöhnenden Wahrheit und der besten Grundlage ausgleichender Praxis im inneren Leben des Einzelnen wie in seiner äußeren Existenz gelangen.

Im kosmischen Bewußtsein haben wir bereits einen Treffpunkt gefunden, wo Materie den Geist und Geist die Materie, beide sich gegenseitig als wirklich anerkennen. Im kosmischen Bewußtsein sind Mental und Leben vermittelnde Mächte und nicht mehr – was sie in der gewöhnlichen, vom Ich beherrschten Mentalität zu sein scheinen – Bewirker der Trennung, Anstifter eines künstlichen Streits zwischen den positiven und negativen Prinzipien derselben unerkennbaren Wirklichkeit. Wenn das Mental das kosmische Bewußtsein erlangt, durch eine Erkenntnis erleuchtet ist, die zugleich die Wahrheit der Einheit und die Wahrheit der Vielfalt wahrnimmt und die Formeln ihres Zusammenwirkens begreift, findet es seine Disharmonien zugleich erklärt und durch die göttliche Harmonie ausgesöhnt. In sich befriedet, ist es bereit, Bewirker jener höchsten Einung zwischen Gott und leben zu werden, nach der wir streben. Da offenbart sich dann dem wirklichkeitsoffenen Denken und den verfeinerten Sinnen die Materie als Gestalt und Körper des Geistes, – als Geist in seiner sich selbst formenden Ausdehnung. Durch dieselben übereinstimmenden Bewirker offenbart sich der Geist als Seele, Wahrheit und Wesen der Materie. Beide erkennen und bekennen sich gegenseitig als göttlich, wirklich und im Wesenhaften eins. In dieser Erleuchtung werden Mental und Leben zugleich als Gestaltungen und Instrumente des höchsten Bewußten Seins geoffenbart, durch die Es Sich ausbreitet und Sich Wohnung in der materiellen Form schafft. In dieser Form enthüllt Es Sich seinen vielfachen Bewußtseinszentren. Das Mental erlangt seine Selbst-Erfüllung, wenn es zum reinen Spiegel für die Wahrheit des Seienden wird, die sich in den Symbolen des Universums zum Ausdruck bringt. Das Leben kommt zur Erfüllung, wenn es seine Energien bewußt der vollkommenen Selbst-Darstellung des Göttlichen Wesens in immer neuen Gestaltungen und Betätigungen des universalen Daseins zur Verfügung stellt.

Im Lichte dieser Auffassung können wir die Möglichkeit eines göttlichen Lebens in der Welt für den Menschen ins Auge fassen. Es wird zugleich die Naturwissenschaft rechtfertigen, indem es einen lebendigen Sinn für die kosmische und irdische Evolution und ihr für die Intelligenz erkennbares Ziel enthüllt, und durch die Verwandlung der menschlichen in die göttliche Seele den großen idealen Traum aller Hochreligionen verwirklichen.

Was wird dann aber aus jenem schweigenden Selbst, das sich uns als inaktiv, rein, selbst-existent, wonnevoll in sich als die dauernde Rechtfertigung des Asketen darstellte? Auch hier muß eine Harmonie, nicht unversöhnlicher Gegensatz die erleuchtende Wahrheit sein. Das schweigende und der aktive brahman sind keine verschiedenen, entgegengesetzten und unvereinbaren Wesenheiten, von denen die eine kosmische Illusion bestreitet, während die andere sie behauptet. Sie sind das eine brahman in zwei Aspekten, dem positiven und dem negativen, und beide füreinander notwendig. Aus diesem Schweigen tritt ewig das Wort hervor, das die Welten erschafft; denn das Wort bringt zum Ausdruck, was im Schweigen selbst-verborgen ist. Eine ewige Passivität macht die vollkommene Freiheit und Allmacht einer ewigen göttlichen Aktivität in unzählbaren kosmischen Systemen möglich. Die Werdeformen dieser Aktivität beziehen ihre Energien und ihre unbegrenzbare Macht zu Variation und Harmonie aus dem unparteiischen Beistand des unveränderlichen Seins, aus seiner Zustimmung zu dieser unendlichen Schöpferkraft seiner eigenen dynamischen Natur.

Auch der Mensch wird erst dann vollkommen, wenn er in sich selbst jene absolute Stille und Passivität des brahman gefunden hat und durch sie eine freie unerschöpfliche Aktivität mit der gleichen göttlichen Toleranz und Schöpferfreude trägt und fördert. Wer so in seinem Innern die Stille besitzt, kann stets wahrnehmen, wie aus ihrem Schweigen der ewige Zustrom der Energien emporsprudelt, die im Universum wirken. Darum ist es nicht die Wahrheit des Schweigens, wenn man von ihm sagt, in seiner Natur liege die Verwerfung der Aktivität im Kosmos. Die scheinbare Unvereinbarkeit der beiden Zustandsformen ist ein Irrtum des beschränkten Mentals, das so sehr an scharfe Gegenüberstellungen von Bejahung und Verneinung und an den plötzlichen Übergang von dem einen Pol zum anderen gewöhnt ist, daß es ein allumfassendes, weites und genügend starkes Bewußtsein nicht begreifen kann, das die beiden Pole in gleichzeitiger Umfassung einbezieht. Das Schweigen lehnt die Welt nicht ab, es hält sie in Gang. Oder besser gesagt, es fördert mit gelassener Unparteilichkeit die Aktivität und das Zurücktreten aus der Aktivität. Es billigt auch deren Aussöhnung, durch die die Seele frei und still bleibt, selbst wenn sie sich für jegliches Handeln hergibt.

Trotzdem gibt es das absolute Sich-Zurückziehen, es gibt das NichtSeiende. Die alte Schrift sagt: Aus dem Nicht-Seienden erschien das Seiende. (“Am Anfang war dies alles das Nicht-Seiende. Aus diesem wurde das Seiende geboren.” Taittiriya Upanishad, II. 7.). Also muß es wieder in das Nicht-Seiende zurücksinken. Wenn das unendliche unterschiedslose Sein alle Möglichkeiten der Unterscheidung und vielfältigen Verwirklichung zuläßt, verneint und verwirft dann nicht das Nicht-Seiende als der Urzustand und die einzige konstante Wirklichkeit letztlich alle Möglichkeit eines wirklichen Universums? Dann wäre das Nihil gewisser Schulen des Buddhismus die wahre asketische Lösung. Das Selbst wäre ebenso wie das Ich nur eine ideative Gestaltung durch ein illusionäres phänomenales Bewußtsein.

Wieder finden wir, daß wir durch Worte irregeführt und getäuscht werden, durch die scharfen Gegenüberstellungen unserer begrenzten Mentalität, die sich gern auf verbale Unterscheidungen verläßt, als ob sie in vollkommener Weise letzte Wahrheiten darstellen könnten, und unsere supramentalen Erfahrungen im Sinne dieser einander ausschließenden Unterscheidungen umdeutet. Nicht-Seiendes ist nur ein Wort. Untersuchen wir die Tatsache genauer, die es darstellt, können wir nicht mehr dessen gewiß sein, daß das absolute Nicht-Sein bessere Aussicht hat als das unendliche Selbst, mehr zu sein als nur ein Denkgebilde des Mentals. In Wirklichkeit meinen wir mit diesem Nichts etwas, das jenseits des letzten Begriffs liegt, auf den wir unsere reinste Auffassung und unsere abstrakteste und subtilste Erfahrung des aktuell Seienden zurückführen können, wie wir es erkennen und begreifen, solange wir in diesem Universum leben. Dieses Nichts ist also eigentlich ein Etwas, das jenseits positiven Begreifens liegt. Wir errichten die Fiktion einer Nichtheit, damit wir durch die Methode totalen Ausschließens noch über alles hinauskommen, was wir wissen können und dessen wir bewußt sind. Wenn wir das Nihil gewisser Philosophien näher untersuchen, nehmen wir immer deutlicher wahr, daß es eine Nulldimension ist, die zugleich das All oder ein undefinierbares Unendliches ist, das dem Mental als etwas Leeres erscheint, weil dieses nur endliche Konstruktionen begreift. Tatsächlich ist es jedoch das einzig wahre Sein.2

Wenn wir sagen, aus dem Nicht-Seienden erschien das Seiende, merken wir, daß wir in Begriffen von Zeit über etwas sprechen, das jenseits der Zeit liegt. Wann war denn jenes schicksalhafte Datum in der Geschichte des ewigen Nichts, an dem Seiendes aus ihm geboren wurde, und wann wird jenes ebenfalls schreckliche Datum kommen, an dem ein unwirkliches All wieder in die ewig dauernde Leere zurücksinken wird? Wenn sat und asat beide zu bejahen sind, müssen wir sie doch so auffassen, daß sie gleichzeitig ihre Geltung besitzen. Sie erkennen einander an, wenn sie auch ablehnen, sich miteinander zu vermischen. Beide sind, da wir uns in Begriffen der Zeit ausdrücken müssen, ewig. Wer soll ein ewiges Seiendes davon überzeugen, daß es in Wirklichkeit nicht existiert, sondern daß nur ein ewiges Nicht-Seiendes etwas Wirkliches ist? Wie sollen wir dann in einer solchen Verneinung aller Erfahrung die Lösung finden, die alle Erfahrung erklärt?

Das Unerkennbare bejaht Sich Selbst als reines Seiendes, als die freie Basis alles kosmischen Daseins. Wir benennen mit Nicht-Seiendes eine entgegengesetzte Bejahung, daß Es frei ist von aller kosmischen Existenz, – also frei von allen positiven Begriffen aktuellen Daseins, die ein Bewußtsein im Universum sich selbst gegenüber formulieren kann, selbst vom abstraktesten, sogar vom transzendenten Begriff. Es bestreitet sie nicht als wirklichen Ausdruck Seiner Selbst. Es bestreitet aber, daß Es durch alles oder irgendetwas, das Es zum Ausdruck bringt, eingeschränkt werde. Das Nicht-Seiende ermöglicht ebenso das Seiende, wie das Schweigen die Aktivität zuläßt. Für die erwachte menschliche Seele wird durch diese gleichzeitige Verneinung und Bejahung, die einander nicht aufheben, sondern sich so ergänzen, wie es alle anderen Gegensätze tun, die gleichzeitige Wahrnehmung eines bewußten Selbst-Seienden als Wirklichkeit und des Unerkennbaren jenseits davon als die gleiche Wirklichkeit realisierbar. So war es für den Buddha möglich, den Zustand des nirvana zu erlangen und doch machtvoll in der Welt zu wirken, apersonal in seinem inneren Bewußtsein und doch im Handeln die machtvollste Persönlichkeit, von der wir wissen, daß sie gelebt und große Einwirkungen auf die Erde hervorgebracht hat.

Wenn wir über diese Dinge nachdenken, erkennen wir immer besser, wie unzureichend die von uns verwendeten Worte in ihrer ichhaften Anmaßung und wie verwirrend sie durch ihre fehlleitende Betonung der Unterschiedlichkeit sind. Außerdem sehen wir immer besser, daß die Begrenzungen, die wir brahman auferlegen, aus einer Enge der Erfahrung im individuellen Mental herrühren, das sich auf den einen Aspekt des Nichterkennbaren konzentriert und von da aus weitergeht, um alle übrigen Aspekte zu verneinen oder zu entwerten. Wir neigen immer dazu, das, was wir vom Absoluten erfassen oder wissen können, zu starr in die Begriffe unserer besonderen Relativität zu übertragen. Wir bejahen betont den Einen und Identischen, indem wir leidenschaftlich die Meinungen und partiellen Erfahrungen anderer diskriminieren und die Ichhaftigkeit unserer eigenen Meinungen und partiellen Erfahrungen dagegensetzen. Es ist weiser, zu warten, zu lernen und zu wachsen. Da wir um unserer Selbst-Vervollkommnung willen von diesen Dingen sprechen müssen, die eigentlich keine menschliche Sprache ausdrücken kann, sollen wir lieber nach der weitesten, biegsamsten und umfassendsten positiven Aussage suchen und auf sie die größte, alles umschließende Harmonie gründen.

Wir erkennen also, daß es für das individuelle Bewußtsein möglich ist, in einen Zustand einzutreten, in dem das relative Dasein scheinbar aufgelöst wird und sogar das Selbst ein unangemessener Begriff zu sein scheint. Es ist möglich, hinüberzugehen in ein Schweigen jenseits des Schweigens. Aber das ist nicht das Ganze unserer höchsten Erfahrung, und es ist auch nicht die einzige, alles andere ausschließende Wahrheit. Denn wir finden, daß dieses Nirvana, dieses Sichselbstauslöschen, der Seele zwar absoluten Frieden und Freiheit im Inneren gibt, dennoch im Handeln mit einem vom Begehren freien starken Wirken nach außen vereinbar ist. Diese Möglichkeit einer völlig bewegungslosen Apersonalität und leeren Stille im Innern, während man nach außen die Werke der ewigen Wahrheiten, Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit erfüllt, diese Überlegenheit gegenüber dem Ego, der Kette ichhaft-persönlicher Handlungen und der Identifizierung mit der veränderlichen Form und Idee, und nicht das kleinliche Ideal einer Flucht vor Kummer und Leiden infolge der physischen Geburt war vielleicht einst der wirkliche Kern der Lehre des Buddha. Jedenfalls könnte die völlig bewußte Seele des Menschen, ebenso wie der vollkommene Mensch Schweigen und Aktivität in sich vereinen kann, in die absolute Freiheit des Nicht-Seienden zurücktreten, ohne dadurch ihren Halt am Seienden und am Universum zu verlieren. Sie könnte so in sich selbst ständig neu das ewige Wunder des Göttlichen Seins vollziehen im Universum und zugleich jenseits davon und sozusagen auch jenseits ihrer selbst. Die entgegengesetzte Erfahrung wäre nur eine Konzentration der Mentalität des Individuums auf das Nichtsein mit dem Ergebnis, daß es seine kosmische Aktivität vergißt und sich persönlich aus ihr, die doch immer im Bewußtsein des Ewig-Seienden weitergeht, zurückzieht.

So erkennen wir, nachdem wir Geist und Materie im kosmischen Bewußtsein ausgesöhnt haben, im transzendenten Bewußtsein die Versöhnung zwischen der endgültigen Bejahung des Alls und seiner Verneinung. Wir entdecken, daß alle Bejahungen Behauptungen eines Zustands oder einer Aktivität des Unerkennbaren sind und daß alle entsprechenden Verneinungen behaupten, es sei frei von oder in diesem Zustand oder dieser Aktivität. Das Unerkennbare ist Etwas für uns, das erhaben, wunderbar und unaussprechlich ist, das Sich ständig unserem Bewußtsein gegenüber formuliert, Sich aber immer wieder dieser Formulierung entzieht, die Es gemacht hat. Das tut es aber nicht etwa wie ein bösartiger Geist oder ein heimtückischer Zauberer, der uns von einer Unwahrheit zu einer noch größeren Unwahrheit und schließlich zur endgültigen Verneinung aller Dinge führt, sondern gerade hier als der Weise, der hoch über unserer Weisheit steht und uns von einer Wirklichkeit zu einer noch tieferen und umfassenderen Wirklichkeit leitet, bis wir die tiefste und weiteste finden, deren wir fähig sind. Das brahman ist eine allgegenwärtige Wirklichkeit, nicht eine allgegenwärtige Ursache ständiger Illusionen.

Wenn wir so eine positive Grundlage für unsere Harmonie annehmen – worauf könnte sonst Harmonie gegründet werden? –, müssen die verschiedenen begrifflichen Formulierungen des Unerkennbaren, von denen jede eine Wahrheit darstellt, die jenseits des Begreifens liegt, soweit wie möglich in ihrer Beziehung zueinander und in ihrer Auswirkung auf das Leben verstanden, statt voneinander getrennt, statt einander ausschließend, statt in der Weise bejaht zu werden, daß sie alle anderen Bejahungen aufheben oder ungebührlich herabsetzen. Der wirkliche Monismus, das wahre advaita, erkennt alle Dinge als das eine brahman an und versucht nicht, Sein Dasein in zwei unvereinbare Wesenheiten zu zertrennen: in ewige Wahrheit und ewige Unwahrheit, brahman und Nicht-brahman, Selbst und Nicht-Selbst, ein wirkliches Selbst und eine unwirkliche, aber doch ewig dauernde maya. Wenn es wahr ist, daß das Selbst allein existiert, muß auch wahr sein, daß alles dieses das Selbst ist. Wenn dieses Selbst, Gott oder brahman, kein hilfloser Zustand, keine gefesselte Macht, keine begrenzte Personalität, sondern das Seiner Selbst bewußte All ist, muß es in ihm auch einen triftigen, ihm ureigenen Grund für die Manifestation geben. Um ihn zu entdecken, müssen wir von der Hypothese ausgehen, in allem, was manifestiert ist, wirkt eine mächtige Kraft, Weisheit und Wahrheit des Seienden. Die Disharmonie und das offenkundige Böse der Welt müssen innerhalb ihrer Sphäre zugegeben werden; wir dürfen sie aber nicht als Sieger über uns anerkennen. Das tiefste Grundgefühl der Menschheit sucht immer und klugerweise Weisheit als das letzte Wort der universalen Manifestation, nicht eine ewige Irreführung und Illusion, – ein geheimes, letztlich triumphierendes Gutes, nicht ein all-schöpferisches, unbesiegbares Böses – zuletzt Sieg und Erfüllung und nicht das enttäuschte Zurückschrecken der Seele vor ihrem großen Abenteuer.

Wir können doch nicht annehmen, die einzige Wesenheit werde von etwas, das außerhalb von ihr besteht oder anders ist als sie, beherrscht, da so etwas nicht existiert. Auch können wir nicht annehmen, sie unterwerfe sich gegen ihren Willen einem Teilgebilde ihres Selbst, das in ihrem Selbst ihrem ganzen Wesen feindlich gegenüberstehe, von ihr abgelehnt werde und dennoch zu stark für sie sei. Das würde nur bedeuten, daß wir mit anderen Worten den Widerspruch zwischen einem All und etwas, das anders ist als das All, wiederherstellen. Selbst wenn wir sagen, das Universum existiere nur deshalb, weil das Selbst in seiner absoluten Unparteilichkeit alle Dinge in gleicher Weise toleriere und alle Tatsachen und Möglichkeiten mit Gleichgültigkeit betrachte, gibt es dennoch etwas, das die Manifestation will, sie trägt und erhält. Dieses Etwas kann nichts anderes sein als das All. Brahman ist unteilbar in allen Dingen. Was in der Welt gewollt wird, geschieht letzten Endes durch den Willen des brahman. Nur unser relatives Bewußtsein sucht, durch die Phänomene des Bösen, der Unwissenheit und des Leidens im Kosmos bestürzt und verwirrt, brahman von der Verantwortung für sich selbst und seine Werke zu entbinden, indem es ein Gegenprinzip, maya oder mara, einen bewußten Teufel oder ein selbstseiendes Prinzip des Bösen aufstellt. Es gibt nur Einen Herrn und Ein Selbst; die Vielen sind nur Seine Repräsentanten und Werdeformen.

Sollte also die Welt ein Traum, eine Illusion oder ein Irrtum sein, so ist sie ein Traum, der vom Selbst in seiner Totalität nicht nur verursacht und gewollt, sondern auch gefördert und ständig erhalten wird. Überdies existiert dieser Traum in einer Wirklichkeit. Der Stoff, aus dem er gebildet ist, ist eben jene Wirklichkeit. Brahman muß das Material der Welt ebenso sein wie ihre Grundlage und ihr ganzer Inhalt. Wenn das Gold, aus dem ein Gefäß gebildet ist, wirklich existiert, wie sollten wir dann annehmen, das Gefäß selbst sei ein Wahngebilde? Wir sehen, daß solche Worte wie Traum und Illusion nur die Kunstgriffe unserer Sprache sind, Gewohnheiten unseres relativen Bewußtseins. Sie stellen eine gewisse Wahrheit, sogar eine bedeutende Wahrheit dar, aber sie entstellen diese auch. Ebenso wie sich das Nicht-Seiende als etwas anderes herausstellt als eine Nichtsheit, so erweist sich auch der kosmische Traum als etwas anderes als ein reines Phantasiegebilde oder eine Halluzination des Mentals. Das Phänomen ist kein Phantasiegebilde, es ist substantielle Form der Wahrheit.

Wir gehen also vom Begriff einer allgegenwärtigen Wirklichkeit aus, von der weder das Nicht-Seiende am einen, noch das Universum am anderen Ende Negationen sind, die einander aufheben. Vielmehr sind sie verschiedene Zustandsformen der Wirklichkeit, Bejahung auf der Vorder- und Rückseite derselben Münze. Die höchste Erfahrung dieser Wirklichkeit im Universum erweist diese nicht nur als ein bewußtes Sein, sondern als höchste Intelligenz, Kraft und selbst-seiende Seligkeit. Jenseits dieses Universums ist noch ein anderes unerkennbares Sein, eine andere höchste, unaussprechliche Seligkeit. Darum sind wir zur Annahme berechtigt, daß sich die Dualitäten des Universums, wenn wir sie nicht wie jetzt nur durch unsere sinnenhaften partiellen Begriffe, sondern durch unsere befreite Intelligenz und Erfahrung interpretieren, auch in diese höchsten Begriffe auflösen lassen. Solange wir uns noch unter dem Druck der Gegensätzlichkeiten abmühen, muß sich diese Auffassung zweifellos ständig auf einen Glaubensakt stützen, wenn auch auf einen Glauben, den die höchste Vernunft, die umfassende und geduldigste Reflexion nicht ablehnen, sondern bestätigen. Gewiß wurde dieser Glaube der Menschheit verliehen, um ihr auf ihrem Weg zu helfen, bis sie zu einer Stufe ihrer Entwicklung gekommen ist, da sich der Glaube in Wissen und in die vollkommene Erfahrung verwandelt und die Weisheit durch ihre Werke gerechtfertigt wird.

Kapitel V. Die Bestimmung des Einzelnen

Durch die Unwissenheit überschreiten sie die Grenze des Todes, und durch das Wissen genießen sie Unsterblichkeit... Durch das Nicht-Geborenwerden überschreiten sie die Grenze des Todes, und durch die Geburt genießen sie Unsterblichkeit.

Isha Upanishad, II.14.

Eine allgegenwärtige Wirklichkeit ist die Wahrheit alles Lebens und Daseins, ob es absolut oder relativ, körperlich oder unkörperlich, belebt oder unbelebt, intelligent oder unintelligent ist. Die Wirklichkeit ist eine einzige, und nicht eine Summe oder Ansammlung, in all ihren unendlich verschiedenen, ja ständig entgegengesetzten Ausdrucksweisen, von den Widersprüchen, die unserer gewöhnlichen Erfahrung am nächsten liegen, bis hin zu jenen entlegensten Antinomien, die sich am Rande des Unaussprechlichen verlieren. In dieser Wirklichkeit haben alle Variationen ihren Ursprung. In ihr haben alle Variationen ihren Bestand. Zu ihr kehren alle Variationen wieder zurück. Alle Bejahungen werden nur deshalb verneint, um hin zu einer umfassenderen Bejahung derselben Wirklichkeit zu führen. Alle Antinomien treten einander entgegen, damit sie in ihren einander entgegengesetzten Aspekten eine einzige Wahrheit anerkennen und durch die Methode des Widerstreits ihre beiderseitige Einheit zutiefst umfassen. Brahman ist das Alpha und das Omega. Brahman ist das Eine, neben dem nichts anderes existiert. Diese Einheit ist aber ihrer Natur nach undefinierbar. Wenn wir versuchen, sie uns durch unser Mental vorzustellen, müssen wir durch eine unendliche Reihe von Begriffen und Erfahrungen hindurchgehen. Und doch werden wir am Ende genötigt, unsere weitesten Begriffe und umfassendsten Erfahrungen zu negieren, um zu der Feststellung zu gelangen, daß die Wirklichkeit über alle Definitionen hinausgeht. Wir kommen zu der Formel der indischen Weisen neti neti: “Es ist nicht dieses, Es ist nicht jenes”. Es gibt keine Erfahrung, durch die man Es begrenzen, auch keinen Begriff, durch das man Es definieren kann.

Die Einheit ist ein Unerkennbares, das uns in vielen Zuständen und Eigenschaften des Seins, in vielen Bewußtseinsformen, in vielen Energiewirkungen erscheint. Nur so viel kann letzten Endes das Mental aussagen über das Sein, das wir selbst sind und das wir in allem sehen, was sich unserem Denken und unseren Sinnen darbietet. In diesen Zuständen, Formen, Wirkungen und durch sie haben wir uns dem Unerkennbaren zu nahen und es darin zu erkennen. Unsere Gedanken versündigen sich aber gegen Seine Unerkennbarkeit und kommen nicht zur wahren Einheit. Sie gelangen vielmehr zu einer Zerteilung des Unteilbaren, wenn wir in unserer Hast, zu einer Einheit zu finden, die unser Mental begreifen und festhalten kann, und in unserem Drang, das Unendliche in unseren Begriff einzuschränken, die Wirklichkeit mit irgendeinem definierbaren Zustand des Seienden, sei er noch so rein und ewig, mit einer besonderen Eigenschaft, sei sie noch so allgemein und umfassend, und mit einer festen Formulierung von Bewußtsein, sei sie in ihrem Horizont noch so weit, oder mit einer Energie oder Aktivität, sei sie in ihrer Anwendung noch so grenzenlos, identifizieren und alles übrige ausschließen.

So stark war diese in alten Zeiten erfaßte Wahrheit, daß die vedantischen Seher selbst dann, als sie zur krönenden Idee, zur überzeugenden Erfahrung von saccidananda als dem für unser Bewußtsein höchsten positiven Ausdruck der Wirklichkeit gelangt waren, in ihren Spekulationen ein asat errichteten oder in ihren Begriffen zu ihm weitergingen, zu einem jenseitigen Nicht-Seienden, das nicht das äußerste Sein, das reine Bewußtsein, die unendliche Seligkeit ist, deren Ausdruck oder Entstellung alle unsere Erfahrungen sind. Wenn es überhaupt ein Sein, ein Bewußtsein, eine Seligkeit gibt, dann liegt das jenseits der höchsten und reinsten positiven Form dieser Dinge, die wir hier besitzen können, und ist darum anders als das, was wir hier unter diesen Namen kennen. Der Buddhismus, der etwas willkürlich von den Theologen zu einer unvedischen Lehre erklärt wurde, weil er die Autorität der Schriften ablehnte, geht jedoch auf diese wesentlich vedantische Auffassung zurück. Nur betrachtete die positive und synthetische Auffassung der Upanishaden sat und asat nicht als Gegensätze, die einander aufheben, sondern als äußerste Antinomie, durch die wir zum Unerkennbaren emporblicken. In allem Handeln unseres positiven Bewußtseins muß die Einheit auch die Vielfalt berücksichtigen; denn die Vielen sind auch brahman. Durch vidya, das Wissen vom Einssein, erkennen wir Gott. Ohne es ist avidya, das relative vielfältige Bewußtsein, die Nacht der Finsternis und die Unordnung der Unwissenheit. Wenn wir aber den Bereich dieser Unwissenheit ausschalten, wenn wir avidya verwerfen, als sei es etwas Nichtseiendes und Unwirkliches, wird Erkenntnis selbst zu einer Art Dunkelheit und Ursprung der Unvollkommenheit. Wir werden zu Menschen, die durch ein Licht so geblendet sind, daß sie nicht mehr den Bereich sehen können, den jenes Licht erleuchtet.

Still, weise und klar ist die Lehre unserer ältesten Weisen. Sie hatten die Geduld und Stärke, zu finden und zu erkennen. Sie besaßen auch die Klarheit und Demut, die Begrenztheit unserer Erkenntnis zuzugeben. Sie gewahrten die Grenzen, über die unsere Erkenntnis hinausgehen muß in einen Bereich jenseits von ihr. Eine spätere Ungeduld von Herz und Mental, das heftige Hingezogensein zu einer höchsten Seligkeit oder hohen Meisterschaft reiner Erfahrung und scharfer Intelligenz suchte den Einen, um die Vielen zu verneinen. Weil man den Atem der Höhen verspürt hatte, verachtete man das Geheimnis der Tiefe und schreckte vor ihr zurück. Das beharrliche Schauen der alten Weisheit sah aber, daß man, um Gott wirklich zu erkennen, Ihn überall gleich und ohne Unterschied erkennen muß, die Gegensätzlichkeiten, durch die Er hindurchscheint, wohl erwägend und wertend, aber nicht von ihnen überwältigt.

Wir werden also die scharfen Unterscheidungen einer unvollständigen Logik übergehen, die erklärt, da das Eine die Wirklichkeit ist, seien die Vielen eine Illusion, und weil das Absolute, sat, das einzige Sein ist, sei das Relative asat und nicht-seiend. Wenn wir dem Einen beharrlich in den Vielen nachgehen, kehren wir mit dem Segen und der Offenbarung des Einen zurück, das sich in den Vielen bestätigt.

Wir wollen uns auch vor der übertriebenen Bedeutung hüten, die das Mental jenen besonderen Anschauungen beilegt, zu denen es bei seinen machtvolleren Höhenflügen und Übergängen gelangt. Die Auffassung des spiritualisierten Mentals, das Universum sei ein unwirklicher Traum, kann für uns keinen absoluteren Wert haben als die des materialisierten Mentals, Gott und das Jenseits seien illusorische Gedanken. Im einen Fall ist das Mental, da es nur auf die Evidenz der Sinne eingestellt ist und Wirklichkeit auf das körperliche Faktum gründet, entweder nicht daran gewöhnt, andere Mittel der Erkenntnis zu verwenden, oder unfähig, den Begriff Wirklichkeit auf eine supraphysische Erfahrung auszudehnen. Im anderen Fall überträgt dasselbe Mental das zu überwältigender Erfahrung unkörperlicher Wirklichkeit im Jenseitigen gelangt, einfach jene selbe Unfähigkeit und das daraus folgende Empfinden von Traum und Halluzination auf die Erfahrungen der Sinne. Aber wir erkennen auch die Wahrheit, die beide Auffassungen entstellen. Es ist wahr, daß für diese Welt der Form, in die wir zu unserer Selbst-Verwirklichung hineingestellt sind, nichts voll gültig ist, wenn es nicht unser physisches Bewußtsein in Besitz genommen und sich auf den niedersten Ebenen in Harmonie mit seiner Manifestation auf den höchsten Gipfeln geoffenbart hat. Ebenso wahr ist, daß Gestaltung und Materie, wenn sie sich als selbstseiende Wirklichkeit behaupten, eine Illusion der Unwissenheit sind. Form und Materie können nur als Gestalt und Substanz einer Manifestation für das Unkörperliche und Unmaterielle gültig sein. Sie sind ihrer Natur nach ein Akt göttlichen Bewußtseins und nach ihrem Zweck und Ziel die Darstellung eines Zustandes des Geistes.

Mit anderen Worten: Wenn brahman in die Form eingegangen ist und Sein Wesen in materieller Substanz dargestellt hat, kann das nur sein, weil es sich der Selbst-Manifestation in den Gebilden relativen und phänomenalen Bewußtseins erfreuen will. Brahman ist in dieser Welt, um Sich in den Werten des Lebens darzustellen. Leben existiert in brahman, damit es brahman in sich selbst entdeckt. Darum ist der Mensch in der Welt wichtig, damit er ihr zu jener Entwicklung von Bewußtsein verhilft, in der ihre Umgestaltung durch vollkommene Entdeckung des Selbst möglich wird. Gott im Leben zur Erfüllung zu bringen, ist des Menschen Menschsein. Er geht hervor aus der Tier-Vitalität und deren Wirkensweisen. Sein Ziel ist aber ein göttliches Dasein.

Wie im Denken, so ist auch im Leben das wahre Gesetz der Selbst-Verwirklichung ein stets fortschreitendes umfassendes Verstehen. Brahman bringt Sich in vielen aufeinanderfolgenden Bewußtseinsformen zum Ausdruck. Sie folgen in ihrer Beziehung aufeinander, selbst wenn sie im Seienden koexistent und in der Zeit gleichzeitig sind. So muß sich auch das Leben bei seiner Selbst-Entfaltung in immer neue Bereiche seines eigenen Wesens erheben. Wenn wir aber aus Eifer für unsere neue Errungenschaft beim Übergang von einem Bereich in den anderen das verwerfen, was uns bisher gegeben war, wenn wir also beim Eintritt in das mentale Leben das physische Leben, das unsere Grundlage ist, wegwerfen oder gering achten oder wenn wir, angezogen vom Spirituellen, das Mentale und das Physische zurückweisen, bringen wir Gott nicht integral zur Erfüllung und leisten wir auch den Bedingungen Seiner Selbst-Manifestation nicht Genüge. Wir werden nicht vollkommen, sondern wechseln nur das Feld unserer Unvollkommenheiten oder erreichen höchstens eine begrenzte Höhe. Wie hoch wir auch emporsteigen, und sei es bis zum Nicht-Seienden, unser Anstieg ist doch falsch, wenn wir unsere Basis vergessen. Die wahre Göttlichkeit der Natur besteht darin, daß wir die niedere nicht sich selbst überlassen, sondern in das Licht der höheren umwandeln, die wir erreicht haben. Brahman ist vollständig und vereinigt gleichzeitig viele Bewußtseinszustände. Auch wir, die die Natur des brahman offenbaren, sollten vollständig und allumfassend werden.

Neben dem Zurückscheuen vor dem physischen Leben gibt es im asketischen Impuls noch eine andere Übertreibung, die vom Ideal vollständiger Manifestation korrigiert wird. Im Leben ist der Knotenpunkt die Beziehung zwischen drei allgemeinen Bewußtseinsformen: dem individuellen, universalen und transzendenten oder suprakosmischen Bewußtsein. In seiner üblichen Haltung zu den Lebensbetätigungen betrachtet sich der Einzelne als ein gesondertes Wesen, das in das Universum einbezogen ist. Beide, Individuum und Universum, sind abhängig von Jenem, das sowohl Individuum wie Universum transzendiert. Dieser Transzendenz geben wir gewöhnlich den Namen Gott, der dadurch für unsere Auffassung nicht so sehr über-kosmisch als außer-kosmisch wird. Eine natürliche Folge dieser Trennung ist die Herabsetzung und Entwertung des Einzelnen und des Universums. Logischerweise wäre der äußerste Schluß, daß Individuum und Universum aufhören müssen, wenn wir die Transzendenz erlangt haben.

Die integrale Schau der Einheit von brahman vermeidet diese Konsequenzen. Wie wir das körperliche Leben nicht aufzugeben brauchen, um das mentale und das spirituelle zu erlangen, können wir zu einer Anschauung gelangen, in der die Beibehaltung individueller Betätigungen nicht mehr im Widerspruch dazu steht, daß wir das kosmische Bewußtsein erfassen oder das transzendente und suprakosmische erlangen. Das die Welt Transzendierende umfaßt das Universum, ist eins mit ihm und schließt es nicht aus. Ebenso umfaßt das Universum den einzelnen Menschen, ist eins mit ihm und schließt ihn nicht aus. Der einzelne Mensch ist ein Mittelpunkt des ganzen universalen Bewußtseins. Das Universum ist eine Gestaltung und Begrenzung, die von der Immanenz des Formlosen und Unbegrenzbaren völlig eingenommen wird.

Dies ist immer die wahre Beziehung, die durch unsere Unwissenheit und unser falsches Bewußtsein von den Dingen vor uns verhüllt ist.

Wenn wir zum Wissen oder zum richtigen Bewußtsein gelangen, wird zwar nichts Wesentliches in der ewigen Beziehung geändert, doch verwandeln sich vom individuellen Mittelpunkt her der Einblick und der Ausblick grundlegend und, als Folge davon, auch Geist und Wirkungskraft ihrer Betätigung. Der Einzelne ist für das Wirken des Transzendenten im Universum weiterhin notwendig, und die Möglichkeit zu diesem Wirken in ihm hört durch seine Erleuchtung nicht auf. Im Gegenteil, da die bewußte Offenbarung des Transzendenten im Individuum das Mittel ist, durch das das Kollektiv, das Universale, ebenso seiner bewußt werden soll, ist es zwingend notwendig im Welten-Spiel, daß der erleuchtete Einzelne in der Welt weiter handelt. Wäre es Gesetz, daß er gerade durch die Tatsache der Erleuchtung zwangsläufig aus der Welt verschwinden müßte, wäre die Welt dazu verurteilt, ewig der Schauplatz unerlöster Finsternis, des Todes und des Leidens zu bleiben. Eine solche Welt kann nur fürchterliche Qual oder mechanische Illusion sein.

Als solche will die asketische Weltanschauung sie auch begreifen. Die Erlösung des Einzelnen kann aber nicht wirklich Sinn haben, wenn das Dasein im Kosmos selbst eine Illusion ist. Nach der monistischen Anschauung ist die individuelle Seele eins mit dem Erhabenen. Ihr Empfinden von Getrenntheit ist Unwissenheit, Flucht aus diesem Empfinden und Identität mit dem Erhabenen ist die Erlösung. Wem aber nützt dann diese Flucht? Nicht dem Erhabenen Selbst, denn bei ihm wird vorausgesetzt, daß es immer und unwandelbar frei, still, schweigend und rein ist. Auch nicht der Welt, denn sie bleibt ständig in der Gebundenheit und wird durch die Flucht einer einzelnen Seele nicht von der universalen Illusion befreit. Es ist die individuelle Seele selbst, die sich ihr höchstes Gut durch die Flucht aus Kummer und Trennung in den Frieden und die Seligkeit bewirkt. Also könnte es so aussehen, als gäbe es gerade im Ereignis der Befreiung und Erleuchtung eine gewisse Wirklichkeit der individuellen Seele, unterschieden von der Welt und vom Erhabenen. Für den Anhänger der IIlusionstheorie ist aber die individuelle Seele Illusion und nur existent im unerklärlichen Geheimnis von maya. So ergibt sich: Die Flucht einer illusorischen, nicht-seienden Seele aus illusorischer, nicht-seiender Gebundenheit in einer illusorischen, nicht-seienden Welt ist das höchste Gut, nach dem diese nicht-seiende Seele trachten muß! Denn das ist das letzte Wort dieser Erkenntnis: “Es gibt niemand, der gebunden, niemand, der befreit ist und niemand, der frei zu werden sucht.” So wird vidya letztlich ebenso sehr ein Teil des Phänomenalen wie avidya. Maya tritt uns gerade bei unserer Flucht in den Weg und lacht über die triumphierende Logik, die den Knoten ihres Geheimnisses zu durchschneiden schien.

Man sagt also, diese Dinge könnten nicht erklärt werden. Sie seien das ursprüngliche, unauflösbare Wunder. Sie seien uns eine praktische Tatsache und müßten akzeptiert werden. Durch Konfusion sollen wir der Konfusion entkommen. Die individuelle Seele könne den Knoten des Ego nur durch einen höchsten Akt von Egoismus durchhauen, indem sie sich ausschließlich an ihre individuelle Erlösung bindet, was auf absolute Bejahung ihrer gesonderten Existenz in maya hinausläuft. Wir sollen andere Seelen so ansehen, als seien sie Phantasiegebilde unseres Mentals. Ihre Erlösung sei unwichtig, unsere Seele allein sei ganz wirklich und ihre Erlösung das einzige, worauf es ankomme. Ich soll also meine persönliche Flucht aus der Gebundenheit als wirklich ansehen, während andere Seelen, die ebenso mein eigenes Ich sind, in ihrer Gebundenheit zurückbleiben!

Nur wenn wir jede unvereinbare Antinomie zwischen Selbst und Welt unbeachtet lassen, ordnen sich die Dinge durch eine weniger paradoxe Logik an ihrem richtigen Platz ein. Wir müssen die Vielseitigkeit der Manifestationen akzeptieren, indem wir zugleich die Einheit des Manifestierten behaupten. Ist das aber nicht gerade die Wahrheit, die uns überall begegnet, wohin wir schauen, wenn wir es nicht vorziehen wollen, nichts zu sehen? Ist das nicht letzten Endes das vollkommen natürliche und einfache Geheimnis des Bewußten Seienden, daß Es weder durch seine Einheit noch durch seine Vielfalt gebunden ist? Es ist “absolut” in dem Sinne, daß es völlig unabhängig und frei ist, auf Seine Weise alle möglichen Begriffe, in denen Es sich selbst ausdrückt, einzubeziehen und zu arrangieren. Da ist niemand gebunden, niemand befreit, niemand, der sucht, frei zu werden. Denn immer ist Jenes vollkommene Freiheit. Es ist so frei, daß es sogar nicht einmal durch seine Freiheit gebunden ist. Es kann den Gebundenen spielen, ohne in eine wirkliche Gebundenheit zu geraten. Seine Fessel ist eine selbst-auferlegte Vereinbarung. Seine Eingrenzung in das Ich ist eine vorübergehende Maßnahme, die Es verwendet, um seine Transzendenz und Universalität im Schema des individuellen brahman zu wiederholen. Das Transzendente, das Suprakosmische ist absolut und in sich selbst frei, jenseits von Zeit und Raum, jenseits der begrifflichen Gegensätze von endlich und unendlich. Im Kosmos aber gebraucht es seine Freiheit der Selbst-Gestaltung, seine maya, um aus Sich Selbst ein System in den komplementären Begriffen von Einheit und Vielfalt herzustellen. Es konstituiert diese vielfältige Einheit in den drei Bewußtseinsformen des Unterbewußten, Bewußten und Überbewußten. Denn wir sehen tatsächlich, daß die Vielen, die in einer Gestaltung in unserem materiellen Universum objektiviert sind, als eine unterbewußte Einheit anfangen, die sich deutlich genug in kosmischer Aktion und kosmischer Substanz kundtut, deren sie selbst aber nach außen hin nicht bewußt sind. Im Bewußten wird das Ich zu jenem Punkt an der Oberfläche, an dem das Gewahrwerden der Einheit hervortreten kann. Es wendet seinen Begriff der Einheit aber nur auf die äußere Form und das oberflächliche Handeln an und nimmt, weil es all das nicht berücksichtigt, was im Hintergrund wirkt, auch nicht wahr, daß es nicht nur in sich selbst eins ist, sondern auch eins mit den anderen. Diese Einschränkung des universalen Ich auf den getrennten Ich-Sinn konstituiert unsere unvollkommene individualisierte Personalität. Wenn aber das Ich das personale Bewußtsein transzendiert, schließt es das immer mehr ein, was für uns überbewußt ist, und wird davon überwältigt. Es erkennt die kosmische Einheit und geht in das Transzendente Selbst ein, das der Kosmos hier in vielfältiger Einheit ausdrückt.

Die Befreiung der individuellen Seele ist also der Schlüssel zum definitiven göttlichen Wirken. Sie ist die grundlegende göttliche Notwendigkeit und der Angelpunkt, um den sich alles andere dreht. Sie ist der Licht-Punkt, an dem die beabsichtigte völlige Selbst-Manifestation in den Vielen hervorzutreten beginnt. Aber die befreite Seele dehnt ihre Wahrnehmung der Einheit sowohl horizontal wie vertikal aus. Ihre Einheit mit dem transzendenten Einen ist unvollständig ohne ihre Einheit mit den kosmischen Vielen. Diese Einheit überträgt sich nach den Seiten hin durch Multiplikation, eine Reproduktion ihres eigenen befreiten Zustands an anderen Punkten in der Vielfalt. Die göttliche Seele vervielfacht sich in ähnlichen befreiten Seelen, wie sich das Tier in ähnlichen Körpern reproduziert. Darum besteht überall dort, wo eine einzelne Seele befreit ist, die Tendenz zur Ausdehnung, sogar zur Explosion desselben göttlichen Selbstbewußtseins in anderen individuellen Seelen unserer irdischen Menschheit und – wer weiß? – vielleicht sogar jenseits des irdischen Bewußtseins. Wo sollen wir die Grenze dieser Ausdehnung festlegen? Ist es wirklich nur eine Legende, wenn berichtet wird, Buddha habe, als er an der Schwelle des Nirvana, des Nicht-Seienden, stand, seine Seele zurückgewandt und das Gelübde getan, er wolle nie den unwiderruflichen Schritt hinüber tun, solange noch ein einziges Wesen unerlöst auf der Erde lebe, gefesselt durch den Knoten des Leidens und die Gebundenheit des Ichs?

Wir können aber das Höchste erlangen, ohne uns im kosmischen Bereich auszulöschen. Brahman behält immer Seine beiden Grundhaltungen von innerer Freiheit und Gestaltung nach außen. Es bringt sich zum Ausdruck und bleibt doch frei von diesem Ausdruck. Da wir Jenes brahman sind, können wir den gleichen göttlichen Besitz unseres Selbsts erlangen. Die Harmonie dieser beiden Tendenzen ist die Grundvoraussetzung alles Lebens, das wirklich göttlich zu sein strebt. Wenn man die Freiheit dadurch erstrebt, daß man das wegwirft, worüber man hinausgekommen ist, führt diese Freiheit auf dem Weg der Negation zur Ablehnung dessen, was Gott angenommen hat. Übt man die Aktivität so aus, daß man ganz im Wirken und in der Energie aufgeht, so führt das zur Bejahung niederer Werte und zur Verleugnung des Höchsten. Warum sollte denn der Mensch unbedingt das scheiden wollen, was Gott zusammengefügt hat und in einer Synthese vereint? Vollkommen zu sein, so wie Er vollkommen ist, ist die Bedingung, wenn man Ihn integral erlangen will.

Durch avidya, die Vielfalt, hindurch führt unser Weg aus dem vorübergehenden ichhaften Selbst-Ausdruck, in dem Tod und Leiden vorherrschen. Durch vidya, die mit avidya durch das vollkommene Empfinden von Einheit selbst in der Vielfalt übereinstimmt, genießen wir integral Unsterblichkeit und Seligkeit. Indem wir zum Ungeborenen jenseits von allem Werden gelangen, werden wir von dieser niederen Geburt und vom Tod befreit. Indem wir das Werden als das Göttliche Wesen frei annehmen, dringen wir mit dieser unsterblichen Seligkeit in die Sterblichkeit ein und werden zu erleuchteten Zentren ihres bewußten Selbst-Ausdrucks in der Menschheit.

Kapitel VI. Der Mensch im Universum

Des Menschen Seele, ein Reisender, wandert in diesem Zyklus des brahman, gewaltig groß, eine Totalität von Lebensabläufen, eine Totalität von Zuständen. Sie wähnt sich verschieden von Ihm, der den Impuls gibt zur Reise. Ist sie von Ihm angenommen, erlangt sie ihr Ziel der Unsterblichkeit.

Svetasvatara Upanishad, I.6.

Die fortschreitende Offenbarung einer großen, lichtvollen, transzendenten Wirklichkeit, deren Mittel und Material, Grundlage und Feld die vielfachen Relativitäten dieser Welt sind, die wir sehen, und jener anderen Welten, die wir nicht sehen, erscheint mithin als der Sinn des Universums, – da es eine Bedeutung und ein Ziel hat und weder zwecklose Illusion noch ein zufälliges Ereignis ist. Dieselbe logische Überlegung, die uns zu dem Schluß führt, das Welt-Dasein sei kein irreführender Kunstgriff des Mentals, rechtfertigt gleicherweise die Gewißheit, daß das Universum keine blinde, träge, aus sich selbst seiende Masse gesonderter äußerer Erscheinungen ist, die auf ihrer Bahn durch die Ewigkeit so gut sie können zusammenhalten und miteinander ringen. Es ist auch keine ungeheure Selbst-Schöpfung, kein Selbst-Impuls einer unwissenden Kraft ohne geheime Intelligenz im Innern, die sich ihres Ausgangspunktes und ihres Zieles bewußt ist und ihren Verlauf wie ihre Bewegung lenkt. Vielmehr hält ein seiner selbst voll bewußtes Sein, das uneingeschränkter Herr seiner selbst ist, das phänomenale Wesen, in das es involviert ist, in seinem Besitz, verwirklicht sich in Gestaltung und entfaltet sich im Individuum.

Dieses lichtvolle Hervortreten ist der Tagesanbruch, den die arischen Ahnen anbeteten. Seine erfüllte Vollkommenheit ist jener höchste Schritt des die Welt durchdringenden Vishnu, den sie schauten, wie wenn ein Auge seine seherische Kraft bis in die reinsten Himmel des Mentals ausweitet. Denn dieses Licht existiert schon als alles offenbarende und lenkende Wahrheit der Erscheinungen. Es wacht über die Welt und zieht den sterblichen Menschen zu sich hin, zuerst ohne die Erkenntnis seines bewußten Mentals durch den allgemeinen Gang der Natur, zuletzt aber bewußt durch fortschreitendes Erwachen und Selbst-Ausweitung, empor zu seinem göttlichen Aufstieg. Dieser Aufstieg zum Göttlichen Leben ist des Menschen Reise, sein Werk der Werke, sein willkommenes Opfer. Er allein ist des Menschen wirkliche Aufgabe und die Rechtfertigung für sein Dasein in der Welt. Ohne ihn wäre er nur ein Insekt, das zwischen anderen Eintagsfliegen auf einem Fleck aus Schlamm und Wasser herumkriecht, der es fertig brachte, sich inmitten der schauerlichen Unermeßlichkeiten des physischen Universums zu gestalten.

Diese Wahrheit der Dinge, die aus den Widersprüchen der Welt der Erscheinungen hervorleuchten soll, wird als unendliche Seligkeit und ein seines Selbsts bewußtes Sein erklärt, das überall, in allen Dingen, zu allen Zeiten und jenseits der Zeit dasselbe ist, seiner selbst bewußt hinter all diesen Phänomenen. Durch deren intensivste Vibrationen von Aktivität oder umfassendste Totalität kann es nie völlig ausgedrückt oder irgendwie eingeschränkt werden. Es existiert in sich selbst und hängt bezüglich seines Daseins nicht von seinen Manifestationen ab. Diese repräsentieren es hier, erschöpfen es aber nicht. Sie weisen auf es hin, enthüllen es aber nicht. Dieses Sein ist innerhalb ihrer Gestaltungen nur sich selbst gegenüber offenbar. Das in die Formen involvierte bewußte Sein gelangt bei seiner Evolution zur Erkenntnis seiner selbst durch Intuition, Selbst-Schau und Selbst-Erfahrung. Es wird in der Welt es selbst, indem es sich selbst erkennt. Es erkennt sich selbst, indem es es selbst wird. Indem das Sein sich innerlich auf diese Weise besitzt, teilt es auch seinen Gestaltungen und Eigenschaften die bewußte Seligkeit von saccidananda mit. Die beabsichtigte Umwandlung sowie Wert und Zweck des individuellen Daseins ist das Hervortreten von unendlichem Seligkeit-Sein-Bewußtsein im Werdeprozeß von Mental, Vital und Körper, – denn unabhängig von ihnen existiert saccidananda ewig. Es offenbart sich so durch das Individuum in der Beziehung, wie es in der Identität in sich selbst ist.

Daß das Unerkennbare sich selbst als saccidananda erkennt, ist die eine erhabene positive Grundthese des Vedanta. Sie enthält alle anderen, oder diese sind aus ihr abgeleitet. Das ist die eine wirkliche Erfahrung, die übrig bleibt, wenn wir alles abgerechnet haben: entweder negativ, indem wir ihre äußeren Gestaltungen und Hüllen eliminieren, oder positiv, indem wir ihre Namen und Formen auf die beständige Wahrheit zurückführen, die sie enthalten. Um das Leben zur Erfüllung zu bringen oder um es zu transzendieren, ferner ob Reinheit, Stille, Freiheit im Geist unser Ziel ist oder Machtfülle, Freude und Vollkommenheit, saccidananda ist dafür der unvorstellbare, allgegenwärtige, unentbehrliche Begriff, nach dem das menschliche Bewußtsein im Erkennen und Fühlen oder im Empfinden und Handeln ewig sucht.

Das Universum und das Individuum sind die beiden wesentlichen Erscheinungen, in die das Unerkennbare herniederkommt und durch die man sich ihm nahen muß. Denn die anderen Kollektive zwischen diesen beiden entstehen nur aus ihrem Zusammenwirken. Dieses Herabkommen der höchsten Wirklichkeit ist seiner Natur nach Selbst-Verhüllung. Bei dem Herabkommen entstehen aufeinanderfolgende Ebenen, bei der Verhüllung immer weitere Schleier. Notwendigerweise nimmt die Enthüllung die Form eines Aufstiegs an, und ebenso müssen Aufstieg und Enthüllung beide progressiv sein. Denn jede der aufeinanderfolgenden Ebenen des Herniederkommens des Göttlichen Wesens wird für den Menschen zur Stufe eines Aufstiegs. Jede Hülle, die den unbekannten Gott verbirgt, wird für den Gott-Liebenden und Gott-Suchenden zum Anlaß, Ihn zu enthüllen. Um sich aus dem rhythmischen Schlummer der materiellen Natur zu befreien, die der Seele und Idee noch unbewußt ist, die jedoch den geordneten Wirkungsablauf ihrer Energie in ihrer dumpfen, mächtigen materiellen Trance aufrechterhalten, ringt sich so die Welt empor in einen rascheren, unterschiedlicheren, aber auch ungeordneteren Rhythmus des Lebens, das sich bis zu den Grenzgebieten des Selbst-Bewußtseins müht. Aus dem Leben kämpft sich die Welt weiter hinauf bis zum Mental, in dem das Einzelwesen zu sich selbst und seiner Welt gegenüber zum Bewußtsein erwacht. Durch dieses Erwachen gewinnt das Universum den erforderlichen Hebel für sein höchstes Werk. Es gewinnt die ihrer selbst bewußte Individualität. Das Mental nimmt dieses Werk jedoch nur auf, um es fortzusetzen, nicht um es zu vollenden. Es ist ein Arbeiter mit scharfer aber begrenzter Intelligenz, der das Durcheinander von Materialien aufgreift, das ihm vom Leben angeboten wird. Wenn er diese nach seinen Kräften verarbeitet, angepaßt, abgeändert und eingestuft hat, reicht er sie weiter an den erhabensten Künstler unseres göttlichen Menschseins. Dieser Künstler hat seinen Sitz im Supramental, denn supermind is superman, das Supramental ist der Obermensch. Deshalb muß unsere Welt noch über das Mental emporkommen zu einem noch höheren Prinzip, zu einem höheren Zustand und einer höheren Kraftentfaltung, in der Universum und Individuum das erkennen und in Besitz nehmen, was beide eigentlich schon sind. Darum stehen beide sich nun in vollem gegenseitigen Verstehen gegenüber, in Harmonie und geeint.

Die Unordnungen von Leben und Mental hören auf, wenn wir das Geheimnis einer Ordnung entdecken, die vollkommener ist als die physische. Die Materie unterhalb von Leben und Mental enthält zwar in sich die Ausgewogenheit vollkommener Ruhe und der Aktion unermeßlicher Kraft, aber sie ist nicht im Besitz dessen, was sie in sich enthält. Ihr Friede trägt die Maske stumpfer, unerleuchteter Trägheit, eines Schlafes in Unbewußtheit oder gar eines betäubten, eingesperrten Bewußtseins. Da sie von einer Kraft getrieben wird, die ihr wahres Selbst ist, deren Sinn sie aber nicht begreifen, noch sich zu eigen machen kann, besitzt sie nicht die voll erwachte Freude an ihren eigenen harmonischen Energien.

Leben und Mental erwachen zum Empfinden dieses Mangels in der Form ringender und suchender Unwissenheit und verworrenen, gehemmten Verlangens. Das sind die ersten Schritte zur Selbst-Erkenntnis und Selbst-Erfüllung. Wo ist dann aber das Reich ihrer Selbst-Erfüllung? Es kommt dadurch zu ihnen, daß sie über sich selbst hinausgelangen. Jenseits von Leben und Mental gewinnen wir bewußt in seiner göttlichen Wahrheit, was die Ausgeglichenheit der materiellen Natur in grober Weise darstellte, – Ruhe, die weder Trägheit noch in sich verschlossene Trance des Bewußtseins ist, vielmehr Konzentration einer absoluten Kraft und Selbst-Erkenntnis, das Wirksamwerden einer unermeßlichen Energie, die zugleich ein Aufwallen unsagbarer Seligkeit ist. Denn nun ist jeder einzelne Akt Ausdruck nicht mehr von Mangel und unwissendem Mühen, sondern von absolutem Frieden und Selbst-Meisterschaft. Wenn unsere Unwissenheit das erlangt, nimmt sie das Licht wahr, dessen verdüsterter, partieller Widerschein sie war. Dann kommen unsere Begehren zur Ruhe in Überfluß und hoher Erfüllung, worauf sie, selbst in ihren groben materiellen Formen, stets ihre wenn auch verdüsterte und gefallene Sehnsucht gerichtet haben.

Universum und Individuum brauchen einander zu ihrem Aufstieg. Tatsächlich existieren sie immer füreinander und haben voneinander ihren Nutzen. Das Universum ist eine Ausbreitung des göttlichen Alls in die Unendlichkeit von Raum und Zeit. Das Individuum ist dessen Konzentration innerhalb der Grenzen von Raum und Zeit. Das Universum sucht in unendlicher Ausdehnung nach der göttlichen Totalität, die zu sein es fühlt, ohne sie völlig verwirklichen zu können. Denn bei der Ausbreitung treibt das Sein hin zu einer pluralistischen Summe seiner selbst, die weder die ursprüngliche noch die letzte Einheit sein kann, vielmehr eine sich wiederholende Dezimale ohne Ende oder Anfang. Darum erschafft das Universum in sich eine ihres Selbsts bewußte Konzentration des Alls, durch die es sein Streben befriedigen kann. Im bewußten Individuum wendet sich prakriti nach innen, um purusha wahrzunehmen; die Welt sucht nach dem Selbst. So wie Gott ganz und gar zur Natur geworden ist, sucht die Natur nun fortschreitend danach, Gott zu werden.

Andererseits wird das Individuum durch das Universum gezwungen, sich selbst zu verwirklichen. Das Universum ist ihm nicht nur Grundlage, Mittel, Feld und Stoff für das göttliche Wirken, der individuelle Mensch muß sich notwendigerweise auch universal und apersonal machen, damit er das göttliche All, das seine Wirklichkeit ist, manifest machen kann. Denn die Konzentration des universalen Lebens, das er ist, findet innerhalb von Beschränkungen statt und ist nicht, wie die intensivere Einheit von brahman, bar jedes Begriffs von Grenze und Ende. Dennoch ist ihm geboten, selbst dann, wenn er sich am weitesten in eine Bewußtseins-Universalität ausdehnt, ein geheimes, transzendentes Etwas zu bewahren, das sich ihm dunkel und ichhaft in dem Empfinden von Personalität darstellt. Andernfalls hätte er sein Ziel verfehlt, das ihm gestellte Problem würde nicht gelöst, und das göttliche Wirken, für das er die Geburt angenommen hatte, würde nicht geleistet.

Das Universum tritt dem Individuum als Leben entgegen, als ein Kräftespiel, dessen ganzes Geheimnis er zu meistern hat, als eine Masse zusammenprallender Ergebnisse, als ein Wirbel potentieller Energien. Er soll aus diesen eine erhabene Ordnung und noch nicht verwirklichte Harmonie freimachen. Das ist schließlich der wirkliche Sinn des menschlichen Fortschritts. Er soll nicht einfach nur in leicht veränderten Formulierungen das noch einmal feststellen, was die physische Natur bereits zustande gebracht hat. Auch darin kann das Ideal des menschlichen Lebens nicht bestehen, daß er einfach das Tierleben auf der höheren Stufe seiner Mentalfunktionen wiederholt. Sonst würden irgendein System oder eine Ordnung, die ein erträgliches Wohlbefinden und eine mäßige mentale Zufriedenheit sichern, unsern Fortschritt zum Stillstand bringen. Das Tier begnügt sich mit einer bescheidenen Befriedigung seiner Bedürfnisse. Die Götter sind mit ihren Herrlichkeiten zufrieden. Nur der Mensch kann erst dann dauernd zur Ruhe kommen, wenn er ein höchstes Gut erlangt hat. Deshalb ist er auch das höchste der lebendigen Wesen, weil er das unzufriedenste ist, das am meisten den Druck seiner Begrenztheit fühlt. Vielleicht ist er allein dazu fähig, vom göttlichen Wahnsinn der Sehnsucht nach einem fernen Ideal ergriffen zu werden.

Für den Geist im Leben ist darum das Individuum, in dem sich seine potentiellen Kräfte konzentrieren, in besonderer Weise der Mensch, purusha. Der Sohn des Menschen ist im höchsten Grade dazu ausersehen, Gott zu inkarnieren. Der Mensch ist manu, der Denker, mano-maya purusha, die mentale Person oder die Seele als Träger des Mentals nach der Auffassung der Weisen des Altertums. Er ist nicht nur ein Säugetier höherer Art, sondern eine geistig empfängliche Seele, die ihre Grundlage im animalischen Leib in der Materie hat. Er ist bewußter Name, numen. Er nimmt Gestalt an und verwendet sie als ein Mittel, durch das die Person mit der Substanz umgehen kann. Das aus der Materie hervortretende animalische Leben ist nur der untergeordnete Begriff seiner Existenz. Das Leben in Denken, Fühlen, Wollen und bewußtem Impuls, das wir in seiner Gesamtheit mit Mental bezeichnen und das sich müht, die Materie und ihre vitalen Energien in seine Macht zu bekommen und sie dem Gesetz seiner fortschreitenden Transformation zu unterwerfen, ist der mittlere Begriff, in dem der Mensch bei seinem Wirken vorübergehend Station macht. Auch hier gibt es aber einen noch höheren Begriff, nach dem das Mental im Menschen sucht. Ihn möchte er finden und ihm in seiner mentalen und leiblichen Existenz eine sichere Grundlage geben. Diese praktische Bejahung von etwas, das dem gegenwärtigen Ich des Menschen wesenhaft überlegen ist, ist das Fundament für das göttliche Leben im menschlichen Dasein. Ist der Mensch zu einem Wissen von sich erwacht, das tiefer ist als seine erste mentale Idee über sich selbst, beginnt er, sich von dem, was er so sicher zu bejahen hat, eine gewisse Formel auszudenken und ein Wahrnehmungsbild zu erfassen. Dann kommt es ihm aber vor, als sei diese Bejahung zwischen zwei Verneinungen gestellt. Wenn er jenseits dessen, was er bis jetzt erlangt hat, die Macht, das Licht, die Seligkeit eines seiner selbst bewußten unendlichen Seins wahrnimmt oder davon berührt wird und seine Gedanken darüber oder seine Erfahrung davon in die Begriffe überträgt, die seiner Mentalität entsprechen – Unendlichkeit, Allwissenheit, Allmacht, Unsterblichkeit, Freiheit, Liebe, Seligkeit, Gott –, scheint ihm diese Sonne seines Schauens zwischen einer doppelten Nacht zu leuchten, einer Finsternis unter und einer noch mächtigeren Finsternis über ihr. Denn wenn er sich müht, sie bis zum äußersten zu erkennen, scheint sie in etwas überzugehen, das weder ein einzelner dieser Begriffe noch ihre Summe darstellen kann. Sein Mental verneint schließlich Gott zugunsten eines Jenseits, zumindest scheint es zu finden, Gott transzendiere Sich Selbst und verweigere Sich begrifflicher Erfassung. Aber auch hier, in der Welt, in ihm selbst und in seiner Umgebung, begegnen dem Menschen stets die Gegensätze zu seinen Bejahungen. Immer ist der Tod bei ihm, Beschränkung umlagert sein Wesen und seine Erfahrung, Irrtum, Unbewußtheit, Schwäche, Trägheit, Kummer, Schmerz, das Böse – sie alle sind fortwährende Unterdrücker seines Bemühens. So wird er auch hier dazu getrieben, Gott zu verleugnen, zumindest scheint das Göttliche Wesen sich selbst zu verneinen, sich in einer äußeren Erscheinung oder in einem Ergebnis zu verbergen, das anders ist als seine wahre, ewige Wirklichkeit.

Die Begriffe dieses Leugnens sind nicht wie die jener anderen, entlegeneren Verneinung dem Verstehen des Menschen unerreichbar, darum natürlicherweise geheimnisvoll und für sein Mental unerkennbar, sie scheinen vielmehr erkennbar, bekannt und klar zu sein – und dennoch mysteriös. Er weiß nicht, was sie sind, warum sie existieren, wie sie ins Seiende gekommen sind. Er sieht ihre Vorgänge so, wie sie sich auf ihn auswirken und wie sie ihm erscheinen. Er kann aber ihre wesenhafte Wirklichkeit nicht ergründen.

Vielleicht sind sie unergründlich? Vielleicht sind sie in ihrem Wesen auch wirklich unerkennbar? Oder sie besitzen überhaupt keine wesenhafte Wirklichkeit, sind eine Illusion, asat ein Nicht-Seiendes. Die Negation auf höherer Ebene erscheint uns manchmal als ein Nihil, als ein Nicht-Sein. So mag auch die Negation auf der niederen Ebene ihrem Wesen nach ein Nihil sein, ein Nicht-Sein. Aber wie wir schon jene Ausflucht aus der Schwierigkeit im Blick auf die höhere Verneinung von uns gewiesen haben, so weisen wir sie auch für dieses niedere asat zurück. Die Wirklichkeit dieser Negation gänzlich zu bestreiten oder ihr dadurch entrinnen zu wollen, daß wir sie als bloße verhängnisvolle Illusion erklären, bedeutet, daß wir das Problem einfach von uns weisen und unserem Werk davonlaufen. Für das Leben sind die Dinge, die Gott zu bestreiten und Gegensätze zu saccidananda zu sein scheinen, auch dann wirklich, wenn sie sich als etwas nur Zeitweiliges herausstellen. Sie und ihre Gegensätze, das Gute, das Wissen, Freude und Lust, Leben und Überleben, Stärke und Macht, fortschreitendes Wachstum, sind gerade das Material, mit dem das Leben arbeitet. Es ist in der Tat wahrscheinlich, daß sie das Ergebnis oder vielmehr die untrennbaren Begleiterscheinungen, zwar nicht einer Illusion, aber doch einer falschen Beziehung sind, deshalb unrichtig, weil sie sich auf eine falsche Auffassung von dem gründen, was das Individuum im Universum ist. Daher kommt die falsche Haltung des Menschen sowohl zu Gott und zur Natur, wie zu sich selbst und zu seiner Umgebung. Denn das, was er bisher geworden ist, hat jede Harmonie mit dem verloren, was die Welt seiner Wohnstätte ist und was er selbst sein sollte und werden muß. Darum ist der Mensch diesen Widersprüchen gegen die geheime Wahrheit der Dinge unterworfen. Ist das aber so, dann sind sie nicht die Strafe für einen Sündenfall, sondern Voraussetzungen seines Fortschritts. Sie sind die ersten Elemente für das Werk, das er zu vollbringen hat, und der Preis, den er für die Krone entrichten muß, die er zu erringen hofft. Sie sind der enge Pfad, auf dem die Natur aus der Materie heraus in das Bewußtsein entrinnt. Sie sind zugleich ihr Lösegeld und ihr Kapital.

Denn aus diesen falschen Beziehungen und mit ihrer Hilfe müssen wir die wahren Beziehungen finden. Mittels der Unwissenheit müssen wir den Weg über den Tod hinaus finden. So spricht der Veda auch in rätselhaften Andeutungen von Energien, die wie Frauen sind, böse in ihrem Impuls, vom rechten Weg abgekommen und ihrem Herrn Harm zufügend, dennoch bauen sie, obwohl sie an sich falsch und unglücklich sind, am Ende diese ungeheure Wahrheit auf, diese Wahrheit, die Seligkeit ist. So wäre dann für den Menschen das Opfer vollbracht, die Reise vollendet, Himmel und Erde wären miteinander zum Ausgleich gekommen und beide in der Seligkeit des Höchsten geeint, wenn der Mensch, statt das Böse in der Natur durch einen Akt moralischer Chirurgie aus sich herauszuoperieren oder sich mit Abscheu aus dem Leben zurückzuziehen, den Tod in ein vollkommeneres Leben umwandelt, die kleinen Dinge der menschlichen Beschränktheit in die hohen Dinge der göttlichen unbegrenzten Weite emporhebt, das Leiden in Seligkeit umformt, das Böse in sein eigentliches Gutes umkehrt und Irrtum und Lüge in ihre geheime Wahrheit überträgt.

Wie können aber solche Gegensätze ineinander übergehen? Durch welche Alchimie soll dieses Blei der Sterblichkeit verwandelt werden In das Gold göttlichen Wesens? Wie aber, wenn sie in ihrer Essenz überhaupt keine Gegensätze, wenn sie Offenbarungen einer einzigen Wirklichkeit und in ihrer Substanz identisch sind? Dann allerdings wird eine göttliche Umwandlung vorstellbar.

Wir haben gesehen, daß das jenseitige Nicht-Seiende sehr wohl ein unbegreifliches Sein und vielleicht eine unaussprechliche Seligkeit sein kann. Jedenfalls stellt sich in der Psychologie des befreiten, auf der Erde weiter wirkenden Menschen das nirvana des Buddhismus – der ein voll erleuchtendes Bemühen des Menschen formuliert, das höchste Nicht-Sein zu erlangen und in ihm zur Ruhe zu kommen – als unaussprechlicher Friede und als Freude dar. Seine praktische Auswirkung ist das Erlöschen alles Leidens durch das Verschwinden aller ichhaften Vorstellung oder Empfindung. Wir kommen einem positiven Begriff von Nirvana am nächsten, wenn wir es als eine unaussprechliche Glückseligkeit verstehen – falls dieser Name oder überhaupt ein Name einem Frieden beigelegt werden kann, der so inhaltslos ist – der Begriff der eigenen Existenz scheint völlig aufgesogen und verschwunden zu sein. Es ist ein saccidananda, auf das wir selbst die höchsten Begriffe von sat, chit und ananda nicht mehr anzuwenden wagen. Alle Begriffe werden hier zunichte, und alle erkennende Erfahrung bleibt weit zurück.

Andererseits haben wir die Vermutung gewagt: Da alles eine einzige Wirklichkeit ist, kann auch diese untergeordnete Verneinung, dieser andere Widerspruch oder dieses Nicht-Sein von saccidananda nichts anderes sein als saccidananda selbst. In Wahrheit kann es durch den Intellekt begriffen, in der Schau wahrgenommen und sogar durch die Empfindungen erfaßt werden als das, was es zu bestreiten scheint. Für unsere bewußte Erfahrung wäre das immer so, wenn die Dinge nicht durch einen ungeheuren fundamentalen Irrtum verfälscht würden und durch Unwissenheit, die alles in ihrem Besitz und unter ihrem Zwang hält durch maya oder avidya. In diesem Empfinden könnte eine Lösung gesucht werden, vielleicht keine zufriedenstellende metaphysische Lösung für das logische Mental, denn wir stehen hier an der Grenzlinie zum Unerkennbaren und Unaussprechlichen und bemühen uns vergeblich, hinüberzuschauen, aber eine ausreichende Grundlage in der Erfahrung zum Praktizieren des göttlichen Lebens.

Dazu müssen wir wagen, tiefer als nur in die helle Oberfläche der Dinge einzudringen, bei der das Mental so gern verweilt. Wir müssen es mit dem Unermeßlichen und Dunklen aufnehmen, in die unergründlichen Tiefen des Bewußtseins untertauchen, uns mit Zuständen des Wesens identifizieren, die nicht unsere eigenen sind. Bei solchem Forschen leistet die menschliche Sprache nur geringe Hilfe. Wir könnten jedoch in ihr zumindest einige Symbole und Bilder finden, mit einigen gerade noch ausdrückbaren Andeutungen zurückkehren, die für das Licht der Seele eine Hilfe sind und auf das Mental einen Widerschein von dem unaussprechlichen Plan werfen.

Kapitel VII. Das Ich und die Dualitäten

Die Seele, die ihren Sitz auf demselben Baum der Natur hat, wird aufgezehrt und getäuscht und hat Kummer, weil nicht sie der Herr ist. Wenn sie aber jenes andere Selbst und dessen Hoheit schaut und mit ihm, der der Herr ist, zur Einung kommt, schwindet ihr Kummer dahin.

Svetasvatara Upanishad, IV, 7.

Wenn in Wahrheit alles saccidananda ist, können Tod, Leiden, Böses, Beschränkung nur die in der praktischen Wirkung positive, im Wesen negative Schöpfung eines verzerrenden Bewußtseins sein, das aus der totalen, einenden Erkenntnis seiner selbst in den Irrtum von Trennung und partieller Erfahrung verfallen ist. Das ist der Sündenfall des Menschen, wie er in dem poetischen Gleichnis der hebräischen Genesis versinnbildlicht ist. Jener Fall des Menschen ist sein Abirren aus der völligen, lauteren Annahme Gottes und seiner selbst, oder vielmehr Gottes in sich selbst, in ein trennendes Bewußtsein, das jenes ganze Gefolge der Gegensatzpaare nach sich zieht: Leben und Tod, Gutes und Böses, Freude und Leid, Fülle und Mangel, die Frucht eines zerteilten Wesens. Das ist die Frucht, die Adam und Eva, purusha und prakriti, die von der Natur verführte Seele, gegessen haben. Die Erlösung kommt dadurch, daß wir das Universale im Individuum und den spirituellen Begriff im physischen Bewußtsein wiedererlangen. Nur dann kann es der Seele in der Natur erlaubt sein, an der Frucht des Lebensbaumes teilzuhaben, wie Gott zu sein und für immer zu leben. Nur dann kann der Zweck, weshalb sie in das materielle Bewußtsein herabgekommen ist, erfüllt werden, wenn die Erkenntnis von Gut und Böse, von Freude und Leiden, von Leben und Tod dadurch vollendet wurde, daß die menschliche Seele ein höheres Wissen erlangt, das diese Gegensätze miteinander versöhnt, sie im Universalen zur Identität bringt und ihre Zertrennungen in das Ebenbild der göttlichen Einheit umwandelt.

Für saccidananda, das in allen Dingen in weitester Allgemeinheit und unparteilicher Universalität ausgebreitet ist, können Tod, Leiden, Böses und Begrenzung höchstens die ins Extreme umgekehrten Begriffe, die Schattengestalten ihrer lichtvollen Gegensätze sein. So wie alle diese Dinge von uns gefühlt werden, sind sie nur Töne einer Disharmonie. Sie formulieren Absonderung, wo sie Einheit, und Mißverständnis, wo sie Einverständnis sein sollten. Sie versuchen, zu unabhängigen Harmonien zu kommen, wo sich jedes Instrument von selbst in das Ganze des Orchesters einfügen sollte. Jede Totalität muß – und wäre sie auch nur eine Totalität in einem einzigen Schema der universalen Vibrationen, nur eine Totalität des physischen Bewußtseins – ohne den Besitz all dessen, was jenseits von ihr und hinter ihr in Bewegung ist, in ihrem Bereich eine Rückverwandlung in die Harmonie und eine Versöhnung der schrillen Gegensätze sein. Andererseits können aber für saccidananda, das die Gestaltungen des Universums transzendiert, die dualen Begriffe als solche, gerade wenn man sie so versteht, nicht mehr mit Recht anwendbar sein. Transzendenz gestaltet um. Sie versöhnt nicht die Gegensätze, sie wandelt sie vielmehr in etwas Übergeordnetes um, das ihre Gegensätzlichkeiten beseitigt.

Zuerst müssen wir aber danach streben, das Individuum wieder in Beziehung zur Harmonie des gesamten Universums zu bringen. Hier ist es für uns nötig – sonst gibt es kein Entkommen aus dem Problem –, daß wir klar sehen: Die Begriffe, in denen unser jetziges Bewußtsein die Werte des Universums darbietet, sind, auch wenn sie praktisch für die Zwecke von Erfahrung und Fortschritt des Menschen gerechtfertigt sind, nicht die einzigen, in denen man diese Werte wiedergeben kann, und sie dürften auch nicht die vollständigen, rechten und letzten Formulierungen sein. So wie es Sinnesorgane oder Träger von Sinnesbefähigungen geben kann, die unsere physische Welt in verschiedener Weise und vielleicht besser wahrnehmen, weil sie vollkommener sind als unsere Sinnesorgane oder Sinnesbefähigung, mag es auch andere mentale und supramentale Betrachtungsweisen des Universums geben, die über die unsrigen hinausgehen. Es gibt Bewußtseinszustände, in denen Tod nur eine Verwandlung innerhalb unsterblichen Lebens ist, Schmerz heftige Rückflut der Wogen universalen Entzückens, Begrenztheit eine Rückwendung des Unendlichen zu sich selbst, Böses ein Kreisen des Guten um seine eigene Vollkommenheit. Das ist keineswegs nur so im abstrakten Begreifen, sondern auch in aktueller Schau und in ständiger und substantieller Erfahrung. Zu solchen Bewußtseinszuständen zu gelangen, sollte für den Einzelnen einer der wichtigsten und unentbehrlichsten Schritte seines Fortschreitens zur Selbst-Vervollkommnung sein.

Gewiß müssen die von unseren Sinnen und vom dualistischen Sinnen-mental gegebenen praktischen Werte in ihrem eigenen Bereich Geltung behalten und als Standard für die gewöhnliche Lebenserfahrung so lange akzeptiert werden, bis eine umfassendere Harmonie fertig ist, in die sie eingehen und sich umwandeln können, ohne den Halt an jenen Wirklichkeiten zu verlieren, die sie repräsentieren. Würde man die Sinnesbefähigungen ohne das Wissen erweitern, das den alten Sinneswerten ihre richtige Deutung von dem neuen Standpunkt aus gibt, so könnte das zu ernstlichen Störungen, zu Unfähigkeiten führen und den Menschen unbrauchbar machen für das praktische Leben und für die geordnete, disziplinierte Verwendung der Vernunft. Ebenso kann die Ausweitung unseres mentalen Bewußtseins über die Erfahrung der ichhaften Dualitäten hinaus in ein unreguliertes Einswerden mit einer Form totalen Bewußtseins leicht Verwirrung und Behinderung des aktiven menschlichen Lebens innerhalb der geltenden Ordnung der Beziehungen in der Welt herbeiführen. Das liegt zweifellos der Mahnung der Gita an den Menschen zugrunde, der das Wissen besitzt, er dürfe die Lebens- und die Denkgrundlage der Unwissenden nicht in Verwirrung bringen, denn sie würden durch sein Vorbild verführt, wären aber unfähig, das Prinzip seines Handelns zu begreifen, und würden so ihr eigenes Wertsystem verlieren, ohne zu einer höheren Grundlegung zu gelangen.

Solch eine Störung und Leistungsverminderung kann man für sich persönlich akzeptieren, und viele große Seelen haben das für eine Übergangszeit getan und so den Preis für ihren Eintritt in ein umfassenderes Dasein entrichtet. Das wahre Ziel des menschlichen Fortschritts muß aber bleiben, wirkungsvoll und synthetisch das Gesetz jenes erweiterten Daseins in einer neuen Ordnung von Wahrheiten neu zu interpretieren und es in einer richtigen, machtvolleren Einwirkung dieser Befähigungen auf das Lebens-Material des Universums darzustellen. Für die menschlichen Sinne wandert die Sonne rund um die Erde, sie war für die Menschen Daseinsmittelpunkt, und die Bewegungen des Lebens wurden auf der Grundlage eines Mißverstehens geordnet. Die Wahrheit ist das genaue Gegenteil davon; aber ihre Entdeckung hätte wenig genützt, wenn es nicht eine Naturwissenschaft gäbe, die die neue Anschauung zum Mittelpunkt einer rationalen und geordneten Erkenntnis macht, die den Wahrnehmungen der Sinne ihre richtigen Werte beilegt. Genauso kreist für das mentale Bewußtsein Gott um das personale Ich, und alle Seine Werke und Wege werden vor das Gericht unserer ichhaften Empfindungen, Gefühle und Auffassungen gestellt und erhalten hier Werte und Deutungen, die zwar eine Verdrehung und Umkehrung der Wahrheit der Dinge, aber doch nützlich und praktisch ausreichend sind für eine gewisse Entwicklung menschlichen Lebens und Fortschritts. Sie sind eine primitive praktische Systematisierung unserer Erfahrung der Dinge und so lange gültig, als wir noch in einer gewissen Ordnung von Ideen und Aktivitäten zu Hause sind. Sie stellen aber nicht den letzten und höchsten Zustand menschlichen Lebens und Wissens dar. “Wahrheit ist der Weg, nicht die Unwahrheit.” Es ist nicht die Wahrheit, daß Gott das Ich als das Zentrum des Daseins umkreist und vom Ich und seiner Schau der Dualitäten beurteilt werden kann, sondern daß das göttliche Wesen selbst die Mitte ist und daß das Individuum nur dann seine wirkliche Wahrheit erfährt, wenn es diese in den Begriffen des Allumfassenden und Transzendenten erkennt. Würde man die bisherige ichhafte Auffassung durch diese neue ohne angemessene Erkenntnisgrundlage ersetzen, so führte das dazu, daß man alte Ideen durch neue ersetzt, die aber immer noch unrichtig und willkürlich sind, und so anstelle einer ruhigen Unordnung richtiger Werte eine ungestüme Unordnung hervorbringt. Solche Unordnung kennzeichnet oft das Auftreten neuer Philosophien und Religionen und leitet wertvolle Umwälzungen ein. Das wahre Ziel wird aber nur erreicht, wenn wir um die richtige zentrale Auffassung ein vernunftgemäßes, wirkungsvolles Wissen ordnen können, in dem das ichhafte Leben alle seine Werte umgewandelt und verbessert wieder finden kann. Dann werden wir jene neue Ordnung von Wahrheiten besitzen, die es uns ermöglichen, unser jetziges Dasein durch ein mehr göttliches Leben zu ersetzen und gotterfüllter und kraftvoller mit unseren Fähigkeiten auf das Lebens-Material des Universums einzuwirken.

Jenes neue Leben und jene neue Macht des integralen menschlichen Selbsts muß notwendigerweise auf wirklicher Einsicht in die großen Wahrheiten beruhen, die eine Übersetzung der Natur des göttlichen Seins in unsere Art des Erfassens der Dinge sind. Das muß dadurch geschehen, daß das Ich auf seinen falschen Standpunkt und seine falschen Gewißheiten verzichtet, in die richtige Beziehung und Harmonie zu den Totalitäten eintritt, deren Teil es bildet, und zu den Transzendenzen, denen es entstammt. Es soll sich vollkommen für eine Wahrheit und ein Gesetz öffnen, die über seine herkömmlichen Ordnungen hinausgehen, für eine Wahrheit, die seine eigene Erfüllung ist, und für ein Gesetz, das seine Befreiung bringt. Sein Ziel muß dabei sein, jene Werte aufzugeben, die Schöpfungen der egoistischen Betrachtung der Dinge sind. Dessen Krönung ist, Beschränkung, Unwissenheit, Tod, Leiden und das Böse zu transzendieren.

Hier auf Erden und in unserem menschlichen Leben können wir so lange nicht die Dualitäten transzendieren und beseitigen, wie die Grundbegriffe dieses Lebens zwangsläufig an unsere gegenwärtigen ichzentrierten Bewertungen gebunden sind. Solange das Leben seiner Natur nach ein individuelles Phänomen und nicht Repräsentation eines universalen Seins und das Atmen eines mächtigen Lebens-Geistes ist, solange die Gegensatzpaare, die Antwort des Individuums auf seine Kontakte mit dem Leben, nicht nur eine Reaktion, sondern das wirkliche Wesen und die Grundbedingungen alles Lebens sind, solange die Begrenztheit die unabänderliche Natur der Substanz ist, aus der unser Mental und unser Körper gebildet sind, solange Zersetzung durch den Tod die erste und letzte Bedingung des Lebens, sein Ende und sein Anfang sind, solange Lust und Schmerz der untrennbare duale Stoff jeder Empfindung, solange Freude und Leid das notwendige Licht und der Schatten jedes Gefühls und solange Wahrheit und Irrtum die beiden Pole sind, zwischen denen ewig jede Erkenntnis sich bewegen muß – solange können wir das alles nur dann transzendieren, wenn wir das menschliche Leben in einem Nirvana jenseits von allem Dasein aufgeben oder in eine andere Welt, in einen Himmel gelangen, der ganz anders konstituiert ist als dieses materielle Universum.

Für das herkömmliche Mental des Menschen, der an seine vergangenen und gegenwärtigen Assoziationen gebunden bleibt, ist es nicht sehr leicht, sich ein zwar noch menschliches, aber doch radikal verändertes Dasein innerhalb unserer jetzigen festgelegten Lebensverhältnisse vorzustellen. Im Blick auf unsere mögliche höhere Evolution sind wir eigentlich in der Lage des Affen, der nach Darwins Theorie unser Ahne ist. Für jenen Affen, der sein Instinkt-Leben auf den Urwaldbäumen führte, wäre die Vorstellung unmöglich gewesen, eines Tages würde ein Geschöpf seiner Art auf Erden eine neue, Vernunft genannte, Fähigkeit auf die Materialien seiner inneren und äußeren Existenz anwenden, würde mit dieser Macht seine Instinkte und Gewohnheiten beherrschen und die Bedingungen seines physischen Lebens verändern, würde sich Häuser aus Stein erbauen, die Kräfte der Natur manipulieren, über die Meere fahren, durch die Lüfte fliegen, würde Gesetze für sein Verhalten schaffen und bewußte Methoden entwickeln für seine mentale und spirituelle Entfaltung. Auch wenn eine solche Vorstellung dem Affen-Mental möglich gewesen wäre, hätte der Affe sich doch wohl schwerlich vorstellen können, er selbst werde sich durch Fortschritt der Natur oder durch langes Bemühen des Willens und seiner eigenen Tendenz in jenes Geschöpf entwickeln können. Da der Mensch Vernunft erwarb und darüber hinaus die Macht seiner Phantasie und Intuition einsetzte, kann er sich ein Dasein vorstellen, das höher steht als sein eigenes, und er kann sogar seinen persönlichen Aufstieg über seinen jetzigen Zustand hinaus zu jenem Dasein ins Auge fassen. Seine Idee von einem höchsten Zustand ist eine Verabsolutierung all dessen, was seinen eigenen Auffassungen positiv und seinem instinktiven Streben wünschenswert erscheint: Erkenntnis ohne den negativen Schatten von Irrtum, Seligkeit ohne Verneinung in der Leidenserfahrung, Macht ohne ständige Infragestellung durch Unfähigkeit, Reinheit und Seinsfülle ohne das gegenteilige Empfinden von Mangel und Beschränkung. So stellt er sich seine Götter vor, ebenso konstruiert er seine Himmel. Jedoch stellt sich seine Vernunft eine mögliche Erde und eine mögliche Menschheit nicht ebenso vor. Sein Traum von Gott und Himmel ist in Wirklichkeit ein Traum von seiner eigenen Vollkommenheit. Wenn er dessen praktische Verwirklichung hier als sein höchstes Ziel annehmen will, steht er aber vor der gleichen Schwierigkeit, wie es seinem Ahnen, dem Affen, ergangen wäre, hätte man von ihm gefordert, er solle an sich selbst als an den zukünftigen Menschen glauben. Seine Phantasie und religiösen Bestrebungen mögen dem Menschen jenes Ziel vor Augen halten. Setzt sich aber sein rationales Denken durch, verwirft es Phantasie und transzendente Intuition und legt sie als brillanten Aberglauben beiseite, der den harten Tatsachen des materiellen Universums widerspreche; so wird daraus allenfalls eine ihn inspirierende Vision des Unmöglichen. Möglich erscheinen ihm nur bedingtes Wissen, begrenzte Freude und Macht, ein immer bedrohtes Gutes.

Dennoch ist im Prinzip der Vernunft selbst die Bejahung einer Transzendenz enthalten. Denn nach ihrem ganzen Ziel und Wesen ist Vernunft das Suchen nach Erkenntnis, sozusagen das Streben nach Wahrheit durch Ausschluß von Irrtum. Sie blickt und strebt nicht nur nach dem Übergang von einem größeren zu einem geringeren Irrtum, sondern sie setzt eine positive, präexistente Wahrheit voraus, auf die wir uns durch die Dualitäten von richtiger und falscher Erkenntnis hindurch fortschreitend hinbewegen können. Wenn unsere Vernunft hinsichtlich der anderen Bestrebungen der Menschheit nicht die gleiche instinktive Gewißheit besitzt, so deshalb, weil ihr dort die gleiche eingeborene wesenhafte Erleuchtung fehlt, die sie ihrer eigenen positiven Betätigung zugrunde legt. Wir können uns wohl eine positive absolute Verwirklichung von Glück vorstellen, weil das Herz, dem dieses Urgefühl für das Glück angehört, seine eigene Form von Gewißheit hat, zum Glauben fähig ist und weil unser Denken sich die Ausschaltung von unbefriedigtem Mangel, dem offensichtlichen Grund des Leidens, vorstellen kann. Wie sollen wir uns aber die Ausschaltung des Schmerzes aus unserem nervlichen Empfinden oder des Todes aus dem leiblichen Leben vorstellen? Dennoch ist die Zurückweisung des Schmerzes ein vorherrschender Instinkt der Empfindungen und die Ablehnung des Todes eine dominierende Forderung, tief gegründet im Wesen unserer Vitalität. Aber diese Dinge stellen sich unserer Vernunft dar als instinktives Streben und nicht als verwirklichbare Möglichkeiten.

Dennoch sollte das gleiche Gesetz überall gelten. Der Irrtum der praktischen Vernunft liegt in ihrer übermäßigen Unterwerfung unter die augenfällige Tatsächlichkeit, die sie unmittelbar als wirklich empfinden kann, und darin, daß ihr der Mut fehlt, tiefer liegende Tatsachen einer möglichen Verwirklichung bis hin zu ihrem logischen Schluß zu verfolgen. Was jetzt ist, ist die Realisierung einer vorausgegangenen möglichen Verwirklichung. Was gegenwärtig nur potentiell verwirklichbar ist, ist der Hinweis auf eine künftige Realisierung. Und hier existiert eine potentielle Verwirklichung; denn die Bemeisterung der augenfälligen Dinge hängt davon ab, daß wir ihre Ursachen und Abläufe kennen, und wenn wir die Gründe für Irrtum, Kummer, Schmerz, Tod wissen, können wir mit einiger Hoffnung auf ihre Beseitigung hinarbeiten. Wissen ist Macht, Erkenntnis ist Meisterschaft.

Tatsächlich verfolgen wir als Ideal, soweit wir damit kommen, die Ausschaltung all dieser negativen oder uns feindlichen Phänomene. Ständig versuchen wir, die Ursachen von Irrtum, Schmerz und Leiden zu verringern. Die Naturwissenschaft träumt davon, daß sie, je weiter ihre Erkenntnisse reichen, die Geburt regulieren und das Leben grenzenlos verlängern, wenn nicht den Tod überhaupt besiegen kann. Da wir aber bloß äußere oder sekundäre Ursachen ins Auge fassen, können wir nur daran denken, diese in gewissem Umfang zu beseitigen, nicht jedoch die Wurzeln dessen ausrotten, gegen das wir kämpfen. Wir sind deshalb so eingeschränkt, weil wir um sekundäre Wahrnehmungen ringen und nicht um eine Grund-Erkenntnis, weil wir zwar die Abläufe der Dinge kennen, aber nicht ihr Wesen. So gelangen wir zwar zu einer machtvolleren Bewältigung der Umstände, aber nicht zu einer wesentlichen Herrschaft über sie. Könnten wir die wesentliche Natur und die wesentliche Ursache von Irrtum, Leiden und Tod begreifen, dann dürften wir hoffen, zu einer Herrschaft über sie zu gelangen, die dann keine relative, sondern eine vollständige sein würde. Wir könnten sogar hoffen, jene ganz und gar auszuschalten und so den mächtigen Instinkt unserer Natur dadurch zu rechtfertigen, daß wir jenes absolute Gute gewinnen: Seligkeit, Erkenntnis, Unsterblichkeit, die wir in unserer Intuition als den wahren, höchsten Zustand des menschlichen Wesens erkennen.

Der alte Vedanta bietet uns eine solche Lösung im Begriff und in der Erfahrung des brahman als der einzigen universalen und wesentlichen Tatsache und der Natur des brahman als saccidananda. In dieser Schau ist das Wesentliche alles Lebens die Bewegung eines universalen und unsterblichen Seins, das Wesentliche alles Empfindens und Fühlens das Spiel einer universalen selbst-seienden Seins-Seligkeit, das Wesentliche alles Denkens und Wahrnehmens die Ausstrahlung einer universalen, alles durchdringenden Wahrheit, das Wesentliche aller Aktivität die fortschreitende Entfaltung eines universalen, aus dem Selbst wirkenden Guten.

Spiel und Bewegung verkörpern sich aber in einer Vielfalt von Formen, einer Vielartigkeit von Tendenzen, einem Zusammenspiel von Energien. Die Vielfalt läßt das Einwirken eines bestimmenden, zeitweise entstellenden Faktors zu: des individuellen Ego. Die Natur des Ichs ist Selbst-Begrenzung des Bewußtseins durch ein gewolltes Nicht-Erkennen der übrigen Wirkungen des vielfältigen Spiels und sein ausschließliches Aufgehen in einer einzigen Form, einer einzigen Kombination von Tendenzen, einem einzigen Bereich von Energiebewegungen. Ego ist der Faktor, der die Reaktionen von Irrtum, Kummer, Schmerz, Bösem und Tod bestimmt; denn es legt diese Werte Bewegungen bei, die sonst in ihrer richtigen Beziehung zum Einen Sein, zur Seligkeit, Wahrheit und dem Guten repräsentiert würden. Fänden wir wieder die richtige Beziehung, könnten wir die vom Ego bestimmten Reaktionen ausschalten und sie schließlich auf ihre wahren Werte zurückführen. Diese Entdeckung kann dadurch bewirkt werden, daß der Einzelne in der rechten Weise am Bewußtsein der Totalität teilnimmt und des Transzendenten bewußt wird, das die Totalität repräsentiert.

In den späteren Vedanta schlich sich folgende Idee ein und wurde zum starren Dogma: Das begrenzte Ego sei nicht nur die Ursache der Dualitäten, sondern wesenhafte Grundbedingung für die Existenz des Universums. Wenn wir uns von der Unwissenheit des Ichs und von den daraus herrührenden Begrenzungen befreien, schalten wir die Dualitäten aus; mit ihnen eliminieren wir aber auch unsere Existenz in der kosmischen Bewegung. So gelangen wir wieder dahin zurück, daß die Natur der menschlichen Existenz ihrem Wesen nach böse und illusorisch sei und alles Ringen um Vollkommenheit im Leben der Welt eitel. Hier könnten wir allenfalls ein relatives Gutes suchen, das aber immer mit seinem Gegenteil verknüpft sei. Bekennen wir uns aber zu der umfassenderen und tieferen Idee, derzufolge das ich nur eine zwischenstufige Repräsentation von etwas ist, das jenseits von ihm existiert, entrinnen wir dieser Konsequenz und können den Vedanta zur Erfüllung des Lebens verwenden, statt dem Leben zu entfliehen. Die wesenhafte Ursache und Grundlage universalen Daseins ist der Herr, ishvara oder purusha, der sich in individuellen und universalen Formen offenbart und sie in Besitz hält. Das begrenzte Ich ist nur das Bewußtseins-Phänomen der Zwischenstufe, das für eine gewisse Entwicklungslinie notwendig ist. Folgt der Einzelne dieser Linie, so kann er zu dem gelangen, das jenseits von ihm ist und das er repräsentiert. Er kann es auch weiter repräsentieren, aber dann nicht mehr als ein unerleuchtetes beschränktes Ego, sondern als Mittelpunkt Göttlichen Wesens und universalen Bewußtseins, das alle individuellen Bestimmungen umfaßt, verwendet und in Harmonie mit dem Göttlichen Wesen umwandelt.

Wir haben also die Manifestation des Göttlichen Bewußten Wesens in der Totalität der physischen Natur als die Grundlage menschlichen Daseins im materiellen Universum. Wir haben das Hervortreten dieses Bewußten Wesens in einem involvierten und darum unvermeidlich evolvierenden Leben, Mental und Supramental als die Grundlagen unseres aktiven Wirkens. Diese Evolution hat es dem Menschen ermöglicht, in der Materie in Erscheinung zu treten. Sie wird es ihm auch ermöglichen, fortschreitend Gott im Körper zu manifestieren, – die universale Inkarnation. In der vom Ich bestimmten Gestalt besitzen wir den Vermittlungsfaktor von entscheidender Bedeutung, der es dem Einen möglich macht, als die bewußten Vielen aus jener indeterminierten, allgemeinen, finsteren und gestaltlosen Totalität emporzutauchen, die wir das Unterbewußte nennen, hrdya samudra, “das Ozean-Herz in den Dingen” nach dem Rig Veda. Wir haben die Dualitäten Leben und Tod, Freude und Leid, Lust und Schmerz, Wahrheit und Irrtum, Gutes und Böses als die ersten Gestaltungen ichhaften Bewußtseins, als das natürliche, unvermeidliche Ergebnis seines Versuchs, Einheit in einer künstlichen Konstruktion seiner selbst zu realisieren außerhalb der totalen Wahrheit des Guten, des Lebens und der Seins-Seligkeit im Universum. Diese ichhafte Konstruktion wird dadurch aufgelöst, daß der Einzelne sich selbst für das Universum und für Gott öffnet als das Mittel, um zu jener höchsten Erfüllung zu gelangen, von der das ichhafte Leben in gleicher Weise nur ein Vorspiel ist, wie es das Tierleben für das Menschenleben war. Wir realisieren das All im Individuum, indem wir das begrenzte Ich in ein bewußtes Zentrum göttlicher Einheit und Freiheit umwandeln. Das ist das Ziel, bei dem diese Erfüllung anlangt. So strömt das unendliche, absolute Sein, die Wahrheit, das Gute, und die Seligkeit des Wesens auf die Vielen in der Welt über als das göttliche Endergebnis, auf das sich die Zyklen unserer Evolution hinbewegen. Das ist die erhabene Geburt, die die mütterliche Natur in sich trägt. Sie ringt danach, hiervon entbunden zu werden.

Kapitel VIII. Die Methoden vedantischer Erkenntnis

Dieses geheime Selbst in allen Wesen ist nicht äußerlich sichtbar, es wird aber mittels der höchsten, der subtilen Vernunft von denen gesehen, die die subtile Schau haben.

Katha Upanishad, III.12.

Worin besteht aber das Wirken dieses saccidananda in der Welt, und durch welche sachlichen Verfahren werden die Beziehungen zwischen ihm und dem Ich, das es zuerst verkörpert, hergestellt und dann zur Vollendung gebracht? Denn von diesen Beziehungen und dem dabei befolgten Verfahren hängt die ganze Philosophie und Praxis eines göttlichen Lebens für den Menschen ab.

Wir gelangen zum Begriff und zur Erkenntnis eines göttlichen Daseins, indem wir über die Evidenz der Sinne hinauskommen und in das Jenseits der Mauern des physischen Mentals eindringen. Solange wir uns nur auf die Beweiskraft der Sinne und auf das physische Bewußtsein beschränken, können wir nichts anderes begreifen und erkennen als die materielle Welt und ihre Phänomene. Wir haben jedoch gewisse Fähigkeiten, die es unserer Mentalität ermöglichen, zu Auffassungen zu gelangen, die wir in der Tat durch Vernunftschlüsse oder durch Variationen unserer Phantasie aus den Tatsachen der physischen Welt, wie wir sie sehen, ableiten können, die aber nicht durch rein physische Gegebenheiten oder physische Erfahrung begründet sind. Das erste dieser Instrumente ist die Reine Vernunft.

Menschliche Vernunft wirkt auf doppelte Weise, auf vermischte oder abhängige und auf reine oder souveräne Art. Die Vernunft begnügt sich mit einem vermischten Wirken, wenn sie sich auf den Kreis unserer sinnlichen Erfahrung beschränkt, deren Gesetz als endgültige Wahrheit anerkennt und sich nur mit der Erforschung des Phänomens befaßt, also mit den äußeren Erscheinungen der Dinge in ihren Beziehungen, Abläufen und Verwendungsmöglichkeiten. Diese Art der Vernunftbetätigung kann unmöglich das erkennen, was wirklich ist. Sie erkennt nur das, was zu sein scheint. Sie hat kein Lot, um mit ihm die Tiefen des Seins zu ergründen, und sie kann sich über den Bereich des Werdenden nur einen allgemeinen Überblick verschaffen. Andererseits bringt die Vernunft ihr reines Wirken zur Geltung, wenn sie unsere Sinneserfahrungen nur als Ausgangspunkt nimmt, sich jedoch keinesfalls durch sie einschränken läßt, vielmehr hinter sie zurücktritt, sie beurteilt, aus eigener Vollmacht arbeitet und nach allgemeinen, unveränderlichen Begriffen zu gelangen strebt, die nicht durch die äußeren Erscheinungen der Dinge gebunden sind, sondern sich auf das gründen, was hinter diesen steht. Sie mag zu ihrem Ergebnis durch unmittelbares Urteilen gelangen, indem sie, unvermittelt von der äußeren Erscheinung, zu dem durchdringt, was dahinter steht. In diesem Fall mag es so aussehen, als sei der so gewonnene Begriff ein Ergebnis der sinnlichen Erfahrung und von ihr abhängig, obwohl er in Wirklichkeit ein Begriff der aus eigener Vollmacht wirkenden Vernunft ist. Die Begriffe der Reinen Vernunft können auch – und das ist für ihr Wirken charakteristischer – die Erfahrung, von der sie ausgehen, nur zum Anlaß nehmen und sie dann weit hinter sich lassen, bevor sie zu ihrem Ergebnis gelangen, so weit, daß das Ergebnis das direkte Gegenteil von dem zu sein scheint, was unsere sinnliche Erfahrung uns diktieren will. Dieser Vorgang ist legitim und unentbehrlich, da unsere normale Erfahrung einerseits nur einen kleinen Teil der universalen tatsächlichen Gegebenheiten erfaßt, andererseits selbst innerhalb dieser Grenzen ihres eigenen Bereichs mangelhafte Instrumente verwendet und uns falsche Gewichte und Maße liefert. Wir müssen über diese normale Erfahrung hinauskommen, uns von ihr distanzieren und ihre Aufdringlichkeit oft bestreiten, wenn wir zu angemessenen Begriffen von der Wahrheit der Dinge gelangen wollen. Daß der Mensch die Irrtümer des Sinnenmentals durch den Gebrauch der Vernunft korrigieren kann, ist eine der wertvollsten Mächte, die von ihm entwickelt wurden, und der Hauptgrund für seine überlegene Stellung unter den irdischen Geschöpfen.

Der vollständige Gebrauch der Reinen Vernunft bringt uns schließlich von der physischen zur metaphysischen Erkenntnis. Die Begriffe metaphysischer Erkenntnis befriedigen aber an sich die Forderung unseres integralen Wesens nicht vollständig. Sie sind zwar für die Reine Vernunft selbst völlig befriedigend, da sie der Stoff ihres eigenen Seins sind. Unsere Natur sieht aber die Dinge immer durch zwei Augen, denn sie betrachtet sie doppelt als Idee und als Faktum. Darum ist für uns jeder Begriff so lange unvollständig und für den einen Teil unserer Natur so lange unwirklich, bis er zu einer Erfahrung wird. Die jetzt infrage stehenden Wahrheiten gehören aber zu einer Ordnung, die unserer normalen Erfahrung nicht unterworfen ist. Sie stehen ihrer Natur nach “jenseits der Wahrnehmung der Sinne, können aber durch das Wahrnehmen der Vernunft erfaßt werden”. Darum ist eine andere Erfahrungsfähigkeit notwendig, durch die die Forderung unserer Natur erfüllt werden kann. Diese kann, da wir es mit dem Supraphysischen zu tun haben, nur durch Ausweitung der psychologischen Erfahrung kommen.

In gewissem Sinn ist unsere gesamte Erfahrung psychologisch, da auch das, was wir durch die Sinne empfangen, erst dann für uns Bedeutung und Wert gewinnt, wenn es in die Begriffe des Sinnen-Mentals, des manas der indischen philosophischen Terminologie, übersetzt ist. Unsere Philosophen sagen, manas sei der sechste Sinn. Wir können sogar sagen, manas sei der einzige Sinn, und die anderen Sinne – Sehen, Hören, Tasten, Riechen, Schmecken – seien nur Spezialfunktionen des Sinnen-Mentals, das zwar normalerweise die Sinnesorgane als Grundlage seiner Erfahrung verwendet, aber umfassender als diese und zu unmittelbarer Erfahrung befähigt ist, die der ihm ursprünglich eigenen Wirkensweise entspricht. Infolgedessen ist die psychische Erfahrung, genauso wie bei den Erkenntnissen der Vernunft, mit doppelter Wirkensweise im Menschen begabt: vermischt oder abhängig und rein oder souverän. Vermischt wirkt sie gewöhnlich dann, wenn das Mental die äußere Welt, das Objekt, wahrzunehmen sucht. Rein wirkt sie, wenn sie ihrer selbst, des Subjekts, bewußt werden will. Bei der ersteren Wirkensart hängt die psychische Erfahrung von den Sinnen ab und bildet ihre Wahrnehmungen im Einklang mit ihrer Evidenz. Bei letzterer wirkt sie in ihrem eigenen Innern und wird der Dinge unmittelbar durch eine Art von Identität mit ihnen inne. Auf diese Weise beobachten wir unsere Gefühle. Wir sind uns des Zorns bewußt, weil wir, wie jemand scharfsinnig sagte, selbst Zorn werden. Wir sind uns ebenso unseres eigenen Daseins bewußt, und hier wird die Natur der Erfahrung als eine Erkenntnis durch Identität sichtbar. In Wirklichkeit ist jede Erfahrung ihrer geheimen Natur nach eine Erkenntnis durch Identität. Ihr wahrer Charakter bleibt aber vor uns verborgen, da wir uns von der übrigen Welt durch Ausschließung, durch die Unterscheidung zwischen uns selbst als dem Subjekt und allem anderen als dem Objekt, abgesondert haben. So müssen wir nun Verfahren und Organe entwickeln, durch die wir wieder in eine Kommunikation mit allem eintreten können, was wir ausgeschlossen haben. Wir müssen das unmittelbare Erkennen mittels bewußter Identität ersetzen durch ein indirektes Erkennen, das durch physischen Kontakt und mentale Sympathie verursacht zu sein scheint. Diese Einschränkung ist eine fundamentale Schöpfung des Ichs und ein Beispiel für die Art und Weise, wie es überall verfährt. Es fängt bei einem ursprünglich falschen Ausgangspunkt an und überdeckt die wirkliche Wahrheit der Dinge mit weiteren, dadurch bedingten Verfälschungen, die für uns zu praktischen Wahrheiten der Beziehung werden.

Aus dieser Natur mentaler und sinnenhafter Erkenntnis, wie sie gegenwärtig in uns organisiert ist, folgt, daß in unseren jetzt bestehenden Einschränkungen keine unentrinnbare Notwendigkeit liegt. Sie sind das Ergebnis einer Evolution, in der sich das Mental daran gewöhnt hat, von gewissen physiologischen Funktionen und ihren Reaktionen als seinen normalen Mitteln abhängig zu sein, durch die es in Beziehung zum materiellen Universum tritt. Obwohl wir also in der Regel, wenn wir die äußere Welt wahrzunehmen suchen, dies mittelbar durch die Sinnesorgane tun müssen und nur soviel von der Wahrheit über Dinge und Menschen erfahren können, als uns die Sinne einbringen, ist diese Regel nur die Regelmäßigkeit einer herrschenden Gewohnheit. Das Mental kann ohne die Hilfe der Sinnesorgane die Objekte der Sinne zur Kenntnis nehmen – was für es natürlich wäre, wenn es dazu überredet werden könnte, sich von seiner Zustimmung zur Herrschaft der Materie über es zu befreien – wie in Experimenten der Hypnose und bei verwandten psychologischen Phänomenen. Da aber unser Wachbewußtsein durch das Gleichgewicht zwischen Mental und Materie, das durch das Leben in seiner Evolution hergestellt wurde, festgelegt und begrenzt wird, ist dieses unmittelbare Erkennen in unserem gewöhnlichen Wachzustand unmöglich und muß deshalb dadurch zustande gebracht werden, daß das wache Mental in einen Schlafzustand versenkt wird, der das wahre oder subliminale Mental befreit. Dann kann das Mental seinen wahren Charakter als der eine und zureichende Sinn durchsetzen und auf die Sinnesobjekte sein reines, souveränes statt vermischtes und abhängiges Wirken ausüben. Diese Ausweitung der mentalen Befähigung ist in Wirklichkeit nicht unmöglich, jedoch in unserem Wachzustand nur schwieriger, – wie allen bekannt ist, die auf gewissen Wegen psychischen Experimentierens weit genug vorangeschritten sind. Das souveräne Wirken des Sinnen-Mentals kann dazu verwendet werden, außer den fünf Sinnen, die wir gewöhnlich gebrauchen, noch andere zu entwickeln. Es ist z. B. möglich, genau und ohne physische Mittel das Gewicht eines Gegenstands zu bestimmen, den wir in der Hand halten. Hier wird das Empfinden von Kontakt und Druck genauso nur als Ausgangspunkt verwendet wie von der Reinen Vernunft die Gegebenheiten der Sinneserfahrung. In Wirklichkeit ist es aber nicht der Tastsinn, der den Wert des Gewichts dem Mental mitteilt. Dieses findet den richtigen Wert durch seine eigene unabhängige Wahrnehmung und verwendet das Tasten nur, um mit dem Gegenstand in Beziehung zu treten. Wie bei der Reinen Vernunft, kann auch beim Sinnen-Mental die Sinneserfahrung nur als Ausgangspunkt dienen, von dem aus es zu einer Erkenntnis gelangt, die nichts mit den Sinnesorganen zu tun hat und oft ihrer Evidenz widerspricht. Auch ist die Befähigungs-Ausweitung nicht nur auf Oberflächen-Erscheinungen begrenzt. Sobald wir durch einen der Sinne mit einem äußeren Objekt in Beziehung getreten sind, ist es möglich, manas so anzuwenden, daß wir den Inhalt des Objekts wahrnehmen. So können wir z. B. die Gedanken und Gefühle anderer empfangen oder wahrnehmen, ohne deren Äußerung, Gebärden, Handeln oder Gesichtsausdruck als Hilfe zu gebrauchen, sogar im Widerspruch zu deren immer nur partiellen und oft irreführenden Daten. Schließlich können wir die inneren Sinne unmittelbar verwenden, d. h. die Sinnen-Mächte als solche in ihrem rein mentalen oder subtilen, im Unterschied zu ihrem physischen Wirken, das doch nur eine Auswahl aus ihrer totalen und allgemeinen Betätigung für die Zwecke des äußeren Lebens ist, und Sinneserfahrungen, Erscheinungen und Abbildungen von Dingen wahrnehmen, die anders sind als die zur Organisation unserer materiellen Umgebung gehörigen. Alle diese Ausweitungen unserer Befähigung werden zwar vom physischen Mental nur mit Zögern und Ungläubigkeit angenommen, da sie für das gewöhnliche Schema unseres alltäglichen Lebens und für unsere Erfahrung zu abnorm sind, zu schwer zu betätigen und noch schwerer zu systematisieren, als daß man aus ihnen eine systematische, gebrauchsfähige Anordnung von Instrumenten machen könnte. Dennoch müssen wir sie anerkennen, da sie das unvermeidliche Ergebnis jedes Versuchs zur Ausweitung des Bereiches unseres oberflächlich aktiven Bewußtseins sind: entweder durch dilettantisches Bemühen und einen zufälligen, schlecht geordneten Effekt oder durch wissenschaftliches, wohlreguliertes Praktizieren.

Doch nichts davon bringt uns zu dem Ziel, das wir im Auge haben: zur psychischen Erfahrung jener Wahrheiten, die “jenseits der Sinneserfahrung liegen, jedoch der wahrnehmenden Vernunft erfaßbar sind” (buddhigrahyam atindriyam, Gita VI. 21). Wir bekommen dadurch nur Zugang zu einem umfassenderen Bereich von Phänomenen und wirkungsvolleren Mitteln zu ihrer Beobachtung. Die Wahrheit der Dinge entzieht sich stets in ein Jenseits der Sinne. Es gibt aber ein gesundes, ursprünglich zur Konstitution des universalen Daseins gehöriges Gesetz, demzufolge dort, wo man durch die Vernunft Wahrheiten erlangen kann, auch im Organismus der Vernunft ein Mittel vorhanden sein muß, um durch Erfahrung zu diesen Wahrheiten zu gelangen oder ihre Wirklichkeit zu bestätigen. Das einzige Mittel, das unserer Mentalität verbleibt, ist eine Ausweitung jener Form der Erkenntnis durch Identität, die uns das Innewerden unseres eigenen Seins ermöglicht. In Wirklichkeit gründet sich die Erkenntnis der Inhalte unseres Selbsts auf ein uns mehr oder minder bewußtes Wahrnehmen unseres Selbsts, das unserem Begreifen mehr oder weniger gegenwärtig ist. Mit einer allgemeineren Formel kann man das auch so ausdrücken: Die Erkenntnis der Inhalte ist in der Erkenntnis des Beinhaltenden enthalten. Wenn wir also unsere Fähigkeit zur Selbst-Erkenntnis durch unser Mental ausweiten können, so daß wir des Selbsts jenseits und außerhalb von uns, des atman oder brahman der Upanishaden, innewerden, können wir jene Wahrheiten in den Besitz unserer Erfahrung bringen, die die Inhalte von atman und brahman im Universum bilden. Auf diese Möglichkeit hat sich jener indische Vedanta gegründet. Er hat durch die Erkenntnis des Selbsts das Universum zu erkennen gesucht.

Der Vedanta hat aber die mentale Erfahrung und die Begriffe der Vernunft stets so verstanden, daß sie, selbst auf ihrer höchsten Stufe, eine Widerspiegelung in mentalen Identifikationen sind, nicht die höchste, aus dem Selbst seiende Identität. Wir müssen über das Mental und die Vernunft hinausgehen. Die in unserem Wachbewußtsein aktive Vernunft ist nur ein Vermittler zwischen dem unterbewußten All, von dem wir in unserer aufsteigenden Evolution herkommen, und dem überbewußten All, zu dem wir durch diese Evolution gedrängt werden. Das Unterbewußte und das Überbewußte sind zwei verschiedene Formulierungen für dasselbe All. Das Schlüsselwort für das Unterbewußte heißt Leben, das Schlüsselwort für das Überbewußte heißt Licht. Im Unterbewußten ist Erkenntnis oder Bewußtsein in Wirken involviert, denn Aktivität ist das Wesen des Lebens. Im Überbewußten tritt das Wirken wieder in das Licht zurück und enthält keine involvierte Erkenntnis mehr, sondern ist selbst in einem höchsten Bewußtsein enthalten. Erkenntnis durch Intuition ist beiden gemein. Grundlage der Intuitions-Erkenntnis ist bewußte oder effektive Identität dessen, das erkennt, mit dem, das erkannt wird. Das ist jener Zustand eines gemeinsamen Daseins im Selbst, da der Erkennende und das Erkannte durch das Erkennen eins werden. Im Unterbewußten manifestiert sich die Intuition jedoch im Wirken, in Wirksamkeit, und Erkenntnis oder bewußte Identität ist entweder völlig oder mehr oder minder im Wirken verborgen. Da das Gesetz und Prinzip des Überbewußten Licht ist, offenbart sich im Gegensatz dazu die Intuition hier ihrer wahren Natur gemäß als eine Erkenntnis, die aus bewußter Identität hervorgeht, und die Wirksamkeit des Handelns ist eher der Begleitumstand oder die daraus folgende Notwendigkeit; sie spielt sich nicht mehr als das primäre Faktum auf. Zwischen diesen beiden Zuständen wirken Vernunft und Mental als Vermittler, die es dem Menschen erlauben, die Erkenntnis aus dem Gefangensein im Wirken zu befreien und darauf vorzubereiten, daß sie ihren wesenhaften Vorrang einnimmt. Wenn das Selbst-Innesein im Mental sowohl auf das die Erkenntnis Enthaltende, also das eigene Selbst, wie auf das andere Selbst, also das in der Erkenntnis Enthaltene, angewendet wird und sich in die erleuchtete, selbst-manifeste Identität emporhebt, wandelt sich auch die Vernunft in die Form der aus dem Selbst erleuchteten Intuitions-Erkenntnis3 um. Das ist der höchstmögliche Zustand unserer Erkenntnis, da sich nun das Mental im Supramental zur Erfüllung bringt. Auf einem solchen Schema menschlichen Selbst-Verstehens waren die Schlußfolgerungen des ältesten Vedanta aufgebaut. Hier die Ergebnisse auszubreiten, zu denen die Weisen des Altertums auf dieser Grundlage kamen, ist nicht meine Absicht. Es ist aber notwendig, kurz einige ihrer wichtigsten Schlußfolgerungen zu betrachten, soweit sie das Problem des Göttlichen Lebens beeinflussen, mit dem wir uns hier allein befassen. In jenen Ideen werden wir vorläufig die besten Grundlagen für das finden, was wir jetzt wieder aufbauen wollen. Wenn auch, wie bei jeder Erkenntnis, ein alter Ausdruck in gewissem Maß durch einen neuen, für eine spätere Mentalität passenden ersetzt werden muß und, wie eine Morgendämmerung der anderen folgt, altes Licht sich mit neuem vereinigen muß, so sollen wir mit dem alten Schatz als unserem Anfangskapital, soviel wir noch davon wiedergewinnen können, zu unserem eigenen Vorteil sorgsam umgehen, um daraus die größten Gewinne zu ziehen, wenn wir uns erneut mit dem unwandelbaren und doch sich ständig wandelnden Unendlichen befassen.

Sad brahman, Reines, Undefinierbares, Unendliches, Absolutes Sein ist der äußerste Begriff, zu dem vedantische Analyse bei ihrer Schau des Universums gelangt, jene fundamentale Wirklichkeit, die die vedantische Erfahrung hinter aller Bewegung und Gestaltung, die die phänomenale Wirklichkeit konstituieren, entdeckte. Offensichtlich gehen wir, wenn wir diesen Begriff aufstellen, weit über das hinaus, was unser gewöhnliches Bewußtsein und unsere normale Erfahrung enthalten oder verbürgen. Die Sinne und das Sinnen-Mental wissen absolut nichts von einem reinen oder absoluten Sein. Alles, was unsere Sinneserfahrung uns mitteilen kann, ist Form und Bewegung. Zwar existieren Gestaltungen, aber ihr Dasein ist nicht rein, vielmehr stets vermischt, kombiniert, zusammengesetzt und relativ. Wenn wir in unser Inneres gehen, mögen wir von der präzisen äußeren Form frei werden, aber wir können uns nicht der Bewegung und Wandlung entledigen. Bewegung von Materie im Raum, Bewegung der Wandlung in der Zeit scheinen Grundbedingung des Daseins zu sein. Tatsächlich können wir nur etwa sagen: Das ist Dasein, die Idee von Dasein an sich entspricht keiner entdeckbaren Wirklichkeit. Höchstens beim Phänomen des Selbst-Innewerdens oder hinter ihm bekommen wir manchmal einen flüchtigen Eindruck von etwas Unbeweglichem, Unveränderlichem. Wir schauen etwas ganz unbestimmt, oder wir stellen uns vor, wir seien jenseits von allem Leben und Tod, jenseits von allem Wechsel, aller Gestaltung und Wirksamkeit. Da ist in uns etwas wie eine Tür, die sich manchmal öffnet, so daß wir die Herrlichkeiten einer jenseitigen Wahrheit schauen, die, bevor sich die Tür wieder schließt, einen ihrer Strahlen auf uns fallen läßt, eine erleuchtende Andeutung, an der wir uns, wenn wir die Kraft und Ausdauer besitzen, mit unserem Glauben festhalten und die wir zum Ausgangspunkt für das Kräftespiel eines Bewußtseins machen können, das anders ist als das des Sinnen-Mentals, das Kräftespiel der Intuition. Wenn wir Intuition sorgfältig erforschen, finden wir, daß sie unser erster Lehrer ist. Intuition steht immer verhüllt hinter der Tätigkeit unseres Mentals. Intuition bringt dem Menschen jene brillanten Botschaften aus dem Unbekannten, die der Anfang einer höheren Erkenntnis sind. Vernunft kommt erst hinterher, um zu sehen, welchen Vorteil sie für sich aus der leuchtenden Ernte ziehen kann. Intuition gibt uns jene Idee, daß etwas hinter und jenseits von allem existiert, das wir erkennen und zu sein scheinen, das den Menschen stets im Widerspruch zu seiner niederen Vernunft und zu all seiner normalen Erfahrung verfolgt und zwingt, jene gestaltlose Wahrnehmung in die eher positiven Ideen von Gott, Unsterblichkeit, Himmel und all dem anderen zu formulieren, durch das wir sie dem Mental gegenüber auszudrücken suchen. Denn Intuition ist so stark wie die Natur selbst, aus deren Seele sie entsprungen ist, und sie kümmert sich nicht um die Widersprüche der Vernunft oder die Ablehnungen der Erfahrung. Sie weiß, was ist, weil es ist, weil sie selbst es aus Jenem ist und weil sie aus Jenem kam. Sie will das nicht dem Urteil dessen unterwerfen, das lediglich etwas Werdendes und nur eine Erscheinung ist. Das, wovon die Intuition zu uns spricht, ist nicht so sehr das Sein, als vielmehr Der (Das) Seiende, denn sie nimmt ihren Ursprung aus jenem einen Lichtpunkt in uns, der ihr ihre Überlegenheit gibt, jene manchmal geöffnete Tür in unserer Selbst-Wahrnehmung. Der alte Vedanta ergriff diese Botschaft der Intuition und formulierte sie in den drei großen Erklärungen der Upanishaden: ,,Ich bin Er”, “Du bist Jenes, o Svetaketu”, “Alles ist das brahman; dieses Selbst ist das brahman.”

Da Intuition aber infolge der Eigenart ihres Wirkens, das hinter dem Schleier und von dort her geschieht, hauptsächlich in den unerleuchteten, weniger deutlich artikulierten Schichten des Menschen aktiv ist und als Gehilfen vor dem Schleier in dem beschränkten Licht, das unser Wachbewußtsein ist, nur jene Werkzeuge hat, die unfähig sind, sich ihre Botschaften voll anzugleichen, kann sie uns die Wahrheit nicht in jener geordneten und deutlich artikulierten Form vermitteln, die unsere Natur verlangt. Bevor sie in uns eine solche Vollständigkeit unmittelbarer Erkenntnis zustande bringen könnte, müßte sie sich in unserem äußeren Wesen konstituieren und den hier führenden Teil in ihren Besitz nehmen. In unserem äußeren Wesen ist aber nicht die Intuition, sondern die Vernunft organisiert und hilft uns, unsere Wahrnehmungen, Gedanken und Handlungen zu ordnen. Darum mußte das Zeitalter intuitiver Erkenntnis, repräsentiert durch das alte vedantische Denken der Upanishaden, dem Zeitalter rationaler Erkenntnis Platz machen. Die inspirierte Schrift wich der metaphysischen Philosophie, wie danach die metaphysische Philosophie von der experimentellen Naturwissenschaft verdrängt wurde. Intuitives Denken, das ein Botschafter aus dem Überbewußten und darum unsere höchste Begabung ist, wurde durch Reine Vernunft ersetzt, die nur eine Art Stellvertreter darstellt und den mittleren Schichten unseres Wesens angehört. Reine Vernunft wurde ihrerseits eine Zeitlang durch das vermischte Wirken jener Vernunft ersetzt, die auf unseren Ebenen und niederen Erhebungen wohnt und in ihrer Schau nicht über den Horizont jener Erfahrung hinausschaut, die das physische Mental und die Sinne oder solche Hilfen uns einbringen, die wir für sie erfinden. Dieser Vorgang, der ein Abstieg zu sein scheint, ist in Wirklichkeit ein Kreislauf des Fortschritts. Denn in jedem Fall ist die niedrigere Befähigung gezwungen, so viel sie assimilieren kann von dem aufzunehmen, was die höhere bereits hergegeben hatte, und zu versuchen, es durch eigene Methoden wieder neu zur Geltung zu bringen. Durch diesen Versuch vergrößert sich ihre Blickweite und gelangt sie schließlich zu einer verfeinerten und reicheren Selbst-Anpassung an die höheren Fähigkeiten. Gäbe es nicht diese Aufeinanderfolge und den Versuch zu einer gesonderten Assimilation, müßten wir immer unter der ausschließlichen Herrschaft eines Teils unserer Natur bleiben, während der Rest entweder unterdrückt und zu sehr unterworfen oder in seinem Bereich abgesondert und darum in seiner Entwicklung rückständig bliebe. Durch die Aufeinanderfolge und den gesonderten Assimilationsversuch wird der rechte Ausgleich hergestellt, eine vollkommenere Harmonie unserer Erkenntnisgebiete vorbereitet.

Wir beobachten diese Aufeinanderfolge in den Upanishaden und in den darauffolgenden indischen Philosophien. Die Weisen des Veda und Vedanta verließen sich völlig auf Intuition und spirituelle Erfahrung. Irrtümlich sprechen Gelehrte manchmal von großen Debatten oder Diskussionen in der Upanishad. Wo immer eine Kontroverse zu sein scheint, geschieht sie nicht durch Diskussion, durch Dialektik oder den Gebrauch logischer Vernunft, sondern durch ein Vergleichen von Intuitionen und Erfahrungen, in denen die weniger erleuchteten den erleuchteteren, die engeren, fehlerhafteren oder weniger wesentlichen den umfassenderen, vollkommeneren und wesentlicheren wichen. Der eine Denker fragte den anderen: “Was weißt du?” und nicht: “Was denkst du?”, auch nicht: “Zu welchem Schluß ist deine logische Vernunft gekommen?” Nirgendwo in der Upanishad finden wir eine Spur dessen, daß man zur Unterstützung der Wahrheiten des Vedanta auf das logische Vernunftdenken drängte. Offensichtlich waren die Weisen davon überzeugt, daß Intuition durch vollkommenere Intuition korrigiert werden müsse; dabei können die logischen Vernunftschlüsse nicht ihr Richter sein.

Dennoch verlangt die menschliche Vernunft zu ihrer Befriedigung nach einer eigenen Methode. Darum nahmen, als das Zeitalter rationalistischer Spekulation begann, die indischen Philosophen, aus Ehrfurcht vor dem Erbe der Vergangenheit, eine doppelte Haltung zu der Wahrheit ein, die sie suchten. Sie erkannten im sruti, in den früheren Ergebnissen der Intuition oder, wie sie es lieber nannten, in der inspirierten Offenbarung, eine Autorität an, die der Vernunft überlegen ist. Gleichzeitig gingen sie von der Vernunft aus und prüften die Ergebnisse nach, die diese ihnen gab. Sie hielten dabei nur solche Schlußfolgerungen für gültig, die durch die höchste Autorität gestützt wurden. So vermieden sie bis zu einem gewissen Grad die Gewohnheits-Sünde der Metaphysik, die Tendenz, in den Wolken zu kämpfen, da sie mit Worten umgeht, als ob diese zwingende Tatsachen seien, während sie doch nur Symbole sind, die immer sorgfältig nachgeprüft und ständig auf den Sinn dessen zurückgeführt werden müssen, was sie darstellen. Ihre Spekulationen hatten anfangs die Tendenz, sich nahe dem Zentrum der höchsten und tiefsten Erfahrung zu halten und unter der vereinten Zustimmung beider großen Autoritäten Vernunft und Intuition vorwärtszuschreiten. Trotzdem triumphierte tatsächlich der natürliche Drang der Vernunft, ihre eigene Überlegenheit durchzusetzen, über die Theorie, sie sei unterzuordnen. So kamen die miteinander streitenden Schulen auf, von denen sich jede in der Theorie auf den Veda gründete und dessen Texte als Waffe gegen die anderen benutzte. Die höchste intuitive Erkenntnis schaut die Dinge im Ganzen, im Umfassenden, und die Einzelheiten nur als Seiten des unteilbaren Ganzen. Sie tendiert zu einer unmittelbaren Synthese und zur Einheit der Erkenntnis. Im Gegensatz dazu arbeitet die Vernunft mit Analyse und Trennung und sammelt ihre Tatsachen, um ein Ganzes zu bilden. In der so geschaffenen Zusammensetzung gibt es aber Gegensätze, Anomalien, logische Unvereinbarkeiten. Die natürliche Tendenz der Vernunft will die einen bejahen, die anderen, die ihren bevorzugten Schlußfolgerungen widersprechen, verneinen, damit sie ein fehlerloses logisches System bilden kann. So wurde die Einheit der ersten intuitiven Erkenntnis zerbrochen. Die Genialität der Logiker erfand immer neue Kunstgriffe, Methoden der Interpretation und Maßstäbe unterschiedlicher Wertung, durch die unbequeme Texte der Schrift praktisch für ungültig erklärt und volle Freiheit für die metaphysische Spekulation gewonnen werden konnten.

Trotzdem erhielten sich teilweise die wichtigsten Begriffe des älteren Vedanta in den verschiedenen philosophischen Systemen. Von Zeit zu Zeit wurden Anstrengungen unternommen, sie wieder in ein Abbild der alten Katholizität und Einheit intuitionalen Denkens zusammenzufassen. Hinter dem Denken aller Systeme überlebte in verschiedener Darstellung der grundlegende Begriff purusha, atman oder sad brahman, das Reine Seiende der Upanishaden, oft in eine Idee oder einen psychologischen Zustand rationalisiert, aber stets die alte Bürde einer unausdrückbaren Wirklichkeit tragend. Was mag die Beziehung der Bewegung des Werdens, die wir die Welt nennen, zu dieser absoluten Einheit sein? Wie kann das Ich – ob es durch diese Bewegung erschaffen wurde oder selbst die Ursache dieser Bewegung ist – zu jenem wahren Selbst, der Divinität oder Wirklichkeit zurückkehren, die vom Vedanta verkündet wird? Das waren die spekulativen und praktischen Fragen, die stets das Denken Indiens beschäftigt haben.

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Kapitel IX. Das Reine Seiende

Ein einziges Unzerteilbares, das ist reines Sein.

Chhandogya Upanishad, Vl.2.1.

Ziehen wir unseren Blick aus einer ichhaften Vorliebe für begrenzte und flüchtige Interessen zurück und betrachten die Welt mit leidenschaftslosen, wißbegierigen Augen, die nur nach der Wahrheit forschen, dann ist unser erstes Ergebnis die Wahrnehmung einer grenzenlosen Energie unendlichen Seins, unendlicher Bewegung, unendlicher Aktivität, die sich in unbegrenzten Raum, in ewige Zeit ergießt. Dieses Sein ist unendlich erhaben über unser Ich, über jedes Ich und jede Ich-Kollektivität. Auf der Waage dieser Energien sind die grandiosen Schöpfungen von Äonen nur der Staub eines Augenblicks: In ihrer unberechenbaren Summe gelten zahllose Myriaden der Gestirne nur als ein winziger Schwarm. Wir handeln, fühlen und weben unsere Lebens-Gedanken instinktiv so, als ob diese ungeheure Welt-Bewegung um uns als Mittelpunkt kreise und wirke zu unserem Nutzen, uns zu Hilfe oder Harm, oder als ob ihr Hauptanliegen eigentlich die Befriedigung unserer egoistischen Sehnsüchte, Gefühle, Ideen und Wertungen wäre, so wie wir sie zu unserem Hauptinteresse machen. Wenn wir aber wirklich zu sehen beginnen, erkennen wir, daß die Welt-Energie für sich selbst existiert und nicht für uns. Sie hat ihre eigenen gigantischen Ziele, ihre eigene komplexe, grenzenlose Idee, ihr eigenes mächtiges Verlangen oder Entzücken, das sie zu erfüllen sucht. Sie hat ihre eigenen ungeheuren Maßstäbe, die auf unsere Armseligkeit wie mit einem nachsichtigen und ironischen Lächeln herabblicken. Trotzdem dürfen wir unser Pendel nicht zum anderen Extrem ausschlagen lassen und uns eine zu positive Vorstellung von unserer eigenen Unwichtigkeit bilden. Auch das wäre ein Akt der Unwissenheit. Wir würden dabei unsere Augen vor wichtigen Tatsachen des Universums verschließen.

Denn diese grenzenlose Bewegung betrachtet uns nicht so, als ob wir für sie unwichtig wären. Die Naturwissenschaft offenbart uns, wie ihre Sorgfalt bis ins kleinste reicht, wie klug ihr Plan, wie intensiv die Hingabe ist, die sie ihren geringsten wie ihren größten Werken widmet. Diese mächtige Energie ist eine allen gleichermaßen gerechte, unparteiische.

Mutter, samam brahma, nach dem bedeutungsvollen Begriff der Gita. Ihre Intensität und Bewegungskraft ist dieselbe, ob sie ein System von Sonnen erschafft und erhält oder das Leben in einem Ameisenhaufen organisiert. Die Illusion von Größe und Quantität verführt uns dazu, das eine als groß und das andere als geringfügig anzusehen. Wenn wir im Gegensatz dazu nicht auf die Masse der Quantität, sondern auf die Kraft der Qualität schauen, werden wir die Ameise für größer halten als das Sonnensystem, das sie bewohnt, und den Menschen für bedeutender als die ganze unbelebte Natur zusammengenommen. Aber das ist wieder die Illusion der Qualität. Treten wir hinter beide zurück und untersuchen nur die Intensität der Bewegung, deren Aspekte Qualität und Quantität sind, nehmen wir wahr, daß brahman gleichermaßen in allem wohnt, was ist. Da alles gleichermaßen an seinem Wesen teilhat, sind wir versucht zu sagen: brahman ist mit seiner Energie gleichermaßen an alle verteilt. Aber auch das ist eine Illusion der Quantität. Brahman wohnt in allem unteilbar, und es scheint nur so, als ob es zerteilt und ausgeteilt sei. Schauen wir noch einmal und prüfen mit Beobachtung, die nicht von intellektuellen Begriffen beherrscht ist, sondern durch Intuition gebildet wird und ihren Höhepunkt in der Erkenntnis durch Identität findet, dann sehen wir, daß das Bewußtsein dieser unendlichen Energie ein anderes ist als unser mentales Bewußtsein. Es ist unteilbar. Es gibt nicht einen gleichen Teil seiner selbst, sondern sein ganzes Selbst zu ein und derselben Zeit sowohl an das Sonnensystem wie an den Ameisenhaufen. Für brahman gibt es nicht ein Ganzes und Teile davon, sondern jedes Ding ist selbst ganz brahman und empfängt sein volles Genüge durch das Ganze des brahman. Qualität und Quantität sind verschieden, das Selbst ist gleichmäßig dasselbe. Form der Aktionskraft, ihre Art und das Resultat ihrer Stärke variieren unendlich, aber die ewige, ursprüngliche, unendliche Energie ist dieselbe in allen. Die Kraft der Stärke, die den starken Menschen ausmacht, ist kein bißchen größer als die Kraft der Schwäche, die den Schwachen charakterisiert. Die Energie, die in der Repression verausgabt wird, ist ebenso groß wie die auf die Expression verwendete. Sie ist dieselbe in Verneinung und Bejahung, im Schweigen wie im Laut.

Die erste Abrechnung, die wir in Ordnung zu bringen haben, ist darum diejenige zwischen der unendlichen Bewegung, der Energie des Seins, das die Welt ist, und uns selbst. Gegenwärtig führen wir noch eine falsche Buchhaltung. Wir sind für das All unendlich wichtig, aber für uns ist das All nebensächlich. Wir nehmen nur uns selbst wichtig. Das ist das Kennzeichen der Ur-Unwissenheit, die die Wurzel des Ichs ist, das nur mit sich selbst als Mittelpunkt denken kann, als ob es das All wäre, und von dem, was nicht es selbst ist, nur so viel akzeptiert, als anzuerkennen es mental geneigt oder worauf Rücksicht zu nehmen es durch die Schockwirkungen seiner Umgebung gezwungen ist. Wenn das Ich nun gar zu philosophieren beginnt, behauptet es dann nicht, die Welt existiere nur in seinem Bewußtsein und durch dieses? Die einzige Probe auf die Wirklichkeit sind ihm sein eigener Bewußtseinszustand oder seine mentalen Maßstäbe. Alles, was außerhalb dieses Gesichtskreises liegt, erscheint ihm leicht als falsch oder nicht-existent. Diese mentale Selbstgenügsamkeit des Menschen bewirkt ein System falscher Rechnungsführung, die uns davon abhält, dem Leben den rechten vollen Wert abzugewinnen. Die Ansprüche des menschlichen Mentals und Ichs beruhen zwar in gewissem Sinn auf Wahrheit, aber diese Wahrheit tritt erst hervor, wenn das Mental seine Unwissenheit verstanden, das Ich sich dem All unterworfen und in ihm seine gesonderte Selbstbehauptung verloren hat. Denn das ist der Anfang wahren Lebens, das wir anerkennen: wir, oder vielmehr die Ergebnisse und äußeren Erscheinungen, die wir mit “wir” bezeichnen, sind nur eine Teilbewegung der unendlichen Bewegung, und dieses Unendliche ist es, das wir unbedingt erkennen, das wir bewußt sein und das wir mit voller Hingabe zur Erfüllung bringen müssen. Der andere Teil der richtigen Abrechnung liegt in der Einsicht, daß wir in unserem wahren Selbst eins sind mit der Gesamtbewegung und ihr gegenüber nicht als von geringerem oder untergeordnetem Wert gelten. Das alles in der Art unseres Seins, Denkens, Fühlens und Handelns zum Ausdruck zu bringen, ist notwendig für die höchste Stufe eines wahren oder göttlichen Lebens.

Um die Abrechnung richtig machen zu können, müssen wir wissen, was dieses All, diese unendliche, allmächtige Energie ist. Hier stoßen wir auf eine neue Schwierigkeit. Denn von der Reinen Vernunft wird uns versichert – und das scheint auch vom Vedanta behauptet zu werden –, daß in der gleichen Weise, wie wir dieser Bewegung untergeordnet und ein Aspekt von ihr sind, so auch diese Bewegung einem Etwas untergeordnet und ein Aspekt von etwas anderem als sie selbst ist, von einer großen, zeitlosen, raumlosen Stabilität, sthanu, die unveränderlich, unerschöpflich, unveräußerlich ist. Sie handelt selbst nicht, obwohl sie diese ganze Aktion in sich enthält. Sie ist nicht Energie sondern reines Sein. Wer nur diese Welt-Energie wahrnimmt, kann tatsächlich erklären, daß es so etwas nicht gibt. Die Vorstellung von einer ewigen Stabilität, einem unveränderlichen reinen Sein sei eine Fiktion unserer intellektuellen Begriffe, die von einer falschen Idee des Stabilen ausgehe. Denn es gebe nichts, das stabil sei. Alles sei Bewegung, und unser Begriff des Stabilen sei ein künstliches Gebilde unseres mentalen Bewußtseins, durch das wir uns einen festen Standpunkt sichern wollen, um mit der Bewegung praktisch umgehen zu können. Man kann leicht zeigen, daß das innerhalb der Bewegung selbst wahr ist. Dort gibt es nichts, das stabil wäre. Alles, was feststehend zu sein scheint, ist nur ein Block von Bewegung, die Formulierung einer im Wirken begriffenen Energie, die unser Bewußtsein so beeinflußt, daß sie ihm ruhend zu sein scheint. Das ist etwa so, wie uns die Erde still zu stehen scheint oder wie ein Eisenbahnzug uns, die wir in ihm fahren, als bewegungslos erscheint, während draußen die Landschaft vorüberfliegt. Ist es nun aber ebenso wahr, daß es nichts gibt, das dieser Bewegung zugrunde liegt, sie fördert und erhält, selbst aber bewegungslos und unveränderlich ist? Ist es wahr, daß das Dasein nur aus Aktion der Energie besteht? Oder ist diese Energie nicht vielmehr ein Ausströmen aus dem Sein?

Wir sehen sofort, daß ein solches Sein, wenn es überhaupt existiert, ebenso wie die Energie, unendlich sein muß. Weder Vernunft noch Erfahrung, weder Intuition noch Phantasie bezeugen uns die Möglichkeit, daß es irgendwo schließlich einen Endpunkt geben kann. Alles, was endet und beginnt, setzt etwas voraus, das jenseits von Ende und Anfang liegt. Ein absolutes Ende und ein absoluter Anfang sind nicht nur begrifflich ein Widerspruch, sondern auch ein Widerspruch zum Wesen der Dinge, Vergewaltigung und Fiktion. Unendlichkeit legt sich den Erscheinungen der Endlichkeit durch ihr unausweichliches Selbst-Sein auf.

Das ist jedoch nur Unendlichkeit im Blick auf Zeit und Raum, eine ewige Dauer, eine unbegrenzte Ausdehnung. Die Reine Vernunft geht weiter. Wenn sie in ihrem farblosen strengen Licht Zeit und Raum betrachtet, weist sie darauf hin, daß beide Kategorien des Bewußtseins sind, Bedingungen, unter denen wir unsere Wahrnehmung der Phänomene ordnen. Wenn wir auf das Sein an sich schauen, verschwinden Zeit und Raum. Wenn es überhaupt eine Ausdehnung gibt, ist sie keine räumliche, sondern eine psychologische Ausdehnung. Gibt es überhaupt eine Dauer, dann ist sie keine zeitliche, sondern eine psychologische Dauer. Dann können wir leicht einsehen, daß Ausdehnung und Dauer nur Symbole sind, die dem Mental etwas vergegenwärtigen, das nicht in intellektuelle Begriffe übersetzt werden kann: eine Ewigkeit, die uns als der gleiche, alles in sich enthaltende, immer neue Augenblick, und eine Unendlichkeit, die uns als der gleiche, alles in sich enthaltende, alles durchdringende Punkt ohne räumliche Größe erscheint. Dieser Konflikt der Begriffe, der so scharf und doch ein so genauer Ausdruck von jenem Etwas ist, das wir wirklich wahrnehmen, zeigt uns, daß hier Mental und Sprache ihre Grenzen überschritten haben und darum ringen, eine Wirklichkeit auszudrücken, in der die eigenen konventionellen Vorstellungen und notwendigen Widersprüchlichkeiten in eine unbeschreibliche Identität verschwinden.

Ist das aber eine wahre Darstellung? Könnte es nicht sein, daß Zeit und Raum nur deshalb verschwinden, weil das Sein, das wir betrachten, eine Fiktion des Intellekts ist, ein phantastisches Nihil als Sprachschöpfung, die wir in begriffliche Wirklichkeit auszubauen versuchen? Wieder betrachten wir jenes Sein-an-sich und sagen nein. Es gibt hinter dem Phänomen nicht nur etwas Unendliches, sondern Undefinierbares. Von keinem Phänomen und von keiner Totalität von Phänomenen können wir behaupten, daß sie absolut existieren. Selbst wenn wir alle Phänomene auf ein einziges grundlegend universales Phänomen der Bewegung oder der Energie zurückführen, das keine weitere Reduktion zuläßt, erhalten wir nur ein undefinierbares Phänomen. Der eigentliche Begriff der Bewegung enthält in sich die potentielle Gegebenheit der Ruhe und verrät dadurch, daß sie Aktivität eines Seins ist. Die wahre Idee von Energie in Aktion enthält in sich die Idee von Energie, die sich der Aktion enthält. Eine absolute Energie, die nicht in Aktion ist, ist einfach und rein absolutes Sein. Wir haben nur diese Alternative: entweder ein undefinierbares reines Sein oder eine undefinierbare Energie in Aktion. Ist letztere allein wahr, ohne stabile Basis oder Ursache, dann ist Energie ein durch die allein existierende Aktion oder Bewegung erzeugtes Ergebnis oder Phänomen. Dann haben wir kein Sein, oder wir haben das Nihil der Buddhisten, bei dem das Sein nur Eigenschaft eines ewigen Phänomens, der Aktion, des Karma, der Bewegung ist. Das, so versichert die Reine Vernunft, läßt meine Wahrnehmungen unbefriedigt. Es widerspricht meinem fundamentalen Schauen, deshalb kann es nicht sein. Das führt uns empor, auf Stufen eines Aufstiegs, der zuletzt abrupt aufhört, und die ganze Treppe hängt ohne Widerlager im Leeren.

Wenn dieses undefinierbare, unendliche, zeitlose und raumlose Sein ist, dann ist es notwendig ein reines Absolutes. Es kann nicht in irgendeiner Quantität oder in viele Quantitäten summiert werden; es kann auch nicht aus einer Qualität oder aus einer Kombination von Qualitäten zusammengesetzt sein. Es ist kein Aggregat von Formen oder formales Substrat für Formen. Würden alle Formen, Quantitäten und Qualitäten verschwinden, so würde dieses Sein doch bleiben. Ein Sein ohne Quantität, ohne Qualität und ohne Form ist nicht nur begrifflich denkbar, es ist das einzige, das wir hinter diesen Phänomenen begreifen können. Notwendigerweise meinen wir, wenn wir sagen, es sei ohne diese Eigenschaften, daß es sie überragt, daß es etwas ist, in das sie auf solche Weise eingehen, daß das zu sein aufhört, was wir Form, Qualität und Quantität nennen, und daß sie aus ihm als Form, Qualität und Quantität in die Bewegung hervortreten. Sie gehen nicht in eine einzige Form, eine einzige Qualität oder eine einzige Quantität ein, die allem übrigen zugrunde liegt – denn so etwas gibt es nicht – sondern in etwas, das durch keinen dieser Begriffe definiert werden kann. So gehen alle Dinge, die Zustandsformen und Erscheinungen der Bewegung sind, in Jenes ein, aus dem sie herkamen. Dort werden sie, insoweit sie existieren, zu etwas, das nicht mehr mit den Begriffen beschrieben werden kann, die für sie in der Bewegung zutreffen. Darum sagen wir, das reine Sein ist ein Absolutes. Es ist an sich selbst durch unser Denken unerkennbar, obwohl wir in höchster Identität, die über die Begriffe der Erkenntnis hinausgeht, in es zurücktreten können. Im Gegensatz dazu ist die Bewegung das Feld des Relativen. Doch enthalten nach der eigentlichen Definition des Relativen alle Dinge in der Bewegung in sich das Absolute, sie sind in Ihm enthalten, und sie sind das Absolute. Die vom Vedanta gegebene Illustration, die diese Identität in ihrem Unterschied zum Absoluten und Relativen am nächsten darstellt, ist die Beziehung der Phänomene der Natur zum fundamentalen Äther, der in ihnen enthalten ist, sie konstituiert, sie in sich enthält und doch so verschieden von ihnen ist, daß sie, wenn sie in ihn eingehen, das zu sein aufhören, was sie jetzt sind. Wenn wir von Dingen sagen, sie kehren in das zurück, aus dem sie kamen, verwenden wir notwendigerweise die Sprache unseres Zeit-Bewußtseins und müssen uns dabei vor seinen Illusionen hüten. Das Hervortreten der Bewegung aus dem Unbeweglichen ist ein ewiges Phänomen. Unsere Begriffe und Wahrnehmungen sind nur deshalb gezwungen, dieses Phänomen in eine zeitliche Ewigkeit von aufeinanderfolgender Dauer zu versetzen – womit die Ideen von immer wiederkehrenden Anfang, Mitte und Ende verbunden sind weil wir es uns nicht in jenem anfang- und endlosen, immer-neuen Augenblick vorstellen können, der die Ewigkeit des Zeitlosen ist.

Man könnte einwenden, dies alles sei nur so lange gültig, als wir die Begriffe der Reinen Vernunft akzeptieren und ihnen unterworfen bleiben. Die Begriffe der Vernunft hätten aber keine zwingende Kraft. Wir dürften das Sein nicht durch das beurteilen, was wir mental begreifen, sondern durch das, was wir als seiend sehen. Die reinste, freieste Form der Einsicht in das Dasein, wie es ist, zeige uns nichts als Bewegung. Es existieren nur zwei Dinge, Bewegung im Raum und Bewegung in der Zeit, wobei die erstere objektiv, die letztere subjektiv ist. Ausdehnung ist wirklich, Dauer ist wirklich, Raum und Zeit sind etwas Wirkliches. Selbst wenn wir hinter die Ausdehnung im Raum zurücktreten und diese als psychisches Phänomen wahrnehmen könnten, als einen Versuch des Mentals, das Dasein praktisch handhabbar zu machen, daß wir das unzertrennbare Ganze auf einen begrifflichen Raum verteilen, könnten wir doch nicht hinter die Bewegung von Aufeinanderfolge und Wechsel in der Zeit zurücktreten. Denn diese sei der eigentliche Stoff unseres Bewußtseins. Wir und die Welt seien eine Bewegung, die dauernd vorwärtsschreitet und sich dadurch vermehrt, daß sie alle Aufeinanderfolgen der Vergangenheit in ein Gegenwärtiges einbezieht, das sich uns wieder als den Anfang aller Aufeinanderfolgen der Zukunft darstellt – ein Beginnen, ein Gegenwärtiges, das sich uns immer wieder entzieht, weil es nicht ist, denn es ist schon vergangen, bevor es geboren wird. Was ist, sei die ewige unteilbare Aufeinanderfolge der Zeit, die auf ihrem Strom eine progressive Bewegung von Bewußtsein trage, das auch unteilbar sei.4 Dauer also, ewig aufeinanderfolgende Bewegung und Wechsel in der Zeit, sei das einzige Absolute. Werden sei das einzige Sein.

In Wirklichkeit ist dieser Gegensatz zwischen tatsächlicher Einsicht in das Sein und begrifflichen Fiktionen der Reinen Vernunft trügerisch. Wenn in dieser Sache Intuition wirklich im Gegensatz zu Intelligenz stünde, könnten wir nicht ein rein begriffliches Vernunftdenken gegen fundamentale Einsicht vertrauensvoll unterstützen. Aber diese Berufung auf die intuitive Erfahrung ist unvollständig. Sie ist nur insoweit gültig, als sie fortschreitet, und irrt dort, wo sie kurz vor der vollständigen Erfahrung Halt macht. Solange sich die Intuition nur an das klammert, was wir werden, sehen wir uns in dauerndem Vorwärtsschreiten von Bewegung und Wechsel des Bewußtseins in der ewigen Aufeinanderfolge von Zeit. Wir sind der Strom, die Flamme in der Bildsprache des Buddhismus. Es gibt aber eine höchste Erfahrung und höchste Intuition, durch die wir hinter das Ich unserer Außenseite zurücktreten und finden, daß dieses Werden, dieser Wechsel und diese Aufeinanderfolge nur die äußere Erscheinung unseres Wesens sind und daß es Jenes in uns gibt, das überhaupt nicht in das Werden involviert ist. Wir können nicht nur die Intuition von diesem Etwas haben, das stabil und ewig in uns ist, können nicht nur in der Erfahrung einen flüchtigen Blick werfen hinter den Schleier der ständig dahinflutenden Erscheinungen des Werdens, sondern wir können uns auch dorthin zurückziehen und ganz in ihm leben. Dadurch bewirken wir eine völlige Wandlung in unserem äußeren Leben, in unserer Haltung gegenüber der Bewegung der Welt und in unserer Einwirkung auf sie. Die Stabilität, in der wir so leben können, ist genau das, was die Reine Vernunft uns bereits gegeben hat, obwohl man auch ohne das Vernunftdenken dahin gelangen kann und ohne im voraus zu wissen, was es ist: Es ist reines Sein, ewig, unendlich, undefinierbar, frei von den Einwirkungen der Aufeinanderfolge der Zeit, nicht involviert in die Ausdehnung des Raums, jenseits von Form, Quantität und Qualität. Es ist das Selbst, allein und absolut.

Das reine Sein ist also eine Tatsache und kein bloßer Begriff. Es ist die fundamentale Wirklichkeit. Wir wollen aber sofort hinzufügen: Bewegung, Energie, Werden sind ebenso Tatsache und Wirklichkeit Die höchste Intuition und die ihr entsprechende Erfahrung mögen die andere korrigieren, darüber hinausgehen, ja sie auch suspendieren; aber sie schaffen sie nicht ab. Wir haben also zwei fundamentale Tatsachen des reinen Seins und des Welt-Daseins, eine Tatsache des Seins und eine Tatsache des Werdens. Die eine oder die andere zu bestreiten, ist leicht. Die Tatsachen des Bewußtseins anzuerkennen und ihre Beziehungen zueinander zu entdecken, ist die wahre, fruchttragende Weisheit.

Wir müssen uns daran erinnern, daß Stabilität und Bewegung nur unsere psychischen Repräsentationen des Absoluten sind, wie das auch bei Einheit und Vielheit der Fall ist. Das Absolute steht jenseits von Stabilität und Bewegung, ebenso jenseits von Einheit und Vielfalt. Es hat seinen ewigen Stand der Ruhe in dem Einen und Stabilen, aber es wirbelt um sich selbst unendlich, unfaßbar, sicher in der Bewegung und vielfältig. Welt-Dasein ist der ekstatische Tanz Shivas, der den Körper des Gottes vor den Augen des Schauenden zahllos vervielfältigt: er beläßt aber jenes farblos-weiße Sein genau dort, wo und was es war, immer ist und ewig sein wird. Sein einziger absoluter Zweck ist die Freude am Tanz.

Da wir aber das Absolute an sich weder beschreiben noch ausdenken können, jenseits von Stabilität und Bewegung, jenseits von Einheit und Vielheit, und da uns das auch nicht zusteht, müssen wir die doppelte Tatsache annehmen und beide, Shiva und Kali, anerkennen. Wir müssen zu erkennen suchen, was diese unermeßliche Bewegung in Zeit und Raum im Blick auf jenes zeitlose und raumlose Reine Sein ist, das Eine und Stabile, auf das Meßbarkeit und Unmeßbarkeit unanwendbar sind. Wir haben gesehen, was Reine Vernunft, Intuition und Erfahrung über das Reine Sein, über sat zu sagen haben. Was haben sie aber über die Kraft, die Bewegung, über shakti zu sagen?

Als erstes haben wir uns zu fragen: Ist diese Kraft einfach nur Kraft, nur intelligenzlose Bewegungsenergie? Oder ist das Bewußtsein, das aus ihr in diese materielle Welt, in der wir leben, hervorzutreten scheint, nicht allein eines ihrer phänomenalen Resultate, vielmehr ihre eigene wahre und geheime Natur? In Begriffen des Vedanta: ist diese Kraft einfach prakriti, nur eine Bewegung von Kraftwirkung und Verfahren, oder ist prakriti in Wirklichkeit eine Macht von chit, ihrer Natur nach eine Kraft schöpferischer Selbstbewußtheit? Um die Lösung dieses wesentlichen Problems dreht sich alles übrige.

Kapitel X. Bewußte Kraft

Sie schauten die Selbst-Kraft des Göttlichen Wesens, tief verborgen durch seine eigenen bewußten Wirkensweisen.

Svetasvatara Upanishad, I.3.

Dieses ist Er, der wach ist in denen, die schlafen.

Katha Upanishad, V.8.

Alles phänomenale Dasein äßt sich auf Kraft, auf eine Bewegung von Energie zurückführen. Diese nimmt mehr oder minder materielle, mehr oder minder grobe oder feine Formen an, um sich ihrer eigenen Erfahrung gegenüber selbst darzustellen. In alten Gleichnissen, durch die sich menschliches Denken Ursprung und Gesetz des Wesens verständlich und wirklich zu machen versuchte, wurde dieses unendliche Dasein von Kraft als ein Meer dargestellt. Am Anfang ist es völlig ruhig und darum frei von Formen. Aber die erste Dünung, der Anfang einer Bewegung, macht das Erschaffen von Gestaltungen notwendig. Das ist der Keim des Universums.

Materie ist die Darstellung von Kraft, die für unsere Intelligenz am leichtesten vorstellbar ist, zumal sie durch Kontaktwirkungen in der Materie geprägt ist, auf die ein in ein materielles Gehirn involviertes Mental reagiert. Nach Auffassung der Physiker des Alten Indien ist der Elementarzustand materieller Kraft ein Zustand rein materieller Ausdehnung im Raum, deren besondere Eigentümlichkeit Vibration ist, die für uns durch das Phänomen von Klang typisiert wird. Vibration reicht aber in diesem Zustand von Äther nicht aus, um Formen zu erschaffen. Zuerst muß in der Strömung des Kraft-Ozeans ein Widerstand auftreten, ein Sich-Zusammenziehen und ein Sich-Ausdehnen, ein Wechselspiel von Vibrationen, ein Zusammenstoß von Kräften, um einen Anfang fester Beziehungen und gegenseitiger Wirkungen zu erschaffen. Wenn materielle Kraft ihren ersten ätherartigen Zustand verändert, nimmt sie einen zweiten, in der alten Sprache luftartig genannten, an, dessen besondere Eigentümlichkeit der Kontakt von Kraft zu Kraft ist, die Grundlage für alle materiellen Beziehungen. Wir haben jedoch noch keine wirklichen Formen, sondern nur variierende Kräfte. Ein weiteres Prinzip ist nötig, das Dauer schafft. Es wird durch eine dritte Selbst-Abwandlung der ursprünglichen Kraft bewirkt, deren Prinzip von Licht, Elektrizität, Feuer und Wärme die für uns charakteristische Manifestation ist. Nun können wir zwar Formen von Kraft haben, die ihren eigenen Charakter und ihre besonderen Wirkensweisen bewahren, aber noch keine stabilen Formen von Materie sind. Ein vierter Zustand wird durch Ausbreitung im Raum und einen ersten Vermittlungsstoff für Dauerwirkungen von Anziehung und Abstoßung charakterisiert, der anschaulich mit Wasser oder mit flüssiger Zustand bezeichnet wird. Ein fünfter Zustand von Kohäsion, Erde oder fester Zustand genannt, vollendet die Zahl der erforderlichen Elemente.

Alle Formen von Materie, die wir wahrnehmen, alle physischen Dinge bis zu den allerfeinsten, werden durch Kombination dieser fünf Elemente aufgebaut. Von ihnen hängt auch unsere ganze sinnenhafte Erfahrung ab. Durch den Empfang von Vibration kommt der Sinn für Klang. Durch Kontakt der Dinge in einer Welt von Vibrationen der Kraft entsteht der Tastsinn. Durch die Einwirkung von Licht bei den Formen, die durch die Kraft von Licht, Feuer und Wärme zum Leben gebracht, ausgeformt und erhalten werden, entsteht der Gesichtssinn. Durch das vierte Element bildet sich der Geschmackssinn. Das fünfte Element erschafft den Geruchssinn. Das alles ist im wesentlichen die Reaktion auf Vibrationskontakte zwischen den Kräften. Auf diese Weise überbrückten die Denker des Altertums die Kluft zwischen der reinen Kraft und ihren letzten Ausgestaltungen. Sie überwanden damit die Schwierigkeit, die das gewöhnliche Mental des Menschen am Verstehen hindert: Warum können alle diese Formen, die für seine Sinne so wirklich, fest und dauerhaft sind, in Wahrheit nur vorübergehende Phänomene sein, und warum kann etwas wie reine Energie, die für die Sinne nicht-existent, ungreifbar und eigentlich unglaubhaft ist, die einzige dauernde kosmische Realität sein?

Das Problem des Bewußtseins wird durch diese Theorie nicht gelöst. Sie erklärt nicht, inwiefern der Kontakt von Kraft-Vibrationen bewußte Empfindungen entstehen lassen sollte. Die Sankhya-Philosophen, die analytischen Denker, nahmen darum hinter den fünf Elementen noch zwei Prinzipien an, die sie mahat und ahankara nannten, Prinzipien, die in Wirklichkeit nicht-materiell sind. Ersteres ist nichts anderes als das ungeheure kosmische Prinzip von Kraft, letzteres ist das einteilende Prinzip der Ich-Formation. Trotzdem werden diese beiden Prinzipien, ebenso wie das Prinzip der Intelligenz, buddhi, im Bewußtsein nicht aufgrund der Kraft selbst aktiv, sondern dank einer inaktiven Bewußten Seele oder von Seelen, in denen ihre Aktivitäten reflektiert werden und die durch diese Reflexion die Tönung von Bewußtsein annehmen.

Diese Deutung wird von einer Schule indischer Philosophie angeboten, die den modernen materialistischen Ideen am nächsten kommt. Sie hat die Idee einer mechanischen oder unbewußten Kraft in der Natur so weit entwickelt, als es ernsthaft forschendem indischen Denken möglich war. Bei all seinen Mängeln war ihr Hauptgedanke doch so unbestreitbar, daß er allgemein angenommen wurde. Wie man auch immer das Phänomen Bewußtsein erklären mag, ob Natur nur ein träger Impuls oder ein bewußtes Prinzip ist, ganz gewiß ist es Kraft. Das Prinzip der Dinge ist eine gestaltende Bewegung von Energien. Alle Formen entstehen durch Zusammentreffen und gegenseitige Anpassung zwischen ungestalteten Kräften. Jede Empfindung und Betätigung ist Antwort von etwas in einer Form von Kraft auf Kontakte anderer Formen von Kraft. Das ist die Welt, wie wir sie erfahren. Von dieser Erfahrung müssen wir immer ausgehen.

Die physikalische Analyse der Materie durch die moderne Naturwissenschaft ist zum selben allgemeinen Schluß gekommen, auch wenn noch ein paar letzte Fragen in der Schwebe bleiben. Intuition und Erfahrung bestätigen diese Übereinstimmung zwischen Naturwissenschaft und Philosophie. Die Reine Vernunft findet in ihr die Bestätigung ihrer eigenen wesentlichen Auffassungen. Selbst wenn man die Welt ihrem Wesen nach als einen Akt von Bewußtsein auffaßt, ist eben ein Akt vorausgesetzt und im Akt eine Bewegung von Kraft, ein Spiel von Energie. Den gleichen Beweis für die fundamentale Art der Welt erhalten wir, wenn wir von innen her unsere eigene Erfahrung untersuchen. All unsere Aktivitäten sind das Spiel der dreifachen Kraft der alten Philosophien: Erkenntnis-Kraft, Begehrens-Kraft, Aktions-Kraft; sie alle erweisen sich in Wirklichkeit als drei Ströme einer einzigen ursprünglichen und identischen Macht, adya shakti. Selbst unsere Ruhezustände sind nur die Ausgeglichenheit oder das Gleichgewicht des Spiels ihrer Bewegung.

Wenn man annimmt, daß Bewegung von Kraft die ganze Natur des Kosmos ausmacht, erheben sich zwei Fragen. Zuerst: Wie kam es dazu, daß diese Bewegung überhaupt im Innern des Seins stattfand? Wenn wir annehmen, Kraft sei nicht nur ewig, sondern das eigentliche Wesen alles Seins, entsteht diese Frage nicht. Wir haben aber diese Theorie abgelehnt. Wir wissen um ein Sein, das nicht unter dem Zwang der Bewegung steht. Wie kann diese Bewegung, die der ewigen Ruhe des Seins fremd ist, in ihm stattfinden? Aus welcher Ursache? Durch welche Möglichkeit? Unter welchem geheimnisvollen Antrieb?

Die vom alten indischen Denken am meisten gebilligte Antwort lautet: Kraft ist dem Sein innewohnend. Shiva und Kali, brahman und shakti, sind eins, nicht zwei, die voneinander trennbar sind. Die dem Sein innewohnende Kraft mag in Ruhe oder in Bewegung sein. Auch wenn sie in Ruhe ist, existiert sie nichtsdestoweniger. Sie ist dann nicht aufgehoben, vermindert oder irgendwie in ihrem Wesen verändert. Diese Antwort ist völlig rational und in Übereinstimmung mit der Natur der Dinge, daß wir sie ohne Zögern annehmen können. Denn es ist unmöglich, weil ein Widerspruch gegen die Vernunft, anzunehmen, die Kraft sei etwas, das dem einen unendlichen Sein fremd gegenübersteht und von außen her in es eingedrungen ist oder das nicht-existent war und erst an einem gewissen Punkt der Zeit in ihm auftrat. Selbst die Theorie der Illusionisten muß zugeben, daß maya, die Macht der Selbst-Illusion, in brahman, im ewigen Wesen potentiell ewig ist. Dann erhebt sich als einzige Frage die nach ihrer Manifestation oder Nicht-Manifestation. Die Sankhya-Philosophie behauptet ebenfalls die ewige Koexistenz von prakriti und purusha, von Natur und Bewußter Seele, und die miteinander abwechselnden Zustände bei prakriti von Ruhe oder Gleichgewicht und von Bewegung oder Störung des Gleichgewichts.

Da aber Kraft so dem Sein eingeboren und es die Natur der Kraft ist, diese doppelte Kraftentfaltung von Ruhe und Bewegung, also von Selbst-Konzentration in Kraft und Selbst-Ausbreitung in Kraft, zu besitzen, erhebt sich gar nicht die Frage nach dem Wie der Bewegung, ihrer Möglichkeit, dem auslösenden Impuls oder der zwingenden Ursache. Wir können also leicht verstehen, daß sich diese Potentialität entweder darstellen muß als alternierender Rhythmus von Ruhe und Bewegung, die in der Zeit aufeinander folgen, oder als ewige Selbst-Konzentration von Kraft im unbeweglichen Sein mit einem oberflächlichen Spiel von Bewegung, Wechsel und Formation wie das Steigen und Fallen von Wogen auf der Oberfläche des Ozeans. Dieses Oberflächenspiel – von dem wir hier notwendigerweise in unzureichenden Bildern sprechen -kann entweder mit der Selbst-Konzentration gleichzeitig und selbst auch ewig sein oder in der Zeit anfangen und enden und immer wieder in einer Art von konstantem Rhythmus aufgenommen werden; dann ist es nicht in der Kontinuität, jedoch in der Wiederkehr ewig.

Nachdem wir so das Problem des Wie ausgeschaltet haben, steht vor uns die Frage nach dem Warum. Warum sollte diese Möglichkeit eines Spiels von Bewegung der Kraft überhaupt aktuell werden? Warum sollte die Kraft des Seins nicht ewig in sich selbst konzentriert bleiben, unendlich, frei von aller Variation und Gestaltung? Auch diese Frage stellt sich uns nicht, wenn wir annehmen, das Sein sei nicht-bewußt, die Bewußtheit sei nur eine Entfaltung materieller Energie, die wir irrtümlich für immateriell halten. Dann könnten wir einfach sagen, dieser Rhythmus sei die Art von Kraft im Sein, und es bestehe absolut kein Grund dafür, nach einem Warum zu suchen, nach einer Ursache, einem ursprünglichen Motiv oder einem letzten Zweck für das, was seiner Natur nach ewig selbst-seiend ist. Wir können diese Frage nicht an das ewige Selbst-Sein richten und es darüber ausforschen, warum es existiert oder wie es ins Dasein gekommen ist. Ebensowenig können wir die Selbst-Kraft des Seins und die ihr eingeborene Natur des Impulses über die Bewegung befragen. Erforschen können wir also nur ihre Art der Selbst-Manifestation, ihre Prinzipien von Bewegung und Gestaltung, ihren Evolutionsprozeß. Da beide, das Sein und die Kraft, träge sind, dumpf in Zustand und Impuls, beide unbewußt und unintelligent, kann es keinen Zweck, kein letztes Ziel in der Evolution, keine ursprüngliche Ursache oder Absicht geben.

Wenn wir aber vermuten oder entdecken, das Sein sei bewußtes Wesen, stellt sich uns das Problem. Wir können tatsächlich ein bewußtes Wesen annehmen, das untergeordnet ist seiner Natur von Kraft, von der es beherrscht wird, und darum keine Wahl hat, sich im Universum zu manifestieren oder nicht. Von solcher Art ist der kosmische Gott der Tantriker und Mayavadins, der shakti oder maya untertan ist. Purusha ist in maya involviert oder von shakti kontrolliert. Offensichtlich ist aber ein solcher Gott nicht das höchste unendliche Sein, von dem wir ausgegangen sind. Er ist zugegebenermaßen nur eine Gestalt von brahman im Kosmos, brahman geht logischerweise shakti und maya zeitlich voraus, die brahman wieder in sein transzendentes Wesen zurücknimmt, wenn sie von ihrem Wirken zurücktreten. Bei einem bewußten Sein, das absolut ist, unabhängig von seinen Gestaltungen, nicht determiniert durch sein Wirken, müssen wir die eingeborene Freiheit voraussetzen, die Potentialität von Bewegung zu manifestieren oder nicht zu manifestieren. Ein von prakriti beherrschtes brahman ist nicht brahman, sondern ein träges Unendliches, das in sich einen aktiven Inhalt besitzt, der machtvoller ist als das Beinhaltende, ein bewußter Träger von Kraft, dessen Kraft sein Gebieter ist. Wenn wir sagen, brahman sei von sich selbst als Kraft, also von seiner eigenen Natur, beherrscht, werden wir Widerspruch und Ausflucht unseres ersten Postulats nicht los. Wir müßten zu einem Sein zurückgehen, das in Wirklichkeit nichts anderes wäre als Kraft: Kraft in Ruhe oder in Bewegung, vielleicht eine absolute Kraft, aber kein absolutes Sein.

Wir müssen also die Beziehung zwischen Kraft und Bewußtsein erforschen. Was verstehen wir aber unter letzterem Begriff? Gewöhnlich verstehen wir darunter die uns nächstliegende Vorstellung von einem wachen mentalen Bewußtsein, wie es der Mensch während des größeren Teils seines körperlichen Daseins besitzt, wenn er nicht schläft, betäubt oder sonstwie seiner physischen und äußeren Empfindungen beraubt ist. Bei einer solchen Auffassung ist deutlich genug in der Ordnung des materiellen Daseins Bewußtsein die Ausnahme und nicht die Regel. Selbst wir Menschen besitzen es nicht ständig. Aber diese gewöhnliche oberflächliche Auffassung der Eigenart des Bewußtseins muß nun, wenn sie auch immer noch unser gewöhnliches Denken und unsere Gedankenverbindungen färbt, definitiv aus dem philosophischen Denken verschwinden. Wir wissen, daß es in uns etwas gibt, das auch dann bewußt bleibt, wenn wir schlafen, betäubt sind, unter der Wirkung von Drogen stehen oder in Ohnmacht liegen, also in allen scheinbar unbewußten Zuständen unseres physischen Wesens. Aber nicht nur das; vielmehr können wir jetzt sicher sein, daß die Denker des Altertums Recht hatten, wenn sie erklärten, auch in unserem Wachzustand selbst sei das, was wir unser Bewußtsein nennen, nur eine kleine Auswahl aus unserem ganzen bewußten Wesen. Es ist eine Oberflächenerscheinung, nicht einmal das Ganze unseres Mentalbereiches. Hinter ihm liegt, viel umfassender als es, ein subliminales oder unterbewußtes Mental, das der größere Teil unserer selbst ist und Höhen und Tiefen enthält, die noch kein Mensch je gemessen oder ausgelotet hat. Diese Erkenntnis verschafft uns den Ausgangspunkt für eine wahre Wissenschaft von der Kraft und ihren Wirkensweisen. Sie befreit uns endgültig von Einschränkung durch das Materielle und der Illusion des Handgreiflichen. Der Materialismus besteht freilich darauf, daß jede mögliche Ausweitung des Bewußtseins ein materielles Phänomen und von unseren physischen Organen unabtrennbar sei. Nicht das Bewußtsein verfüge über sie, es sei ihr Erzeugnis. Gegen die Flut wachsender Erkenntnis kann diese orthodoxe Behauptung aber ihr Feld nicht länger verteidigen. Ihre Erklärungen werden immer unzureichender und verkrampfter. Es wird immer klarer, daß die Leistungsfähigkeit unseres totalen Bewußtseins nicht nur bei weitem über unsere Organe, die Sinne, die Nerven, das Gehirn hinausgeht, sondern daß selbst für unser gewöhnliches Denken und Bewußtsein diese Organe nur deren gewohnheitsmäßige Werkzeuge, nicht ihre Erzeuger sind. Das Bewußtsein verwendet das Gehirn, das sein Drängen nach höherer Entwicklung hervorgebracht hat. Nicht das Gehirn hat das Bewußtsein produziert, noch verwendet es dieses. Es gibt sogar abnorme Vorkommnisse, die beweisen, daß unsere Organe nicht völlig unentbehrliche Instrumente sind. Der Herzschlag ist für das Leben ebensowenig absolut notwendig wie das Atmen, auch die organisierten Gehirnzellen sind es nicht für das Denken. Unser physischer Organismus verursacht oder erklärt Denken und Bewußtsein ebensowenig wie die Konstruktion einer Maschine die Antriebskraft des Dampfes oder der Elektrizität verursacht oder erklärt. Die Kraft ist das Primäre, nicht das physische Instrument.

Folgenschwere logische Konsequenzen ergeben sich hieraus. An erster Stelle dürfen wir fragen: Könnte nicht – da selbst dort mentales Bewußtsein existiert, wo wir nur Unbelebtheit und Trägheit sehen – auch in materiellen Objekten ein universales unterbewußtes Mental vorhanden sein, obwohl es nicht handeln und sich aus Mangel an Organen seinem äußeren Wesen nicht mitteilen kann? Ist der materielle Zustand eine Leere an Bewußtsein, ist er nicht vielmehr ein Schlaf des Bewußtseins, unter dem Gesichtspunkt der Evolution vielleicht ein ursprünglicher Schlaf und nicht der eines Zwischenzustandes? Belehrt durch das menschliche Beispiel, verstehen wir ja unter Schlaf nicht Suspendierung des Bewußtseins, sondern daß dieses nach innen gesammelt ist und sich von der bewußten physischen Reaktion auf die Einwirkungen äußerer Dinge zurückgezogen hat. Ist das nicht gerade der Zustand alles Daseins, das noch keine Mittel für Kommunikation mit der äußeren physischen Welt entwickelt hat? Gibt es nicht eine Bewußte Seele, purusha, die ewig wacht gerade in allem, das schläft?

Wir können noch weitergehen. Wir sollten, wenn wir vom unterbewußten Mental sprechen, mit diesem Ausdruck etwas meinen, das von der äußeren Mentalität nicht verschieden ist, sondern nur unter der Oberfläche wirkt, dem wachen Menschen unbekannt in diesem Sinne, außer wenn er tiefer hinabdringt und einen weiteren Horizont gewinnt. Aber die Phänomene des subliminalen Selbsts gehen weit über die Grenzen einer solchen Definition hinaus. Es umschließt ein Wirken, das an Leistungsfähigkeit dem, was wir als die Mentalität unseres wachen Selbsts erkennen, nicht nur unermeßlich überlegen, sondern auch der Art nach völlig verschieden ist. Wir haben darum ein Recht zu der Vermutung, es gibt in uns ein Überbewußtes ebenso wie ein Unterbewußtes, einen Bereich bewußter Fähigkeiten und entsprechend eine Organisation von Bewußtsein, die sich weit über jene psychische Schicht erhebt, der wir den Namen Mentalität geben. Kann aber dieses subliminale Selbst in uns, das sich über den Mentalbereich empor in das Überbewußte erhebt, nicht auch in das Unterbewußte unterhalb des Mentals hinabreichen? Gibt es in uns und in der Welt nicht Bewußtseinsformen, die submental sind und denen wir die Bezeichnung vitales und physisches Bewußtsein geben könnten? Wenn das so ist, müssen wir auch in der Pflanze und im Metall eine Kraft annehmen, die wir Bewußtsein nennen können, obwohl sie nicht die Mentalität von Mensch oder Tier ist, der wir bisher das Monopol dieser Bezeichnung vorbehalten hatten.

Das ist nicht nur wahrscheinlich, sondern gewiß, wenn wir die Dinge objektiv betrachten. Es gibt in uns solch ein vitales Bewußtsein, das in den Zellen des Körpers und in den automatischen Funktionen so wirkt, daß wir sinnvolle Bewegungen ausüben und Anziehungen und Abstoßungen gehorchen, denen unser Mental fremd gegenübersteht. Bei Tieren ist dieses vitale Bewußtsein ein noch wichtigerer Faktor. In Pflanzen nehmen wir es intuitiv wahr. Das suchende Sich-Ausstrecken und Sich-Zusammenziehen der Pflanze, ihre Lust und ihr Schmerz, ihr Schlaf und ihr Wachsein und all jenes geheimnisvolle Leben, dessen Wirklichkeit ein indischer Forscher durch streng wissenschaftliche Methoden ans Licht gebracht hat, sind alles Bewegungen von Bewußtsein, jedoch nicht, soweit wir sehen können, von Mentalität. Es gibt also ein Untermentales, ein vitales Bewußtsein, das genau dieselben anfänglichen Reaktionen hat wie das mentale, jedoch in der Konstitution seiner Selbst-Erfahrung vom mentalen Wesen ebenso verschieden ist wie das Überbewußte in der Konstitution seiner Selbst-Erfahrung von ihm.

Hört der Bereich dessen, was wir Bewußtsein nennen können, bei der Pflanze, bei dem auf, worin wir das Dasein eines unter-animalischen Lebens erkennen? Wäre das so, müßten wir eine Kraft des Lebens und des Bewußtseins voraussetzen, die ursprünglich der Materie fremd war, trotzdem – vielleicht aus einer anderen Welt – in sie eindrang und von ihr Besitz ergriff. Woher kann sie sonst gekommen sein?5 Die Denker des Altertums glaubten an die Existenz solch anderer Welten, die vielleicht Leben und Bewußtsein unserer Welt fördern und erhalten oder es sogar durch ihren Druck hervorrufen, es aber nicht dadurch erschaffen, daß sie selbst in diese Welt eintreten. Nichts kann sich aus der Materie entwickeln, das nicht bereits in ihr enthalten ist.

Es gibt aber keinen Grund zu der Annahme, die ganze Skala von Leben und Bewußtsein breche ab und mache vor dem Halt, was uns als rein materiell erscheint. Die Entwicklung neueren Forschens und Denkens scheint auf etwas wie einen dunklen Anfang von Leben und vielleicht auch auf eine Art von stumpfem oder unterdrücktem Bewußtsein im Metall, in den Erden und in anderen “unbelebten” Gestaltungen hinzuweisen, oder es könnte dort zumindest der Urstoff von dem, was in uns zum Bewußtsein wird, vorhanden sein. Doch ist ein Bewußtsein der Materie, der trägen Form, für uns tatsächlich schwer zu verstehen oder vorstellbar, während wir in der Pflanze das, was ich vitales Bewußtsein nannte, dunkel erkennen und begreifen können. So nehmen wir uns das Recht heraus, das, was wir für unser Verstehen und unsere Vorstellung zu schwierig finden, einfach zu bestreiten. Trotzdem wird, wenn man Bewußtsein weit genug bis in die Tiefen verfolgt, nicht glaubhaft, daß da plötzlich in der Natur eine solche Kluft sein sollte. Unser Denken hat ein Recht, auch dort eine Einheit anzunehmen, wo jene Einheit, die bei allen anderen Klassen von Phänomenen anerkannt wird, bei einer bestimmten Klasse zwar nicht bestritten wird, jedoch viel verborgener ist als in den anderen. Wenn wir annehmen, daß es in der Einheit keinen Bruch gibt, gelangen wir zum Dasein von Bewußtsein in allen Formen von Kraft, wo immer sie auch in der Welt am Werk ist. Selbst wenn es keinen bewußten oder überbewußten purusha geben sollte, der allen Formen innewohnt, gibt es doch in jenen Formen eine bewußte Kraft des Seienden, an der selbst ihre äußeren Teile aktiv oder passiv teilnehmen.

Bei einer solchen Anschauung verändert natürlich das Wort Bewußtsein seine Bedeutung. Es ist nicht mehr synonym mit Mentalität, sondern es bezeichnet eine ihrer selbst innegewordene Kraft des Seins, für die Mentalität nur ein Mittelbegriff ihrer vollen Entfaltung ist. Unterhalb der Mentalität sinkt das Bewußtsein in vitale und materielle Bewegungen hinab, die für uns unterbewußt sind. Oberhalb davon steigt es in das supramentale Bewußtsein empor, das für uns das Überbewußte ist. In allem ist es aber ein und dieselbe Sache, die sich in verschiedener Weise organisiert. Das ist wieder die indische Auffassung von chit, das als Energie die Welten erschafft. Im wesentlichen kommen wir so zu jener Einheit, die die materialistische Naturwissenschaft vom anderen Ende her wahrnimmt, wenn sie behauptet, das Mental könne keine andere Kraft sein als Materie, vielmehr allein Entfaltung und Ergebnis materieller Energie. Wo das Denken in Indien seine größte Tiefe erreicht hat, versichert es seinerseits, Mental und Materie sind in Wahrheit nur verschiedene Grade derselben Energie, verschiedene Organisationen einer einzigen bewußten Kraft des Seins.

Was für ein Recht haben wir aber zu der Annahme, Bewußtsein sei die zutreffende Beschreibung dieser Kraft? Bewußtsein setzt doch irgendwie Intelligenz, Zielbewußtsein, Selbsterkenntnis voraus, auch wenn diese nicht die Formen annehmen sollten, an die unsere Mentalität gewöhnt ist. Selbst von diesem Gesichtspunkt aus unterstützt alles eher die Idee einer universalen Bewußten Kraft, als daß es ihr widerspricht. Wir sehen zum Beispiel im Tier Betätigungen vollkommenen Zielbewußtseins und eines exakten, eigentlich wissenschaftlich genauen Wissens, die beide völlig jenseits der Fähigkeiten des Tier-Mentals liegen. Der Mensch kann diese nur durch lange Ausbildung und Erziehung erwerben, und selbst dann verwendet er sie viel weniger sicher und rasch. Wir sind berechtigt, in dieser allgemeinen Tatsache den Beweis für eine bewußte Kraft im Tier und im Insekt am Werk zu sehen, die intelligenter, zweckbewußter, klarer über ihre Absicht, ihre Ziele, Mittel und Bedingungen ist als die höchste Mentalität, die bisher auf Erden in individueller Form sichtbar hervorgetreten ist. Bei den Vorgängen in der unbelebten Natur finden wir dasselbe alles durchdringende charakteristische Anzeichen einer verborgenen höchsten Intelligenz: “Sie ist verborgen in den Verfahrensweisen ihres eigenen Wirkens.”

Das einzige Argument gegen eine bewußte, intelligente Ursache für dieses zweckbestimmte Wirken, für diese Betätigung von Intelligenz, von Auswahl, Anpassung und suchendem Tasten ist jenes weitverbreitete Element in den Abläufen der Natur, dem wir den Namen Verschwendung geben. Offensichtlich gründet sich aber dieser Einwand auf die Begrenztheit des menschlichen Intellekts, der den allgemeinen Verfahren der Welt-Kraft seine ihm eigene, besondere Rationalität aufzudrängen sucht, die gut genug ist für beschränkte menschliche Ziele. Sehen wir doch nur einen Teil vom Zweck und Ziel der Natur und nennen alles, was diesem Ausschnitt nicht förderlich ist, Verschwendung. Aber selbst unser eigenes menschliches Handeln ist voll von scheinbarer Vergeudung, die zwar vom individuellen Gesichtspunkt aus als solche erscheint, die aber, dessen können wir sicher sein, sehr wohl den weiten universalen Zweck der Dinge fördert. Jenen Teil ihrer Absicht, den wir überschauen können, bekommt die Natur ganz gewiß erfüllt trotz, vielleicht sogar tatsächlich mit Hilfe ihrer scheinbaren Verschwendung. Darum dürfen wir ihr auch voll für das übrige, das wir noch nicht überschauen können, vertrauen.

Alles in allem kann man unmöglich die Antriebskraft einer starken Zweckmäßigkeit, die Führung durch eine scheinbar blinde Tendenz und die Tatsache übersehen, daß die Weltkraft zuletzt oder auch unmittelbar das anvisierte Ziel trifft, das für ihre Wirkensweisen in Tier, Pflanze und unbelebten Dingen charakteristisch ist. Solange für das wissenschaftliche Denken die Materie Alpha und Omega gewesen ist, war es ehrlicher Zweifel, wenn man sich scheute zuzugeben, daß Intelligenz die Mutter von Intelligenz sein könne. Jetzt ist es nur noch ein fadenscheiniges Paradoxon zu behaupten, das Bewußtsein des Menschen, seine Intelligenz und Meisterschaft könne aus einem unintelligenten, blind antreibenden Nicht-Bewußtsein kommen, in dem keine Form oder Substanz von diesen vorher existiert. Das Bewußtsein des Menschen kann nichts anderes sein als eine Erscheinungsform des Bewußtseins der Natur. Es ist in anderen Formen unterhalb des Mentals involviert. Es tritt im Mental hervor. Es wird sich in noch höhere Formen jenseits des Mentals erheben. Denn die Kraft, die die Welten baut, ist eine Bewußte Kraft. Das Sein, das sich in ihnen manifestiert, ist ein Bewußtes Wesen. Ein vollkommenes Hervortreten all ihrer Potentialitäten in Gestaltung ist das einzige Ziel, das wir vernunftgemäß für die Manifestation der Bewußten Kraft in dieser Welt der Formen begreifen können.

Kapitel XI. Seins-Seligkeit: Das Problem

Wer könnte denn leben oder atmen, gäbe es nicht diese Seins-Seligkeit als den Äther, in dem wir wohnen? Aus der Seligkeit sind alle diese Wesen geboren, durch Seligkeit existieren und wachsen sie, in die Seligkeit kehren sie zurück.

Taittiriya Upanishad, II.7., III.6.

Selbst wenn wir dieses Reine Sein, dieses brahman, dieses sat als absoluten Anfang, Ende und Gefäß der Dinge und ein in brahman eingeborenes Selbstbewußtsein annehmen, das untrennbar ist von seinem Wesen, das sich als eine Kraft der Bewegung des Bewußtseins ausbreitet und schöpferisch wirkt in Kräften, Formen und Welten, haben wir immer noch die Frage zu beantworten: “Warum sollte brahman, das doch vollkommen, absolut und unendlich ist, nichts nötig hat und nichts begehrt, überhaupt Bewußtseins-Kraft aus sich hervorbringen, um in sich selbst diese Welten der Formen zu erschaffen?” Wir haben die Lösung abgelehnt, brahman werde durch seine eigene Kraft-Natur gedrängt zu erschaffen, es sei durch seine eigene Potenz an Bewegung und Gestaltung dazu gezwungen, in Formen einzugehen. Zwar trägt brahman diese Potenz in sich, aber es ist dadurch nicht begrenzt, gebunden oder gezwungen; es ist frei. Wenn es also frei ist, sich zu bewegen oder ewig in Ruhe zu verbleiben, sich selbst in Formen zu verausgaben oder die Potenz zur Form in sich selbst zurückzubehalten, und trotzdem seine Macht zu Bewegung und Gestaltung genießt und einsetzt, kann das nur aus einem Grunde geschehen: zu seiner Freude. Dieses ursprüngliche, höchste und ewige Sein ist, wie die Vedantins erkannt haben, nicht nur leeres Sein, auch kein bewußtes Sein, dessen Bewußtsein rohe Kraft oder Macht wäre. Vielmehr ist es ein bewußtes Sein, dessen Wesens-Inbegriff und Inbegriff seines Bewußtseins Seligkeit ist. So wie es im absoluten Sein kein Nichts, keine Nacht von Unbewußtheit und keinen Mangel, also kein Versagen der Kraft geben kann – denn gäbe es etwas davon, wäre es nicht absolut –, so kann es hier auch kein Leiden, keine Verneinung der Seligkeit geben. Absolutheit bewußten Seins ist unbegrenzbare Wonne bewußten Seins; beides sind nur verschiedene Ausdrücke für dieselbe Sache. Alle Unbegrenzbarkeit, alle Unendlichkeit, alle Absolutheit ist reine Seligkeit. Selbst in unserem relativen Menschsein machen wir die Erfahrung, daß alles Unbefriedigtsein Begrenzung, Widerstand bedeutet. Befriedigung tritt ein bei Verwirklichung von Versagtem, bei Überschreiten der Begrenzung, bei Überwindung des Hindernisses. Das kommt daher, weil unser ursprüngliches Wesen das Absolute ist, im vollen Besitz unendlichen und unbegrenzbaren Selbst-Bewußtseins und seiner Selbst-Macht, einem Selbst-Besitz, dessen anderer Name Selbst-Seligkeit ist. Je mehr das Relative mit diesem Selbst-Besitz in Berührung kommt, desto mehr nähert es sich der Zufriedenheit, berührt es die Freude.

Diese Selbst-Seligkeit des brahman ist aber nicht durch den stillen, bewegungslosen Besitz seines absoluten Selbst-Seins eingeschränkt. Ebenso wie seine Bewußtseins-Kraft fähig ist, sich unendlich und mit endloser Variation in Formen zu verausgaben, so ist auch seine Selbst-Seligkeit fähig zu Bewegung und Variation. Sie kann in jenem unendlichen Strömen und in der Verwandlungsfähigkeit des eigenen Wesens schwelgen, das sich im Wirbel zahlloser Systeme des Universums darstellt. Diese unendliche Bewegung und Variation seiner Selbst-Seligkeit auszulösen und sich daran zu erfreuen, ist der Zweck seines weit ausgebreiteten oder schöpferischen Spiels von Kraft.

Mit anderen Worten: Was sich da in Formen ausgegossen hat, ist ein dreieiniges Sein-Bewußtsein-Seligkeit, saccidananda, dessen Bewußtsein seiner Natur nach eine schöpferische, oder vielmehr eine sich selbst zum Ausdruck bringende Kraft ist, fähig, ihr selbstbewußtes Wesen in Phänomen und Form endlos zu variieren und sich an der Wonne dieser Variation unendlich zu erfreuen. Daraus folgt, daß alle existierenden Dinge sind, was sie sind, als Begriffe jenes Seins, als Begriffe jener bewußten Kraft, als Begriffe jener Seligkeit des Seienden. Genauso wie wir finden, daß alle Dinge veränderliche Formen des einen unveränderlichen Seins sind, endliche Resultate der einen unendlichen Kraft, so werden wir alle Dinge als den veränderlichen Selbst-Ausdruck der einen unveränderlichen, alles umfassenden Seligkeit des Selbst-Seins erkennen. In allem, was ist, wohnt die bewußte Kraft, und es existiert und ist, was es ist, durch diese bewußte Kraft. So ist auch in allem, was ist, die Freude des Seins, und es existiert und ist, was es ist, dank dieser Seligkeit.

Gegen diese alte vedantische Theorie vom Ursprung des Kosmos machen im Mental des Menschen sofort zwei mächtige Einwände Front: das Bewußtsein von Schmerz in Gefühl und Sinnen und das ethische Problem des Bösen. Wie können wir uns das allgemeine Vorhandensein von Kummer, Leid und Schmerz erklären, wenn die Welt ein Ausdruck von saccidananda sein soll, nicht nur von einem Sein, das bewußte Kraft ist – denn das kann man leicht zugeben –, sondern von einem Sein, das auch unendliche Selbst-Seligkeit ist? Diese Welt erscheint viel eher als eine Welt des Leidens, denn als eine Welt der Seins-Seligkeit. Gewiß ist diese Anschauung von der Welt übertrieben, ein Irrtum der Perspektive. Wenn wir die Welt leidenschaftslos und mit der einzigen Absicht betrachten, sie genau und ohne Emotionen einzuschätzen, finden wir, daß die Summe der Daseins-Lust bei weitem die Summe des Daseins-Schmerzes überwiegt, unbeschadet des gegenteiligen Anscheins und des Widerspruchs individueller Fälle, und daß, aktiv oder passiv, an die Oberfläche hervortretend oder darunter liegend, Daseins-Lust der Normalzustand der Natur ist. Der Schmerz ist ein Ereignis des Gegenteils, das diesen Normalzustand zeitweilig aufhebt oder überlagert. Gerade aus diesem Grund empfinden wir die geringere Summe von Schmerz intensiver, wirft sie oft einen bedrohlicheren Schatten auf unser Dasein als die größere Summe von Lust. Gerade weil letztere das Normale ist, schätzen wir sie nicht so sehr, nehmen wir sie eigentlich kaum wahr, es sei denn, sie steigert sich zu einer intensiveren Form ihrer selbst, zu einer Woge von Glücksempfinden und zum Überschwang von Freude oder Begeisterung. Dies ist es, was wir dann Seligkeit nennen und suchen, aber die normale Zufriedenheit im Dasein, die immer da ist, unabhängig von irgendeinem Ereignis, einem besonderen Grund oder Gegenstand empfinden wir als etwas Neutrales, das weder Lust noch Schmerz bringt. Sie ist eben da, eine wunderbare praktische Tatsache, denn ohne sie hätten wir nicht den allgemeinen, uns beherrschenden Selbsterhaltungstrieb. Aber das ist es nicht, was wir suchen. Darum tragen wir es in unserer Gewinn- und Verlustrechnung nicht auf dem Konto unserer Gefühle und Empfindungen ein. In dieser Abrechnung zählen wir auf der einen Seite nur positive Freuden, auf der anderen die Unannehmlichkeiten und Schmerzen auf. Schmerz berührt uns intensiver, weil er unserem Wesen abnorm erscheint, unserer natürlichen Tendenz entgegengesetzt ist und wir ihn als bösartige Einwirkung auf unser Dasein, als Beleidigung und Angriff von außen gegen das empfinden, was wir sind und zu sein suchen.

Indessen wird davon nicht die philosophische Streitfrage berührt, ob der Schmerz etwas Unnormales, ob seine Summe größer oder kleiner ist. Einerlei, ob größer oder kleiner, sein Dasein als solches verursacht das ganze Problem. Wenn alles saccidananda ist, wie können Schmerz und Leid überhaupt existieren? Dieses wirkliche Problem wird oft noch weiter kompliziert durch eine falsche Einstellung, die von der Idee eines persönlichen außerkosmischen Gottes ausgeht, und durch eine Teilfrage, die ethische Schwierigkeit.

Das Argument lautet dann etwa so: saccidananda ist Gott, ein bewußtes Wesen, der Urheber des Daseins. Wie kann dann Gott eine Welt erschaffen haben, in der Er Seinen Geschöpfen Leiden auferlegt, den Schmerz billigt und das Böse zuläßt? Wenn Gott der All-Gute ist, wer hat dann den Schmerz und das Böse erschaffen? Wenn wir sagen, Schmerz sei eine Prüfung und Heimsuchung, lösen wir das moralische Problem nicht, sondern haben dann einen Gott, der amoralisch oder nicht-moralisch ist – vielleicht ein ausgezeichneter Welt-Techniker, ein sehr kluger Psychologe, aber nicht ein Gott des Guten und der Liebe, den wir verehren können, sondern nur ein Gott der Macht, dessen Gesetzen wir uns zu unterwerfen haben oder von denen wir hoffen dürfen, seine Launen zu besänftigen. Wer die Quälerei als Mittel zur Prüfung oder Heimsuchung erfindet, steht gerichtet da, entweder wegen absichtlicher Grausamkeit oder wegen sittlicher Empfindungslosigkeit. Wenn er überhaupt ein moralisches Wesen ist, steht er niedriger als der höchste Instinkt seiner Geschöpfe. Wenn wir aber, um aus dieser moralischen Schwierigkeit herauszukommen, den Schmerz ein unvermeidliches Ergebnis und eine natürliche Strafe für das sittlich Böse nennen, – eine Erklärung, die nicht einmal mit den Fakten des Lebens übereinstimmt, oder wir müßten jene Theorie von Karma und Wiedergeburt anerkennen, wonach die Seele jetzt für Sünden leiden muß, die sie vor dieser Geburt in anderen Körpern begangen hat –, entgehen wir doch nicht dem wirklichen ethischen Grundproblem: Wer hat dann dieses moralisch Böse erschaffen? Warum und woraus wurde es erschaffen, das die Strafe von Schmerz und Leiden nach sich zieht? Wenn wir aber einsehen, daß das sittliche Böse in Wirklichkeit eine Form mentaler Krankheit oder Unwissenheit ist, erhebt sich wieder die Frage: Wer oder was hat dieses Gesetz oder diese unerbittliche Verbindung erschaffen, die eine mentale Krankheit oder einen Akt der Unwissenheit mit einer so schrecklichen Zurückweisung und durch Qualen bestraft, die oft so übertrieben und entsetzlich sind? Ein solches unerbittliches Karmagesetz ist unvereinbar mit einem höchsten sittlichen und persönlichen Gottwesen. Darum hat die klare Logik des Buddha die Existenz eines freien, alles regierenden, persönlichen Gottes abgelehnt und erklärt: Alle Personalität ist eine Schöpfung von Unwissenheit und dem Karma unterworfen.

In Wahrheit entsteht diese hier so kraß hervorgehobene Schwierigkeit nur, wenn wir die Existenz eines außer-kosmischen persönlichen Gottes annehmen, der nicht Selbst auch das Universum ist, eines Gottes, der das Gute und Böse, Schmerz und Leiden, für Seine Kreaturen geschaffen hat, Selbst darüber steht und davon nicht betroffen wird, der über einer leidenden, ringenden Welt wacht, sie regiert und Seinen Willen an ihr vollzieht oder, wenn Er dabei nicht Seinen Willen durchführt, erlaubt, daß die Welt durch ein unerbittliches Gesetz gehetzt wird, ohne daß sie bei Ihm Hilfe, höchstens ungenügende Hilfe finden kann,- eines Gottes, der eben nicht Gott, nicht all-mächtig, nicht all-gut und nicht all-liebend ist. Es gibt keine Theorie von einem außer-kosmischen moralischen Gott, mit der das Böse und das Leiden – die Erschaffung des Bösen und des Leidens – erklärt werden kann, man müßte denn zu einer unbefriedigenden Ausflucht greifen, die der aufgeworfenen Frage ausweicht, statt sie zu beantworten, oder einen direkten oder indirekten Manichäismus vertreten, der praktisch die Gottheit dadurch annulliert, daß er ihre Wege zu rechtfertigen oder ihre Werke zu entschuldigen sucht. Ein solcher Gott ist aber nicht das vedantische saccidananda. Das saccidananda des Vedanta ist ein Sein ohne ein Zweites. Alles was ist, ist Er. Wenn also das Böse und das Leiden existieren, ist Er es, der das Böse und das Leiden in der Kreatur trägt, in der Er Sich Selbst verkörpert hat. So ändert sich das Problem vollständig. Die Frage ist nicht mehr, wie Gott dazu kam, für Seine Geschöpfe Leiden und Böses zu erschaffen, das Er Selbst nicht auf Sich zu nehmen fähig, wogegen Er also immun ist, die Frage ist vielmehr: wie die einzige und unendliche Sein-Bewußtsein-Seligkeit dazu kam, in sich eindringen zu lassen, was nicht Seligkeit ist, sondern dessen unmittelbare Verneinung zu sein scheint.

So verschwindet die eine Hälfte der ethischen Schwierigkeiten – jene in ihrer einen unbeantwortbaren Form. Sie erhebt sich nun nicht mehr und kann auch nicht mehr vorgebracht werden. Grausamkeit anderen gegenüber, wobei Ich immun bleibe oder sogar an ihrem Leiden teilhabe und es danach bereue oder verspätetes Mitleid bezeige, ist die eine Sache.

Wenn Ich mir aber selbst Leid zufüge, Ich, der Ich das einzige Sein bin, ist das eine ganz andere Sache. Dennoch kann die ethische Schwierigkeit noch in einer abgewandelten Form neu vorgebracht werden: Da All-Seligkeit notwendigerweise auch All-Güte und All-Liebe sein muß, wie kann das Böse und das Leiden in saccidananda existieren, da dieses doch kein mechanisches Dasein, sondern ein freies und bewußtes Wesen ist, also frei, das Böse und das Leiden zu verurteilen und zurückzuweisen? Wir müssen jedoch erkennen, daß das so formulierte Problem die Frage falsch stellt. Denn man wendet dabei die Begriffe einer partiellen Behauptung an, als ob diese auf das Ganze angewandt werden dürften. Die Ideen von Güte und Liebe, die wir so in den Begriff der All-Seligkeit hineinbringen, entstammen einer dualistischen und zerteilenden Auffassung der Dinge. Sie gründen sich allein auf die Beziehungen zwischen den Kreaturen. Dennoch bestehen wir darauf, sie auf ein Problem anzuwenden, das im Gegensatz dazu von der Annahme des Einen ausgeht, der alles ist. Wir haben also zuerst zu untersuchen, wie das Problem in seiner ursprünglichen Reinheit auf der Basis der Einheit in Verschiedenheit aussieht und wie es gelöst werden kann. Nur dann können wir mit Sicherheit die Teilprobleme und ihre Abwandlungen behandeln, also die Beziehungen von Kreatur zu Kreatur auf der Grundlage der Zertrennung und Dualität.

Wenn wir so das Ganze überschauen und uns nicht nur auf die menschliche Schwierigkeit und den menschlichen Standpunkt beschränken, müssen wir erkennen, daß wir nicht in einer ethischen Welt leben. Der Versuch menschlichen Denkens, dem Ganzen der Natur einen ethischen Sinn aufzuzwingen, ist eine jener Handlungen willkürlicher, hartnäckiger Selbst-Verwirrung, einer von jenen bedauerlichen Versuchen des Menschen, sich selbst und sein beschränktes gewohnheitsmäßiges menschliches Ich in alle Dinge hineinzulesen und sie von dem Standpunkt aus zu beurteilen, den er persönlich entwickelt hat. Gerade das verhindert aber am wirkungsvollsten, zu wirklicher Erkenntnis und umfassender Schau zu kommen. Die materielle Natur ist nicht ethisch. Das Gesetz, das sie regiert, ist eine Koordinierung fester Gewohnheiten, die Gut und Böse nicht beachten, nur Kraft, die erschafft, Kraft, die ordnet und erhält, Kraft, die unparteiisch und unethisch stört und zerstört aufgrund eines geheimen Willens in ihr, im Einklang mit der stummen Befriedigung dieses Willens in seinen Selbst-Gestaltungen und Selbst-Zerstörungen. Auch die animalische und vitale Natur ist unethisch, obwohl sie in ihrer fortschreitenden Entwicklung das Rohmaterial hervorbringt, aus dem das höhere Tierwesen den ethischen Impuls entwickelt. Wir machen dem Tiger so wenig Vorwürfe, weil er seine Beute zerreißt und verschlingt, wie wir den Sturm tadeln, weil er zerstört, oder das Feuer, weil es quält und tötet. Die Bewußtheits-Kraft im Sturm, im Feuer oder im Tiger macht sich auch selbst keine Vorwürfe und verurteilt sich nicht. Vorwurf und Verurteilung oder vielmehr Selbst-Vorwurf und Selbst-Verurteilung sind der Anfang wahrer Ethik. Wenn wir anderen Vorwürfe machen, ohne dasselbe Gesetz auch uns gegenüber anzuwenden, sprechen wir nicht mit einem wahren ethischen Urteil, sondern verwenden wir nur die Sprache, die die Ethik entwickelt hat, zu unseren Gunsten für einen Gefühls-Impuls, für Abscheu oder Mißfallen gegenüber dem, was uns ärgert oder verletzt.

Dieses Verabscheuen oder Mißfallen ist der primäre Ursprung der Ethik, aber selbst nichts Ethisches. Die Furcht des Rehs vor dem Tiger, die Wut des starken Geschöpfs gegen seinen Angreifer sind ein vitales Zurückschrecken der Daseins-Seligkeit des Individuums vor dem, was es bedroht. Bei weiterem Fortschritt der Mentalität verfeinert sich das zu Widerwillen, Mißfallen, Mißbilligung. Diese Mißbilligung dessen, was uns bedroht und verletzt, und die Billigung dessen, was uns schmeichelt und befriedigt, verfeinern sich nun in den Begriff dessen, was gut und böse ist für uns selbst, für unsere Gemeinschaft, für andere als uns, für andere Gemeinschaften als die unsrige und zuletzt zu allgemeiner Billigung des Guten und Mißbilligung des Bösen. Aber die grundlegende Natur der Sache bleibt durchweg dieselbe. Der Mensch verlangt danach, sich selbst auszudrücken, sich selbst zu entwickeln, mit anderen Worten, er bejaht in sich das progressive Spiel der Bewußten Kraft des Seins. Darin findet er seine fundamentale Seligkeit. Was diesen Selbst-Ausdruck, diese Selbst-Entfaltung und Befriedigung seines progressiven Selbsts verletzt, ist für ihn böse. Was ihm hilft, es bestätigt, erhöht, ausweitet und adelt, ist für ihn gut. Nur verändert sich sein Verständnis für seine Selbst-Entfaltung, es wird umfassender und höher. Er beginnt, über seine begrenzte Persönlichkeit hinauszuwachsen, andere mit einzubeziehen und schließlich alles in seinem Gesichtskreis zu umfassen.

Mit anderen Worten: Ethik ist eine Stufe in der Evolution. Allen Stufen gemeinsam ist das Drängen von saccidananda, das Selbst auszudrücken. Dieses Drängen ist zunächst nicht-ethisch. Danach ist es im Tier unter-ethisch. Im intelligenten Tierwesen wird es sogar anti-ethisch, denn es läßt zu, daß wir eine Verletzung, die anderen zugefügt wird, billigen, während wir sie mißbilligen, wenn sie uns angetan wird. In dieser Beziehung ist der Mensch heute erst halb-ethisch. So, wie alles unter uns unter-ethisch ist, mag oberhalb von uns, wohin wir schließlich gelangen werden, etwas Über-ethisches sein, das auf die Ethik verzichten kann. Ethischer Impuls und ethische Haltung sind zwar für die Menschheit hochwichtig, jedoch nur ein Mittel, mit dem sie sich aus der niedrigeren Harmonie und Universalität in eine höhere emporringt. Die niedere gründet sich auf die Unbewußtheit und wird durch das Leben in individuelle Gegensätzlichkeiten zerbrochen. Die höhere ruht auf einem bewußten Einssein mit allen Wesen des Daseins. Wenn wir zu diesem Ziel gelangen, wird das Mittel der Ethik nicht mehr notwendig, sogar nicht mehr möglich sein, da die Eigenschaften und Gegensätze, von denen sie abhängt, sich natürlicherweise in endgültiger Versöhnung auflösen und verschwinden.

Besitzt also der ethische Standpunkt seine Gültigkeit nur für einen zeitweiligen, wenn auch höchst wichtigen Übergang aus der einen Universalität in eine andere, können wir ihn nicht auf die Gesamtlösung des Problems des Universums anwenden, sondern nur als ein Element neben anderen für diese Lösung anerkennen. Andernfalls laufen wir Gefahr, alle Tatsachen des Universums und den ganzen Sinn der Evolution unterhalb und oberhalb von uns zu verfälschen, um ihn einer temporären Betrachtung und einer nur halb-entwickelten Anschauung von der Nützlichkeit der Dinge anzupassen. Diese Welt ist dreischichtig: unterethisch, ethisch und überethisch. Wir müssen herausfinden, was ihnen gemeinsam ist. Nur so können wir das Problem lösen.

Als das allen Gemeinsame haben wir erkannt: die Befriedigung der bewußten Kraft des Seins, die sich in den Gestaltungen entfaltet und in dieser Entfaltung ihre selige Erfüllung sucht. In dieser Befriedigung oder Seligkeit des Selbst-Seins hat sie offenbar ihren Ursprung. Das ist das für sie Normale, hieran klammert sie sich, das macht sie zu ihrer Grundlage. Aber sie sucht nach immer neuen Formen von sich. Beim Übergang zu höheren Formen tritt das Phänomen von Schmerz und Leiden auf, das der fundamentalen Natur ihres Wesens zu widersprechen scheint. Das und dies allein, ist das grundlegende Problem.

Wie sollen wir es aber lösen? Sollen wir sagen: saccidananda ist nicht Anfang und Ende der Dinge? Sollte Anfang und Ende etwa das Nihil, ein neutrales Leeres, sein, das an sich nichts ist, aber doch alle Potenzen des Seins und des Nicht-Seins, des Bewußtseins und des Nicht-Bewußtseins, der Seligkeit und der Un-Seligkeit in sich enthält? Wir mögen, wenn wir wollen, diese Antwort vielleicht akzeptieren. Obwohl wir aber durch sie alles zu erklären suchen, haben wir in Wirklichkeit gar nichts erklärt. Wir haben nur in dieses Nichts alles hineingepackt. Ein Nichts, mit allen Potenzen angefüllt, ist der vollständigste Gegensatz gegen mögliche Begriffe und Dinge. Wir haben also nur einen geringeren Widerspruch durch einen größeren erklärt, indem wir den Selbst-Widerspruch der Dinge bis auf die höchste Spitze getrieben haben. Ein Nichts ist das Leere, in dem es keine Potentialitäten geben kann. Ein neutrales Unbestimmtes aller Potentialitäten ist Chaos. Und wir haben nur das Chaos in das Leere getan, ohne zu erklären, wie es dorthin gekommen ist. Wir wollen also wieder zu unserem ursprünglichen Begriff von saccidananda zurückkehren und sehen, ob nicht auf jener Grundlage eine vollständigere Lösung möglich ist.

Zunächst müssen wir uns klarmachen: Wenn wir von universalem Bewußtsein sprechen, meinen wir etwas, das andersartig, wesenhafter und umfassender ist als das wache mentale Bewußtsein des menschlichen Wesens. Ebenso meinen wir, wenn wir von universaler Seins-Seligkeit sprechen, etwas, das andersartig, wesenhafter und umfassender ist als das gewöhnliche emotionale und sinnenhafte Vergnügen des individuellen menschlichen Geschöpfes. Die Worte Lust, Freude und Wonne bedeuten so, wie sie der Mensch verwendet, begrenzte, gelegentliche Regungen, die von gewissen gewohnten Ursachen abhängen, in gleicher Weise wie ihr Gegenteil, Schmerz und Kummer, die auch begrenzte und gelegentliche Regungen sind. Beide treten aus einem Hintergrund hervor, der etwas anderes ist als sie. Seligkeit des Wesens ist universal, unbegrenzbar, selbst-seiend. Sie hängt nicht von bestimmten Ursachen ab. Sie ist der Hintergrund aller Hintergründe, aus dem Lust, Schmerz und die anderen, mehr neutralen Erfahrungen auftauchen. Sobald sich die Seins-Seligkeit als Seligkeit des Werdens zu realisieren sucht, tritt sie hervor in die Bewegung von Kraft und nimmt selbst dabei verschiedene Formen von Bewegung an, deren positive und negative Strömungen Lust und Schmerz sind. Unterbewußt in der Materie, überbewußt jenseits der Mentals, sucht sich diese Seligkeit in Mental und Leben dadurch zu verwirklichen, daß sie im Werden, im wachsenden Selbst-Bewußtsein der Bewegung in Erscheinung tritt. Ihre ersten Phänomene sind zwiespältig und unrein. Sie bewegen sich zwischen den Polen von Lust und Schmerz. Die Seligkeit strebt aber danach, sich in der Reinheit einer höchsten Seligkeit des Wesens zu offenbaren, die selbst-seiend und unabhängig ist von Objekten und Ursachen. So wie saccidananda hinstrebt zur Realisation des universalen Seins im Individuum und zu dem die Form überwindenden Bewußtsein in der Form von Körper und Mental, so bewegt es sich auch hin zur Realisation einer universalen, selbst-seienden und objektlosen Seligkeit im Strom besonderer Erfahrungen und Objekte. Diese Anlässe und Inhalte suchen wir jetzt als anregende Ursachen für eine vorübergehende Lust und Befriedigung. Sind wir aber frei und im Besitz unseres Selbsts, werden wir sie nicht mehr suchen, vielmehr als Reflektoren – statt als Ursachen – einer Seligkeit besitzen, die ewig ist.

In dem vom Ich bestimmten menschlichen Wesen, in der mentalen Person, die aus der dunkeln Schale der Materie hervortritt, ist die Seins-Seligkeit neutral, halb-verborgen, noch im Schatten des Unterbewußten, kaum mehr als ein noch unsichtbarer Pflanzboden, der einmal reiche Frucht bringen kann, jetzt aber durch das Verlangen mit dem üppigen Wuchs giftigen Unkrauts und kaum weniger giftiger Blumen bedeckt ist: mit den Schmerzen und Lüsten unseres egoistischen Daseins. Wenn die Göttliche bewußte Kraft, die insgeheim in uns wirkt, diese Gewächse des Verlangens verzehrt hat, wenn (nach dem Bild des Rig Veda) das Feuer Gottes den Wildwuchs der Erde abgebrannt hat, wird das, was an den Wurzeln dieser Schmerzen und Lüste verborgen ist, ihre Ursache und ihr geheimes Wesen, der Saft der Seligkeit in ihnen, in neuen Formen hervortreten: in Formen einer aus dem Selbst seienden frohen Befriedigung, nicht mehr in jenen des Verlangens. Die Lust des sterblichen Wesens wird durch die Wonne der Unsterblichkeit ersetzt werden. Diese Transformation ist deshalb möglich, weil die Gewächse der Sinne und Gefühle in ihrem wesenhaften Sein, die Schmerzen nicht weniger als die Lust, jene Seins-Seligkeit sind, die sie zwar suchen, aber noch nicht offenbaren können. Sie versagen wegen der Zertrennung, der Unkenntnis des Selbsts und der Ichhaftigkeit.

Kapitel XII. Seins-Seligkeit: Die Lösung

Seligkeit ist der Name von Jenem. Als die Seligkeit müssen wir Es verehren und nach Ihm suchen.

Kena Upanishad, IV.6.

In diesem Begriff einer unveränderlichen zugrunde liegenden Seins-Seligkeit, in der alle unsere äußeren oder vordergründigen Empfindungen ein positives, negatives oder neutrales Spiel sind, Wellen und Schaumkronen jener unendlichen Tiefe, finden wir die wahre Lösung des Problems, das wir untersuchen. Das Selbst der Dinge ist ein unendliches, unteilbares Sein. Die wesenhafte Natur oder Macht dieses Seins ist eine unendliche, unzerstörbare Kraft von selbst-bewußtem Wesen. Und die wesenhafte Natur oder das Wissen von sich selbst dieses Selbst-Bewußteins ist wiederum eine unendliche, unveränderliche Seligkeit des Seienden. In der Formlosigkeit und in allen Formen, in seinem ewigen Innesein des unendlichen, unteilbaren Seins und in den vielförmigen Erscheinungen der endlichen Zerteilung bewahrt sich dieses Selbst-Sein ständig seine Selbst-Seligkeit. Wie unsere Seele in der scheinbaren Unbewußtheit der Materie, sobald sie aus ihrer Gebundenheit an ihre eigene oberflächliche Gewohnheit und die besondere Art von selbstbewußtem Dasein hinauswächst, jene unendliche Bewußte Kraft entdeckt, die beständig, unbeweglich brütet, so entdeckt sie immer mehr in der scheinbaren Nicht-Empfindsamkeit der Materie eine unendliche, bewußte Seligkeit, unerschütterlich, ekstatisch, allumfassend, und kann sich auf sie einstimmen. Diese Seligkeit ist ihre eigene Seligkeit, und dieses Selbst ist ihr eigenes Selbst in allen Wesen. Aber für unsere gewöhnliche Anschauung vom Selbst und von den Dingen, die nur auf den Oberflächen wach ist und sich dort bewegt, bleibt sie verborgen, tief, unterbewußt. Wie diese Seligkeit allen Formen innewohnt, ist sie in allen Erfahrungen, ob erfreulich, schmerzlich oder neutral. Verborgen, tief, unterbewußt ist sie dort auch das, was es den Dingen möglich macht und sie zwingt, im Dasein zu verbleiben. Sie ist der Grund für jenes Sich-ans-Dasein-Klammern, für jenen alles beherrschenden Willen-zum-Sein, der, ins Vitale übersetzt, zum Selbst-Erhaltungstrieb wird, im Physischen zur Unzerstörbarkeit der Materie, im Mental zum Empfinden der Unsterblichkeit. Sie begleitet das geformte Dasein durch alle Phasen seiner Selbst-Entwicklung. Selbst der gelegentliche Impuls zur Selbst-Zerstörung ist nur eine umgekehrte Ausdrucksform von ihr, ein Hingezogenwerden zu einem anderen Seins-Zustand und die daraus folgende Flucht aus dem jetzigen Seins-Zustand. Seligkeit ist Sein, Seligkeit ist das Geheimnis der Schöpfung, Seligkeit ist der Ursprung der Geburt, Seligkeit ist der Grund, im Dasein zu verbleiben, Seligkeit ist das Ende der Geburt und jenes, in das sich die Schöpfung wieder auflöst. Die Upanishad sagt: “Aus ananda sind alle Wesen geboren, durch ananda bleiben sie im Sein und wachsen, zu ananda gehen sie fort.”

Wenn wir diese drei Aspekte wesenhaften Seins betrachten, die in Wirklichkeit eins, in unserem mentalen Schauen drei-einig und nur in der Erscheinung als die Phänomene des zerteilten Bewußtseins voneinander trennbar sind, können wir die auseinandergehenden Formeln der alten Philosophie an ihren richtigen Platz stellen, so daß sie sich vereinigen, eins werden und ihren uralten Streit beenden. Wenn wir das Welt-Dasein nur in seinen äußeren Erscheinungsformen betrachten, nur in seiner Beziehung zum reinen, unendlichen, unteilbaren, unveränderlichen Sein, sind wir berechtigt, es als maya anzusehen, zu beschreiben und zu realisieren. Im ursprünglichen Sinn bedeutet maya ein allumfassendes und aufnehmendes Bewußtsein, das die Dinge umgreifen, messen und begrenzen und darum Gestaltungen bilden kann. Maya legt die Umrisse fest und mißt aus, prägt Formen im Formlosen, versieht sie mit psychischen Fähigkeiten, scheint das Unerkennbare erkennbar zu machen, erkennt geometrische Gesetze, mit denen es das Unbegrenzte meßbar zu machen scheint. Später verlor dies Wort seine ursprüngliche Bedeutung von Erkenntnis, Geschicklichkeit und Intelligenz und bekam die abwertende Bedeutung von List, Trug, Illusion. In der Gestalt von Verführung oder Illusion wird maya dann von den philosophischen Systemen verwendet.

Welt ist maya. Weit ist nicht unwirklich in dem Sinne, daß sie nicht ein gewisses Sein hätte. Denn wenn sie auch nur ein Traum des Selbsts wäre, würde sie noch sein, in Ihm als ein Traum, wirklich für Es in der Gegenwart, wenn auch letztlich unwirklich. Wir sollten von der Welt nicht sagen, sie sei unwirklich in dem Sinn, daß sie nicht eine gewisse ewige Existenz besitzt. Obwohl sich bestimmte Welten und bestimmte Formen vielleicht (oder wirklich) physisch auflösen und mental aus dem Bewußtsein der Manifestation in die Nicht-Manifestation zurückkehren, sind doch die Form als solche und die Welt als solche ewig. Unvermeidlich kehren sie aus der Nicht-Manifestation wieder in die Manifestation zurück. Wenn sie auch keine ewige Dauer besitzen, so haben sie doch eine ewige Wiederkehr, eine ewige Unveränderlichkeit in ihrer Summe und in ihrer Grundlage, neben einer ewigen Veränderlichkeit in Aspekt und Erscheinung. Auch haben wir keinerlei Sicherheit für die Annahme, daß es je in der Zeit eine Periode gab oder geben wird, da sich keine Form von Universum und kein Spiel des Seienden vor sich selbst im ewigen Bewußten Wesen abspielt. Wir haben nur eine intuitive Auffassung dessen, daß die Welt, die wir kennen, aus Jenem in die Erscheinung treten kann und tritt und ständig in Es zurückkehrt.

Dennoch ist die Welt maya, weil sie nicht die wesenhafte Wahrheit des unendlichen Seins ist, sondern nur eine Schöpfung des seines Selbsts bewußten Wesens, – keine Schöpfung im Leeren, keine Schöpfung im Nichts und aus dem Nichts, vielmehr in der ewigen Wahrheit und aus der ewigen Wahrheit jenes Selbst-Wesens. Ihr Gefäß, Ursprung und Stoff sind das wesenhafte wirkliche Sein; ihre Formen sind veränderliche Gestaltungen von Jenem, zu Seiner eigenen bewußten Wahrnehmung, durch Seine eigene schöpferische bewußte Kraft determiniert. Sie sind befähigt zur Manifestation, zur Nicht-Manifestation und auch zur Anders-Manifestation. Wenn wir wollen, können wir sie deshalb Illusionen des unendlichen Bewußtseins nennen und damit kühn einen Schatten unseres eigenen mentalen Empfindens, dem Irrtum und der Unfähigkeit unterworfen zu sein, auf jenes zurückwerfen, das größer ist als das Mental und erhaben ist über unser Unterworfensein unter Irrtum und Illusion. Da wir aber sehen, daß das Essentielle und die Substanz des Seins keine Lüge sind und daß alle Irrtümer und Entstellungen unseres zerteilten Bewußtseins doch irgendeine Wahrheit des unteilbaren, seines Selbsts bewußten Seins darstellen, können wir nur sagen: Die Welt ist nicht wesenhafte Wahrheit von Jenem, doch phänomenale Wahrheit aus Seiner freien Vielfalt und unendlichen Veränderlichkeit an Seiner Außenseite, sie ist nicht Wahrheit Seiner fundamentalen, unveränderlichen Einheit.

Wenn wir andererseits Welt-Dasein nur in seiner Beziehung zum Bewußtsein und zur Kraft des Bewußtseins betrachten, können wir es ansehen, beschreiben und realisieren als eine Bewegung von Kraft, die einem geheimen Willen oder sonstigem Zwang gehorcht, der ihm gerade durch die Existenz des Bewußtseins auferlegt wird, das es besitzt und betrachtet. Dann ist Welt-Dasein ein Spiel von prakriti, der exekutiven Kraft, um purusha Genüge zu tun, dem Bewußten Wesen, das ihr zuschaut und sich an ihr freut. Oder Welt-Dasein ist das Spiel von purusha, der sich in den Bewegungen der Kraft widerspiegelt und sich mit ihnen identifiziert. Welt ist dann das Spiel der Mutter der Dinge, die dazu gedrängt ist, Sich Selbst ewig in die unendlichen Formen auszuprägen, und ewig danach strebt, Erfahrungen zu verströmen.

Betrachten wir dann wieder das Welt-Dasein in seiner Beziehung zur Selbst-Seligkeit des ewig seienden Wesens, können wir es ansehen, beschreiben und erkennen als lila. Die Seele der Dinge, ewig jung, dauernd unerschöpflich, Sich Selbst in Sich Selbst erschaffend und immer neu erschaffend aus reiner Wonne an dieser Selbst-Schöpfung, an dieser Selbst-Darstellung: das ist lila, das Spiel, die Freude des Kindes, die Freude des Dichters, die Freude des Schauspielers, die Freude des Technikers, – Er Selbst ist das Spiel, Er Selbst der Spieler, Er Selbst das Spielfeld. Diese drei allgemeinen Begriffe des Spiels des Seins in seiner Beziehung zum ewigen und beständigen, unveränderlichen saccidananda, die von den drei Auffassungen von maya, prakriti und lila ausgehen und sich in unseren philosophischen Systemen als einander widersprechende Philosophien darstellen, sind in Wirklichkeit voll miteinander vereinbar, einander ergänzend und in ihrer Totalität notwendig für integrale Anschauung des Lebens und der Welt. Die Welt, von der wir ein Teil sind, ist in ihrer offensichtlichsten Erscheinung eine Bewegung von Kraft. Wenn wir aber durch die Erscheinungen dieser Kraft hindurchdringen, erweist sie sich als ein ständiger und doch ewig veränderlicher Rhythmus von schöpferischem Bewußtsein, das in sich phänomenale Wahrheiten seines eigenen unendlichen, ewigen Wesens emporsteigen läßt und nach außen projiziert. Dieser Rhythmus ist seinem Wesen, seiner Ursache und seinem Zweck nach ein Spiel unendlicher Seligkeit des Seins, die sich in ihren eigenen unzählbaren Selbst-Darstellungen stets betätigt. Diese dreifache oder dreieinige Schau muß der Ausgangspunkt für unser ganzes Verstehen des Universums sein.

Da nun also die Wurzel der ganzen Sache ewige und unveränderliche Seligkeit des Seins ist, die in unendliche, veränderliche Seligkeit des Werdens ausströmt, müssen wir ein einziges, unteilbares, bewußtes Wesen hinter all unseren Erfahrungen begreifen, das sie durch seine unveränderliche Seligkeit trägt und erhält und das durch seine Bewegung die Variationen von Lust, Schmerz und neutraler Indifferenz in unserem empfindenden Dasein bewirkt. Jenes ist unser wirkliches Selbst. Da das mentale Wesen der dreifachen Vibration unterworfen ist, kann es nur eine Repräsentation unseres wahren Selbsts sein, das für die Zwecke dieser sinnlichen Erfahrung der Dinge herausgestellt wurde, die der erste Rhythmus unseres zerteilten Bewußtseins in seiner Antwort und Reaktion auf die vielfältigen Kontakte des Universums ist, eine unvollkommene Reaktion, ein verworrener und unharmonischer Rhythmus. Er soll nur das volle einheitliche Spiel des bewußten Wesens in uns vorbereiten und präludieren (vorspielen), ist noch nicht die wahre und vollkommene Symphonie, die uns einmal geschenkt werden soll, sobald wir uns in den Einklang des Gefühls mit dem Einen in allen Variationen eingefügt haben und in die gesamte absolute universale Harmoniefülle einstimmen können.

Wenn diese Betrachtung richtig ist, drängen sich uns unvermeidlich Folgerungen auf. Zunächst kann, da wir in unseren Tiefen selbst jener Eine, in der Wirklichkeit unseres Wesens das unteilbare All-Bewußtsein und darum auch die unveränderliche All-Seligkeit sind, die Anordnung unserer sinnlichen Erfahrung in den drei Vibrationen von Schmerz, Lust und Indifferenz nur eine vordergründige Anlage sein, die durch jenen begrenzten Teil von uns erschaffen wurde, der ganz oben in unserem Wachbewußtsein zutage tritt. Dahinter muß in uns etwas sein – viel weiter, tiefer und wahrer als das oberflächliche Bewußtsein –, das unparteiisch in all unseren Erlebnissen seine Seligkeit findet. Diese Seligkeit fördert und erhält insgeheim das vordergründige mentale Wesen und gibt ihm die Kraft, in allen Mühen, Leiden und Heimsuchungen der turbulenten Bewegung des Werdens durchzuhalten. Was wir unser Ich nennen, ist nur ein zitternder Strahl an der Oberfläche. Dahinter liegt das ganze unermeßliche Unterbewußte, das unermeßliche Überbewußte, das sich all diese Erfahrungen des äußeren Menschen zunutze macht und sie seinem äußeren Selbst auferlegt, das es wie einen lichtempfindlichen Film den Kontakten der Welt aussetzt. Das wahre Selbst bleibt verhüllt. Es empfängt diese Kontakte und assimiliert sie in die Werte einer wahreren, tieferen, beherrschenden und schöpferischen Erfahrung. Aus seinen Tiefen sendet es sie an die Oberfläche zurück in Formen von Stärke, Charakter, Wissen, Impuls zum Handeln, deren Wurzeln für uns deshalb geheimnisvoll sind, weil unser Mental sich nur unsicher zitternd an der Oberfläche bewegt und noch nicht gelernt hat, sich zu konzentrieren und in den Tiefen zu leben.

In unserem gewöhnlichen Leben ist diese Wahrheit vor uns verborgen, oder sie taucht nur gelegentlich flüchtig vor unserem Blick auf oder wird unvollkommen erfaßt und begriffen. Wenn wir es aber lernen, in unserem Innern zu leben, erwachen wir unfehlbar zur Erkenntnis dieser Gegenwart in uns, die unser wirklicheres Selbst ist: eine tiefe, stille, frohe und machtvolle Gegenwart, deren Meister nicht die Welt ist, eine Gegenwart, die, wenn sie nicht der Herr Selbst, dann doch die Strahlung des Herrn in unserem Innern ist. Wir werden ihrer inne, da sie unser äußerlich erscheinendes und vordergründiges Selbst fördert und ihm hilft, seiner Lust und seinen Schmerzen zulächelt, als sei es der Irrtum und die Leidenschaft eines kleinen Kindes. Und wenn wir zurücktreten können in uns selbst und uns identifizieren, nicht mit unserer oberflächlichen Erfahrung, sondern mit dem strahlenden Lichtkreis des Göttlichen Wesens, vermögen wir den Kontakten der Welt gegenüber in dieser Haltung zu leben. Indem wir in unserem ganzen Bewußtsein hinter den Erfahrungen von Lust und Schmerz des Körpers, des vitalen Wesens und des Mentals zurückstehen können, besitzen wir sie zwar als Erfahrungen, ihre Natur kann aber, oberflächlich wie sie ist, unsern Kern und wahres Wesen nicht berühren oder beeindrucken. Nach den höchst ausdrucksvollen Begriffen des Sanskrit gibt es ein anandamaya hinter dem manomaya, ein unermeßliches Seligkeits-Selbst hinter dem begrenzten mentalen Selbst. Letzteres ist nur ein Schattenbild und ein entstellter Reflex des ersteren. Die Wahrheit unserer selbst liegt in unserem Inneren und nicht an der Oberfläche.

Wiederum kann diese dreifache Vibration von Lust, Schmerz und Indifferenz deshalb in sich keine Absolutheit, keine Notwendigkeit besitzen, weil sie vordergründig, Anordnung und Ergebnis unserer unvollkommenen Evolution ist. Es gibt für uns keinen wirklichen Zwang, einen besonderen Kontakt mit einer besonderen Reaktion von Lust, Schmerz oder neutralem Empfinden zu beantworten. Es gibt nur einen Zwang der Gewohnheit. Bei einem besonderen Kontakt fühlen wir Lust oder Schmerz, weil unsere Natur diese Gewohnheit gebildet und weil der Empfänger diese ständige Beziehung zwischen sich und diesem Kontakt festgelegt hat. Es liegt durchaus innerhalb unserer Macht, mit der entgegengesetzten Reaktion zu antworten, mit Lust, wo wir uns an Schmerz gewöhnt hatten, mit Schmerz, wo wir gewöhnlich mit Lust reagierten.

Ebenso liegt es aber auch innerhalb unserer Kompetenz, unser äußeres Wesen daran zu gewöhnen, daß es, statt der mechanischen Reaktionen von Lust, Schmerz oder Indifferenz, jene freie Antwort unveränderlicher Seligkeit erteilt, die die ständige Erfahrung des wahren, weiten Seligkeits-Selbsts in unserem Innern ist. Das ist ein noch größerer Sieg und ein noch tieferer, vollständigerer Besitz unseres Selbsts, als wenn wir die gewohnten Reaktionen unserer Außenseite nur froh und unbeteiligt in den Tiefen aufnehmen. Diese Haltung ist nicht mehr nur reines Akzeptieren, ohne unterworfen zu sein, freie Zustimmung zu unvollkommenen Werten der Erfahrung, sondern sie gibt uns die Kraft, Unvollkommenes in Vollkommenes, falsche in wahre Werte umzuwandeln; die ständige aber wahrhaftige Seligkeit des Geistes in den Dingen übernimmt den Platz jener Dualitäten, die vom mentalen Wesen erfahren werden.

In den Dingen des Mentals kann man unschwer diese rein gewohnheitsmäßige Relativität der Reaktionen von Lust und Schmerz wahrnehmen. Dagegen ist das nervliche Wesen in uns an eine gewisse feste Geltung in diesen Beziehungen und an einen falschen Eindruck ihrer Absolutheit gewöhnt. Für es sind Sieg, Erfolg, Ehre, Glück aller Art an sich selbst absolut erfreuliche Dinge, die genauso Freude hervorrufen müssen, wie Zucker süß schmecken muß. Dagegen sind für es Niederlage, Versagen, Enttäuschung, Schande, Unglück aller Art an sich absolut unerfreuliche Dinge, die ebenso sicher Kummer hervorrufen müssen, wie die Wermutwurzel bitter schmecken muß. Diese Reaktionen zu verändern, bedeutet für unser Nervensystem ein Abweichen von der faktischen Wirklichkeit, ist unnormal und krankhaft. Das nervliche Wesen ist an die Gewohnheit versklavt. Es ist an sich ein von der Natur dazu bestimmtes Mittel, in Beziehungen des Menschen zum Leben Konstanz der Reaktion, Gleichheit der Erfahrung und ein feststehendes Schema zu bringen. Das mentale Wesen dagegen ist frei. Es ist das von der Natur zu Elastizität und Variation, Wechsel und Fortschritt bestimmte Mittel. Der Mensch als mentales Wesen ist nur solange unterworfen, als er sich dafür entscheidet, unterworfen zu bleiben, lieber in der einen mentalen Gewohnheit als einer anderen zu verharren. Er ist unfrei, solange er sich von seinem nervlichen Instrument beherrschen läßt. Das mentale Wesen ist absolut nicht gezwungen, über Niederlage, Schande und Verlust Kummer zu empfinden. Diesen wie allen Dingen kann es mit vollkommener Gleichgültigkeit gegenübertreten. Es kann ihnen sogar mit vollkommener Freude begegnen. Darum erkennt der Mensch, daß seine Freiheit um so größer wird, je mehr er sich weigert, sich von Nerven und Körper beherrschen zu lassen, je mehr er sich aus seiner Verstrickung in seine physischen und vitalen Schichten zurückzieht. Er wird zum Meister seiner eigenen Reaktionen auf die Berührungen der Welt, bleibt nicht länger Sklave äußerer Einwirkungen.

Bei Lust und Schmerz des physischen Wesens ist es schwieriger, diese universale Wahrheit anzuwenden. Denn hier ist der eigentliche Bereich der Nerven und des Körpers, Zentrum und Sitz dessen in uns, was seiner Natur nach von äußerem Kontakt und Druck beherrscht wird. Aber selbst hier haben wir einen flüchtigen Anblick der Wahrheit. Wir sehen sie in der Tatsache, daß, je nach Gewohnheit, dieselbe physische Berührung erfreulich oder schmerzlich sein kann, nicht nur für verschiedene Individuen, sondern auch für denselben Menschen unter verschiedenen Umständen oder auf verschiedenen Stufen seiner Entwicklung. Wir sehen diese Wahrheit in der Tatsache, daß Menschen in Zeiten großer Erregung oder eines hohen Enthusiasmus physisch gegen Schmerz gleichgültig oder seiner unbewußt bleiben, während dieselben Einwirkungen ihnen unter gewöhnlichen Umständen harte Qualen oder Leiden verursachen würden. In vielen Fällen kehrt erst dann das Empfinden von Leiden zurück, wenn es den Nerven gelungen ist, sich wieder zu behaupten und das Mental an seine gewohnheitsmäßige Verpflichtung zum Leiden zu erinnern. Aber diese Rückkehr zum üblichen Zwang ist nicht unvermeidlich, sie ist nur gewohnheitsmäßig. Wir sehen, daß man bei Hypnose der hypnotisierten Person nicht nur erfolgreich verbieten kann, den Schmerz einer Wunde oder eines Stiches zu fühlen, solange sie im abnormen Zustand ist, sondern sie auch mit gleichem Erfolg daran hindern kann, nach dem Erwachen wieder zu ihrer gewohnten Reaktion des Leidens zurückzukehren. Der Grund für dieses Phänomen ist ganz einfach: Der Hypnotiseur schaltet das gewöhnliche wache Bewußtsein aus, das der Sklave der nervlichen Gewohnheiten ist, und kann nun an das subliminale mentale Wesen in den Tiefen appellieren, an das innere mentale Wesen, das – sofern der Mensch es will – der eigentliche Herr über Nerven und Körper ist. Diese Freiheit, die durch Hypnose rasch in abnormer Weise, ohne daß man im Besitz seiner selbst ist, durch fremden Willen, bewirkt wird, kann man ebenso gut auf normale Weise gewinnen: allmählich, durch wirkliche Bemeisterung seiner selbst, durch eigenen Willen, so daß man teilweise oder vollständig einen Sieg des mentalen Wesens über die gewohnheitsmäßigen nervlichen Reaktionen des Körpers erringen kann.

Schmerz des Mentals und Körpers ist ein Kunstgriff der Natur, das heißt der Kraft in ihren Werken, der einem bestimmten vorübergehenden Zweck in ihrer Evolution nach oben dienen soll. Vom Standpunkt des Individuums aus ist die Welt ein Spiel, ein komplexes Aufeinanderprallen vielfältiger Kräfte. Inmitten dieses komplexen Spiels steht der einzelne Mensch als ein beschränkt konstruiertes Wesen mit einer begrenzten Menge an Kraft. Er ist zahllosen Schocks ausgesetzt, die ihn verwunden, verkrüppeln, zerbrechen oder sogar die Struktur dessen, was er sein Ich nennt, völlig zersetzen oder auflösen können. Seiner Natur nach ist Schmerz ein nervliches und physisches Zurückschrecken vor einer gefährlichen und schädlichen Berührung. Er ist ein Teil dessen, was die Upanishad jugupsa nennt, das Zurückscheuen des begrenzten Wesens vor dem, was nicht es selbst ist, was nicht in Sympathie und Harmonie mit ihm steht. Er ist sein Impuls der Selbstverteidigung gegen “andere”. Von diesem Gesichtspunkt aus ist er ein Hinweis der Natur auf das, was vermieden werden oder, wenn es nicht erfolgreich vermieden werden kann, wieder in Ordnung gebracht werden soll. In der rein physischen Welt kommt der Schmerz nicht vor, solange das Leben nicht in sie eintritt. Bis dahin reichen die mechanischen Methoden aus. Die Aufgabe des Schmerzes beginnt, wenn das Leben mit seiner Gebrechlichkeit und unvollkommenen Herrschaft über die Materie auftritt. Er wächst mit dem Wachsen des Mentals im Leben. Seine Funktion dauert solange, wie das Mental in Leben und Körper, die es verwendet, gefesselt ist, von ihnen abhängt, um Erkenntnis zu gewinnen und sie zum Handeln zu verwenden, und ihren Beschränkungen, ichhaften Impulsen und Zielen unterworfen ist, die aus diesen Beschränkungen entstehen. Wenn und sobald das Mental im Menschen fähig wird, frei, ich frei zu werden und in Harmonie zu kommen mit allen anderen Wesen und mit dem Spiel der universalen Kräfte, vermindern sich Nutzen und Dienst des Leidens. Seine Daseinsberechtigung muß schließlich aufhören, und es kann nur noch als Atavismus der Natur fortdauern, als eine Gewohnheit, die ihre Nützlichkeit überlebt hat – ein Weiterbestehen des Niederen in der noch unvollkommenen Organisation des Höheren. Das Leiden zuletzt völlig auszuschalten, muß wesentliches Ziel sein bei dem vom Schicksal bestimmten Sieg der Seele über ihre Unterwerfung unter die Materie und über die egoistische Einschränkung im Mental.

Diese Ausschaltung ist möglich, weil Schmerz und Lust an sich Strömungen der Seins-Seligkeit sind, die eine unvollkommen, die andere übertrieben. Der Grund für diese Unvollkommenheit und Übertriebenheit liegt in der Selbst-Zerteilung des menschlichen Wesens in seinem Bewußtsein durch das Abgrenzen und Einschränken von maya. Die Folge davon ist, daß das Individuum die Kontakte nicht universal aufnimmt, sondern ichhaft und stückweise. Für die universale Seele enthalten alle Dinge und alle Kontakte der Dinge in sich eine Essenz von Seligkeit, die am besten durch den Sanskrit-Begriff der Ästhetik als rasa beschrieben wird; das bedeutet zugleich den Saft oder die Essenz einer Sache und ihren Geschmack. Weil wir nicht das Wesenhafte einer Sache bei ihrem Kontakt mit uns suchen, sondern nur auf die Art ihrer Einwirkung schauen, auf unsere Begierden und Befürchtungen, unser vielfaches Verlangen und angstvolles Zurückschrecken, nimmt rasa die Formen von Kummer und Schmerz, einer unvollkommenen, vorübergehenden Lust oder der Gleichgültigkeit an, rein wegen unserer Unfähigkeit, die Essenz der Dinge zu erfassen. Wenn wir in Mental und Herz vollkommen ohne ichhafte Interessen sein und dieses Losgelöstsein unserem nervlichen Wesen auferlegen könnten, wäre die immer stärkere Ausschaltung dieser unvollkommenen und übertriebenen Formen von rasa möglich und der wahre wesenhafte Geschmack der unveränderlichen Seins-Seligkeit mit all ihren Variationen für uns erreichbar. Wir gewinnen etwas von dieser Befähigung zur variablen aber universalen Freude bei der ästhetischen Aufnahme von Dingen, die uns durch die Bildenden Künste und die Poesie dargestellt werden. Dort können wir rasa, den Geschmack, auch des Leidvollen, Schrecklichen, selbst des Furchtbaren und Abstoßenden genießen. (In der Sanskrit-Rhetorik heißen die Begriffe dieses rasa: karuna, bhayanaka und bibhatsa.) Der Grund dafür ist, daß wir losgelöst, ohne ichhaftes Interesse sind, nicht an uns selbst oder unsere Selbst-Verteidigung, jugupsa, denken, sondern nur an die Sache und an ihr Wesen. Sicher ist ein solches ästhetisches Empfangen der Kontakte kein genaues Bild und auch keine Widerspiegelung der Reinen Seligkeit, die supra-mental und supra-ästhetisch ist. Letztere würde Kummer, Angst, Schrecken und Abscheu zusammen mit ihren Ursachen beseitigen, während erstere sie noch bestehen läßt; aber sie stellt partiell und unvollkommen eine der Stufen der progressiven Seligkeit der Universalen Seele in ihrer Manifestation in den Dingen dar und führt uns in dieser einen Schicht unserer Natur hin zu jener Losgelöstheit vom ichhaften Empfinden und zu jener universalen Haltung, durch die die Eine Seele dort Harmonie und Schönheit schaut, wo wir zerteilten Wesen eher Chaos und Zwietracht erfahren. Unsere vollständige Befreiung kann aber erst durch eine ähnliche Befreiung in allen unseren Schichten kommen, ist die universale Empfindung des Schönen, der universale Stand in der Erkenntnis, die universale Losgelöstheit von allen Dingen und dennoch eine Sympathie mit allen in unserem nervlichen und emotionalen Wesen.

Die Natur des Leidens besteht darin, daß die Bewußte Kraft in uns versagt, die Schocks des Daseins auszuhalten, deshalb zurückschreckt und sich zusammenzieht; darum liegt an seiner Wurzel eine Unausgeglichenheit zwischen der Kraft, die aufnimmt, und der Kraft, die das Aufgenommene im Besitz hält. Die Ursache ist unser Selbst-Eingeschränktsein durch Ichhaftigkeit als Folge der Unkenntnis unseres Selbsts, des saccidananda. Darum muß zur Ausschaltung des Leidens zuerst titiksa das jugupsa ersetzen: daß wir allen Schocks des Daseins standhalten, sie ertragen und überwinden, statt vor ihnen zurückzuschrecken und uns in uns zusammenzuziehen. Durch dieses Ertragen und Überwinden kommen wir weiter zur Gelassenheit, die entweder gelassene Indifferenz allen Kontakten gegenüber sein mag oder gelassene Freude in allen Kontakten. Diese Gelassenheit muß eine feste Grundlage dadurch bekommen, daß das saccidananda-Bewußtsein, das die All-Seligkeit ist, das Ich-Bewußtsein ersetzt, das Freude und Leid empfindet. Das saccidananda-Bewußtsein kann dabei dem Universum gegenüber transzendent und erhaben sein. Zu diesem Zustand einer entrückten Seligkeit führt der Pfad gleichmütiger Indifferenz, der Pfad des Asketen. Oder das saccidananda-Bewußtsein mag gleichzeitig transzendent und universal sein. Zu diesem Zustand gegenwärtiger und all-umfassender Seligkeit führt der Pfad der Unterwerfung und Hingabe des Ichs an das Universale und der Besitz einer alles durchdringenden gelassenen Freude. Das ist der Pfad der Weisen der alten Zeit, der Kenner des Veda. Aber das erste unmittelbare und natürliche Ergebnis der Selbst-Disziplin der Seele ist Neutralität gegenüber den unvollkommenen Einwirkungen von Lust und den übertriebenen Einwirkungen von Schmerz. Wandlung zur gelassenen Freude kann gewöhnlich erst danach kommen. Die unmittelbare Transformation der dreifachen Vibration in ananda ist möglich, aber für das menschliche Wesen weniger leicht.

Eine solche Betrachtung des Universums ergibt sich also aus der integralen bejahenden Erkenntnis des Vedanta. Ein unendliches, unteilbares Sein, all-wonnevoll in seiner reinen Selbst-Bewußtheit, tritt aus seiner fundamentalen Reinheit in das vielartige Spiel der Kraft, die Bewußtsein ist, in die Bewegung von prakriti, die das Spiel von maya ist. Die Seligkeit seines Seins ist zuerst im Selbst gesammelt, ganz absorbiert und unterbewußt in der Basis des physischen Universums. Dann tritt sie in einer großen Masse neutraler Bewegung hervor, die aber noch nicht das ist, was wir mit Empfindung bezeichnen. Sie kommt weiter heraus mit dem Wachsen des Mentals und des Ichs in der dreifachen Vibration von Schmerz, Lust und Indifferenz, die der Eingrenzung der Bewußtseins-Kraft in die Form entspringt und der Tatsache, daß sie den Schocks der universalen Kraft ausgesetzt ist, die sie als fremdes Element und Disharmonie empfindet gegenüber ihrem eigenen Maß und Standard. Zuletzt tritt saccidananda voll und bewußt in seinen Schöpfungen hervor durch Universalität, Gelassenheit, den Besitz des Selbsts und den Sieg über die Natur. Dieses ist der Lauf und die Bewegung der Welt.

Wenn man also fragt, warum das Eine Sein in einer solchen Bewegung Freude finden sollte, liegt die Antwort in der Tatsache, daß Seiner Unendlichkeit alle Möglichkeiten eingeboren sind und daß die Seins-Seligkeit – und zwar in ihrem veränderlichen Werden, nicht nur in ihrem unveränderlichen Sein – genau im Bereich der verschiedengestaltigen Verwirklichungen seiner Möglichkeiten liegt. Die Möglichkeit, die hier im Universum, von dem wir ein Teil sind, herausgearbeitet wird, fängt damit an, daß sich saccidananda in dem verbirgt, was als sein eigenes Gegenteil erscheint, und daß es sich selbst gerade inmitten der Begriffe des ihm Entgegengesetzten finden muß. Unendliches Sein verliert sich an die Erscheinung des Nicht-Seienden und tritt daraus hervor in der Erscheinung einer endlichen Seele. Unendliches Bewußtsein verliert sich selbst an die Erscheinung einer unermeßlichen indeterminierten Unbewußtheit und tritt in der Erscheinung eines oberflächlichen begrenzten Bewußtseins wieder hervor. Unendliche sich selbst erhaltende Kraft verliert sich in die Erscheinung eines Chaos von Atomen und tritt in der Erscheinung einer unsicheren Gleichgewichtslage einer Welt wieder hervor. Unendliche Seligkeit verliert sich selbst an die Erscheinung einer empfindungslosen Materie und tritt wieder hervor in der Erscheinung eines disharmonischen Rhythmus von abwechselndem Schmerz, Lust und neutralem Fühlen, von Liebe, Haß und Indifferenz. Unendliche Einheit verliert sich selbst in die Erscheinung eines vielfältigen Chaos und taucht in einer Disharmonie von Kräften und Wesen wieder auf, die eine Einheit dadurch wiederzugewinnen suchen, daß sie einander in Besitz nehmen, zerstören und verschlingen wollen. In einer solchen Schöpfung muß das wirkliche saccidananda hervortreten. Der Mensch, das individuelle Wesen, muß zu einem universalen Wesen werden und als solches leben. Sein beschränktes mentales Bewußtsein muß sich zu der überbewußten Einheit ausweiten, in der jeder einzelne alle umschließt. Sein enges Herz muß die unendliche Umarmung lernen. Es muß seine Gelüste und Zwiespältigkeiten durch universale Liebe ersetzen. Sein eingeengtes mentales Wesen soll dem ganzen Schock des Universums gewachsen sein und darin die universale Seligkeit empfinden können. Sogar sein physisches Wesen soll von sich wissen, daß es keine abgesonderte Gestaltung, sondern eins ist mit dem ganzen Strom jener unteilbaren Kraft, die in allen Dingen ist, und daß es diese in sich trägt und nährt. Seine ganze Natur soll im Individuum die Einheit, Harmonie und das Eins-in-allen-Sein der Höchsten Seins-Bewußtseins-Seligkeit immer neu darstellen.

Mitten in diesem ganzen Spiel ist die geheime Wirklichkeit immer die eine und selbe Seins-Seligkeit. Sie ist dieselbe in der Seligkeit des unterbewußten Schlafs, bevor das Individuum hervortritt, in der Seligkeit des Widerstreits und all der Spielarten, Schicksalsschläge, Übertreibungen, Wandlungen, Umkehrungen des Bemühens, sich im Gewirr des halb-bewußten Traums zurechtzufinden, dessen Mittelpunkt das Individuum ist. Sie ist dieselbe in der Seligkeit des ewigen überbewußten Selbst-Besitzes, zu der der Mensch erwachen und dort eins werden soll mit dem unteilbaren saccidananda. Das ist das Spiel des Einen, des Herrn, des Alls, wie es sich unserer befreiten und erleuchteten Erkenntnis von dem es empfangenden Standpunkt dieses materiellen Universums her offenbart.

Kapitel XIII. Die Göttliche Maya

Im Namen des Herrn und in ihrem Namen gestalteten und maßen sie die Kraft der Mutter des Lichts. Macht um Macht dieser Kraft trugen die Herren der maya als ein Gewand und arbeiteten so die Form aus in diesem Seienden. Die Meister von maya gestalteten alles durch Seine maya. Die Väter, die die göttliche Schau haben, setzten Ihn ins Innere wie ein Kind, das geboren werden soll.

Rig Veda, III,38.7.; IX,83.3.

Sein, das durch die Macht und aus reiner Freude seines bewußten Wesens wirkt und erschafft, ist die Wirklichkeit, die wir sind, das Selbst all unserer Seinsweisen und Stimmungen, Ursache, Zweck und Ziel all unseres Handelns, Werdens und Erschaffens. Wie der Dichter, Künstler oder Musiker, wenn er etwas erschafft, in Wirklichkeit nichts anderes tut, als eine in seinem nichtmanifestierten Selbst enthaltene Potenz in eine Form der Manifestation zu entfalten, wie Denker, Staatsmann, Techniker nur das in dingliche Gestaltung herausbringen, was in ihnen selbst verborgen lag, was sie selbst waren und auch dann noch sind, wenn es in Form geprägt ist, so ist es mit der Welt und mit dem Ewigen. Alle Schöpfung oder alles Werden ist nichts als diese Selbst-Manifestation. Aus dem Keim entwickelt sich, was schon im Keim enthalten ist, präexistent war, im Wesen prädestiniert ist in seinem Willen zum Werden, im voraus angelegt ist auf die Seligkeit des Werdens. Das ursprüngliche Plasma enthielt schon in sich, in der Kraft des Wesens, den aus ihm entstehenden Organismus. Denn immer ist es jene geheime, die Last der Schöpfung tragende, selbst-bewußte Kraft, die sich unter ihrem eigenen unwiderstehlichen Impuls abmüht, die Form ihrer selbst zu manifestieren, mit der sie belastet ist. Allein der individuelle Mensch, der aus sich heraus etwas erschafft oder entwickelt, macht einen Unterschied zwischen sich, der in ihm wirkenden Kraft und dem von ihm bearbeiteten Material. In Wirklichkeit ist er die Kraft selbst. Das individualisierte Bewußtsein, das der Kraft als Werkzeug dient, ist er selbst. Das Material, das sie verwendet, ist er selbst. Und auch die sich ergebende Form ist er selbst. Mit anderen Worten: es gibt nur ein einziges Sein, eine einzige Kraft, eine einzige Seligkeit des Wesens, die sich an verschiedenen Punkten konzentriert und an jedem Punkt sagt: “Dieses bin ich” und dort durch ein vielfältiges Spiel der Selbst-Kraft für ein vielfältiges Spiel der Selbst-Gestaltung wirkt.

Was diese Selbst-Kraft hervorbringt, ist sie selbst. Es kann nichts anderes als sie selbst sein. Sie arbeitet ein Spiel aus, einen Rhythmus, eine Entfaltung ihres eigenen Seins, ihrer eigenen Bewußtseins-Kraft und ihrer Seins-Seligkeit. Darum sucht alles, was in die Welt eintritt, nichts anderes als dies: zu sein, zu der beabsichtigten Gestaltung zu gelangen, sein Selbst-Sein in dieser Gestalt auszuweiten, das Bewußtsein und die ihm innewohnende Macht zu entwickeln, zu manifestieren, zu vermehren, bis ins Unendliche zu realisieren. Es will die Freude seines Eintritts in die Manifestation besitzen: die Seligkeit der Form des Seienden, die Seligkeit des Rhythmus des Bewußtseins, die Seligkeit des Spiels der Kraft. Diese Freude will es mit allen verfügbaren Mitteln vergrößern und vervollkommnen, in jeder Richtung, durch jede Idee seiner selbst, die ihm nahe gelegt wird durch das Sein, die Bewußtseins-Kraft und die Seligkeit, die in seinem tiefsten Wesen wirksam wird.

Wenn es ein Ziel, eine Vollkommenheit gibt, nach der alles strebt, kann es – beim Individuum ebenso wie bei dem Ganzen, das die Einzelnen konstituieren – nur die Vervollkommnung seines Selbst-Seins sein, seiner Macht, seines Bewußtseins und seiner Freude als Seiendes. Solange aber das individuelle Bewußtsein innerhalb der Grenzen der individuellen Gestaltung konzentriert ist, kann es keine solche Vollkommenheit haben. Eine absolute Vollkommenheit ist im Endlichen nicht erreichbar, weil sie dem Selbst-Begriff des Endlichen fremd ist. Darum ist einzig mögliches Endziel das Hervortreten des unendlichen Bewußtseins im individuellen Menschen. So entdeckt er wieder die Wahrheit von sich selbst durch Selbst-Erkenntnis und Selbst-Verwirklichung, die Wahrheit des Unendlichen im Seienden, des Unendlichen im Bewußtsein, des Unendlichen in der Freude, die er wieder in Besitz nimmt als sein eigenes Selbst und als Wirklichkeit, von der das Endliche nur Maske und Instrument ist, um es in verschiedenartiger Weise auszudrücken.

So müssen wir uns, gerade durch die Natur des Welt-Spiels, wie es von saccidananda in der ungeheuren Weite Seines als Raum und Zeit ausgebreiteten Seins verwirklicht wurde, zuerst eine Involution und Selbst-Absorption des bewußten Wesens in die Dichtigkeit und unendliche Teilbarkeit des Stoffs vorstellen. Anders kann es keine endliche Variation geben. Ferner müssen wir erkennen, wie die Kraft, die sich selbst in das geformte, in das lebendige und in das denkende Wesen einsperrte, daraus hervortritt. Schließlich sehen wir, wie das gestaltete denkende Wesen in die freie Verwirklichung seiner selbst als das Eine und Unendliche freigesetzt wird, das in der Welt sein Spiel aufführt. Durch die Befreiung erlangt es wieder die grenzenlose Seins-Bewußtseins-Seligkeit, die es jetzt schon insgeheim wirklich und ewig ist. Diese dreifache Bewegung ist der ganze Schlüssel des Welt-Rätsels.

Auf diese Weise nimmt die alte ewige Wahrheit des Vedanta die moderne, an den äußeren Erscheinungen orientierte Wahrheit der Evolution im Universum in sich auf, erleuchtet und rechtfertigt sie und zeigt uns ihre volle Bedeutung. Nur so kann diese moderne Wahrheit der Evolution, die die alte Wahrheit des Universals ist, das sich in der Aufeinanderfolge der Zeit entfaltet, ihre volle Bedeutung und Rechtfertigung finden. Durch das Studium von Kraft und Materie allein wird sie nur dunkel geschaut, sie erleuchtet sich selbst durch das Licht der alten ewigen Wahrheit, die für uns noch in den vedantischen Schriften aufbewahrt ist. Dieser gegenseitigen Selbst-Entdeckung und Selbst-Erleuchtung durch die Verschmelzung alter östlicher und neuer westlicher Erkenntnis wendet sich heute das Denken der Welt zu.

Dennoch ist noch nicht alles erklärt, wenn wir gefunden haben, alle Dinge sind saccidananda. Wir erkennen zwar die Wirklichkeit des Universums, kennen aber nicht den Prozeß, durch den sich diese Wirklichkeit in diese Welt der Erscheinung verwandelt hat. Wir besitzen zwar den Schlüssel des Rätsels, müssen aber noch das Schloß finden, in das er paßt. Denn dieses Sein, diese Bewußte Kraft, diese Freude handelt nicht unmittelbar oder mit souveräner Unverantwortlichkeit wie ein Zauberer, der Welten und Systeme des Universums durch das reine Gebot seines Wortes aufbaut. Wir nehmen einen Prozeß wahr und erkennen ein Gesetz.

Es ist wahr, daß sich bei unserer Analyse dieses Gesetz in ein Gleichgewicht des Spiels von Kräften und in eine Bestimmung dieses Spiels durch bestimmte Grundregeln aufzulösen scheint, die durch das Zusammentreffen von Entwicklung und gewohntem Ablauf früher verwirklichter Energie wirken. Diese scheinbare und sekundäre Wahrheit ist aber für uns nur so lange gültig, als wir allein Kraft wahrnehmen. Wenn wir erkennen, daß Kraft ein Selbstausdruck des Seins ist, müssen wir auch einsehen, daß die von der Kraft eingeschlagene Richtung einer Selbst-Wahrheit jenes Seins entspricht, das die konstante Kurve und Bestimmung der Kraft regiert und determiniert. Da Bewußtsein die Natur des ursprünglichen Seins und das Wesen seiner Kraft ist, muß diese Wahrheit eine Selbst-Wahrnehmung im Bewußten Seienden sein und diese Bestimmung der von der Kraft eingeschlagenen Richtung von der Macht eines selbst-dirigierenden Wissens herrühren, das dem Bewußtsein eingeboren ist und es dazu befähigt, seine Kraft unwiderstehlich auf die logische Bahn ursprünglicher Selbst-Wahrnehmung zu lenken. Also gibt es im universalen Bewußtsein eine selbst-bestimmende Macht, eine Fähigkeit im Selbst-Innesein des unendlichen Seins, eine gewisse Wahrheit in sich selbst zu erkennen und ihre Kraft zur Schöpfung auf der Linie dieser Wahrheit, die ständig über der kosmischen Manifestation waltet, zu leiten.

Warum sollten wir aber zwischen das unendliche Bewußtsein selbst und das Resultat seines Wirkens eine besondere Macht oder Befähigung einschieben? Könnte sich dieses Selbst-Innesein des Unendlichen nicht frei entfalten und Gestaltungen schaffen, die nachher solange im Spiel bleiben, als über sie kein Gebot ausgesprochen wird, das verlangt, sie sollten aufhören, – etwa so, wie uns die alte Offenbarung der Semiten berichtet: “Gott sprach, es werde Licht, und es ward Licht”? Wenn wir nun sagen: “Gott sprach, es werde Licht”, nehmen wir den Akt einer Bewußtseins-Macht an, die entscheidet, daß Licht aus allem anderen entstehen soll, das nicht Licht ist. Wenn wir weiter sagen: “und es ward Licht”, setzen wir eine lenkende Kraft voraus, eine aktive Macht, die der ursprünglichen, wahrnehmenden Macht entspricht und das Phänomen hervortreten läßt. Da sie Licht gemäß der ursprünglichen Wahrnehmung herausarbeitet, verhindert sie, daß es von all den unendlichen Möglichkeiten überwältigt wird, die anders sind als es. Ein unendliches Bewußtsein kann in seiner unendlichen Aktion nur unendliche Resultate zustande bringen. Um auf der Grundlage einer feststehenden Wahrheit oder einer Ordnung von Wahrheiten eine Welt in Übereinstimmung mit dem zu errichten, was festgelegt ist, ist eine auswählende Kraft des Wissens erforderlich, die den Auftrag hat, eine endliche Erscheinung aus der unendlichen Wirklichkeit zu gestalten.

Diese Macht war den vedischen Sehern unter dem Namen maya bekannt. Für sie bedeutet maya die Macht unendlichen Bewußtseins, aus der unermeßlichen, unbegrenzten Wahrheit unendlichen Seins Namen und Gestalt zu begreifen, in sich zu enthalten und abzugrenzen, d. h. zu formen – denn Form ist Abgrenzung. So wird durch maya jene statische Wahrheit des wesenhaft Seienden zur geordneten Wahrheit des aktiv Seienden, oder – in einer mehr metaphysischen Sprache – aus dem Höchsten Wesen, in dem alles ohne die Schranke eines trennenden Bewußtseins alles ist, tritt das phänomenale Dasein hervor, in dem alles in jedem einzelnen und jeder einzelne in allem ist, für das Spiel des Seins mit dem Sein, des Bewußtseins mit dem Bewußtsein, der Kraft mit der Kraft und der Seligkeit mit der Seligkeit. Dieses Spiel aller im einzelnen und jedes einzelnen in allem wird anfangs vor uns verborgen durch das mentale Spiel oder die Illusion von maya, das den einzelnen zwar davon überzeugt, daß er in allem ist, daß aber nicht alle in ihm seien, daß er unter allen als ein abgesondertes Wesen lebe, nicht aber als ein Wesen, das immer untrennbar eins ist mit dem übrigen Dasein. Später müssen wir aus diesem Irrtum in das supramentale Spiel oder in die Wahrheit von maya kommen, wo “jeder einzelne” und “alle” in der untrennbaren Einheit der einen Wahrheit und des vielfältigen Symbols zusammen existieren. Zuerst müssen wir diese niedere, gegenwärtige und täuschende mentale maya akzeptieren, um sie dann zu überwinden. Es ist Gottes Spiel mit Zerteilung, Finsternis und Begrenzung, mit Begehren, Widerstreit und Leiden, in dem Er Sich Selbst der Kraft unterstellt, die aus Ihm Selbst hervorging und Ihm ihre unerleuchtete Art als Leiden der Verfinsterung auferlegt. An jener anderen maya, die durch diese mentale maya verborgen ist, müssen wir zuerst vorübergehen. Später müssen wir sie völlig annehmen, denn sie ist Gottes Spiel der Unendlichkeiten des Seins, der Herrlichkeiten des Wissens, der Wunder der bemeisterten Kraft und der Entzückungen unbegrenzter Liebe, bei dem Er aus der Umschlingung durch die Kraft frei hervortritt, statt dessen nun sie umarmt und in ihr, der erleuchteten, das zur Erfüllung bringt, wofür sie am Anfang aus Ihm hervorgegangen war.

Diese Unterscheidung zwischen niederer und höherer maya ist in Denken und kosmischer Tatsache das Band, das die pessimistischen und illusionistischen Philosophien übersehen oder mißachten. Für sie ist die mentale maya – oder vielleicht ein Übermental – die Schöpferin der Welt. Eine von mentaler maya erschaffene Welt wäre tatsächlich ein unerklärliches Paradoxon und ein zwar formulierter aber ungreifbar fließender Albdruck bewußten Seins, das man weder als Illusion noch als Wirklichkeit bezeichnen kann. Wir müssen einsehen, daß das Mental nur der Begriff einer Stufe zwischen dem schöpferischen lenkenden Wissen und der in ihre Werke eingesperrten Seele ist. Saccidananda, durch eine Seiner niederen Bewegungen in selbst-vergessene Inanspruchnahme jener Kraft verwickelt, die sich in die Gestalt ihrer eigenen Wirkensweisen verloren hat, kehrt aus dieser Selbst-Vergessenheit zu Sich Selbst zurück. Das Mental ist nur eines Seiner Instrumente beim Herniederkommen und Emporsteigen. Es ist ein Instrument der niederkommenden Schöpfung, aber nicht die verborgene Schöpferin – eine Übergangsstufe beim Emporsteigen, nicht die hohe Quelle unseres Ursprungs und der höchste Zielbegriff kosmischen Seins.

Jene Philosophien, die allein das Mental als Schöpfer der Welten anerkennen oder ein ursprüngliches Prinzip annehmen, wobei das Mental der einzige Vermittler zwischen ihm und den Gestaltungen des Universums ist, können in die rein nominalistischen und die idealistischen Philosophien eingeteilt werden. Die rein nominalistischen erkennen im Kosmos nur das Werk des Mentals, des Denkens, der Idee an. Idee kann aber rein willkürlich sein und braucht keine wesenhafte Beziehung zu einer wirklichen Wahrheit des Seins zu haben. Oder eine solche Wahrheit kann, wenn sie überhaupt existiert, als reines Absolutes angesehen werden, das erhaben über allen Beziehungen schwebt und unvereinbar ist mit einer Welt von Beziehungen. Die idealistische Deutung setzt eine Beziehung zwischen der Wahrheit im Hintergrund und der von ihr konzipierten Welt der Erscheinung im Vordergrund voraus, die Beziehung nicht nur einer Antinomie und Opposition. Die von mir hier dargestellte Anschauung geht in der Richtung des Idealismus weiter. Sie erkennt die schöpferische Idee als Real-Idee an, als eine Macht Bewußter Kraft, die das wirkliche Wesen zum Ausdruck bringt, aus dem wirklichen Wesen geboren ist und an seiner Natur teilnimmt, die also weder ein Kind der Leere ist noch ein Webmeister von Fiktionen. Sie ist bewußte Wirklichkeit, die sich in veränderliche Formen ihrer eigenen unvergänglichen und unveränderlichen Substanz ausprägt. Darum ist die Welt keine Begriffs-Fiktion im universalen Mental, sondern eine bewußte Geburt aus Jenem, das jenseits des Mentals existiert, in Gestaltungen aus Jenem selbst. Eine Wahrheit von bewußtem Wesen stützt und erhält diese Gestaltungen und bringt sich in ihnen zum Ausdruck, und das so ausgedrückte, dieser Wahrheit entsprechende Wissen regiert als supramentales Wahrheits-Bewußtsein,6 indem es reale Ideen in einer vollkommenen Harmonie organisiert, bevor sie in die mental-vital-materielle Prägeform gegossen werden. Mental, Leben und Körper sind ein untergeordnetes Bewußtsein und partieller Ausdruck. Sie streben danach, in der Art einer wandelbaren Evolution zu jenem übergeordneten Ausdruck ihres Selbst zu gelangen, der schon im Jenseits-des-Mentals vorhanden ist. Was in jenem Jenseits-des-Mentals existiert, ist das Ideal, das zu realisieren das Mental sich unter seinen eigenen Bedingungen abmüht.

Unter dem Gesichtspunkt unseres Emporsteigens können wir sagen: Das Wirkliche steht hinter allem, was existiert. Es bringt sich selbst mittelbar in einem Ideal zum Ausdruck, das eine harmonisierte Wahrheit seiner selbst ist. Das Ideal projiziert eine phänomenale Wirklichkeit von veränderlichem Bewußt-Seiendem nach außen, die unwiderstehlich zu ihrer eigenen wesenhaften Wirklichkeit hingezogen wird und versucht, diese zuletzt wieder vollständig zu erlangen, entweder durch einen gewaltigen Sprung oder, normalerweise, durch das Ideal, das sie hervorbrachte. Diese Tatsache erklärt die unvollkommene Wirklichkeit des menschlichen Daseins, wie sie vom Mental geschaut wird, und das instinktive Streben im mentalen Wesen zu einer Vervollkommnung immer jenseits seiner selbst, zu der verborgenen Harmonie des Ideals und zu dem höchsten Aufschwung des Geistes über das Ideal hinaus zum Transzendenten. Die wirklichen Tatsachen unseres Bewußtseins, seine Konstitution und sein Bedürfnis setzen eine solche dreifache Ordnung voraus. Sie verneinen die zweite, unversöhnliche Antithese eines bloßen Absoluten gegenüber einer bloßen Relativität.

Das Mental reicht nicht hin, das Sein im Universum zu erklären. Unendliches Bewußtsein muß sich zuerst in unendliche Kraft zum Wissen übertragen oder, wie wir es von unserem Gesichtspunkt aus nennen, Allwissenheit. Das Mental ist aber keine Befähigung zum Wissen und auch kein Instrument der Allwissenheit. Es besitzt die Fähigkeit, nach Wissen zu suchen, in gewissen Formen relativen Denkens so viel davon auszudrücken, wie es erlangen kann, und es zu gewissen Leistungen des Handelns zu verwenden. Selbst wenn das Mental etwas findet, besitzt es dieses doch nicht. Es kann sich immer nur ein gewisses Kapital an gängiger Münze der Wahrheit, jedoch nie die Wahrheit selbst, in der Bank des Gedächtnisses halten, um je nach seinen Bedürfnissen davon abzuheben. Denn das Mental ist etwas, das nicht weiß, sondern zu wissen trachtet, und das niemals direkt, sondern nur indirekt weiß “wie in einem dunklen Spiegel”. Es ist die Macht, die die Wahrheit des universalen Seins für die praktischen Verwendungen in einer gewissen Ordnung der Dinge interpretiert. Es ist nicht die Macht, die jenes Sein kennt oder lenkt. Darum kann es auch nicht die Macht sein, die es erschaffen und manifestiert hat.

Setzen wir aber ein unendliches Mental voraus, frei von unseren Einschränkungen, könnte das nicht vielleicht der Schöpfer des Universums sein? Ein solches Mental wäre aber etwas von der Definition des Mentals, wie wir es kennen, völlig Verschiedenes. Es wäre etwas jenseits der Mentalität. Es wäre die supramentale Wahrheit. Ein unendliches Mental, konstruiert nach den Begriffen der Mentalität, wie wir sie kennen, könnte nur ein unendliches Chaos erschaffen, einen ungeheuren Zusammenprall von Zufällen, Unfällen, Wechselfällen. Es würde sich immer auf ein unbestimmtes Ziel hin bewegen, nach dem es mit unsicherem Suchen tastet und strebt. Ein unendliches, allwissendes und allmächtiges Mental wäre überhaupt kein Mental. Es wäre supramentales Wissen.

Mental, wie wir es kennen, ist ein reflektierender Spiegel, der Darstellungen oder Bilder einer prä-existenten Wahrheit oder Tatsache empfängt, die für es etwas außerhalb von ihm Befindliches, zumindest etwas viel Umfassenderes ist als es selbst. Es vergegenwärtigt sich von Augenblick zu Augenblick das Phänomen, das ist oder gewesen ist. Es besitzt auch die Fähigkeit, in sich selbst mögliche Bilder zu konstruieren, die anders sind als die ihm dargebotene aktuelle Tatsache. Das bedeutet, es kann sich nicht nur das Phänomen vergegenwärtigen, das gewesen ist, sondern auch ein Phänomen, das sein könnte. Dabei ist zu beachten, daß es sich kein Phänomen vergegenwärtigen kann, das mit aller Sicherheit eintreten muß, außer wenn es eine sichere Wiederholung dessen ist, was jetzt ist oder schon gewesen ist. Schließlich hat es noch die Fähigkeit, neue Abwandlungen vorauszusagen, die es aus dem Zusammentreffen von dem, was gewesen ist, und dem, was kommen mag, zu konstruieren sucht: aus der erfüllten und der noch unerfüllten Möglichkeit. Solche Konstruktionen gelingen ihm manchmal mehr oder weniger genau. Manchmal verwirklichen sie sich aber gar nicht. Gewöhnlich findet es sie dann in anderen Formen ausgeprägt, als es sie vorausgesehen hatte, und daß sie zu anderen Zwecken dienen müssen, als es wünschte oder beabsichtigte.

Ein unendliches Mental dieses Charakters könnte vielleicht einen verhängnisvollen Kosmos aus einander widerstreitenden Möglichkeiten konstruieren; es könnte ihn in etwas Veränderliches, immer Vorübergehendes, in seinem Dahintreiben immer Ungewisses gestalten, das weder wirklich noch unwirklich ist und kein definitives Ziel und keinen endgültigen Zweck besitzt, nur eine endlose Aufeinanderfolge von zeitbedingten Zielen wäre, die schließlich nirgendwohin führt, – da es keine übergeordnete lenkende Macht des Wissens gibt. Der einzige logische Schluß aus einer solchen reinen Ideen-Lehre ist Nihilismus oder Illusionismus oder eine verwandte Weltanschauung. Ein so konstruierter Kosmos wäre eine Darstellung oder Widerspiegelung von etwas, das nicht selbst ein Kosmos ist, sondern immer und bis zum Ende eine falsche Darstellung, eine verzerrte Spiegelung. Die gesamte kosmische Existenz wäre ein Mental, das danach ringt, seine eigenen Phantasien vollständig auszuarbeiten, damit aber versagt, weil diese keine zwingende Grundlage in einer Wahrheit des Selbsts besitzen. Überwältigt und vorwärtsgerissen vom Strom seiner eigenen vergangenen Energien, würde es unbestimmt für immer ohne Zweck und Ziel weiter dahingetragen werden, wenn es nicht oder bis es sich entweder selbst vernichtet oder in ewige Stille versinken kann. Das ist, bis an die Wurzeln zurückverfolgt, Nihilismus und Illusionismus, und es ist die einzige Weisheit, wenn wir von der Voraussetzung ausgehen, unsere menschliche Mentalität oder überhaupt etwas wie sie stelle die höchste kosmische Kraft und die ursprüngliche Konzeption dar, die im Universum am Werk ist.

Jedoch wird von dem Augenblick an, wo wir in der ursprünglichen Macht des Wissens eine höhere Kraft entdecken als die durch unsere menschliche Mentalität dargestellte, diese Auffassung des Universums unzureichend und darum ungültig. In ihr liegt zwar eine Wahrheit, doch nicht die ganze Wahrheit. Sie ist ein Gesetz der unmittelbaren Erscheinung des Universums, aber nicht das seiner ursprünglichen Wahrheit und letzten Tatsächlichkeit. Denn wir nehmen hinter dem Wirken von Mental, Leben und Körper etwas wahr, das nicht vom Strom der Kraft umfaßt wird, sondern diesen in sich einbezieht und kontrolliert. Dieses Umfassende wurde nicht in eine Welt hineingeboren, die es zu interpretieren sucht, sondern es hat in seinem Wesen eine Welt erschaffen, deren Allwissenheit es besitzt. Es müht sich nicht ständig ab, etwas aus sich zu gestalten, um dabei selbst auf den es überwältigenden Wogen vergangener Energien, die es nicht mehr kontrollieren kann, dahingetrieben zu werden. Vielmehr trägt es in seinem Bewußtsein bereits eine vollkommene Form seiner selbst, die es hier stufenweise entfaltet. Die Welt ist der Ausdruck einer vorausgeschauten Wahrheit, gehorcht einem vorausbestimmenden Willen, verwirklicht eine ursprüngliche gestaltende Selbst-Schau – sie ist das immer deutlicher hervortretende Ebenbild einer göttlichen Schöpfung.

Solange wir nur durch unsere von den Erscheinungen beherrschte Mentalität wirken, kann das, was jenseits von uns, hinter uns und doch uns immanent wirkt, nur eine indirekte Schlußfolgerung sein oder vage als eine Gegenwart gefühlt werden. Wir nehmen ein Gesetz zyklischen Fortschritts wahr und schließen daraus indirekt auf eine zunehmende Vervollkommnung von etwas, das irgendwo vorausgewußt wird. Denn wir sehen überall ein Gesetz, das im Selbst-Seienden gegründet ist, und finden, wenn wir in den rationalen Grund seines Verfahrens eindringen, daß dieses Gesetz der Ausdruck eines eingeborenen Wissens ist, das ursprünglich dem Sein innewohnt, das aus dem Sein selbst hervortritt und in der Kraft enthalten ist, die es ausdrückt. Ein Gesetz, das durch Wissen so entfaltet wird, daß es Fortschritt zuläßt, setzt ein göttlich geschautes Ziel voraus, zu dem die Bewegung hingelenkt wird. Außerdem sehen wir, daß unsere Vernunft aus dem hilflosen Getriebensein durch unsere Mentalität herauszukommen und Herr über sie zu werden versucht. Dabei kommen wir zu der Erkenntnis, daß Vernunft nur Bote, Stellvertreter oder Schatten eines höheren Bewußtseins ist, das jenseits von ihr existiert und für sich den Vernunftgebrauch gar nicht nötig hat, da es alles ist und alles weiß, was es ist. Von da aus können wir weiter schließen, diese Quelle der Vernunft sei mit dem Wissen identisch, das als Gesetz in der Welt wirkt. Dieses Wissen bestimmt souverän sein eigenes Gesetz, weil es weiß, was gewesen ist, was ist und was sein wird. Es weiß das, weil es ewig ist und sich selbst ohne Grenzen kennt. So wird Seiendes, das unendliches Bewußtsein ist, und unendliches Bewußtsein, das allmächtige Kraft ist, wenn es eine Welt – das heißt eine Harmonie seiner selbst – zum Gegenstand von Bewußtsein macht, für unser Denken als ein kosmisches Sein erkennbar, das seine eigene Wahrheit weiß und in Gestaltungen verwirklicht, was es weiß.

Dieses andere Bewußtsein wird aber für uns erst dann wirklich offenbar, wenn wir aufhören, uns allein auf die Vernunft zu verlassen, und tief in unser Inneres eindringen, in jenen geheimen Bereich, wo die Aktivität des Mentals stillgelegt ist – auch wenn diese Manifestation noch unvollkommen ist, weil wir so lange an die mentale Reaktion und Beschränktheit gewöhnt sind. Wir können nun in wachsender Erleuchtung und Gewißheit das erkennen, was wir nur unsicher im blassen, flackernden Licht der Vernunft wahrgenommen hatten. Wissen wartet auf uns; sein Sitz ist jenseits von Mental und intellektuellem Vernunft-Denken, sein Thron steht in den leuchtenden Weiten unbegrenzbarer Selbst-Schau.

Kapitel XIV. Das Supramental als Schöpfer

Alle Dinge sind Selbst-Entfaltungen des Göttlichen Wissens.

Vishnu Purana, II.12.39.

Ein Prinzip aktiven Willens und Wissens, dem Mental übergeordnet und Schöpferin der Welten, ist die vermittelnde Macht und der Zustand des Seienden zwischen jenem Selbst-Besitz des Einen und dem Fluten der Vielen. Dieses Prinzip ist uns nicht völlig fremd. Es gehört nicht ausschließlich und unmittelbar einem Wesen an, das völlig anders wäre als wir selbst, oder einem Seins-Zustand, von dem wir auf geheimnisvolle Weise in die Geburt geworfen, aber auch zurückgestoßen werden, unfähig zurückzukehren. Wenn dieses Prinzip auch auf Höhen weit oberhalb von uns zu liegen scheint, so sind das doch Höhen unseres eigenen Wesens, unserem Schritt erreichbar. Wir können jene Wahrheit uns nicht nur logisch erschließen und flüchtig sehen, wir sind auch befähigt, sie zu realisieren. Wir können durch immer stärkere Ausweitung unseres Selbsts oder durch eine plötzliche erleuchtete Selbst-Transzendierung in unvergeßlichen Augenblicken uns zu diesen Höhen emporschwingen oder für die Dauer von Stunden oder Tagen höchster übermenschlicher Erfahrung auf ihnen verweilen. Wenn wir wieder herabsteigen, verbleiben uns Tore der Kommunikation dorthin, die wir immer offen halten oder wieder auftun können, wenn sie sich auch ständig schließen sollten. Dort, auf diesem letzten höchsten Gipfel des erschaffenen und schöpferischen Seienden dauernd zu verweilen, ist schließlich das erhabene Ideal unseres sich entwickelnden menschlichen Bewußtseins, wenn es seine Selbst-Vervollkommnung, nicht seine Selbst-Vernichtung sucht. Denn das ist, wie wir gesehen haben, die ursprüngliche Idee und die endgültige Harmonie und Wahrheit, zu der unser Selbst, das sich stufenweise in der Welt zum Ausdruck bringt, zurückkehrt und die zu erlangen seine Bestimmung ist.

Dennoch mögen wir zweifeln, ob es jetzt oder überhaupt möglich ist, dem menschlichen Intellekt einen Bericht von diesem Zustand zu geben oder seine göttlichen Wirkensweisen für die Erhöhung unseres menschlichen Wissens und Handelns in einer mittelbaren und organisierbaren Weise zu verwenden. Der Zweifel erhebt sich nicht nur aus der Seltenheit und fragwürdigen Art bekannter Phänomene, die eine menschliche Betätigung dieser göttlichen Kraft verraten, oder aus der großen Distanz, die dieses Wirken von der Erfahrung und beweisbaren Erkenntnis gewöhnlichen Menschseins trennt. Zweifel wird auch durch den offensichtlichen Widerspruch, sowohl im Wesen wie im Funktionieren, zwischen der menschlichen Mentalität und dem göttlichen Supramental höchst nahe gelegt.

Gewiß wäre es ganz unmöglich, unseren menschlichen Vorstellungen von diesem Bewußtsein Bericht zu geben, wenn es überhaupt keine Beziehung zum Mental noch irgendeine Identität mit dem mentalen Wesen hätte. Wäre andererseits in seiner Natur nur Schau in Erkenntnis und überhaupt keine dynamische Macht der Erkenntnis, könnten wir vielleicht hoffen, durch den Kontakt mit ihm in einen seligen Zustand mentaler Erleuchtung zu gelangen, nicht aber zu mehr Licht und stärkerer Macht für unser Wirken in der Welt. Da dieses Bewußtsein aber die Schöpferin der Welt ist, muß es nicht nur ein Zustand von Wissen sein, sondern eine Macht des Wissens, nicht nur ein Wille zu Licht und Schau, sondern ein Wille zu Macht und Wirken. Weil auch das Mental aus ihm erschaffen wurde, muß das Mental eine Entfaltung durch Begrenzung aus dieser ursprünglichen Kraft und diesem vermittelnden Akt höchsten Bewußtseins und deshalb fähig sein, sich durch umgekehrte Entwicklung und Ausweitung wieder in es zurückzuverwandeln. Im Wesenhaften muß das Mental mit dem Supramental stets identisch sein und verborgen die Potenz des Supramentals enthalten, so andersartig, ja entgegengesetzt es in seinen aktuellen Formen und festgelegten Verfahrensweisen geworden sein mag. Darum ist es vielleicht kein irrationaler und nutzloser Versuch, durch die Methode von Vergleich und Kontrast danach zu streben, sich das Supramental vom Standpunkt und den Begriffen unserer intellektuellen Erkenntnis her vorzustellen. Gewiß mögen deren Idee und Begriffe unangemessen sein. Sie dienen uns aber doch als Scheinwerfer, der uns einen Weg vorausleuchtet, wie wir ihn, mindestens bis zu einer gewissen Entfernung, beschreiten können. Überdies hat das Mental die Fähigkeit, sich über sich selbst zu erheben bis In bestimmte Höhen oder Ebenen des Bewußtseins, die in ihrem Bereich ein abgewandeltes Licht oder eine Macht des supramentalen Bewußtseins empfangen, und dieses durch Erleuchtung, Intuition, direkten Kontakt oder Erfahrung zu erkennen, wenn auch dem Menschen noch nicht ermöglicht wurde, in jenen Bereichen des Bewußtseins zu leben, von dorther zu schauen und zu handeln.

Zuerst wollen wir einen Augenblick innehalten und uns fragen, ob wir nicht in der Vergangenheit ein Licht finden können, das uns zu diesen noch wenig erforschten Bereichen führen kann. Wir brauchen einen Namen und einen Ausgangspunkt. Wir haben diesen Bewußtseins-Zustand das Supramental genannt. Das Wort ist aber doppelsinnig. Man könnte darunter ein Mental verstehen, das “super-eminent” ist, zwar über die gewöhnliche Mentalität emporgehoben, aber nicht radikal umgewandelt. Oder das Wort könnte im Gegensatz dazu auch die Bedeutung von alldem haben, was jenseits vom Mental liegt. Dann würde es einen viel zu weiten Begriffsumfang annehmen, der letztlich sogar das Unnennbare mit einbeziehen würde. Eine Hilfs-Beschreibung ist notwendig, die seine Bedeutung genauer eingrenzen soll.

Hier helfen uns die geheimnisvollen Verse des Veda, denn sie enthalten, wenn auch verborgen, die Botschaft vom göttlichen und unsterblichen Supramental, und durch die Verhüllung kommen einige erleuchtende Strahlen zu uns. Durch diese Äußerungen hindurch können wir den Begriff dieses Supramentals erkennen als unermeßliche Weite jenseits der gewöhnlichen Horizonte unseres Bewußtseins, in denen die Wahrheit des Wesens in lichtvoller Weise eins ist mit allem, das sie zum Ausdruck bringt, und unausweichlich sicherstellt die Wahrheit von Schau, Formulierung, Anordnung, Wort, Akt und Bewegung und darum auch die Wahrheit des Ergebnisses der Bewegung, des Ergebnisses von Aktion und Ausdruck, unfehlbarer Anordnung oder Gesetz. Unbegrenztes Allumgreifendsein, lichtvolle Wahrheit und Harmonie des Seienden in dieser Unendlichkeit, nicht vages Chaos oder selbst-verlorene Finsternis, Wahrheit von Gesetz, Wirken und Erkenntnis, die diese harmonische Wahrheit des Seienden zum Ausdruck bringen: das scheinen die wesentlichen Begriffe der Beschreibung im Veda zu sein. Die Götter sind in ihrer höchsten geheimen Wesensart Mächte dieses Supramentals, aus ihm geboren, in ihm thronend als in ihrem eigentlichen Heim, in ihrem Wissen “Wahrheits-bewußt” und bei ihrem Handeln im Besitz des “Seher-Willens”. Ihre bewußte Kraft, dem Wirken und Erschaffen zugewandt, ist im Besitz und wird gelenkt von einem vollkommenen und unmittelbaren Wissen dessen, das getan werden muß, von dessen Wesen und Gesetz, – einem Wissen, das eine vollwirksame Willens-Macht bestimmt, die in ihrem Verfahren oder in ihrem Ergebnis nicht abirrt oder schwankt, sondern spontan und unumgänglich das im Wirken zum Ausdruck und zur Erfüllung bringt, was in der Vision geschaut wurde. Hier ist Licht geeint mit Kraft, die Vibrationen des Erkennens mit dem Rhythmus des Wollens, und beide sind vollkommen ohne Suchen, Tasten oder Bemühen eins mit dem gesicherten Ergebnis. Diese göttliche Natur hat eine doppelte Macht, eine spontane Selbst-Formulierung und Selbst-Anordnung, die in natürlichster Weise aus der Wesenhaftigkeit der geoffenbarten Sache strömt und ihre ursprüngliche Wahrheit ausdrückt, sowie eine Selbst-Kraft von Licht, die der Sache selbst eingeboren und die Quelle ihrer spontanen, unbeirrbaren Selbst-Anordnung ist.

Hier gibt es untergeordnete aber wichtige Einzelheiten. Die vedischen Seher scheinen von zwei ursprünglichen Fähigkeiten der “wahrheitsbewußten” Seele zu sprechen. Das sind Sehen und Hören, womit unmittelbare Betätigungen eines eingeborenen Wissens gemeint sind, die als Wahrheits-Schau und Wahrheits-Hören beschrieben werden und von weit her in unserer Mentalität durch die Fähigkeiten der Offenbarung und Eingebung reflektiert werden. Außerdem scheint in den Wirkensweisen des Supramentals unterschieden zu werden zwischen einem Wissen durch ein verstehendes und durchdringendes Bewußtsein, das der subjektiven Erkenntnis durch Identität sehr nahe kommt, und einem Wissen durch projizierendes, gegenüberstellendes und wahrnehmendes Bewußtsein, das der Anfang objektiver Kenntnisnahme ist. Das sind die vedischen Andeutungen. Aus dieser alten Erfahrung können wir den Hilfsbegriff “Wahrheits-Bewußtsein” übernehmen, um den Begriffsinhalt des elastischen Ausdrucks Supramental abzugrenzen.

Wir sehen sofort, daß ein so charakterisiertes Bewußtsein eine vermittelnde Formulierung sein muß, die einerseits zurückweist auf einen Begriff oberhalb von ihm und andererseits nach vorn weist auf einen anderen Begriff, der unterhalb von ihm liegt. Zugleich sehen wir, daß dieses Bewußtsein offensichtlich das Verbindungsglied und Mittel ist, durch das sich das Niedere aus dem Höheren entfaltet, und in gleicher Weise auch das Verbindungsglied und Mittel sein soll, durch das es sich wieder zurück zu seinen Ursprung entwickeln kann. Der Begriff oberhalb ist das unitarische oder unteilbare Bewußtsein des reinen saccidananda, in dem es keine trennenden Unterscheidungen gibt. Der Begriff unterhalb ist das analytische oder zerteilende Bewußtsein des Mentals, das nur durch Trennung und Unterscheidung erkennen kann und darum höchstens eine vage und abgeleitete äußerliche Wahrnehmung von Einheit und Unendlichkeit besitzt, – denn, obwohl es durch eine Synthese seine Trennungen wieder zusammenzufügen vermag, kann es doch nicht zu wahrer Totalität gelangen. Zwischen beiden liegt das begreifende, schöpferische Bewußtsein. Durch seine Macht zu eindringender und verstehender Erkenntnis ist es das Kind jenes Selbst-Inneseins durch Identität, das die Gelassenheit von brahman ist. Durch seine Macht zu projizierender, gegenüberstellender, wahrnehmender Erkenntnis ist es der Vater jenes Gewahrwerdens durch Unterscheidung, das der Denkprozeß des Mentals ist.

Darüber steht die ewig feststehende und unveränderliche Formel von dem Einen, darunter die Formel von den Vielen, die, ewig veränderlich, im Fluß der Dinge einen festen unveränderlichen Standpunkt sucht, aber kaum findet. Dazwischen ist der Ort aller Dreieinigkeiten, von allem was zwei-einig ist, von allem, was zu den Vielen-im-Einen wird und doch Eins-in-Vielen bleibt, weil es ursprünglich Eines war, das potentiell stets Viele ist. Dieser Vermittlungsbegriff ist deshalb Anfang und Ende, Alpha und Omega jeglicher Schöpfung und Anordnung, der Ausgangspunkt aller Unterschiedlichkeit, das Instrument für alle Vereinigung, Urheber aller realisierten oder realisierbaren Harmonien, ihr bevollmächtigter Bewirker und ihr Vollender. Er hat das Wissen des Einen, ist aber fähig, aus dem Einen seine verborgenen Vielheiten herauszuziehen. Er manifestiert die Vielen, verliert sich aber nicht an ihre Unterschiedlichkeiten. Sollten wir also nicht sagen, gerade seine Existenz weist zurück auf Etwas, das jenseits unserer höchsten Wahrnehmungen der unaussprechlichen Einheit liegt, ein Etwas, das unnennbar und mental unbegreiflich ist, nicht wegen seines Einsseins und seiner Unteilbarkeit, sondern weil es selbst von diesen Formulierungen unseres Mentals frei ist, – ein Etwas jenseits von beidem, von Einheit und Vielfalt? Das wäre das äußerste Absolute und Wirkliche, das uns gerade deshalb unser Wissen von Gott und unsere Erkenntnis der Welt rechtfertigt.

Diese Begriffe sind jedoch umfassend und schwer zu begreifen. Wir wollen sie darum präzisieren. Wir sprechen von dem Einen als von saccidananda. In der Beschreibung stellen wir aber drei Weisheiten nebeneinander und vereinigen sie, um zu einer Dreieinigkeit zu kommen. Wir sagen: “Sein, Bewußtsein, Seligkeit” und sagen dann: “sie sind eins”.

Das ist ein Denkvorgang des Mentals. Für das unitarische Bewußtsein ist ein solches Denken unzulässig. Sein ist Bewußtsein, es kann keinen Unterschied zwischen ihnen geben. Bewußtsein ist Seligkeit, auch hier kann zwischen beiden kein Unterschied bestehen. Da aber selbst dieser Unterschied nicht existieren kann, wie kann es da eine Welt geben? Wenn Jenes die einzige Wirklichkeit ist, existiert die Welt nicht und hat nie existiert, sie kann auch niemals konzipiert worden sein. Denn ein unteilbares Bewußtsein ist nicht zum Zerteilen fähig und kann darum auch nicht der Ursprung von Trennung und Unterschiedlichkeit sein. Das ist aber eine reductio ad absurdum. Wir könnten sie nur dann zulassen, wenn wir uns damit begnügen würden, alles auf das Fundament eines unmöglichen Paradoxon und der Unvereinbarkeit einer Antithese aufzubauen.

Andererseits kann das Mental nur getrennte Dinge mit Genauigkeit als wirklich begreifen. Es kann zwar eine synthetische Totalität oder das Endliche begreifen, das sich unendlich ausdehnt. Es kann Zusammensetzungen geteilter Dinge und die ihnen zugrunde liegende Gleichartigkeit begreifen. Aber letzte Einheit und absolute Unendlichkeit sind für sein bewußtes Verstehen der Dinge abstrakte Begriffe und ungreifbare Quantitäten, nichts, was für sein Erfassen wirklich wäre, viel weniger etwas, das allein wirklich ist. Hier steht also der dem unitarischen Bewußtsein völlig entgegengesetzte Begriff vor uns. Wir haben der wesenhaften und unteilbaren Einheit eine wesenhafte Vielfalt konfrontiert, die nicht zur Einheit gelangen kann, ohne sich selbst aufzuheben, und gerade durch diesen Akt bekennt, daß sie eigentlich nie wirklich existiert haben konnte. Dennoch hat sie existiert; denn sie ist das, was Einheit gefunden und sich damit aufgehoben hat. Wieder haben wir eine reductio ad absurdum, die das scharfe Paradoxon wiederholt, das das Denken durch Lähmung und die unvereinte und unvereinbare Antithese zu überzeugen sucht.

Die Schwierigkeit verschwindet in ihrem niederen Begriff, wenn wir uns klarmachen, daß das Mental nur eine vorbereitende Form unseres Bewußtseins ist. Das Mental ist ein Instrument für Analyse und Synthese, aber nicht für wesenhafte Erkenntnis. Seine Funktion besteht darin, vage aus dem unbekannten Ding-an-sich etwas herauszuschneiden, diese Maßeinheit und Abgrenzung aus dem Unbekannten das Ganze zu nennen, um dann wieder dieses Ganze in seinen Teilen zu analysieren, die es als gesonderte mentale Gegenstände betrachtet. Das Mental kann nur die Teile und ihr Zubehör definitiv sehen und auf seine Art erkennen. Seine einzige definitive Idee vom Ganzen ist eine Zusammenstellung von Teilen oder eine Totalität von Eigenschaften und Zubehör. Wenn das Ganze nicht als Teil von etwas anderem oder in seinen eigenen Teilen, Eigenschaften und Nebenerscheinungen betrachtet werden kann, ist es für das Mental nichts anderes als eine vage Vorstellung. Erst wenn es analysiert und als besonders konstituierter Gegenstand für sich dargestellt worden ist, als Totalität innerhalb einer größeren Totalität, kann das Mental zu sich sagen: “Das kenne ich nun.” In Wirklichkeit kennt es das aber nicht. Es kennt nur seine eigene Analyse des Gegenstandes und die Vorstellung, die es sich von ihm durch eine Synthese gesonderter Teile und Eigenschaften gebildet hat, wie es sie sah. Hier hören seine charakteristische Macht und sein sicheres Funktionieren auf. Wenn wir zu einem höheren, tieferen und wirklichen Wissen gelangen wollen – zu wahrem Wissen, nicht nur einem ungeformten Empfinden, wie es manchmal in bestimmten tiefen, aber nicht ausdrucksfähigen Schichten unserer Mentalität aufsteigt –, muß das Mental einem anderen Bewußtsein weichen. Dieses wird das Mental dadurch zur Erfüllung bringen, daß es jenes transzendiert oder seine Verfahrensweisen umkehrt und auf diese Weise richtig stellt, nachdem es sie übersprungen hat: Die höchste Höhe mentaler Erkenntnis ist nur ein Sprungbrett, von dem aus dieser Sprung gemacht werden kann. Die äußerste Sendung des Mentals besteht darin, unser unerleuchtetes Bewußtsein, das aus dem finsteren Gefängnis der Materie heraustrat, zu trainieren, seine blinden Instinkte, Zufalls-Intuitionen und vagen Auffassungen zu erleuchten, bis es für dieses höhere Licht und diesen höheren Aufstieg fähig wird. Das Mental ist ein Übergang, nicht ein Höhepunkt.

Andererseits kann das unitarische Bewußtsein oder die unteilbare Einheit nicht jenes unmögliche Gebilde sein, ein Ding ohne Inhalte, aus dem alle Inhalte hervorgegangen sind, in das sie wieder verschwinden und in dem sie zunichte werden. Es muß eine ursprüngliche Selbst-Konzentration sein, in der alles, jedoch auf eine andere Art als in dieser zeitlichen und räumlichen Manifestation, enthalten ist. Jenes, das sich so selbst konzentriert hat, ist das äußerste, unnennbare und unbegreifliche Sein, das sich der Nihilist seinem Mental gegenüber als das negative Leere von allem vorstellt, was wir wissen und sind, das der Transzendentalist aber aus dem gleichen Grund seinem Mental gegenüber auffassen kann als die positive, wenn auch nicht unterscheidbare Wirklichkeit alles dessen, was wir wissen und sind. Der Vedanta sagt: “Im Anfang war das eine Sein ohne ein zweites.” Aber vor und nach dem Anfang, jetzt, ewig, jenseits der Zeit, existiert das, was wir nicht einmal als das Eine beschreiben können, selbst wenn wir sagen, daß nichts existiert außer Jenem. Wessen wir innewerden können, ist erstens seine ursprüngliche Selbst-Konzentration, die wir als das unteilbare Eine zu realisieren bemüht sind; zweitens die Ausbreitung und scheinbare Selbst-Auflösung alles dessen, was in dieser Einheit konzentriert gewesen ist, was der Auffassung des Mentals vom Universum entspricht; drittens seine starke Selbst-Ausweitung im Wahrheits-Bewußtsein. Sie enthält die Ausbreitung, hält sie in Bestand und hindert sie daran, zu wirklicher Selbstauflösung zu werden, sie wahrt Einheit auch in äußerster Verschiedenartigkeit, sichert Stabilität auch in der äußersten Veränderlichkeit, drängt auf Harmonie selbst in der Erscheinung alles zersetzenden Streites und Zusammenpralls, erhält einen ewigen Kosmos, wo das Mental es nur zu einem Chaos bringen würde, das dauernd den Versuch macht, sich zu gestalten. Das alles ist das Supramental, das Wahrheits-Bewußtsein, die Real-Idee, die sich selbst erkennt; zu alledem wird sie.

Das Supramental ist die unendliche Selbst-Ausbreitung des brahman, das enthält und entwickelt. Durch die Idee entfaltet es das trinitarische Prinzip von Sein, Bewußtsein und Seligkeit aus ihrer unteilbaren Einheit. Es differenziert, aber zerteilt sie nicht. Es errichtet eine Dreieinigkeit, die aber nicht, wie beim Mental, von den dreien ausgeht, um zum Einen zu gelangen, sondern die drei aus der Einheit offenbart – denn es manifestiert und entfaltet und bewahrt sie trotzdem in der Einheit –, denn es kennt und enthält sie in sich. Durch die Differenzierung ist es fähig, die eine oder andere von ihnen als die bewirkende Gottheit hervortreten zu lassen, die die anderen involviert oder nach außen entfaltet in sich enthält. Diesen Vorgang macht es zur Grundlage aller anderen Differenzierungen. Durch dasselbe Verfahren wirkt das Supramental auf alle Prinzipien und Möglichkeiten ein, die es aus dieser alles konstituierenden Dreieinigkeit entwickelt. Es besitzt die Macht zur Entfaltung, zur Evolution, um nach außen hervortreten zu lassen. Diese Macht enthält in sich jene andere Macht zur Involution, zur Verhüllung, zum Einbehalten der Entfaltung. In einem gewissen Sinn kann man sagen, die ganze Schöpfung ist eine Bewegung zwischen zwei Involutionen: Sie ist Geist, in den alles involviert ist und aus dem alles nach unten zum anderen Pol, zur Materie, evolviert. Und sie ist Materie, in der ebenfalls alles involviert ist und aus der alles nach oben zum anderen Pol, zum Geist, evolviert.

So besteht der ganze Vorgang der Differenzierung durch die Real-Idee, die das Universum erschafft, darin, daß Prinzipien, Kräfte und Gestaltungen herausgestellt werden, die für das verstehende Bewußtsein alles übrige Dasein in sich enthalten und das äußerlich auffassende Bewußtsein dem ganzen übrigen Sein, das hinter ihnen verhüllt ist, konfrontieren. Darum existiert alles in jedem einzelnen, wie jedes einzelne in allem. So birgt jeder Keim der Dinge in sich die ganze Unendlichkeit der verschiedenartigen Möglichkeiten, ist aber an ein einziges Gesetz von Verfahren und Resultat durch den Willen, d. h. durch die Wissens-Kraft des Bewußten Wesens gebunden, der sich offenbart und, der Idee in sich gewiß, durch sie seine eigenen Formen und Abläufe im voraus bestimmt. Der Keim ist die Wahrheit seines eigenen Wesens, die dieses Selbst-Sein in sich selbst schaut. Das Ergebnis aus diesem Keim der Selbst-Schau ist die Wahrheit der Selbst-Aktion, das natürliche Gesetz von Entfaltung, Gestaltung und Funktionieren, das unverbrüchlich auf die Selbst-Schau folgt und sich an die Verfahrensweisen hält, die in der ursprünglichen Wahrheit involviert sind. So ist die gesamte Natur einfach der Seher-Wille und die Wissens-Kraft des Bewußten Wesens, das am Werk ist, um in Kraft und Form die gesamte unverbrüchlich gültige Wahrheit der Idee zu entfalten, in die es sich ursprünglich entäußert hat.

Diese Auffassung der Idee zeigt uns den wesentlichen Gegensatz zwischen unserem mentalen Bewußtsein und dem Wahrheits-Bewußtsein. Wir sehen im Denken etwas vom Sein Getrenntes, Abstraktes, Nicht-Substantielles, von der Wirklichkeit Verschiedenes, das, man weiß nicht woher, in Erscheinung tritt und sich von der objektiven Wirklichkeit loslöst, um sie zu beobachten, zu verstehen und zu beurteilen. So erscheint und ist deshalb das Denken unserer alles zerteilenden und analysierenden Mentalität. Die erste Aufgabe des Mentals besteht darin, “diskret”, d. h. abstrakt und unterscheidbar zu machen, wodurch es aber eher Zertrennungen hervorruft als unterscheidet. Auf diese Weise hat das Mental die lähmende Spaltung zwischen Denken und Wirklichkeit geschaffen. Im Supramental ist dagegen alles Wesen auch Bewußtsein, und alles Bewußtsein kommt aus dem Wesen. Die Idee, eine mit Gestaltung trächtige Vibration des Bewußtseins, ist ebenso auch eine Vibration des Wesens, das trächtig ist von sich selbst. In einem schöpferischen Selbst-Wissen tritt aus seinem Ursprung das hervor, was dort in einem unschöpferischen Selbst-Innesein konzentriert lag. Es kommt hervor als Idee, die eine Wirklichkeit ist. Diese Wirklichkeit der Idee entwickelt sich selbst, immer durch ihre eigene Macht und ihr Bewußtsein von sich selbst, immer des Selbsts bewußt, immer das Selbst durch den der Idee eingeborenen Willen entfaltend, immer das Selbst durch das im Kern jedes Impulses enthaltene Wissen verwirklichend. Das ist die Wahrheit aller Schöpfung, aller Evolution.

Im Supramental sind Wesen, Bewußtsein des Wissens und Bewußtsein des Willens nicht so voneinander getrennt, wie sie in unseren mentalen Prozessen erscheinen. Dort sind sie eine Dreieinigkeit, eine einzige Bewegung mit drei wirksamen Aspekten. Jeder von ihnen hat seine eigene Wirkung: Wesen wirkt sich als Substanz aus. Bewußtsein hat den Effekt von Wissen, der selbstlenkenden und gestaltenden Idee, von innerem und äußerem Wahrnehmen. Wille bringt die sich selbst erfüllende Kraft hervor. Die Idee ist aber nur das Licht der Wirklichkeit, die sich selbst erleuchtet; sie ist weder mentales Denken noch Phantasie, sondern wirksames Selbst-Innesein. Sie ist Real-Idee.

Im Supramental ist Wissen in der Idee nicht abgetrennt vom Willen in der Idee, sondern eins mit ihm – genauso wie es nicht verschieden ist vom Wesen und von der Substanz, sondern eins mit dem Wesen und eine leuchtende Macht der Substanz. Wie die Kraft eines brennenden Lichts nicht von der Substanz des Feuers verschieden ist, so ist auch die Macht der Idee nicht verschieden von der Substanz des Wesens, das sich in der Idee und ihrer Entfaltung auswirkt. In unserer Mentalität sind alle voneinander verschieden. Wir haben eine Idee und einen Willen im Einklang mit der Idee. Oder wir haben einen Willensimpuls und eine Idee, die sich davon loslöst. So unterscheiden wir effektiv die Idee vom Willen und beide von uns selbst: Ich bin. Die Idee ist eine geheimnisvolle Abstraktion, die in mir erscheint. Der Wille ist ein anderes Geheimnis, eine Kraft, die der Konkretheit näher, doch nicht eigentlich konkret, sondern immer etwas ist, was ich nicht bin, sondern habe, bekomme oder wovon ich ergriffen bin, was ich selbst aber nicht bin. So mache ich auch eine Kluft zwischen meinem Willen, seinen Mitteln und der Auswirkung; denn letztere betrachte ich als konkrete Wirklichkeiten außerhalb von mir und als anders als ich bin. Darum sind weder ich selbst noch die Idee noch der Wille in mir selbst-wirksam Die Idee kann mir entfallen, der Wille versagen, die Mittel können mir fehlen, und ich selbst mag, wenn einer oder alle dieser Mängel mich befallen, unerfüllt bleiben.

Im Supramental gibt es keine solch lähmende Trennung, da Wissen hier nicht, wie im Mental, in sich selbst-zertrennt, Kraft nicht selbst-zertrennt und Wesen nicht selbst-zertrennt sind. Sie sind weder in sich selbst zerspalten, noch haben sie sich voneinander geschieden. Denn das Supramental ist das unermeßliche Weite. Es geht von der Einheit aus, nicht von der Zertrennung. Es ist in seinem Ursprung all-umgreifend, Differenzierung ist erst ein sekundärer Akt. Was auch immer die zum Ausdruck gebrachte Wahrheit des Wesens sein mag, immer entspricht ihm genau die Idee. Die Willens-Kraft entspricht der Idee – die Kraft ist nur eine Macht des Bewußtseins –, und das Ergebnis entspricht dem Willen. Die Idee prallt auch nicht mit anderen Ideen, der Wille oder die Kraft nicht mit einem anderen Willen oder einer anderen Kraft zusammen wie im Menschen und seiner Welt. Denn es gibt nur ein einziges unermeßlich weites Bewußtsein, das alle Ideen als seine eigenen in sich enthält und miteinander in Beziehung setzt. Es gibt nur den einen ungeheuer starken Willen, der alle Energien als seine eigenen in sich enthält und zueinander in Beziehung setzt. Er hemmt diese Energien und treibt jene vorwärts, jedoch im Einklang mit seinem eigenen im voraus konzipierenden Ideen-Willen.

Das ist die Rechtfertigung für die bestehenden religiösen Anschauungen von der All-Gegenwart, All-Wissenheit und All-Macht des Göttlichen Wesens. Weit davon entfernt, irrationale Phantasie zu sein, sind sie im Gegenteil vollkommen rational und widersprechen in keiner Weise der Logik einer allumfassenden Philosophie oder den Hinweisen von Beobachtung oder Erfahrung. Ihr Irrtum besteht darin, daß sie eine unüberbrückbare Kluft zwischen Gott und Mensch, zwischen brahman und Welt errichten. Dieser Irrtum übertreibt eine tatsächliche und praktische Unterschiedlichkeit in Wesen, Bewußtsein und Kraft bis zu einer wesenhaften Zertrennung. Auf diesen Aspekt der Frage müssen wir später noch zurückkommen. Im Augenblick sind wir bei einer Bejahung und einer gewissen Auffassung vom göttlichen und schöpferischen Supramental angekommen, in dem alles eins ist in Wesen, Bewußtsein, Willen und Seligkeit, jedoch mit einer unendlichen Fähigkeit zur Differenzierung, die die Einheit entfaltet, aber nicht zerstört: Im Supramental ist die Substanz Wahrheit. Wahrheit erhebt sich in die Idee, und Wahrheit tritt hervor in der Gestaltung. So gibt es nur eine einzige Wahrheit von Wissen und Willen, eine einzige Wahrheit von Selbst-Erfüllung und darum von Seligkeit. Denn alle Selbst-Erfüllung ist vollbefriedigende Erfüllung des Wesens. Darum entsteht auch in allen Mutationen und Kombinationen stets eine selbst-seiende und unveräußerliche Harmonie.

Kapitel XV. Das Höchste Wahrheits-Bewußtsein

Einer, thronend im Schlaf der Über-Bewußtheit, eine ungeheure Intelligenz, voller Seligkeit und Genießer der Seligkeit... Das ist der Allmächtige, das ist der Allwissende, das ist die innere Herrschaft, das ist der Ursprung von allem.

Mandukya Upanishad, Verse 5, 6.

Dieses Supramental, das alles in sich enthält, alles verursacht und alles aufs Höchste erfüllt, müssen wir als die Natur des Göttlichen Wesens erkennen, und zwar nicht in seinem absoluten Selbst-Sein, sondern in seinem Wirken als Herr und Schöpfer seiner eigenen Welten. Das ist die Wahrheit dessen, was wir Gott nennen. Offensichtlich ist er nicht die allzu personhafte und begrenzte Gottheit, der vergrößerte und übernatürliche Mensch der üblichen westlichen Auffassung. Diese Auffassung errichtet ein allzu menschliches Idol einer gewissen Beziehung zwischen dem schöpferischen Supramental und dem Ich. Wir dürfen gewiß nicht den persönlichen Aspekt der Gottheit ausschließen, denn der apersonale ist nur der eine Aspekt des Seins. Das Göttliche Wesen ist All-Sein, aber es ist auch der Eine Seiende, es ist das einzige Bewußt-Seiende, aber doch ein Seiendes. Wir befassen uns jedoch im Augenblick nicht mit diesem Aspekt. Wir suchen die apersonale psychologische Wahrheit des Göttlichen Bewußtseins zu ergründen: Wir müssen es jetzt in einem umfassenden geklärten Begriff festlegen.

Das Wahrheits-Bewußtsein ist als ein ordnendes Wissen aus dem Selbst überall im Universum gegenwärtig, durch das das Eine die Harmonien seiner unendlichen potentiellen Vielfalt offenbart. Ohne dieses ordnende Selbst-Wissen wäre die Manifestation nur ein dahintreibendes Chaos, gerade weil die Potentialität unendlich ist und, sich selbst überlassen, nur zu einem Spiel unkontrollierten schrankenlosen Zufalls führen würde. Gäbe es nur eine unendliche Entwicklungsmöglichkeit ohne ein Gesetz lenkender Wahrheit und harmonischer Selbst-Schau, ohne eine vorausbestimmende Idee, die schon im Keim der Dinge enthalten ist, wenn er zur Evolution ausgestreut wird, könnte die Welt nichts anderes sein als ein Durcheinander massenhafter, gestaltloser, verworrener Ungewißheit.

Das Wissen aber, das erschafft – denn was es erschafft, sind Gestaltungen und Mächte aus ihm selbst, also nichts, was etwas anderes wäre als es selbst –, besitzt in seinem eigenen Wesen die Schau der Wahrheit und des Gesetzes, das jede Potentialität beherrscht, zugleich damit ein ins einzelne gehendes Gewahrsein seiner Beziehung zu anderen Potentialitäten, ferner der Harmonien, die zwischen ihnen möglich sind. Es enthält in einer allgemein bestimmenden Harmonie vorgeformt, was die gesamte rhythmische Idee eines Universums schon bei ihrem Entstehen und bei ihrer Konzeption im Selbst enthalten und sich deshalb unvermeidlich durch das Zusammenspiel dessen, was sie konstituiert, auswirken muß. Es ist Ursprung und Hüter des Gesetzes in der Welt, denn dieses Gesetz ist nichts Willkürliches – es ist Ausdruck einer Eigenart des Selbsts, bestimmt durch die zwingende Wahrheit der Realidee, die jedes Ding ursprünglich ist. Darum ist von Anfang an die gesamte Entfaltung im Selbst-Wissen dieser Wahrheit und in jedem Augenblick in ihrem Selbst-Wirken vorbestimmt: Sie ist das, was sie in jedem Augenblick durch ihre ursprüngliche, eingeborene Wahrheit sein muß. Sie bewegt sich auf das hin, was sie im nächsten Augenblick sein soll, eben infolge ihrer ursprünglichen, eingeborenen Wahrheit. Sie wird am Ende das sein, was in ihrem Keim enthalten und wozu sie bestimmt ist.

Diese Entwicklung der Welt und ihr Fortschritt im Einklang mit einer ursprünglichen Wahrheit ihres eigenen Wesens setzt voraus: eine Aufeinanderfolge der Zeit, eine Beziehung im Raum, eine geregelte Wechselwirkung der aufeinander bezogenen Dinge im Raum, der die Aufeinanderfolge der Zeit den Aspekt der Kausalität verleiht. Zeit und Raum besitzen nach Auffassung des Metaphysikers nur eine begriffliche, keine wirkliche Existenz. Da aber alle Dinge – und nicht nur diese – Formen sind, die vom Bewußt-Seienden in seinem eigenen Bewußtsein angenommen werden, ist diese Unterscheidung nicht von großer Bedeutung. Zeit und Raum sind jenes eine Bewußt-Seiende, das sich selbst in seiner Ausdehnung betrachtet, subjektiv als Zeit und objektiv als Raum. Unsere mentale Betrachtung dieser beiden Kategorien wird durch die Vorstellung vom Messen bestimmt, die der Betätigung des analytischen teilenden Verfahrens des Mentals eingeboren ist. Zeit ist für das Mental eine mobile Ausdehnung, gemessen durch die Aufeinanderfolge von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, wobei das Mental einen gewissen Standort einnimmt, von dem aus es nach vorwärts und rückwärts schaut. Raum ist eine stabile Ausdehnung, die durch die Teilbarkeit der Substanz gemessen wird. Das Mental stellt sich auch hier an einen gewissen Punkt der teilbaren Ausdehnung und betrachtet von da aus die Anordnung der Substanz um sich herum.

Tatsächlich bemißt das Mental Zeit durch Ereignis und Raum durch Materie. In der reinen Mentalität ist es aber möglich, die Bewegung von Ereignis und die Anordnung von Substanz unbeachtet zu lassen und die reine Bewegung der Bewußten Kraft zu betrachten, die Raum und Zeit konstituiert. Dann sind Raum und Zeit nur zwei Aspekte jener universalen Bewußtseinskraft, die, ineinander verflochten, in ihrer Wechselwirkung Kette und Schuß des Gewebes ihrer Einwirkung auf sich selbst umfaßt. Für ein Bewußtsein, das höher ist als das Mental, unsere Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit einem einzigen Blick überschauen und die drei in sich enthalten würde, statt in ihnen enthalten zu sein, und das auch nicht auf einen besonderen Augenblick der Zeit als den Ort seines Schauens festgelegt wäre, könnte sich die Zeit wohl als eine ewige Gegenwart darstellen. Für dasselbe Bewußtsein, das nicht auf einen bestimmten Punkt des Raumes fixiert wäre, sondern alle Punkte und Bereiche in sich enthielte, könnte sich der Raum als eine subjektive und unteilbare Ausdehnung darbieten, – nicht weniger subjektiv als die Zeit. In gewissen Augenblicken nehmen wir eine solche unteilbare Schau wahr, die durch ihre unveränderliche selbst-bewußte Einheit die Verschiedenartigkeiten des Universums trägt und zusammenhält. Wir dürfen aber jetzt nicht fragen, wie sich die Inhalte von Zeit und Raum dort in ihrer transzendenten Wahrheit darstellen würden. Denn das kann unser Mental nicht begreifen. Es ist sogar dazu bereit, diesem Unteilbaren jede Möglichkeit zu bestreiten, die Welt auf eine andere Weise zu erkennen als auf die unseres Mentals und unserer Sinne.

Was wir einzusehen haben und auch bis zu einem gewissen Grad begreifen können, ist die einheitliche Schau und die allumfassende Betrachtung, durch die das Supramental die Aufeinanderfolgen der Zeit und die Einteilungen des Raumes umgreift und miteinander vereint. Bestünde nicht dieser Faktor der Aufeinanderfolge von Zeit, gäbe es zunächst weder Veränderung noch Fortschritt. Unablässig würde sich eine vollkommene Harmonie offenbaren, gleichzeitig mit anderen Harmonien in einer Art ewigen Augenblicks, ohne ihnen zeitlich zu folgen in der Bewegung von der Vergangenheit zur Zukunft. Statt dessen haben wir die ständige Aufeinanderfolge einer sich entfaltenden Harmonie, in der die Melodie aus einer anderen, ihr vorausgegangenen, aufsteigt und in sich das birgt, was sie ersetzt hat. Würde die Selbst-Manifestation ohne den Faktor des teilbaren Raums existieren, gäbe es keine veränderliche Beziehung der Formen und kein Aufeinanderprallen der Kräfte. Alles würde wohl existieren, aber nicht zum Wirken entfaltet sein, – ein raumloses, rein subjektives Selbst-Bewußtsein würde alle Dinge in einem unendlichen subjektiven Verständnis in sich enthalten, etwa wie in der Phantasie eines kosmischen Poeten oder Träumers, es würde sich aber nicht in einer unbegrenzten objektiven Selbst-Ausbreitung über sie alle verteilen. Wäre allein die Zeit wirklich, würden ihre Aufeinanderfolgen die reine Entfaltung sein. In subjektiver freier Spontaneität würde eine Melodie aus der anderen aufsteigen wie in einer Komposition in der Musik oder in einer Reihe poetischer Bilder. Statt dessen haben wir eine von der Zeit ausgearbeitete Harmonie in Begriffen von Formen und Kräften, die in einer alles enthaltenden räumlichen Ausdehnung zueinander in Beziehung stehen, eine unaufhörliche Aufeinanderfolge von Mächten und Figuren der Dinge und Ereignisse in unserer Schau des Daseins.

In diesem Feld von Zeit und Raum sind verschiedenartige Potentialitäten verkörpert, räumlich angeordnet und zueinander in Beziehung gesetzt. Jede besitzt ihre Mächte und Möglichkeiten, tritt anderen Mächten und Möglichkeiten entgegen, so daß, im Ergebnis, die Aufeinanderfolgen der Zeit dem Mental als Zusammenprall und Kampf der Dinge erscheinen, nicht als durch spontane Aufeinanderfolge bewirkt. In Wirklichkeit gibt es ein spontanes Ausgestalten der Dinge von innen her. Der äußere Zusammenprall und Kampf ist nur der vordergründige Aspekt dieses schöpferischen Prozesses. Das innere, eingeborene Gesetz des Einen und Ganzen, das notwendigerweise Harmonie ist, regiert die äußeren, das Verfahren bestimmenden Gesetze der Teile oder Formen, die zu kollidieren scheinen. Für die supramentale Schau ist diese höhere und tiefere Wahrheit der Harmonie immer gegenwärtig. Was dem Mental als Disharmonie erscheint, weil es jede Sache gesondert betrachtet, ist für das Supramental ein Element der allgemeinen, immer gegenwärtigen und sich entfaltenden Harmonie, da es alle Dinge in vielfältiger Einheit schaut. Außerdem sieht das Mental nur eine gegebene Zeit und einen gegebenen Raum und schaut viele Möglichkeiten durcheinander als alle mehr oder minder in dieser Zeit und diesem Raum verwirklichbar. Das göttliche Supramental hingegen sieht die ganze Ausdehnung von Zeit und Raum und kann alle Möglichkeiten des Mentals zusammenfassend überblicken und noch viele dazu, die für das Mental nicht sichtbar sind. Es tut das ohne Irrtum, ohne Herumtasten oder Konfusion. Denn es gewahrt jede Potentialität in ihrer eigenen Kraft, ihrer wesenhaften Notwendigkeit und ihrer richtigen Beziehung zu den anderen. Es weiß Zeit, Ort und Umstand ihrer stufenweisen ebenso wie ihrer endgültigen Verwirklichung. Die Dinge stetig zu sehen und als Ganzes zu überschauen, ist für das Mental nicht möglich. Gerade das ist aber die eigentliche Natur des transzendenten Supramentals.

Dieses Supramental hält in seiner bewußten Schau nicht nur alle seine Formen zusammen, die seine bewußte Kraft erschafft, sondern es durchdringt sie auch als eine ihnen innewohnende Gegenwart und als ein sich selbst offenbarendes Licht. Wenn auch verborgen, so ist es doch in jeder Form und Kraft des Universums gegenwärtig. Es bestimmt souverän und spontan ihre Gestalt, Kraft und Funktion. Es begrenzt die Variationen, die seine Macht hervorruft. Es sammelt, zerstreut und modifiziert die Energie, die es verwendet. Das alles geschieht in Einklang mit den “ersten Gesetzen”,7 die sein Selbst-Wissen schon beim Entstehen der Form und am Ausgangspunkt der Kraft festgelegt hat. Es hat seinen Sitz in jeglichem Seienden als der Herr, der im Herzen aller existierenden Wesen thront, “Er, der sie im Kreis herumwirbeln läßt wie auf einer Maschine durch die Macht seiner maya” (Gita XVIII, 61). Er “ist in ihnen und hält sie in seinen Armen als der Göttliche Seher, der in verschiedener Weise die Gegenstände verteilte und ordnete, doch jeden richtig im Einklang mit dem, was seit ewigen Jahren ist” (Isha Upanishad, Vers 8).

So wird alles in der Natur, ob belebt oder unbelebt, mental seiner selbst bewußt oder nicht bewußt, in seinem Wesen und in seinen Wirkensweisen von einer innewohnenden Vision und Macht gelenkt, die für uns unter- oder unbewußt ist, weil wir ihrer nicht bewußt sind, die aber sich selbst gegenüber nicht unbewußt, vielmehr tief und universal ihrer selbst bewußt ist. Darum scheint jedes Ding die Werke einer Intelligenz zu tun, auch wenn es selbst keine Intelligenz besitzt, denn es gehorcht in seinem Inneren der Real-Idee des göttlichen Supramentals, ob unterbewußt wie in Pflanze und Tier, ob halbbewußt wie im Menschen. Das ist aber keine mentale Intelligenz, die alle Dinge und Wesen von innen her formt und lenkt, vielmehr eine Wahrheit des Seienden, die sich selbst wahrnimmt, in der Selbst-Wissen untrennbar ist von Selbst-Sein: Es ist dieses Wahrheits-Bewußtsein, das die Dinge nicht ausdenken muß, sondern sie mit Wissen bewerkstelligt entsprechend der unfehlbaren Selbst-Schau und der unwiderstehlichen Kraft eines einzigen, sich selbst erfüllenden Seins. Mentale Intelligenz denkt aus. Sie ist reflektierende Bewußtseins-Kraft, die nicht erkennt, sondern zu erkennen strebt. Sie folgt in der Zeit Schritt um Schritt dem Wirken eines Wissens, das höher ist als sie selbst, das immer existiert, das ein einziges und ganzes ist, das die Zeit fest in seinem Griff hält, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mit einem einzigen Blick überschaut.

Dies ist also das erste Verfahrens-Prinzip des göttlichen Supramentals. Es ist eine kosmische Schau, die all-umfassend, all-durchdringend und allem innewohnend ist. Da es alle Dinge im Wesen und in statischem Selbst-Innesein subjektiv, zeitlos und raumlos umgreift, begreift es sie alle auch in dynamischer Erkenntnis und regiert ihre objektive Selbst-Verkörperung in Raum und Zeit.

In diesem Bewußtsein sind der Wissende, das Wissen und das Gewußte keine verschiedenen Begriffe, sondern fundamental eins. Unsere Mentalität unterscheidet zwischen diesen dreien, denn sie kann nicht ohne Unterscheiden funktionieren. Verliert sie dieses ihr eigene Mittel und fundamentale Gesetz des Wirkens, wird sie bewegungslos und inaktiv. Darum muß ich, wenn ich mich selbst mental betrachte, auch diese Unterscheidung treffen: Ich bin als der Erkennende. Was ich in mir selbst beobachte, betrachte ich als Objekt meiner Erkenntnis. Ich bin es zwar, doch ist es nicht ich selbst. Die Erkenntnis ist das Verfahren, durch das ich den Erkennenden mit dem Erkannten verknüpfe. Die Künstlichkeit dieses Verfahrens, sein rein praktischer, nützlicher Charakter ist offensichtlich. Es ist klar, daß das nicht die fundamentale Wahrheit der Dinge darstellt. In Wirklichkeit bin ich, der Erkennende, auch das Bewußtsein, das erkennt. Und die Erkenntnis ist ebenfalls jenes Bewußtsein, nämlich ich selbst als Bewirkender der Erkenntnis. Das Erkannte ist ebenfalls ich selbst, eine Form oder Bewegung desselben Bewußtseins. Die drei sind deutlich ein einziges Sein, eine einzige Bewegung, unteilbar, obwohl sie getrennt zu sein scheinen. Das Sein ist nicht an seine Formen verteilt, obwohl es aussieht, als verteile es sich selbst an sie und stehe in jeder Form gesondert da. Das ist aber Erkenntnis, zu der das Mental gelangen, die es mit der Vernunft ausdenken und fühlen, aber nicht leicht zur praktischen Grundlage seiner intelligenten Verfahrensweisen machen kann. Im Blick auf Gegenstände, die außerhalb jener Form von Bewußtsein sind, die ich “ich selbst” nenne, wird die Schwierigkeit fast unüberwindlich. Hier die Einheit auch nur zu fühlen, erfordert ein abnormes Bemühen. Sie festzuhalten und auf ihrer Grundlage ständig zu handeln, würde ein neues, fremdartiges Tun bedeuten, das nicht eigentlich zum Mental gehört. Das Mental kann die Einheit höchstens als eine Wahrheit des Verstandes festhalten, durch die seine eigenen normalen Betätigungen korrigiert und modifiziert werden, die immer weiter auf Trennung beruhen, etwa so, wie wir intellektuell wissen, daß sich die Erde um die Sonne dreht, und dadurch die künstliche, jedoch für uns physisch so praktische Einstellung korrigieren, derzufolge die Sinne ständig weiter die Sonne als die Erde umkreisend betrachten, ohne die Einstellung abzuschaffen.

Das Supramental besitzt fundamental diese Wahrheit der Einheit und wirkt stets auf dieser Grundlage, die für das Mental nur ein sekundärer oder erworbener Besitz und nicht Kern seines Schauens ist. Das Supramental schaut das Universum und seine Inhalte als es selbst in einem einzigen unteilbaren Akt des Erkennens, einem Akt, der sein Leben und die eigentliche Bewegung seines Selbst-Seins ist. Wenn darum dieses allumfassende göttliche Bewußtsein in seinem Aspekt des Willens wirkt, führt oder regiert es nicht so sehr die Entfaltung des kosmischen Lebens, als daß es dieses in sich selbst durch einen Akt von Macht vollkommen erschafft, der von dem Akt des Wissens und der Bewegung des Selbst-Seins unabtrennbar ist, weil in Wirklichkeit ein und derselbe Akt. Wir haben gesehen, die universale Kraft und das universale Bewußtsein sind eins, – kosmische Kraft ist die Auswirkung kosmischen Bewußtseins. So sind auch göttliches Wissen und göttlicher Wille eins; dieselbe fundamentale Bewegung oder dasselbe Wirken des Seins.

Diese Unteilbarkeit des allumfassenden Supramentals, das die gesamte Vielfalt in sich enthält, ohne dadurch seine eigene Einheit aufzuheben, ist eine Wahrheit, auf die wir stets Nachdruck legen müssen, wenn wir den Kosmos verstehen und von dem Grundirrtum unserer analytischen Mentalität frei werden wollen. Ein Baum entwickelt sich aus dem Samen, in dem er bereits enthalten ist. Der Same entwickelt sich aus dem Baum. Ein festes Gesetz, ein unveränderlicher Prozeß regiert mit der Fortdauer der Form der Manifestation, die wir einen Baum nennen. Das Mental betrachtet dieses Phänomen, dieses Entstehen, Leben und Neu-Entstehen eines Baumes als ein Ding für sich und studiert, klassifiziert und erklärt es auf dieser Grundlage. Es erklärt den Baum durch den Samen und den Samen durch den Baum und behauptet, das sei ein Naturgesetz. Es hat aber gar nichts erklärt. Es hat nur den Vorgang eines Geheimnisses analysiert und dargestellt. Angenommen, es kommt so weit, daß es jene geheime bewußte Kraft als die Seele, als das wahre Wesen dieser Form wahrnimmt und alles übrige nur als festgelegtes Verfahren und Manifestation jener Kraft, auch dann will es die Form als ein davon getrenntes Sein mit dessen besonderem Naturgesetz und Entwicklungsprozeß ansehen. Im Tier und im Menschen mit seiner bewußten Mentalität verleitet diese sondernde Tendenz das Mental dazu, sich als abgesondertes Dasein zu betrachten, als das bewußte Subjekt, und andere Formen als davon getrennte Objekte seiner betrachtenden Mentalität. Dieses brauchbare Schema, das für das Leben und als erste Grundlage aller Betätigung des Mentals notwendig ist, wird von ihm als aktuelle Tatsache angenommen, und hieraus entsteht dann der ganze Irrtum des Ichs.

Das Supramental wirkt auf andere Weise. Der Baum und sein Wachstumsprozeß wären nicht das, was sie sind, ja könnten überhaupt nicht existieren, wenn sie gesonderte Existenzen wären. Formgestaltungen sind das, was sie sind, durch die Kraft des kosmischen Seins. Sie entfalten sich so, wie sie es tun, als Ergebnis ihrer Beziehung zu ihm und zu all seinen anderen Manifestationen. Das gesonderte Gesetz ihrer Natur ist nur eine Anwendung des universalen Gesetzes und der Wahrheit der gesamten Natur. Ihre besondere Entwicklung wird durch ihren Platz in der allgemeinen Entwicklung bestimmt. Der Baum erklärt nicht die Saat und die Saat nicht den Baum. Der Kosmos erklärt beide, und Gott erklärt den Kosmos. Das Supramental, das zugleich Baum, Saat und alle Wesen und Gegenstände durchdringt und bewohnt, lebt in diesem höheren Wissen, das unteilbar und eines ist, wenn auch mit einer modifizierten, nicht absoluten Unteilbarkeit und Einheit. In diesem allumfassenden Wissen gibt es kein unabhängiges Seins-Zentrum, kein individuelles abgesondertes Ich, wie wir es in uns erfahren. Für seine Selbst-Wahrnehmung ist das Ganze des Seins eine gleichmäßige Ausdehnung, eins im Einssein, eins in der Vielfalt, eins in allen Umständen und überall. Hier sind das All und das Eine dasselbe Sein. Der individuelle Mensch verliert nicht – und kann nicht verlieren – das Bewußtsein seiner Identität mit allen Wesen und mit dem Einen Wesen. Denn diese Identität gehört ursprünglich zur supramentalen Erkenntnis als Teil der supramentalen Selbst-Evidenz.

In dieser weiträumigen Ausgeglichenheit des Einsseins ist das Sein nicht zerteilt und nicht verteilt. Gleichmäßig selbst-ausgedehnt, als das Eine seine Ausdehnung durchdringend, als das Eine die Vielfalt der Formen bewohnend, ist es überall und gleichzeitig das einzige und gleichmäßige brahman. Denn diese Ausdehnung des Seins in Zeit und Raum und dieses Durchdringen und Innewohnen steht in inniger Beziehung zur absoluten Einheit, aus der es hervorgetreten ist, zu jenem absoluten Unteilbaren, in dem es keinen Mittelpunkt und keine Peripherie gibt, sondern nur das zeitlose und raumlose Eine. Diese hohe Konzentration von Einheit im unausgebreiteten brahman muß sich notwendigerweise in die Ausbreitung übertragen: durch diese in gleicher Weise alles durchdringende Konzentration, diese unteilbare Zusammenfassung aller Dinge, diese universale unverteilte Immanenz, diese Einheit, die kein Spiel der Vielfalt aufheben oder vermindern kann. “Brahman ist in allen Dingen, alle Dinge sind in brahman, alle Dinge sind brahman.” Das ist die dreifache Formel für das allumfassende Supramental, eine einzige Wahrheit der Selbst-Manifestation in drei Aspekten, die es in seiner Selbst-Schau zusammenhält, untrennbar, als das fundamentale Wissen, aus dem es in das Spiel des Kosmos hervortritt.

Was ist nun aber der Ursprung der Mentalität und der Organisation dieses niederen Bewußtseins in den dreifachen Begriffen von Mental, Leben und Materie, so wie wir das Universum betrachten? Da alles, was ist, aus dem Wirken des allwirksamen Supramentals hervorgehen muß, aus seinen Aktivitäten in den drei ursprünglichen Begriffen von Sein, Bewußter Kraft und Seligkeit, muß es ein Vermögen des schöpferischen Wahrheits-Bewußtseins geben, das so wirkt, daß es sie in die neuen Begriffe umprägt, in dieses niedere Trio von Mentalität, Vitalität und physischer Substanz. Wir finden diese Befähigung in einer sekundären Macht des schöpferischen Wissens, in seiner Macht eines projizierenden, konfrontierenden und wahrnehmenden Bewußtseins, in dem sich das Wissen konzentriert und von seinem Wirken zurücktritt, um es zu beobachten. Wenn wir hier von Zentralisation sprechen, meinen wir – im Unterschied zu der gelassenen Konzentration des Bewußtseins, von der wir bisher sprachen – eine unausgeglichene Konzentration, worin der Anfang der Selbst-Zerteilung oder dessen, was phänomenal so aussieht, einsetzt.

Der Erkennende hält sich in erster Linie als Subjekt auf das Erkennen konzentriert und betrachtet die Kraft seines Bewußtseins so, als ob sie ständig aus ihm in die Gestalt seiner selbst hervortrete, in ihr immer wirke, sich dauernd wieder in ihn zurückziehe und ständig wieder aus ihm hervorgehe. Aus diesem einzelnen Akt, durch den sich der Erkennende immer wieder selbst modifiziert, gehen alle praktischen Unterscheidungen hervor, auf die sich die relative Betrachtung des Universums und das relative Handeln in ihm gründen. So wurde die praktische Unterscheidung getroffen: zwischen dem Erkennenden, der Erkenntnis und dem Erkannten, zwischen dem Herrn, Seiner Kraft und den Kindern und Werken der Kraft, zwischen Ihm, der genießt, dem Genießen und dem Gegenstand des Genusses, zwischen dem Selbst, der maya und den Werdeformen des Selbsts.

Zweitens vervielfältigt sich diese Bewußte Seele, die im Erkennen konzentriert ist, dieser purusha, der die Kraft, seine shakti oder prakriti, die aus ihm hervorgegangen ist, beobachtet und lenkt, in jeder Gestaltung seiner selbst. Er begleitet sozusagen seine Bewußtseins-Kraft in ihre Werke hinein Und erzeugt dort immer wieder den Akt der Selbst-Zerteilung, aus dem das äußerlich wahrnehmende Bewußtsein geboren wird. Diese Seele, dieser purusha, wohnt in jeder Gestalt zusammen mit seiner Natur und beobachtet sich an anderen Gestaltungen von dem künstlichen, praktischen Mittelpunkt des Bewußtseins her. In allen ist dieselbe Seele, dasselbe Göttliche Wesen. Die Vervielfältigungen von Zentren ist nur ein praktischer Bewußtseins-Akt mit der Absicht, ein Spiel von Unterscheidung, Gegenseitigkeit, wechselseitigem Erkennen, Zusammenprallen von Kraft und gegenseitiger Freude zustande zu bringen, eine Unterschiedlichkeit, die in wesenhafter Einheit gegründet, eine Einheit, die auf der praktischen Grundlage von Verschiedenheit verwirklicht ist.

Diesen neuen Status des das All durchdringenden Supramentals können wir ein weiteres Heraustreten aus der unitarischen Wahrheit der Dinge und aus dem unteilbaren Bewußtsein nennen, das unveräußerlich die Einheit konstituiert, die für das Dasein des Kosmos wesentlich ist. Wenn diese Linie noch ein wenig weiter verfolgt wird, können wir sehen, wie die Wahrheit zu avidya, zur großen Unwissenheit werden kann, die von der Vielfalt als der fundamentalen Wirklichkeit ausgeht und mit der falschen Einheit des Ichs beginnen muß, um zur wahren Einheit zurückkehren zu können. Wir sehen auch, daß unfehlbar mentales Empfinden, mentale Intelligenz, mentale Aktion des Willens und all ihre Folgeerscheinungen auftreten müssen, sobald das individuelle Zentrum als der determinierende Standpunkt, als der Erkennende, akzeptiert wird. Wir können aber auch sehen, daß Unwissenheit noch nicht eingesetzt hat, solange die Seele im Supramental handelt. Das Feld des Wissens und Handelns ist immer noch das Wahrheits-Bewußtsein, Grundlage ist immer noch die Einheit.

Das Selbst betrachtet sich immer noch als eines in allen und alle Dinge als Werde-Erscheinungen in sich und aus ihm selbst. Der Herr erkennt immer noch seine Kraft an als Er selbst im Akt des Wirkens und jedes Wesen als Er selbst in Seele und Gestalt. Es ist immer noch sein eigenes Wesen, das der Genießende genießt, wenn auch in Vielfalt. Die einzig wirkliche Veränderung liegt in einer ungleichmäßigen Konzentration von Bewußtsein und in einer vielfältigen Verteilung von Kraft. Es gibt im Bewußtsein eine praktische Unterscheidung, aber es gibt keine wesenhafte Verschiedenheit von Bewußtsein oder eine wirkliche Zerteilung in der Schau seiner selbst. Das Wahrheits-Bewußtsein ist an einem Übergangs-Punkt angelangt, wo sich unsere Mental-Struktur vorbereitet, aber noch nicht die unserer Mentalität ist. Gerade diese Übergangsposition müssen wir studieren, um das Mental an seinem Ursprung erfassen zu können, an dem Punkt, wo es den großen Sprung aus der Höhe und unendlichen Weite des Wahrheits-Bewußtseins in die Zerteilung und Unwissenheit macht. Glücklicherweise liegt dieses nach außen gerichtete wahrnehmende Wahrheits-Bewußtsein, prajnana, uns viel näher und ist darum auch für unser Begreifen zugänglicher, denn es wirft die Schatten des Funktionierens unserer Mentalkräfte viel mehr voraus als die entlegenere Realisation, die wir bisher in unserer unzureichenden Sprache des Intellekts auszudrücken uns bemühten. Die Schranke, über die wir hinwegkommen müssen, ist nicht mehr so schrecklich hoch.

Kapitel XVI. Der dreifache Status des Supramentals

Mein Selbst ist das, was alle Wesen fördert und ihr Dasein begründet... Ich bin das Selbst, das in allen Wesen wohnt.

Gita, IX. 5., X.20.

Drei Mächte von Licht stützen drei leuchtende göttliche Welten.

Rig Veda, V. 29.1.

Bevor wir zu dieser leichter verständlichen Deutung der Welt, die wir bewohnen, vom Standpunkt eines wahrnehmenden Wahrheits-Bewußtseins übergehen, das die Dinge so sieht, wie eine individuelle Seele sie schauen würde, die von den mentalen Begrenzungen befreit und zugelassen ist zur Teilnahme am Wirken des Göttlichen Supramentals, müssen wir innehalten und kurz zusammenfassen, was wir vom Bewußtsein des Herrn, des ishvara, erkannt haben und noch erkennen können, wie Er die Welt durch Seine maya aus der ursprünglichen konzentrierten Einheit Seines Wesens zur Entfaltung bringt.

Wir sind von der Feststellung ausgegangen, daß alles, was ist, ein einziges Sein ist, dessen wesenhafte Natur Bewußtsein ist. Die aktive Natur dieses einen Bewußtseins ist Kraft oder Wille. Dieses Sein ist tiefe Freude, dieses Bewußtsein ist tiefe Freude, diese Kraft oder dieser Wille ist tiefe Freude. Ewige, unveränderliche Seligkeit von Sein, Seligkeit von Bewußtsein, Seligkeit von Kraft oder Wille, – ob diese in sich selbst konzentriert und in Ruhe oder ob sie aktiv und schöpferisch ist, – das ist Gott und das sind wir selbst in unserem wesenhaften, nicht-phänomenalen Sein. Wenn es in sich selbst konzentriert ist, besitzt oder besser ist es die wesenhafte, ewige, unveränderliche Seligkeit. Ist es aktiv und schöpferisch, besitzt es oder besser wird es zur seligen Freude des Spiels von Sein, des Spiels von Bewußtsein, des Spiels von Kraft und Willen. Das Spiel ist das Universum, und die Seligkeit ist einzig und allein Ursache, Motiv und Zweck kosmischen Daseins. Das Göttliche Bewußtsein besitzt in sich dieses Spiel und diese Seligkeit ewig und unveränderlich. Unser wesenhaftes Sein, unser wirkliches Selbst, das vor uns durch das falsche Selbst, das mentale Ich, verborgen ist, erfreut sich ebenso ewig und unveränderlich dieses Spiels und dieser Seligkeit. Es kann gar nicht anders, da es im Wesen eins ist mit dem Göttlichen Bewußtsein. Wenn wir also ein göttliches Leben erstreben, können wir es auf keinem anderen Weg erlangen, als daß wir dieses verhüllte Selbst in uns enthüllen, daß wir uns aus unserem gegenwärtigen Status im falschen Selbst oder mentalen Ich in einen höheren Status, in das wahre Selbst, das atman, erheben, indem wir in die Einheit mit jenem Göttlichen Bewußtsein eingehen, an dem sich etwas Überbewußtes in uns immer erfreut – sonst könnten wir gar nicht existieren –, das aber unsere bewußte Mentalität verwirkt hat.

Wenn wir aber dergestalt einerseits die Einheit von saccidananda und die zerteilte Mentalität andererseits feststellen, richten wir zwei entgegengesetzte Bereiche auf, von denen der eine falsch sein muß, wenn man den anderen für wahr halten, der eine beseitigt werden muß, wenn man sich am anderen erfreuen will. Nun existieren wir aber auf Erden im Mental und in seiner Form von Leben und Körper, und göttliches Leben wäre hier unmöglich, wenn wir das Bewußtsein von Mental, Leben und Körper abschaffen müßten, um das eine Sein, Bewußtsein und seine Seligkeit zu erlangen. Wir müßten dann die kosmische Existenz als Illusion aufgeben, um das Transzendente zu genießen oder es wieder zu werden. Hier gibt es ein Entrinnen nur, wenn es ein Vermittlungsglied zwischen beiden gibt, das sie einander erklären und zwischen ihnen eine solche Beziehung herstellen kann, die es uns ermöglicht, das eine Sein, Bewußtsein und seine Seligkeit in der Gestalt von Mental, Leben und Körper zu verwirklichen.

Dieses Verbindungsglied existiert. Wir nennen es das Supramental oder das Wahrheits-Bewußtsein, weil es ein der Mentalität übergeordnetes Prinzip ist und in der fundamentalen Wahrheit und in der Einheit der Dinge und nicht, wie das Mental, in deren Erscheinungsformen und phänomenalen Zerteilungen existiert, handelt und vorwärtsgeht. Die Existenz des Supramentals ist eine logische Notwendigkeit, die sich unmittelbar aus unserer Ausgangsposition ergibt. Denn saccidananda muß an sich ein raumloses und zeitloses Absolutes bewußten Seins sein, das Seligkeit ist. Die Welt ist jedoch im Gegensatz dazu eine Ausdehnung in Zeit und Raum und eine Bewegung, Ausarbeitung und Entfaltung von Beziehungen und Möglichkeiten durch Kausalität – oder durch das, was uns als solche erscheint – in Zeit und Raum. Der wahre Name für diese Kausalität ist Göttliches Gesetz. Das Wesentliche dieses Gesetzes ist eine unbeirrbare Selbst-Entfaltung der Wahrheit der Sache, die, als Idee, im wahren Wesen dessen enthalten ist, was entwickelt wird. Es ist eine im voraus festgelegte Bestimmung relativer Bewegungen aus dem Stoff unendlicher Möglichkeit. Was alle Dinge so zur Entfaltung bringt, muß ein Wissens-Wille oder eine bewußte Kraft sein; denn die gesamte Manifestation des Universums ist ein Spiel der Bewußten Kraft, die die wesenhafte Natur des Seins ist. Aber der entfaltende Wissens-Wille kann nicht mental sein; denn das Mental kennt, besitzt und lenkt dieses Gesetz nicht, vielmehr wird es selbst durch es regiert, ist eines seiner Resultate, bewegt sich innerhalb der Erscheinungen der Selbst-Entfaltung und nicht an ihrer Wurzel, beobachtet die Ergebnisse der Entfaltung als getrennte Dinge und ringt vergebens darum, zu ihrem Ursprung und ihrer Wirklichkeit zu gelangen. Außerdem muß dieser Wissens-Wille, der alles zur Entwicklung bringt, im Besitz der Einheit der Dinge sein und aus ihr deren Vielfalt manifestieren. Das Mental ist aber nicht im Besitz jener Einheit. Es verfügt nur über einen unvollkommenen Besitz eines Teils der Vielfalt.

Darum muß ein dem Mental übergeordnetes Prinzip vorhanden sein, das die Bedingungen erfüllt, vor denen das Mental versagt. Zweifellos ist saccidananda selbst dieses Prinzip, aber nicht jenes, das in seinem reinen unendlichen unveränderlichen Bewußtsein ruht, sondern jenes, das aus diesem ursprünglichen Status der Ruhe heraustritt oder sich auf ihn als seine Grundlage stellt, in ihm wie in einem Behältnis verbleibt und in eine Bewegung eingeht, die seine Form von Energie und sein Instrument für kosmische Schöpfung ist. Bewußtsein und Kraft sind die wesenhaften Zwillingsaspekte der reinen Macht des Seins. Wissen und Wille müssen darum die Form sein, die jene Macht in der Ausdehnung von Zeit und Raum annimmt, um eine Welt gegenseitiger Beziehungen zu erschaffen. Dieses Wissen und dieser Wille müssen eins sein, unendlich, allumfassend, allbesitzend, allgestaltend, sie müssen ewig in sich festhalten, was saccidananda in Bewegung und Gestalt ausprägt. So ist also das Supramental ein Wesen, das nach außen in ein bestimmendes Selbst-Wissen hinaustritt, das gewisse Wahrheiten seiner selbst wahrnimmt und sie in einer zeitlichen und räumlichen Ausdehnung seines eigenen zeitlosen und raumlosen Seins realisieren will. Was in seinem eigenen Wesen enthalten ist, nimmt Form an als Selbst-Wissen, als Wahrheits-Bewußtsein, als Real-Idee; da dieses Selbst-Wissen auch Selbst-Kraft ist, erfüllt und verwirklicht es sich unvermeidlich in Zeit und Raum.

Das ist also die Natur des Göttlichen Bewußtseins, das in sich selbst alle Dinge durch eine Bewegung seiner bewußten Kraft erschafft und ihre Entwicklung durch Selbst-Evolution mittels eines eingeborenen Wissens-Willens der Wahrheit des Seins oder der Real-Idee regiert, die jene gebildet hat. Das Wesen, das auf diese Weise um sich selbst weiß, nennen wir Gott. Offensichtlich muß Er allgegenwärtig, allwissend und allmächtig sein. Allgegenwärtig, denn alle Formen sind Gestaltungen Seines bewußten Wesens, durch dessen Kraft der Bewegung in seiner eigenen Ausdehnung als Raum und Zeit erschaffen; allwissend, denn alle Dinge existieren in Seinem bewußten Wesen, sind durch es geformt und werden in seinem Besitz behalten; allmächtig, denn dies alles besitzende Bewußtsein ist auch eine alles besitzende Kraft und ein alles gestaltender Wille. Dieser Wille und dieses Wissen liegen nicht miteinander im Kampf, wie unser Wille und unser Wissen einander widerstreiten können, denn sie sind nicht verschieden, sondern eine einzige Bewegung desselben Wesens. Gegen sie kann kein anderer Wille, keine andere Kraft und kein anderes Bewußtsein von außen oder innen her Widerspruch erheben, denn es gibt kein Bewußtsein und keine Kraft, die außerhalb von dem Einen wäre, und alle Energien und Gestaltungen von Wissen in ihm sind nichts anderes als das Eine. Sie sind nur ein Spiel des einen alles bestimmenden Willens und des einen alles harmonisierenden Wissens. Was wir als Zusammenprall verschiedener Willenstendenzen und Kräfte sehen – da wir ja im Gesonderten und Zertrennten leben und das Ganze nicht schauen können –, betrachtet das Supramental als die konspirierenden Elemente einer im voraus bestimmten Harmonie, die ihm immer gegenwärtig ist, denn das Ganze der Dinge wird ewig von seinem Blick umfaßt.

Welche Balance der Kräfte oder Form sein Wirken auch annimmt, es wird immer von der Art des göttlichen Bewußtseins sein. Da aber sein Sein in sich selbst absolut ist, ist auch seine Seins-Macht in ihrer Ausdehnung absolut und darum nicht auf eine einzige Kräfte-Balance oder Form von Wirken begrenzt. Wir menschlichen Wesen sind nach unserer äußeren Erscheinung eine besondere Gestaltung von Bewußtsein. Wir sind Zeit und Raum unterworfen. Wir können darum in unserem vordergründigen Bewußtsein – das alles ist, was wir von uns selbst kennen – zur gleichen Zeit nur ein einziges Ding, eine Formation, ein Kräfte-Gleichgewicht des Wesens, ein Aggregat von Erfahrung sein. Dies eine ist für uns die Wahrheit unserer selbst, die wir anerkennen. Alles übrige ist entweder nicht wahr, oder es ist nicht mehr wahr, denn es ist aus unserem Gesichtskreis in die Vergangenheit entschwunden; oder es ist noch nicht wahr, weil es noch in der Zukunft wartet und nicht im Horizont unseres Erkennens liegt. Das göttliche Bewußtsein ist aber nicht so spezialisiert und nicht so begrenzt. Es kann zur selben Zeit viele Dinge zugleich sein und mehr gestalten als nur ein Kräfte-Gleichgewicht auf Dauer oder sogar für alle Zeiten. Wir finden im Prinzip des Supramentals selbst drei solcher allgemeinen Kräfte-Gleichgewichte oder Grundformen für sein die Welt begründendes Bewußtsein. Die erste begründet die unveränderliche Einheit der Dinge. Die zweite modifiziert diese Einheit, um die Manifestation der Vielen im Einen und des Einen in Vielen zu fördern und zu erhalten. Die dritte modifiziert es noch weiter, um die Evolution einer unterschiedlichen Individualität zu unterstützen, die in uns, durch das Wirken der Unwissenheit, auf einer niederen Ebene zur Illusion des gesonderten Ichs wird.

Wir haben gesehen, welches die Natur dieses ersten und primären Kräfte-Gleichgewichts des Supramentals ist, das die unveränderliche Einheit der Dinge begründet. Es ist nicht das reine unitarische Bewußtsein. Denn das ist eine zeit- und raumlose Konzentration von saccidananda in sich selbst, in der sich die Bewußte Kraft nicht in irgendeine Art von Ausbreitung verausgabt: Wenn sie überhaupt das Universum in sich enthält, besitzt sie es in ewiger Potenz, nicht in zeitlicher Aktualität. Im Gegensatz dazu ist es eine gleichmäßige Selbst-Ausdehnung von saccidananda, die alles zusammenfaßt, alles besitzt und alles konstituiert. Dies alles ist aber Eines, nicht eine Vielzahl. Es gibt keine Individualisierung. Wenn der Widerschein des Supramentals auf unser stillgelegtes und geläutertes Selbst fällt, verlieren wir jedes Empfinden von Individualität. Denn hier gibt es keine Konzentration von Bewußtheit, die eine individuelle Entfaltung unterstützen könnte. Alles ist in der Einheit und als eines entfaltet. Alles wird durch dieses göttliche Bewußtsein als Gestaltung seines Seins, nicht als gesonderte Existenzen zusammengehalten. Das ist etwa so, wie uns die in unserem Mental auftauchenden Gedanken und Bilder nicht als gesonderte Wesenheiten vorkommen, sondern als Gestaltungen, die von unserem Bewußtsein gebildet wurden. So ist es auch mit allen Namen und Formen in bezug auf dieses primäre Supramental. Das ist reine göttliche Ideen-Bildung und Gestaltung im Unendlichen, aber eine Ideation und Gestaltung, die nicht wie ein unwirkliches Spiel mentalen Denkens organisiert ist, sondern als wirkliches Spiel bewußten Wesens. Im diesem Kräfte-Ausgleich würde die göttliche Seele keinen Unterschied zwischen Bewußter Seele und Kraft-Seele machen, denn alle Kraft wäre ein Wirken von Bewußtsein. Auch würde sie nicht zwischen Materie und Geist unterscheiden, denn jede materielle Prägeform wäre einfach Form von Geist.

Bei dem sekundären Kräfte-Gleichgewicht des Supramentals tritt das göttliche Bewußtsein in der Idee hinter die Bewegung zurück, die es enthält. Es verwirklicht sie durch eine Art verstehenden Bewußtseins, es folgt ihr, nimmt sie in Besitz und bewohnt ihre Werke, es scheint sich selbst in ihre Gestaltungen zu verteilen. In jedem Namen und jeder Form würde es sich als das stabile Bewußte Selbst, als dasselbe in allem verwirklichen. Aber es würde sich auch als eine Konzentration von Bewußtem Selbst realisieren, das dem individuellen Spiel von Bewegung folgt, es fördert und dessen Differenzierung von anderem Bewegungs-Spiel stützt, – dabei in der Seelen-Wesenheit überall dasselbe sein, doch verschieden in der Seelen-Form. Diese Konzentration, die die Seelen-Form fördert, wäre das individuelle Göttliche Wesen, jivatman, im Unterschied zum universalen Göttlichen Wesen oder dem einen alles konstituierenden Selbst. Da würde es keinen wesenhaften Unterschied geben, nur einen praktischen für das Spiel, der die wahre Einheit nicht aufheben würde. Das universale Göttliche Wesen würde alle Seelen-Gestaltungen als sich selbst anerkennen und trotzdem eine unterschiedliche Beziehung zu jeder getrennt und ebenso auch in jeder zu allen anderen unterhalten. Das individuelle Göttliche Wesen würde sein Sein als eine Seelen-Form und Seelen-Bewegung des Einen ansehen und einerseits durch das umfassend verstehende Wirken von Bewußtsein seine Einheit mit dem Einen und mit allen Seelen-Gestaltungen genießen, andererseits auch durch ein nach vorwärts und nach außen gerichtetes wahrnehmendes Wirken seine individuelle Bewegung unterstützen und sich in ihr seiner Beziehungen einer freien Unterschiedlichkeit in Einheit sowohl zu dem Einen wie auch zu allen seinen Gestaltungen erfreuen. Würde unser geläutertes Mental dieses sekundäre Kräfte-Gleichgewicht des Supramentals widerspiegeln, unsere Seele könnte ihr individuelles Dasein fördern und besitzen und sich gerade darin als das Eine realisieren, das zu allen geworden ist, alle bewohnt und alle in sich enthält. Sie könnte gerade in ihrer besonderen Gestaltung ihre Einheit mit Gott und ihren Mitmenschen pflegen. In keinem anderen Zustand supramentalen Seins würde eine charakteristische Veränderung eintreten. Die einzige Veränderung wäre dieses Spiel des Einen, das seine Vielfalt manifestiert, und der Vielen, die immer noch eines sind, mit allem, das nötig ist, um dieses Spiel in Gang zu halten und durchzuführen.

Ein tertiärer Kräfte-Ausgleich des Supramentals würde eintreten, wenn die zugrunde liegende Konzentration sozusagen nicht länger im Hintergrund der Bewegung stehen, sie mit einer gewissen Überlegenheit bewohnen, ihr in dieser Weise nachfolgen und sich an ihr freuen würde, sondern es sich selbst in die Bewegung hinausprojizieren und in gewisser Weise ihr involvieren würde. Hier würde sich der Charakter des Spiels zwar verändern, doch nur insofern, als nun das individuelle Göttliche Wesen das Spiel der Beziehungen zum Universalen und zu den anderen Gestaltungen auf so vordringliche Weise zum praktischen Feld seiner bewußten Erfahrung machen würde, daß die Realisation seiner äußersten Einheit mit ihnen nur noch eine überragende Begleiterscheinung, ständiger Höhepunkt aller Erfahrung sein würde. Im höheren Kräfte-Ausgleich wäre jedoch die Einheit noch die vorherrschende und fundamentale Erfahrung, die Variation wäre nur ein Spiel der Einheit. Das tertiäre Kräfte-Gleichgewicht wäre also eine Art fundamentalen seligen Dualismus innerhalb der Einheit – nicht mehr Einheit, die durch untergeordneten Dualismus qualifiziert wird – von individuellem Göttlichen Wesen und seinem universalen Ursprung mit allen Konsequenzen, die aus der Aufrechterhaltung und Durchführung eines solchen Dualismus entstünden.

Man kann sagen, die erste Konsequenz wäre ein Hinabsinken in die Unwissenheit von avidya, das die Vielen als die wirkliche Tatsache des Daseins ansieht und den Einen nur als kosmische Summe der Vielen betrachtet. Ein solcher Absturz müßte aber nicht notwendigerweise erfolgen. Denn das individuelle Göttliche Wesen wäre immer noch seiner selbst bewußt als hervorgegangen aus dem Einen und seiner Macht zu bewußter Selbst-Schöpfung, das heißt, seiner vielfältigen Selbst-Zentrierung, die so konzipiert ist, daß das Eine sein vielfältiges Sein in der Ausdehung von Zeit und Raum mannigfach lenken und genießen kann. Dieses wahre spirituelle Individuum würde sich kein unabhängiges oder abgesondertes Dasein anmaßen. Es würde nur die Wahrheit der differenzierenden Bewegung zugleich mit der Wahrheit der feststehenden Einheit betonen und sie als oberen und unteren Pol derselben Wahrheit und als Fundament und höchste Höhe desselben göttlichen Spiels ansehen. Es würde Nachdruck legen auf die Freude an der Differenzierung als notwendig für die Fülle der Freude an der Einheit.

Offenbar würden die drei Kräfte-Gleichgewichte verschiedene Wege sein, mit derselben Wahrheit umzugehen. Die dabei erlebte Freude an der Wahrheit des Seins wäre dieselbe, doch wäre die Art, sie zu genießen, oder vielmehr die Kräfte-Balance der Seele beim Genießen verschieden. Die Seligkeit, ananda, wäre verschiedenartig, sie würde aber immer innerhalb des Status des Wahrheits-Bewußtseins bleiben und nicht zum Absturz in Unwahrheit und Unwissenheit führen. Denn das sekundäre und tertiäre Supramental würde nur in den Begriffen der göttlichen Vielfalt das entwickeln und anwenden, was das primäre Supramental in den Begriffen der göttlichen Einheit enthalten hatte. Wir dürfen also keines dieser drei Kräfte-Gleichgewichte mit dem Stigma von Unwahrheit und Illusion belasten. Wenn die Upanishaden, die höchste Autorität des Altertums in bezug auf die Wahrheiten höherer Erfahrung, vom Göttlichen Sein sprechen, das sich manifestiert, setzen sie die Gleichwertigkeit all dieser Erfahrungen voraus. Wir können nur die Priorität des Einsseins gegenüber der Vielfalt betonen; das ist aber keine zeitliche, sondern bewußtseinsmäßige Priorität. Keine Aussage einer höchsten spirituellen Erfahrung, keine vedantische Philosophie bestreitet diese Priorität oder die ewige Abhängigkeit der Vielen von dem Einen. Weil die Vielen nicht in der Zeit ewig zu sein scheinen, sondern sich aus dem Einen manifestieren und wieder dorthin als in ihre Seins-Grundlage zurückkehren, wird ihnen ihre Realität bestritten. Man könnte aber mit demselben Recht folgern, die ewige Dauer oder, wenn man so will, die ewige Wiederkehr sei ein Beweis dafür, daß die göttliche Vielfalt nicht weniger eine ewige Tatsache des Höchsten jenseits der Zeit ist als die göttliche Einheit. Andernfalls könnte sie nicht die Eigenschaft unvermeidlicher ewiger Wiederkehr in der Zeit haben.

Tatsächlich ergibt sich die Notwendigkeit für diese einander bekämpfenden Schulen der Philosophie nur aus der Tatsache, daß die menschliche Mentalität ausschließlich auf die eine Seite der spirituellen Erfahrung Nachdruck legt und behauptet, diese sei die einzige ewige Wahrheit, und daß sie dies in den Begriffen unserer alles zerteilenden mentalen Logik darstellt. Wenn wir also die alleinige Wahrheit des unitarischen Bewußtseins betonen, beobachten wir das Spiel der göttlichen Einheit, das von unserem Mental irrtümlich in die Begriffe einer wirklichen Differenz übersetzt wird. Wir begnügen uns aber nicht damit, diesen Irrtum des Mentals durch die Wahrheit eines höheren Prinzips zu korrigieren, sondern behaupten, das Spiel selbst sei eine Illusion. Oder wir legen den Nachdruck auf das Spiel des Einen in den Vielen und heben eine qualifizierte Einheit hervor, betrachten die individuelle Seele als eine Seelen-Form des Höchsten, wollen so die Ewigkeit dieses qualifizierten Daseins betonen und bestreiten dabei die Erfahrung reinen Bewußtseins in einer unqualifizierten Einheit. Oder wir betonen allein das Spiel der Unterschiedlichkeit, behaupten, der Höchste und die menschliche Seele seien auf ewig verschieden, und bestreiten so die Gültigkeit einer Erfahrung, die über diese Unterschiedlichkeit hinausgeht und sie offenbar aufhebt. Die Position, die wir hier eingenommen haben, befreit uns von der Notwendigkeit solcher Verneinungen und Ausschließungen: Wir sehen, daß es hinter all diesen Behauptungen eine Wahrheit gibt. Wir erkennen zugleich die Übertreibung, die zu einer schlecht begründeten Verneinung führt. Wir bejahen, wie wir es getan haben, die unbedingte Absolutheit von Jenem, das durch unsere Vorstellung von Einheit ebensowenig eingeschränkt wird wie durch unsere Ideen von Vielheit. Wir bejahen die Einheit als Grundlage der Manifestation der Vielheit und die Vielheit als Grundlage der Rückkehr zur Einheit und zum Erleben der Einheit in der göttlichen Manifestation. Wir brauchen also nicht unsere jetzige Darstellung mit diesen Diskussionen zu belasten oder die vergebliche Arbeit auf uns zu nehmen und die absolute Freiheit des Göttlichen Unendlichen zum Sklaven unserer mentalen Unterscheidungen und Definitionen zu machen.

Kapitel XVII. Die Göttliche Seele

Wie sollte er, dessen Selbst zu allen Wesen im Dasein geworden ist, da er das Wissen besitzt, getäuscht werden, und worüber soll er Kummer haben, er, der überall das Einssein schaut?

Isha Upanishad, Vers

Durch die Auffassung, die wir uns vom Supramental gebildet haben, indem wir es dem Mentalwesen gegenüberstellten, auf das sich unser menschliches Dasein gründet, können wir uns eine genaue, nicht bloß vage Vorstellung von Göttlichkeit und dem göttlichen Leben bilden. Wir wären sonst dazu verurteilt, diese Ausdrücke verschwommen und als ungenaue Bezeichnung für ein weites, fast unausdrückbares Streben zu gebrauchen. Darüber hinaus können wir nun diesen Ideen eine feste Grundlage philosophischen Vernunft-Denkens geben. Wir können sie in klare Beziehung zum menschlichen Wesen und Leben setzen – das alles ist, woran wir uns gegenwärtig erfreuen – und können unsere Hoffnung und unser Streben gerade durch die Eigenart der Welt, unserer eigenen kosmischen Vorfahren und die unausweichliche Zukunft unserer Evolution rechtfertigen. Wir fangen an, intellektuell zu begreifen, was das Göttliche Wesen, die Ewige Wirklichkeit, ist, und zu verstehen, wie die Welt aus ihm entstand. Wir verstehen auch immer besser, wie das, was aus dem Göttlichen Wesen kam, unvermeidlich zu ihm zurückkehren muß. Nun können wir uns mit Aussicht auf Gewinn für uns und eine klarere Antwort fragen, wie wir uns selbst umwandeln und was wir werden müssen, um dorthin zu gelangen, in unserer Natur, in unserem Leben und in unseren Beziehungen zu anderen und nicht nur durch einsame ekstatische Realisation in den Tiefen unseres Wesens. Gewiß gibt es in unseren Voraussetzungen noch einen Mangel. Denn wir haben uns bisher bemüht, für uns selbst zu definieren, was das Göttliche Wesen in seinem Herniederkommen in die begrenzte Natur ist, während das, was wir tatsächlich sind, das Göttliche Wesen im individuellen Menschen ist, das aus der begrenzten Natur zurück zu seiner eigenen wahren Göttlichkeit emporsteigt. Dieser Unterschied der Bewegung muß auch ein Unterschied zwischen dem Leben der Götter, die niemals den Absturz gekannt haben, und dem Leben des erlösten Menschen sein, der die verlorene Göttlichkeit gewonnen hat und die Erfahrung und vielleicht auch die neuen Reichtümer in sich trägt, die er sammeln konnte, indem er das Herniederkommen bis in die äußersten Tiefen annahm. Trotzdem kann es keinen Unterschied in den wesentlichen Eigenschaften geben, sondern nur in der äußeren Prägung und Färbung. Auf der Grundlage unserer Schlußfolgerungen können wir schon jetzt mit Gewißheit die wesentlichen Züge des göttlichen Lebens darstellen, nach dem wir streben.

Wie würde nun das Dasein einer göttlichen Seele sein, die nicht durch den Absturz des Geistes in die Materie und durch die Verfinsterung der Seele durch die materielle Natur in die Unwissenheit herabgesunken ist? Wie würde ihr Bewußtsein sein, würde sie so, wie das Göttliche Sein selbst, in der ursprünglichen Wahrheit der Dinge, in der unveränderlichen Einheit, in der Welt ihres eigenen unendlichen Wesens leben, dabei aber fähig sein, durch das Spiel der Göttlichen maya und durch die Unterscheidung des (intuitiv) begreifenden und (logisch) erfassenden Wahrheits-Bewußtseins, ihre Verschiedenheit von Gott zugleich als Einheit mit Ihm zu genießen und im unendlichen Spiel des selbst-vervielfachten Identischen Verschiedenheit und dennoch Einheit mit anderen göttlichen Seelen zugleich zu umfassen?

Offensichtlich wäre das Sein einer solchen Seele durch ihr Selbst stets im bewußten Spiel von saccidananda enthalten. Es wäre in seinem Wesen reines und unendliches Selbst-Sein, in seinem Werden ein freies Spiel unsterblichen Lebens, in das Tod, Geburt und Wechsel des Körpers nicht eindringen, da die Seele nicht durch Unwissenheit verdunkelt und nicht in die Finsternis unseres materiellen Wesens involviert ist. Ihr Sein wäre in seiner Kraft reines, unbegrenztes Bewußtsein, gelassen in ewiger leuchtender Ruhe als ihrem Fundament und doch fähig, frei mit Gestaltungen von Erkenntnis und Formen von bewußter Macht zu spielen: ruhig, unbeirrt durch das Straucheln mentalen Irrtums und die Mißgriffe unseres ringenden Willens, da sie nie von Wahrheit und Einssein abweicht, nie aus dem ihr eingeborenen Licht und der natürlichen Harmonie ihres göttlichen Seins herausfällt. Schließlich wäre sie in ihrer ewigen Selbst-Erfahrung reine unveränderliche Seligkeit und in der Zeit eine freie Variation von Entzücken, nicht beeinträchtigt, da in ihrem Wesen unzerteilt, durch unsere Verkehrtheiten wie Abneigung, Haß, Unzufriedenheit und Leiden, nicht gehemmt durch Eigenwillen und nicht entstellt durch den ignoranten Antrieb von Verlangen.

Das Bewußtsein der göttlichen Seele wäre aus keinem Teil der unendlichen Wahrheit ausgeschlossen. Es wäre durch kein Kräfte-Gleichgewicht und keinen Status, den sie in ihren Beziehungen zu anderen annehmen könnte, begrenzt und zu keinem Verlust an Selbst-Wissen deshalb verurteilt, weil sie rein phänomenale Individualität und das Spiel praktischer Differenzierung angenommen hat. In ihrer Selbst-Erfahrung würde sie ewig in der Gegenwart des Absoluten leben. Für uns ist das Absolute nur ein intellektueller Begriff undefinierbaren Seins. Der Intellekt sagt uns einfach: Es gibt ein brahman, das höher ist als das Höchste, paratpara, ein Unerkennbares, das sich selbst erkennt auf eine andere Art als die unseres Erkennens. Aber der Intellekt kann uns nicht in seine Nähe bringen. Da die göttliche Seele in der Wahrheit der Dinge lebt, würde sie, im Gegensatz dazu, immer sich selbst bewußt als Manifestation des Absoluten empfinden. Sie würde ihres unveränderlichen Seins als der ursprünglichen “Selbst-Form”, svarupa, jenes Transzendenten, des saccidananda, innesein. Sie würde ihr Spiel bewußten Wesens gewahren als eine Manifestation von Jenem in Formen von saccidananda. In jeder Art des Zustands oder Wirkens der Erkenntnis wäre ihr durch eine Form veränderlichen Selbst-Erkennens das Unerkennbare gegenwärtig, das um sich selbst weiß. In jedem Zustand und Wirken von Macht, Willen oder Kraft würde sie durch eine Form bewußter Macht des Wesens und Wissens der Transzendenz bewußt sein, die sich selbst besitzt. In jedem Zustand und Wirken von Seligkeit, Freude und Liebe würde sie durch eine Form bewußten Erlebens ihres Selbsts der Transzendenz innesein, die sich selbst umarmt. Diese Gegenwart des Absoluten würde für die göttliche Seele nicht ein gelegentlicher flüchtiger Anblick sein oder einer, zu dem sie schließlich nur mit Schwierigkeit gelangt und den sie als zusätzlichen Gewinn oder als höchste Erfahrung festhält, die ihr über ihren gewöhnlichen Seins-Zustand hinaus beschert wird. Sie wäre vielmehr die eigentliche Grundlage ihres Wesens sowohl in der Einheit wie in der Verschiedenheit. Sie wäre ihr gegenwärtig bei allem Erkennen, Wollen, Tun und Genießen, nie von ihr abwesend: weder von ihrem zeitlosen Selbst noch von irgendeinem Augenblick in der Zeit, weder von ihrem raumlosen Wesen noch von irgendwelcher Bestimmung ihres ausgedehnten Daseins, weder von ihrer durch keine Bedingungen beeinträchtigten Reinheit jenseits von Ursache und Umstand, noch von irgendeiner Beziehung des Umstands, der Bedingung und Kausalität. Diese ständige Gegenwart des Absoluten wäre also die Basis ihrer unendlichen Freiheit und Seligkeit. Sie würde ihre Sicherheit im Spiel gewiß machen und ihr Wurzel, Saft und Essenz ihres göttlichen Wesens gewähren.

Eine solche göttliche Seele würde ferner zugleich in den beiden Begriffen des ewigen Seins von saccidananda, in der untrennbaren Bi-Polarität der Selbst-Entfaltung des Absoluten leben, die wir das Eine und die Vielen nennen. Alles Seiende lebt in Wirklichkeit so. Für unsere geteilte Selbst-Bewußtheit gibt es etwas Unvereinbares, eine Kluft zwischen den beiden, die uns zu einer Entscheidung treibt, entweder in der Vielfalt zu leben, die verbannt ist aus dem unmittelbaren und vollständigen Bewußtsein des Einen, oder in der Einheit, die das Bewußtsein der Vielen zurückweist. Die göttliche Seele würde nicht unter diese Trennung und Dualität versklavt sein. Sie wäre in sich selbst sofort der unendlichen Selbst-Konzentration sowie der unendlichen Selbst-Ausdehnung und Ausbreitung bewußt. Sie würde zugleich das Eine gewahren, das in seinem unitarischen Bewußtsein die zahllose Vielfalt in sich enthält – als sei sie potentiell, unausgedrückt und darum für unsere mentale Erfahrung dieses Zustands nicht-existent – und das Eine, das in seinem ausgebreiteten Bewußtsein die Vielfalt enthält, nach außen geworfen und aktiv als das Spiel seines eigenen bewußten Wesens, Wollens und Seligseins. Die göttliche Seele wäre so in gleicher Weise der Vielen inne, die das Eine, das der ewige Ursprung und die Wirklichkeit ihres Daseins ist, immer zu sich herniederziehen, und jener Vielen, die, angezogen von dem Einen, immer zu ihm emporsteigen, weil es höchste Höhe und wonnevolle Rechtfertigung all ihres Spiels der Verschiedenheit ist. Diese weite Betrachtung der Dinge ist die Prägeform des Wahrheits-Bewußtseins, die Grundlage der großen Wahrheit und des Richtigen, die von den vedischen Sehern in ihren Hymnen gepriesen werden. Diese Einheit aller einander gegenüberstehenden Begriffe ist das wahre advaita, das höchste umfassende Wort der Erkenntnis des Unerkennbaren.

Die göttliche Seele wird jeder Variation von Wesen, Bewußtsein, Willen und Seligkeit innesein als des Ausströmens, der Ausbreitung und Ausgießung jener in sich selbst konzentrierten Einheit, die sich entfaltet – nicht in Verschiedenheit und Zertrennung, sondern in eine andere, weit ausgebreitete Form unendlicher Einheit. Sie selbst wird in der Wesenhaftigkeit ihres Seins immer im Einssein konzentriert und manifestiert sein bei unterschiedlicher Ausdehnung ihres Wesens. Alles was in ihr selbst Form annimmt, werden die offenbarten Potentialitäten des Einen sein: das Wort oder der Name, die aus dem namenlosen Schweigen hervorschwingen; die Form, die die formlose Wesenhaftigkeit verwirklicht; der aktive Wille oder die Macht, die aus der ruhigen Kraft hervorgehen; der Strahl der Selbst-Kenntnis, der aus der Sonne zeitlosen Selbst-Inneseins hervorbricht; die Woge des Werdens, die aus dem ewig seiner selbst bewußten Sein in die Gestaltung eines selbst-bewußten Daseins emporsteigt; die Freude und Liebe, die immer aus der ewigen stillen Seligkeit hervorquellen. Das wird das in seiner Selbst-Entfaltung zwei-einige Absolute sein, und jede Relativität in ihm wird sich selbst gegenüber absolut sein, da sie ihrer gewahr wird als das manifestierte Absolute, jedoch ohne jene Unwissenheit, die andere Relativitäten als ihrem eigenen Wesen fremd oder weniger vollständig als sie selbst ausschließt.

in der Ausdehnung wird die göttliche Seele drei Grade des supramentalen Seins wahrnehmen, jedoch nicht so, wie wir sie durch unser Mental betrachten müssen, als verschiedene Grade, sondern als ein dreieiniges Faktum der Selbst-Offenbarung von saccidananda. Sie wird sie in ein und derselben intuitiv begreifenden Selbst-Realisation umfassen können, denn die Fähigkeit zu solch einem umfassenden Begreifen ist die Grundlage des der Wahrheit bewußten Supramentals. Sie wird in göttlicher Weise alle Dinge als das Selbst begreifen, verstehen und erfühlen, als ihr eigenes Selbst, als das eine Selbst aller, als das eine Selbst-Seiende und Selbst-Werden, jedoch nicht aufgeteilt in seinen Werdeformen, da sie, losgetrennt von seinem eigenen Selbst-Bewußtsein, kein Dasein besitzen. Sie wird in göttlicher Weise alle Wesen im Dasein begreifen, verstehen und erfühlen als Seelen-Gestaltungen des Einen, von denen jedes sein eigenes Wesen im Einen hat, seinen eigenen festen Stand im Einen, seine eigenen Beziehungen zu allen anderen existierenden Wesen, die die unendliche Einheit bevölkern, aber alle von dem Einen abhängen, eine bewußte Form von Ihm in Seiner eigenen Unendlichkeit. Die Seele wird in göttlicher Weise all diese Seienden begreifen, verstehen und erfühlen können in ihrer Individualität, an ihrem besonderen Ort lebend als das individuelle Göttliche Wesen, jedes den innewohnenden Einen und Höchsten besitzend. Darum ist keines nur eine Form oder Truggestalt, illusorischer Teil eines wirklichen Ganzen, bloß schäumende Woge auf der Oberfläche eines unbeweglichen Ozeans – das alles sind schließlich nur unangemessene mentale Bilder, sondern ein Ganzes im Ganzen, eine Wahrheit, die die unendliche Wahrheit wiederholt, eine Welle, die das ganze Meer ist, ein Relatives, das sich als das Absolute selbst erweist, wenn wir hinter die Form schauen und es in seiner Vollständigkeit sehen.

Denn diese drei sind Aspekte des Einen Seins. Der erste gründet sich auf jene Selbst-Erkenntnis, die, in unserer menschlichen Realisation des Göttlichen Wesens, von der Upanishad als das Selbst beschrieben wird, das in uns zu allen existierenden Wesen wird. Der zweite Aspekt ist das, was als das Schauen aller existierenden Wesen im Selbst beschrieben wird. Der dritte Aspekt des Einen Seins wird beschrieben als das Sehen des Selbsts in allen existierenden Wesen. Das Selbst, das zu allen existierenden Wesen wird, ist die Grundlage unseres Einsseins mit allen. Das Selbst, das alle Existenzen in sich enthält, ist die Basis für unser Einssein mit ihnen in der Verschiedenheit. Das Selbst, das alle bewohnt, ist die Grundlage für unsere Individualität im Universalen. Wenn der Mangel unseres Mentals, wenn sein Bedürfnis nach exklusiver Konzentration es zwingt, sich auf einen dieser Aspekte der Erkenntnis des Selbsts unter Ausschluß der anderen festzulegen, und wenn eine unvollkommene ebenso wie exklusive Realisation uns ständig dazu veranlaßt, in die eigentliche Wahrheit ein menschliches Element von Irrtum und in die umfassende Einheit ein Element von Konflikt und gegenseitiger Verneinung zu tragen, müssen sich diese Aspekte einem göttlichen supramentalen Wesen durch den wesenhaften Charakter des Supramentals, das umfassendes Einssein und unendliche Totalität ist, dennoch als dreifache, besser dreieinige Realisation darstellen.

Setzen wir voraus, diese Seele nimmt ihr Gleichgewicht, ihren Mittelpunkt im Bewußtsein des individuellen Göttlichen Wesens ein, lebt und handelt in einer fest umrissenen Beziehung zu den “anderen”, so wird sie dennoch im Fundament ihres Bewußtseins die völlige Einheit besitzen, aus der alles hervorgeht. Im Hintergrund dieses Bewußtseins wird sie die ausgebreitete und modifizierte Einheit haben. Sie wird stets zu jeder von diesen zurückkehren und von ihnen aus ihre Individualität betrachten können. Im Veda wird von den Göttern behauptet, daß sie alle diese Positionen einnehmen können. Ihrem Wesen nach sind die Götter ein einziges Sein, das die Weisen mit verschiedenen Namen bezeichnen. Ihrem Wirken nach, das auf das erhabene Wahre und Rechte gegründet ist und von da ausgeht, sagt man jedoch: Agni oder ein anderer seien zugleich alle übrigen Götter. Er ist der Eine, der zu allen wird. Zugleich sagt man von ihm, er enthalte alle Götter so in sich, wie die Nabe eines Rads alle Speichen in sich enthalte: Er ist der Eine, der alle in sich enthält. Dennoch wird er als Agni, als eine gesonderte Gottheit, beschrieben, als einer, der allen anderen hilft, sie an Kraft und Wissen übertrifft, dennoch in kosmischer Stellung ihnen untergeordnet ist und von ihnen als Bote, Priester, Arbeiter angestellt wird, – er, der Weltenschöpfer und Vater, der doch der Sohn ist, der aus unseren Werken geboren wird, er heißt das ursprüngliche und das manifestierte innewohnende Selbst oder Göttliche Wesen, der Eine, der in allen wohnt.

Die Beziehungen der göttlichen Seele zu Gott oder ihrem höchsten Selbst und zu ihren anderen Selbsten in anderen Gestalten werden durch diese umfassende Erkenntnis des Selbsts festgelegt. Diese Relationen werden Beziehungen von Seiendem, Bewußtsein und Erkenntnis, von Willen und Kraft, von Liebe und Seligkeit sein. Da sie in ihrer Variationspotenz unendlich sind, brauchen sie keine mögliche Beziehung von Seele zu Seele auszuschließen, die mit der Bewahrung des unveräußerlichen Empfindens der Einheit vereinbar ist, auch wenn dem jedes Phänomen von Verschiedenheit entgegensteht. So wird die göttliche Seele in ihren Beziehungen freudiger Art die Seligkeit ihrer ganzen eigenen Erfahrung in sich selbst haben. Sie wird die Seligkeit all ihrer Erfahrung von Beziehung zu anderen als Kommunion mit anderen Selbsten in anderen Gestalten erleben, die für ein unterschiedliches Spiel im Universum erschaffen sind. Sie wird auch die Seligkeit der Erfahrungen ihrer anderen Selbste so haben, als wären sie ihre eigenen -was sie auch wirklich sind. Sie wird die Befähigung zu alledem haben, weil sie ihre eigenen Erfahrungen, ihre Beziehungen zu anderen und die Erfahrungen anderer und deren Beziehungen zu ihr als die ganze Freude oder das ananda des Einen erlebt, des höchsten Selbsts, ihres eigenen Selbsts, dadurch differenziert, daß es alle diese Gestalten von seinem eigenen Wesen umfaßt, bewohnt und doch in der Verschiedenheit nur eines ist. Da diese Einheit die Basis all ihrer Erfahrung ist, ist sie frei von den Disharmonien unseres zerteilten Bewußtseins, das durch Unwissenheit und separatistischen Egoismus zertrennt ist. Alle diese Selbste und ihre Beziehungen werden einander bewußt in die Hände spielen. Sie werden sich trennen und wieder miteinander verschmelzen wie die zahllosen Töne einer ewigen Harmonie.

Dasselbe Gesetz wird für die Beziehungen ihres Wesens, Erkennens und Wollens zum Wesen, Erkennen und Wollen anderer gelten. Denn all ihre Erfahrung und Seligkeit wird das Spiel einer in ihrem Selbst freudvollen bewußten Kraft des Wesens sein, in dem, durch Gehorsam gegenüber dieser Wahrheit der Einheit, Wille nicht der Erkenntnis und beide nicht der Seligkeit widerstreiten können. Auch werden Erkenntnis, Wille und Seligkeit der einen Seele nicht mit Erkenntnis, Willen und Seligkeit einer anderen Seele zusammenstoßen, da dort, infolge des Inneseins ihrer Einheit, aller Zusammenstoß, Kampf und alle Disharmonie in unserem zertrennten Wesen zu einem Sichbegegnen, Sichumschließen und Wechselspiel der verschiedenen Noten einer einzigen unendlichen Harmonie wird.

In den Beziehungen zu ihrem höchsten Selbst, zu Gott, wird die göttliche Seele dieses Gefühl des Einsseins des transzendenten und universalen Göttlichen Wesens mit ihrem eigenen Wesen haben. Sie wird sich an diesem Einssein Gottes mit ihr in der eigenen Individualität und mit ihren anderen Selbsten in der Universalität erfreuen. Ihre Beziehungen der Erkenntnis werden das Spiel der göttlichen Allwissenheit sein, denn Gott ist Wissen. Was bei uns Unwissenheit ist, ist dort nur das Einbehalten von Wissen in der Ruhe eines bewußten Selbst-Inneseins, so daß gewisse Formen dieses Selbst-Gewahrseins in die Aktivität von Licht hervorgebracht werden können. Ihre Beziehungen des Willens werden dort das Spiel der göttlichen Allmacht sein, denn Gott ist Kraft, Wille und Macht. Was bei uns Schwäche und Unfähigkeit ist, wird dort das Zurückhalten von Willen in ruhiger konzentrierter Kraft sein, so daß sich gewisse Formen göttlicher bewußter Kraft verwirklichen können, indem sie in einer Form von Macht hervorgebracht werden. Ihre Beziehungen der Liebe und Seligkeit werden das Spiel göttlicher Ekstase sein, denn Gott ist Liebe und Seligkeit. Was bei uns ein Verneinen von Liebe und Seligkeit wäre, wird dort ein Zurückhalten von Freude im stillen Meer von Wonne sein, so daß gewisse Formen göttlicher Einung und Freude in aktivem Aufwallen von Wonne nach außen verströmt werden mögen. So wird für die göttliche Seele auch all ihr Werden eine Gestaltung des göttlichen Wesens in Antwort auf dieses Wirken sein. Was bei uns Aufhören, Tod, Vernichtung ist, wird nur Ruhe, Übergang oder das Zurückhalten der freudvollen schöpferischen maya im ewigen Wesen von saccidananda sein. Zugleich wird dieses Einssein Beziehungen der göttlichen Seele zu Gott, zum höchsten Selbst, nicht ausschließen, die sich auf die Freude der Verschiedenheit gründen, so daß sich die Seele deshalb aus der Einheit trennt, um sich dieser Einheit auf eine andere Weise zu erfreuen. Sie wird die Möglichkeit solcher erlesenen Formen der Freude in Gott nicht vernichten, die das höchste Entzücken des Gott-Liebenden in seiner Umarmung des Göttlichen Wesens sind.

Welches werden aber die Bedingungen sein, unter denen und durch die sich diese Lebensart der göttlichen Seele verwirklichen wird? Alle Erfahrung in einer Beziehung verläuft durch gewisse Kräfte des Wesens, die durch eine Instrumentation Gestalt annehmen, der wir die Namen von Eigenschaften, Qualitäten, Aktivitäten, Fähigkeiten geben. So wie sich etwa das Mental in verschiedenen Formen von Mental-Macht ausprägt, wie Urteil, Beobachtung, Erinnerung, Sympathie, die seinem Wesen entsprechen, so muß auch das Wahrheits-Bewußtsein oder Supramental die Beziehungen von Seele zu Seele durch Kräfte, Befähigungen, Funktionsweisen bewirken, die dem supramentalen Wesen eigentümlich sind. Andernfalls gäbe es kein Spiel der Differenzierung. Was diese Funktionsweisen sind, werden wir sehen, wenn wir später die psychologischen Bedingungen des Göttlichen Lebens betrachten. Gegenwärtig erforschen wir nur seine metaphysischen Grundlagen, seine wesenhafte Natur und Prinzipien. Hier möge die Bemerkung genügen, daß die eine wesentliche Bedingung für das Göttliche Leben Abwesenheit oder Beseitigung des separatistischen Egoismus und der wirksamen Zerteilung des Bewußtseins ist. Ihr Vorhandensein in uns konstituiert unsere Sterblichkeit und unseren Fall aus dem Göttlichen Wesen. Das ist unsere “Ur-Sünde” oder, in einer mehr philosophischen Sprache ausgedrückt, das Abirren aus der Wahrheit und aus dem Rechten des Geistes, aus seiner Einheit, Ganzheit und Harmonie, was die notwendige Voraussetzung schuf für jenen großen Absturz in die Unwissenheit, der das Abenteuer der Seele in der Welt ist und aus der unsere leidende und strebende Menschheit geboren ward.

Kapitel XVIII. Mental und Supramental

Er entdeckte, daß das Mental das brahman war.

Taittiriya Upanishad, III, 4.

Unzerteilbar, aber so als ob zerteilt in Wesen.

Gita, XVIII, 17.

Die Auffassung, die wir uns bisher zu bilden bemüht haben, begreift nur das Essentielle supramentalen Lebens, das die göttliche Seele im Wesen von saccidananda gesichert besitzt, das nun aber die menschliche Seele in diesem hier in der Prägeform eines mentalen und physischen Lebens geformten Körper von saccidananda zu manifestieren hat. Doch soweit wir dieses supramentale Sein bisher erkennen konnten, scheint es überhaupt keine Verbindung oder Entsprechung zu dem uns bekannten Leben zu haben, zum aktiven Leben zwischen den beiden Begriffen unserer normalen Existenz, den Firmamenten von Mental und Körper. Vielmehr scheint es ein Status von Wesen, Bewußtsein, aktiver Beziehung und gegenseitiger Freude zu sein, wie ihn nur körperlose Seelen besitzen und erfahren mögen in einer Welt ohne körperliche Gestaltungen, einer Welt, in der zwar die Differenzierung von Seelen vollendet ist, aber nicht die Differenzierung von Körpern, einer Welt aktiver, freudvoller Unendlichkeiten, nicht formgefangener Geister. Darum könnte man vernünftigerweise zweifeln, ob solch ein göttliches Leben in dem Dasein, wie wir es kennen, möglich sei, bei dieser Beschränkung durch Körpergestalt und dieser Einengung durch formgefangene Mentalität und formbehinderte Kraft.

Wir haben uns in der Tat darum bemüht, einen gewissen Begriff von diesem höchsten unendlichen Wesen, der bewußten Kraft und der Selbst-Seligkeit zu bekommen, wovon unsere Welt eine Schöpfung und unsere Mentalität eine verzerrte Gestaltung ist. Wir versuchten, uns vorzustellen, was diese göttliche maya, dieses Wahrheits-Bewußtsein, diese Real-Idee sein mögen, durch die bewußte Kraft des transzendenten und universalen Seins das Universum, die Ordnung, den Kosmos seiner manifestierten Seins-Seligkeit entwirft, formt und lenkt. Wir haben aber nicht die Verbindungen dieser vier großen göttlichen Begriffe mit jenen drei anderen studiert, mit denen allein unsere menschliche Erfahrung vertraut ist: Mental, Leben und Körper. Wir haben diese andere, scheinbar ungöttliche maya, die die Wurze! all unseres Ringens und Leidens ist, noch nicht erforscht und nicht gesehen, wie sie sich gerade aus der göttlichen Wirklichkeit oder der göttlichen maya entfaltet. Solange wir das nicht getan und das fehlende Band gewoben haben, bleibt unsere Welt noch für uns unerklärt und hat der Zweifel, ob jenes höhere Sein mit diesem niederen Leben vereint werden kann, immer noch eine Basis. Wir wissen, daß unsere Welt aus saccidananda hervorgegangen ist und in Seinem Wesen ruht. Wir begreifen, daß Er in ihr als der sie Genießende und Erkennende, als Herr und Selbst wohnt. Wir haben gesehen, daß unsere dualen Begriffe von Empfindung, Mental, Kraft und Wesen nur Darstellungen Seiner Seligkeit, Seiner bewußten Kraft und Seines göttlichen Seins sein können. Doch sieht es so aus, als ob sie so sehr das Entgegengesetzte sind zu dem, was Er wirklich und erhaben ist, daß wir die göttliche Lebensweise nicht erlangen können, solange wir noch in der Ursache dieser Gegensätze beheimatet und in dem niederen dreifachen Begriff des Daseins festgehalten sind. Entweder müßten wir dieses niedere Wesen in jenen höheren Status emporheben oder den Körper vertauschen gegen jenes reine Sein, dieses Leben gegen jenen reinen Zustand von bewußter Kraft, diese Empfindung und Mentalität gegen jenes reine Entzücken und Erkennen, die in der Wahrheit der spirituellen Wirklichkeit leben. Muß das aber nicht bedeuten, daß wir alle irdische oder begrenzte mentale Existenz für etwas aufgeben, das ihr Gegenteil ist, entweder für den reinen Status des Geistes oder auch für eine Welt der Wahrheit der Dinge – falls sie existiert – oder für andere Welten göttlicher Wonne, göttlicher Kraft, göttlichen Wesens – falls sie existieren? In diesem Fall gibt es die Vollkommenheit des Menschen nicht in der Menschheit selbst. Dann kann der Höhepunkt der Evolution nur der herrliche Gipfel einer sich auflösenden Mentalität sein, von dem aus sie den großen Sprung wagt: in ein formloses Wesen oder zu Welten jenseits der Reichweite des verkörperten Mentals.

In Wirklichkeit kann aber alles, was wir ungöttlich nennen, nur ein Wirken der vier göttlichen Prinzipien selbst sein, ihres Wirkens, wie es notwendig war, um dieses Universum von Formen zu erschaffen. Diese Gestaltungen wurden nicht außerhalb sondern innerhalb des Seins der bewußten Kraft und Wonne des Göttlichen erschaffen, nicht außerhalb sondern im Wirken der göttlichen Real-Idee und als ein Teil von ihr.

Darum ist die Vermutung grundlos, in einer Welt der Formen könne es kein wirkliches Spiel des höheren göttlichen Bewußtseins geben, oder jene Formen und ihre unmittelbaren Stützen – mentales Bewußtsein, Vitalkraft und geformter Stoff – müßten notwendigerweise entstellen, was sie darstellen. Es ist möglich, ja wahrscheinlich, daß Mental, Körper und Leben in reiner Form in der Göttlichen Wahrheit selbst zu finden sind, faktisch als untergeordnete Wirkensweisen ihres Bewußtseins und als Teil der vollständigen Instrumentation, durch die die höchste Kraft stets wirkt. Mental, Leben und Körper müssen also zur Göttlichkeit befähigt sein. Jedoch brauchen ihre Gestaltung und ihr Wirken in der kurzen Periode von vielleicht nur einem einzigen Zyklus der Erden-Evolution, den uns die Wissenschaft enthüllt, nicht alle potentiellen Wirkensweisen dieser drei Prinzipien im lebenden Körper darzustellen. Ihre jetzige Art zu wirken kommt daher, daß sie durch irgendetwas im Bewußtsein getrennt sind von der göttlichen Wahrheit, der sie entstammen. Würde diese Trennung einmal durch die sich in der Menschheit ausbreitende Kraft des Göttlichen Wesens aufgehoben, könnte, ja würde ihr gegenwärtiges Funktionieren sehr wohl durch höchste Evolution und Progression in jenes reinere Wirken verwandelt, das sie im Wahrheits-Bewußtsein haben.

In diesem Fall wäre es nicht nur möglich, das göttliche Bewußtsein in Mental und Körper zu offenbaren und dauernd zu bewahren. Das göttliche Bewußtsein könnte am Ende noch mehr erringen und sogar Mental, Leben und Körper in ein vollkommeneres Ebenbild seiner ewigen Wahrheit umgestalten. Es könnte nicht nur in der Seele, sondern auch im Stoff sein Himmelreich auf Erden verwirklichen. Der erste dieser Siege, der innere, ist auf Erden gewiß in mehr oder weniger hohem Grade von einigen, vielleicht von vielen, errungen worden. Der andere, der äußere, auch wenn er in vergangenen Äonen nie als erster Typus für künftige Zyklen mehr oder weniger verwirklicht und noch in der unterbewußten Erinnerung der Erden-Natur bewahrt worden ist, kann doch als künftig zu erringender Sieg Gottes in der Menschheit beabsichtigt sein. Dieses irdische Leben muß nicht unbedingt und für immer ein Rad halb-frohen und halb-leidvollen Mühens bleiben. Es kann durchaus beabsichtigt sein, daß ein großer Fortschritt erzielt und die Herrlichkeit und Freude Gottes auf Erden geoffenbart werden soll. Als nächstes Problem müssen wir betrachten, was Mental, Leben und Körper in ihren höchsten Ursprüngen sind und was sie in der integralen Vervollkommnung der göttlichen Manifestation sein müssen, wenn sie von der Wahrheit geformt und nicht von ihr abgeschnitten sind durch Trennung und Unwissenheit, in denen wir gegenwärtig leben. Denn dort müssen sie schon ihre Vollkommenheit haben, zu der wir hier emporwachsen, wir, die wir nur die erste, noch gefesselte Bewegung des Mentals sind, das sich in der Materie entwickelt, die wir noch nicht befreit sind von den Bedingungen und Auswirkungen jener Involution des Geistes in die Form, jenes Absturzes des Lichts in seinen eigenen Schatten, durch den das verdunkelte materielle Bewußtsein der physischen Natur geschaffen wurde. Der Typus aller Vollkommenheit, zu dem wir emporwachsen, und die Begriffe unserer höchsten Evolution müssen schon in der göttlichen Real-Idee enthalten sein. Dort müssen sie für uns geformt und bewußt sein, damit wir zu ihnen empor- und in sie hineinwachsen können: Denn diese Präexistenz im göttlichen Wissen ist es, was unsere Mentalität als Ideal bezeichnet und sucht. Das Ideal ist ewige Wirklichkeit, die wir in den Bedingungen unseres eigenen Wesens noch nicht verwirklicht haben. Es ist nicht etwas Nicht-Seiendes, das das Ewige, Göttliche Wesen noch nicht ersonnen hat und das wir unvollkommene Wesen erahnt haben und zu erschaffen meinen. Das Mental ist in erster Linie der gefesselte, behinderte Souverän unserer menschlichen Lebensweise. Mental ist in seinem Wesen ein Bewußtsein, das ausmißt, abgrenzt, aus dem unteilbaren Ganzen Formen der Dinge herausschneidet und sie so in sich behält, als ob jede ein getrenntes Vollständiges sei. Selbst bei dem, was offensichtlich nur als Teil und Fragment existiert, stellt das Mental diese Fiktion seines gewöhnlichen Umgangs her, als ob sie Dinge seien, mit denen es gesondert umgehen könne, nicht nur Aspekte eines Ganzen. Selbst wenn es weiß, daß sie nicht Dinge an und für sich sind, sieht es sich gezwungen, so mit ihnen umzugehen, als seien sie Dinge an und für sich. Sonst könnte es sie nicht seinem charakteristischen Wirken unterwerfen. Diese sein Wesen bezeichnende Methode bedingt das Wirken aller Mächte seines Verfahrens, des Begreifens, Wahrnehmens, Empfindens und des Umgangs mit schöpferischem Denken. Es begreift, nimmt wahr und empfindet Dinge, als seien sie aus einem Hintergrund oder einer Masse starr herausgeschnitten, und verwendet sie als festgelegte Einheiten des ihm zur schöpferischen Gestaltung oder zum Besitzen gegebenen Materials. So hat all sein Wirken und Genießen es mit Ganzheiten zu tun, die Teil eines größeren Ganzen sind; und diese untergeordneten Ganzheiten werden wieder in Teile aufgeteilt, die auch als Ganzheiten für die besonderen Zwecke behandelt werden, denen sie dienen. Das Mental mag teilen, multiplizieren, addieren, subtrahieren, aber es kann nicht über die Grenzen dieser Mathematik hinausgehen. Wenn es sie überschreitet, wenn es ein wirkliches Ganzes zu begreifen sucht, verliert es sich in ein fremdes Element. Es stürzt dann von seinem eigenen festen Grund hinab in den Ozean des Ungreifbaren, in die Abgründe des Unendlichen, wo es seinen Gegenstand weder wahrnehmen, begreifen und empfinden, noch mit ihm zum Erschaffen oder Genießen umgehen kann. Denn wenn das Mental das Unendliche manchmal zu begreifen, wahrzunehmen, zu empfinden oder als Besitz zu genießen vermag, so nur scheinbar und stets in einem Sinnbild des Unendlichen. Was es so vage besitzt, ist nur ein formloses außerordentlich Weites und nicht das wirkliche raumlose Unendliche. Im Augenblick, wo es damit umzugehen und es zu besitzen versucht, stellt sich sofort die unabänderliche Tendenz zur Abgrenzung ein; das Mental findet sich wieder dabei, Bilder, Formen oder Wörter zu behandeln. Das Mental kann das Unendliche nicht besitzen, es kann es nur erleiden oder von ihm in Besitz genommen werden. Es kann nur selig-hilflos unter dem lichtvollen Schatten des Wirklichen daliegen, der aus Seinsebenen jenseits seiner Reichweite auf es geworfen wird. Erst dann können wir in den Besitz des Unendlichen kommen, wenn wir in jene supramentalen Ebenen emporsteigen. Die Erkenntnis des Unendlichen ist erst möglich, wenn wir das Mental passiv den zu uns herabkommenden Botschaften der wahrheitsbewußten Wirklichkeit unterwerfen.

Diese im Wesen des Mentals liegende und sein Wirken begleitende Fähigkeit und Begrenzung sind seine Wahrheit und legen seine wirkliche Natur und Betätigung, svabhava und svadharma, fest. Hier ist das Siegel des göttlichen Gebots, das ihm seine Aufgabe in der vollständigen Instrumentation der Erhabenen maya anweist, eine Aufgabe, durch das bestimmt, was es schon bei seiner Geburt aus der ewigen Selbst-Empfängnis des Selbst-Seienden ist. Sein Amt besteht darin, Unendlichkeit laufend in die Begriffe des Endlichen zu übersetzen, dieses abzumessen, zu begrenzen, einzuteilen. Das leistet das Mental tatsächlich in unserem Bewußtsein unter Ausschluß jedes wahren Empfindens für das Unendliche. Darum ist das Mental der Knoten der großen Unwissenheit, denn es ist es, das ursprünglich trennt und verteilt. Man hat es sogar mißverstanden als die Ursache des Universums und für das Ganze der göttlichen maya gehalten. Die göttliche maya umfaßt aber sowohl vidya wie avidya, das Wissen ebenso wie die Unwissenheit. Offensichtlich ist das Endliche nur eine Erscheinungsform des Unendlichen, ein Ergebnis seines Wirkens, ein Spiel seines Begriffsvermögens. Das Endliche kann nur durch das Unendliche, in ihm und mit ihm als seinem Hintergrund existieren, da es selbst Form aus jenem Stoff und das Wirken jener Kraft ist. Darum muß es ein ursprüngliches Bewußtsein geben, das beide zugleich in sich enthält und beide gleichzeitig betrachtet, das zuinnerst aller Beziehungen des einen mit dem anderen bewußt ist. In diesem Bewußtsein gibt es keine Unwissenheit, da das Unendliche gewußt und das Endliche nicht als unabhängige Wirklichkeit von ihm getrennt ist. Aber es gibt dort noch einen untergeordneten Vorgang von Abgrenzung – sonst könnte keine Welt existieren –, einen Prozeß, durch den das laufend trennende und wieder vereinende Bewußtsein des Mentals, die stets in entgegengesetzter und gleichlaufender Richtung wirkende Aktion des Lebens und die unendlich zerteilte und sich wieder selbst zusammensetzende Substanz der Materie, allesamt durch ein einziges Prinzip und einen ursprünglichen Akt in das phänomenale Wesen eintreten. Dies untergeordnete Wirken des ewigen Sehers und Denkers, der vollkommen erleuchtet, vollkommen Seiner Selbst und des Alls inne ist, der, wohl wissend, was Er tut, des Unendlichen im Endlichen, das Er erschafft, bewußt ist, mag das göttliche Mental genannt werden. Es ist offensichtlich, daß es ein untergeordnetes, aber kein wirklich abgetrenntes Wirken der Real-Idee, des Supramentals, ist und durch die Bewegung des Wahrheits-Bewußtseins wirken muß, die wir als das nach außen gerichtete Verstehen beschrieben haben.

Dieses die Wahrheit verstehende Bewußtsein, prajnana, stellt, wie wir gesehen haben, das Wirken des unteilbaren Alls, das aktiv und formativ ist, als Prozeß und Objekt schöpferischen Erkennens vor das Bewußtsein desselben Alls. Es ist verursachend und erkennend, der Besitzer und beobachtende Zeuge seines eigenen Wirkens, – etwa so, wie wenn ein Dichter die Schöpfungen seines eigenen Bewußtseins, die in ihm vor ihn hingestellt sind, betrachtet, als ob sie etwas anderes wären als der Schöpfer und seine schöpferische Kraft, während sie doch in Wirklichkeit dauernd nur das Spiel der Selbst-Gestaltung seines eigenen Wesens in ihm selbst und darum unabtrennbar sind von ihm, ihrem Schöpfer. So vollzieht prajnana jene fundamentale Trennung, die zu allem übrigen führt: die Trennung des purusha, der bewußten Seele, die weiß, schaut, durch ihre Schau erschafft und anordnet, von prakriti, der Kraft-Seele oder Natur-Seele, die ihr Wissen und Schauen, ihre Schöpfung und alles anordnende Macht ist. Beide sind ein einziges Wesen, ein Sein. Die geschauten und geschaffenen Gestaltungen sind vielfältige Formen dieses Wesens, die von Ihm selbst als ein Wissen vor Ihn als Wissenden und von Ihm selbst als Kraft vor Ihn als Schöpfer gestellt werden. Die letzte Aktion dieses verstehenden Bewußtseins findet statt, wenn der purusha die bewußte Ausbreitung seines Wesens durchwaltet, wenn er gegenwärtig ist an jedem Punkt seiner selbst wie auch in der Totalität, jede Gestaltung bewohnt und das Ganze von jedem der von ihm eingenommenen Standpunkte her betrachtet, als ob er das separat tun würde. Er betrachtet und regiert die Beziehungen jeder Seelenform seiner selbst mit anderen Seelenformen von dem Standpunkt des Wollens und Erkennens her, der jeder einzelnen Form angemessen ist.

So sind die Elemente der Trennung entstanden. Erstens hat sich die Unendlichkeit des Einen übertragen in die Ausdehnung der Begriffe von Zeit und Raum. Zweitens übersetzt sich die Allgegenwärtigkeit des Einen in jener Selbst-bewußten Ausbreitung in die Vielfalt der bewußten Seele, die vielen purusha der Sankhya-Philosophie. Drittens hat sich die Vielfalt der Seelenformen übersetzt in ein geteiltes Einwohnen in der ausgedehnten Einheit. Dieses geteilt Einwohnen ist in dem Augenblick unvermeidlich, da nicht jeder dieser vielfältigen purusha eine eigene gesonderte Welt bewohnt und eine gesonderte prakriti besitzt, die ein gesondertes Universum baut, wo sich vielmehr alle purusha derselben prakriti erfreuen – wie sie es tun müssen, da sie nur Seelenformen des Einen sind, der die vielfältigen Schöpfungen Seiner Macht lenkt – und doch Beziehungen zueinander in der reinen Welt des Seienden haben, die von der einen prakriti erschaffen ist. Purusha identifiziert sich in jeder Form aktiv mit jedem einzelnen. Er grenzt sich in dieser ab und stellt ihr in seinem Bewußtsein seine anderen Formen gegenüber, da sie seine anderen Selbste enthalten, die mit ihm im Wesen identisch, aber in der gegenseitigen Beziehung unterschiedlich sind, verschieden in Ausdehnung, Reichweite von Bewegung, Betrachtung der einzigen Substanz, Kraft, Bewußtheit, Seligkeit, die jede einzelne Seelenform tatsächlich in jedem gegebenen Augenblick von Zeit oder jedem gegebenen Feld von Raum entfaltet. Zugegeben, es gibt im göttlichen Sein, das seiner selbst vollkommen inne ist, keine bindende Begrenzung und keine Identifikation, unter die die Seele versklavt wird und von der sie nicht freiwerden kann, so wie wir unter unsere Selbst-Identifikation mit dem Körper versklavt sind und über die Begrenztheit durch unser bewußtes Ich nicht hinauskommen können, unfähig, einer bestimmten Bewegung unseres Bewußtseins in der Zeit, die unser besonderes Feld im Raum bestimmt, zu entfliehen. Dennoch gibt es eine freie Identifikation von Augenblick zu Augenblick, die allein das unveränderliche Selbst-Wissen der göttlichen Seele daran hindert, sich in einer scheinbar starren Reihe von Trennung und Zeitfolge zu fixieren wie derjenigen, in der unser Bewußtsein fixiert und gefesselt zu sein scheint.

So gibt es bereits die Stückelung: Die Beziehung von Form zu Form, als ob sie gesonderte Wesen wären, von Willen-zum-Sein zu Willen-zum-Sein, als wären sie gesonderte Kräfte, von Erkenntnis-des-Wesens zu Erkenntnis-des-Wesens, als wäre ihr Bewußtsein getrennt, – ist schon grundgelegt. Sie ist jedoch nur “als ob”, denn die göttliche Seele unterliegt nicht der Täuschung; sie gewahrt dieses alles als Phänomen des Seienden und hält fest an ihrem Sein in der Wirklichkeit des Seienden. So geht sie ihrer Einheit nicht verlustig: Sie verwendet das Mental als untergeordnete Wirkensweise des unendlichen Wissens, als Begrenzung der Dinge, ihrem Innesein der Unendlichkeit untergeordnet, als Einschränkung, die abhängig ist von ihrem Wissen um die wesenhafte Totalität, – und zwar nicht jene scheinbare, pluralistische Totalität von Summe und kollektivem Zusammenschluß, die nur ein anderes Phänomen des Mentals ist. Hier gibt es also noch keine wirkliche Begrenzung. Die Seele verwendet ihre abgrenzende Macht für das Spiel wohl-unterschiedener Formen und Kräfte, wird aber nicht selbst von dieser Macht verwendet.

Darum ist ein neuer Faktor, eine neue Aktion bewußter Kraft notwendig, um die Wirksamkeit eines hilflos eingeschränkten Mentals (im Unterschied zu einem sich frei begrenzenden Mental) zu erschaffen, das heißt eines Mentals, das seinem eigenen Spiel unterworfen ist und von ihm getäuscht wird (im Unterschied zu einem Mental, das Herr seines eigenen Spiels ist und in ihm seine Wahrheit schaut): das kreatürliche Mental im Unterschied zum göttlichen. Dieser neue Faktor ist avidya, die Unwissenheit, die das Selbst ignorierende Fähigkeit, die die Aktion des Mentals abtrennt von der Aktion des Supramentals, das sein Ursprung war und es immer noch aus dem Hintergrund lenkt. So gesondert, nimmt das Mental nur das Besondere wahr und nicht das Universale, oder es begreift nur das Besondere, aber es besitzt dieses nicht in einem Universalen; es wird nicht mehr beider, des Besonderen wie des Universalen, bewußt als der Erscheinungsformen des Unendlichen. So haben wir das begrenzte Mental, das jedes Ding der Erscheinung als ein Ding-an-sich betrachtet, als einen aus dem Ganzen abgetrennten Teil, der wieder getrennt in einem größeren Ganzen existiert und so weiter, wobei es zu immer größeren Zusammensetzungen weitergeht, ohne zurückzukehren zum Empfinden wahrer Unendlichkeit.

Da das Mental ein Wirken des Unendlichen (infinitum) ist, zerteilt und vereinigt es ad infinitum. Es zerschneidet das Wesen in Ganzheiten, in immer kleinere Ganzheiten, in Atome und diese Atome in “Uratome”, bis es, wenn es könnte, auch dieses “Uratom” in Nichts auflösen würde. Das kann es aber nicht, denn hinter der teilenden Tätigkeit steht das rettende Wissen des Supramentals, das weiß, daß jede Ganzheit, jedes Atom nur eine Konzentration von All-Kraft, von All-Bewußtsein, von All-Wesen in phänomenalen Formen seiner selbst ist. Für das Supramental ist die Auflösung des Aggregats in das unendliche Nichts, wohin das Mental zu gelangen scheint, nur die Rückkehr des sich selbst konzentrierenden bewußten Wesens aus seiner Erscheinungsform in sein unendliches Sein. Das Bewußtsein kommt, welchen Weg es auch beschreitet, ob den der unendlichen Teilung oder den der unendlichen Ausweitung, immer nur zu sich selbst zurück, zu seiner eigenen unendlichen Einheit, seinem ewigen Wesen. Sobald die Aktion des Mentals bewußt diesem Wissen des Supramentals untergeordnet ist, ist ihm die Wahrheit dieses Vorgangs ebenso bekannt und wird ganz und gar nicht ignoriert. Es gibt keine wirkliche Teilung, sondern nur eine unendliche vielfältige Konzentration in Formen des Wesens und in Anordnungen der Beziehung dieser Formen des Wesens zueinander, in denen Teilung eine untergeordnete Erscheinung des ganzen Prozesses ist, nötig für ihr räumliches und zeitliches Kräftespiel. Wir mögen teilen, soviel wir wollen, hinabgehen bis zum unendlich kleinsten Atom, oder die monströseste mögliche Verbindung von Welten und Systemen bilden, durch keinen der beiden Prozesse können wir zum Ding-an-sich gelangen. Sie alle sind Formen einer Kraft, die allein in sich selbst wirklich ist, während das übrige nur wirklich ist als Selbst-Abbildungen oder sich manifestierende Selbst-Formen des ewigen Kraft-Bewußtseins.

Woher kommt dann ursprünglich die begrenzende Unwissenheit, avidya, dieser Absturz des Mentals aus dem Supramental und die sich daraus ergebende Vorstellung, wirklich getrennt zu sein? Genauer: aus welcher Entstellung supramentaler Tätigkeit entsteht sie? Sie entsteht aus der individuellen Seele, die jedes Ding von ihrem eigenen Standpunkt aus betrachtet und alle anderen ausschließt. Die Unwissenheit kommt sozusagen daher, daß die Seele das Bewußtsein in einer ausschließenden Weise konzentriert, daß sie sich selbst ausschließlich mit einer besonderen zeitlichen und räumlichen Aktion identifiziert, während diese nur ein Teil des Spiels ihres eigenen Wesens ist. Die Unwissenheit beginnt damit, daß die Seele die Tatsache ignoriert, daß alle anderen Seelen auch sie selbst sind, daß jede andere Aktion ihre eigene Aktion ist und alle übrigen Zustände von Wesen und Bewußtsein in gleicher Weise ihre eigenen sind wie die Aktion des einen besonderen Augenblicks in der Zeit, des einen besonderen Standpunkts im Raum und der einen besonderen Gestalt, die sie gegenwärtig einnimmt. Sie konzentriert sich auf den Augenblick, das Feld, die Form und die Bewegung und verliert dabei das übrige. Sie muß dann dieses übrige wieder dadurch zurückgewinnen, daß sie die Aufeinanderfolge der Augenblicke, die Aufeinanderfolge der Raumpunkte, die Aufeinanderfolge der Formen in Zeit und Raum und die Aufeinanderfolge der Bewegungen in Zeit und Raum miteinander verknüpft. Auf diese Weise hat sie die Wahrheit der Unteilbarkeit von Zeit und der Unteilbarkeit von Kraft und Stoff verloren. Sie hat sogar den Blick für die offenkundige Tatsache verloren, daß alle Mentale nur ein einziges Mental sind, das viele Standpunkte einnimmt; daß alle Leben nur ein einziges Leben sind, das viele Ströme von Aktivität entwickelt; daß alle Körper und Gestalten eine einzige Substanz von Kraft und Bewußtsein sind, die sich in vielen scheinbar festen Formen von Kraft und Bewußtsein konzentrieren. In Wahrheit sind aber alle diese Stabilitäten nur ein beständiger Wirbel von Bewegung, die eine Form wiederholt, indem sie sie modifiziert; darüber hinaus sind sie nichts. Denn das Mental versucht, alles in starr festgelegte Formen und scheinbar unabänderliche oder unbewegliche äußere Faktoren zu pressen, weil es sonst nicht wirken kann. Dann denkt es, es habe bekommen, was es wünscht. In Wirklichkeit ist alles ein Fließen von Wechsel und Erneuerung, und es gibt hier keine festgelegten Formen-an-sich und keinen unwandelbaren äußeren Faktor. Nur die ewige Real-Idee ist beständig und erhält eine gewisse geordnete Konstanz von Figuren und Beziehungen im Fließen der Dinge aufrecht, eine Beständigkeit, die das Mental vergebens dadurch nachzuahmen versucht, daß es feste Beständigkeit jenem beilegt, das immer unbeständig ist. Diese Wahrheiten muß das Mental wiederentdecken. Es weiß sie die ganze Zeit jedoch nur im verborgenen hinteren Bereich seines Bewußtseins, im geheimen Licht seines Selbst-Seins. Aber dieses Licht ist für das Mental Finsternis, weil es die Unwissenheit erschaffen hat, weil der Absturz erfolgte aus der teilenden hinab in die zerteilte Mentalität, weil es in seine eigenen Wirkensweisen und Schöpfungen verwickelt wurde. Diese Unwissenheit wird für den Menschen weiter vertieft durch seine Selbst-Identifikation mit dem Körper. Das Mental scheint uns durch den Körper bestimmt zu sein, da es sich vornehmlich mit ihm beschäftigt und sich den körperlichen Funktionen widmet, die es für sein bewußtes Wirken nach außen in der grob-materiellen Welt verwendet. Da es ständig die Arbeit von Gehirn und Nerven gebraucht, die es im Lauf seines eigenen Werdegangs im Körper entwickelt hat, ist es zu sehr von der Beobachtung dessen beansprucht, was ihm dieser körperliche Mechanismus einträgt, als daß es aus ihm in seine eigenen reinen Wirkensweisen zurücktreten könnte; und diese sind für es zumeist unterbewußt. Doch können wir uns ein Lebens-Mental oder ein Lebens-Wesen vorstellen, das über den durch die Evolution begründeten Zwang, so absorbiert zu sein, hinausgegangen und fähig ist, sich selbst zu schauen oder zu erfahren, wie es einen Körper nach dem anderen annimmt und nicht in jedem Körper gesondert neu erschaffen wird und mit ihm endet. Denn derartig ist nur die körperliche Einwirkung des Mentals auf die Materie, nur das körperliche Mentalwesen beschaffen, nicht aber das ganze mentale Wesen. Die körperliche Mentalität ist das Mental unserer Außenseite, nur die äußere Front, die es der körperlichen Erfahrung darbietet. Dahinter gibt es, selbst in unserem irdischen Wesen, jenes andere Mental, das für uns unterbewußt oder subliminal ist, das aber von sich weiß, daß es mehr ist als der Körper und fähig zu einem weniger materialisierten Wirken. Diesem Mentalwesen verdanken wir unmittelbar das meiste der umfassenderen, tieferen und kraftvolleren dynamischen Aktion unseres vordergründigen Mentals. Wenn wir dessen oder seiner Einwirkung auf uns bewußt werden, haben wir die erste Idee oder Realisation einer Seele oder eines inneren Wesens, purusha, das als das Lebens-Wesen, das vitale Wesen wahrgenommen wird, pranamaya purusha.

Auch wenn dieses Lebens-Mental vom Irrtum der Körpergebundenheit frei werden kann, befreit es uns dennoch nicht vom ganzen Irrtum des Mentals. Es bleibt immer noch dem ursprünglichen Akt der Unwissenheit unterworfen, durch den die individualisierte Seele alles von ihrem eigenen Standpunkt aus betrachtet und die Wahrheit der Dinge nur so sehen kann, wie sie sich ihr von außen her präsentieren oder auch wie sie aus ihrem gesonderten zeitlichen und räumlichen Bewußtsein in ihr Blickfeld treten als Formen und Ergebnisse vergangener und gegenwärtiger Erfahrung. Die Seele ist sich ihrer anderen Selbste nur durch die äußeren Hinweise bewußt, die sie von ihrem Dasein geben, Hinweise durch mitgeteiltes Denken, Reden, Handeln, Ergebnisse von Tätigkeiten oder feinere Hinweise vitaler Einwirkung und Beziehung, die nicht unmittelbar vom körperlichen Wesen gefühlt werden. In gleicher Weise ist die Seele ihres eigenen Selbsts ungewiß. Sie kennt ihr Selbst nur durch eine Bewegung in der Zeit und eine Aufeinanderfolge von Lebensabläufen, in denen sie ihre unterschiedlich verkörperten Energien verwendete. So wie unser physisches instrumentales Mental die Illusion des Körpers hat, so hat dieses unterbewußte dynamische Mental die Illusion des Lebens. Von diesem ist es absorbiert, in dieses ist es konzentriert, durch dieses ist es begrenzt, mit diesem identifiziert es sein Wesen. Von hier aus gelangen wir noch nicht zurück zu dem gemeinsamen Bereich von Mental und Supramental, zu dem Punkt, an dem sie sich ursprünglich voneinander trennten.

Es gibt aber noch ein anderes, klareres, reflektierendes Mentalwesen hinter dem dynamischen und vitalen, das solchem Aufgezehrtwerden durch das Leben entgehen kann. Es kann sich selbst betrachten, wie es Leben und Körper annimmt, um in aktiven Beziehungen von Kräften das abzubilden, was es in Willen und Denken wahrnimmt. Das ist der Ursprung des reinen Denkers in uns. Es erkennt das Mental an und für sich; es sieht die Welt nicht in Begriffen von Leben und Körper, sondern mental. Es ist das eigentliche mentale Wesen, manomaya purusha, das wir, wenn wir in es zurücktreten, manchmal irrtümlich ebenso für den reinen Geist halten, wie wir das dynamische Mental mit der Seele verwechseln. Dieses höhere Mental kann andere Seelen wahrnehmen und mit ihnen umgehen, als ob sie andere Gestaltungen seines eigenen reinen Selbsts sind. Es kann sie durch reine Mental-Einwirkung und reine Kommunikation empfinden, nicht mehr nur durch vitale und nervliche Einwirkung und körperlichen Hinweis. Außerdem begreift es ein mentales Bild von Einheit und kann in seiner Aktivität und in seinem Willen unmittelbar – nicht nur indirekt wie im gewöhnlichen physischen Leben – erschaffen und besitzen, und zwar wie in seinem eigenen so auch im Mental und Leben anderer Menschen. Aber selbst dieses reine Mentalwesen entgeht nicht dem Ur-Irrtum des Mentals. Denn es macht immer noch sein gesondertes mentales Selbst zum Richter, Zeugen und Zentrum des Universums und bemüht sich, durch dieses allein zu seinem höheren Selbst und seiner Wirklichkeit zu gelangen. Alle anderen sind “die anderen”, die sich für es um sein Selbst gruppieren: Wenn es wirklich frei werden will, muß es sich aus Leben und Mental zurückziehen, um in der wahren Einheit aufzugehen. Immer noch existiert der von der Unwissenheit, avidya, geschaffene Vorhang zwischen mentalem und supramentalem Wirken; zwar dringt ein Abbild der Wahrheit hindurch, jedoch nicht die Wahrheit selbst.

Erst wenn der Vorhang zerrissen und das zerteilte Mental überwältigt, schweigend und einem supramentalen Wirken gegenüber passiv geworden ist, kehrt das Mental selbst wieder zurück zur Wahrheit der Dinge. Dort finden wir ein erleuchtetes Mentalwesen, das die Göttliche Real-Idee reflektiert, ihr gehorcht und zu ihrem Instrument wird. Dort nehmen wir wahr, was die Welt wirklich ist. Dort erkennen wir in jeder Weise uns selbst in anderen und als andere, die anderen als uns selbst und alles als das universale und selbst-vervielfältigte Eine. Wir geben den streng gesonderten individuellen Standpunkt auf, der die Ursache allen Begrenztseins und Irrtums ist. Ferner erkennen wir, daß alles, was die Unwissenheit des Mentals für die Wahrheit hielt, tatsächlich die Wahrheit war, nur verzerrt, mißverstanden, falsch aufgefaßt. Wir beobachten noch die Zerteilung, die individualisierende, atomisierende Schöpfung, aber erkennen sie und uns selbst nun als das, was sie und wir wirklich sind. So durchschauen wir, daß das Mental in Wirklichkeit eine untergeordnete Wirkensweise und Instrumentation des Wahrheits-Bewußtseins war. Solange sich das Mental in seiner Selbst-Erfahrung nicht vom umgreifenden Meister-Bewußtsein gelöst hat und nicht versucht, sich hier ein selbständiges Heim einzurichten, solange es passiv als Instrumentation dient und nicht darauf aus ist, die Dinge zu seinen eigenen Gunsten zu besitzen, erfüllt es in erleuchteter Weise seine Funktion: innerhalb der Wahrheit durch phänomenale, rein formale Abgrenzung ihrer Aktivität Gestaltungen voneinander getrennt zu halten, hinter denen die lenkende Universalität des Seins bewußt und unberührt bleibt. Das Mental soll die Wahrheit der Dinge empfangen und sie im Einklang mit der von Irrtum freien Wahrnehmung eines höchsten, universalen Auges und Willens verteilen. Es soll eine Individualisierung von aktivem Bewußtsein, Seligkeit, Kraft und Substanz aufrecht erhalten, die all ihre Macht, Wirklichkeit und Freude aus einer dahinter stehenden unveränderlichen Universalität beziehen. Es soll die Vielfalt des Einen in eine scheinbare Aufteilung umwandeln, durch die die Beziehungen abgegrenzt und gegenseitig so auseinander gehalten werden, daß sie einander begegnen und sich wieder vereinigen können. Es soll die Seligkeit von Trennung und Kontakt inmitten ewiger Einheit und Vermischung fest und sicher begründen. Das Mental soll es dem Einen möglich machen, sich so zu erweisen, als ob Er ein Individuum wäre, das mit anderen Individuen umgeht, jedoch immer in Seiner eigenen Einheit verbleibt; das ist es, was die Welt wirklich ist. Das Mental ist die endgültige Wirkensweise des aktiv verstehenden Wahrheits-Bewußtseins, das dies alles möglich macht. Was wir die Unwissenheit nennen, erschafft nichts Neues und keine absolute Falschheit, sondern stellt die Wahrheit nur falsch dar. Die Unwissenheit ist das im Wissen von seiner Wissensquelle getrennte Mental. Es gibt dem harmonischen Spiel der höchsten Wahrheit in ihrer universalen Manifestation eine falsche Starrheit und den irrigen Anschein von Opposition und Konflikt.

Der fundamentale Irrtum des Mentals ist also dieser Absturz aus dem Selbst-Wissen, durch den die individuelle Seele ihre Individualität als Faktum statt als Form des Einsseins begreift, sich zum Mittelpunkt des eigenen Universums macht, statt sich als einen solchen der Konzentrationen des Allumfassenden zu erkennen. Aus diesem ursprünglichen Irrtum ergeben sich alle besonderen Unwissenheiten und Beschränkungen zwangsläufig von selbst. Denn wenn das Mental den Fluß der Dinge nur so betrachtet, wie sie auf es zukommen und durch es hindurchfließen, schafft es eine Beschränkung des Wesens, aus der eine Beschränkung von Bewußtsein und deshalb von Erkenntnis herrührt; eine Begrenzung von bewußter Kraft und bewußtem Willen, darum von Macht; eine Einschränkung von Selbst-Genießen und darum von Seligkeit. Das Mental ist der Dinge bewußt und erkennt sie nur so, wie sie sich seiner Individualität darstellen. Darum verfällt es in Unwissenheit alles übrigen und so in eine irrige Auffassung selbst dessen, was es zu wissen scheint: Denn wenn alles Seiende untereinander abhängig ist, müssen wir entweder die Erkenntnis des Ganzen oder die des Wesenhaften besitzen, um den Teil richtig erkennen zu können. Daher liegt allem menschlichen Erkennen ein Element von Irrtum zugrunde. In ähnlicher Weise muß auch unser Wille wegen seiner Unkenntnis des übrigen All-Willens in irrtümliches Handeln und in einen höheren oder geringeren Grad von Unfähigkeit und Machtlosigkeit fallen. Die Selbst-Seligkeit der Seele und ihr Entzücken an den Dingen muß, da sie die All-Wonne ignoriert und durch fehlerhaftes Wollen und Erkennen unfähig ist, Meister ihrer Welt zu sein, in ein Unvermögen zu bleibender Seligkeit und darum in Leiden versinken. Unkenntnis des eigenen Selbsts ist also die Wurzel aller Verkehrtheit unseres Daseins. Diese Verkehrtheit wird in der Selbst-Beschränkung, im Egoismus, verstärkt, der die von dieser Selbst-Unkenntnis angenommene Form ist.

Dennoch ist alle Unwissenheit und Verkehrtheit nur die Entstellung des Wahren und Richtigen der Dinge und nicht das Spiel einer absoluten Falschheit. Sie ist das Ergebnis eines Mentals, das die Dinge in der Zerteilung schaut, die es selbst vornimmt, avidyayam antare, statt sich und seine Teilungen als Instrumentation und Phänomen des Spiels der Wahrheit von saccidananda zu verstehen. Wenn das Mental in die Wahrheit zurückkehrt, aus der es gefallen ist, wird es wieder zur endgültigen Aktion des Wahrheits-Bewußtseins in seiner umsichtigen Wirkensweise. Und die Beziehungen, die es in jenem Licht und jener Macht erschaffen hilft, werden Beziehungen der Wahrheit und nicht der Verkehrtheit sein. Es werden die geraden und nicht die krummen Dinge sein, um die ausdrucksvolle Unterscheidung der vedischen Rishis zu gebrauchen, das heißt Wahrheiten des göttlichen Wesens mit seinem das Selbst besitzenden Bewußtsein, Willen und Entzücken, die sich harmonisch in ihm bewegen. Jetzt haben wir die verzerrte Zickzackbewegung von Mental und Leben, Entstellungen, geschaffen durch das Ringen der Seele: Sie sucht aus der Vergessenheit ihres wahren Wesens sich selbst wiederzufinden, um allen Irrtum wieder in jene Wahrheit aufzulösen, die von unserer Wahrheit wie von unserem Irrtum, von unserem Rechten wie von unserem Unrechten beschränkt und entstellt wird. Sie will alle Unfähigkeit in jene Stärke verwandeln, die zu erlangen wir durch unsere Macht wie durch unsere Schwäche mit aller Kraft ringen. Sie will alles Leiden in jene Seligkeit aufheben, die zu realisieren wir uns durch unsere Freuden wie unsere Leiden krampfhaft bemühen. Sie will allen Tod in jene Unsterblichkeit verwandeln, zu der heimzukehren sich unser Wesen durch unser Leben und unser Sterben hindurch ständig bemüht.

Kapitel XIX. Leben

Prana – Kraft ist das Leben der Geschöpfe; denn von ihr sagt man, sie ist das universale Prinzip des Lebens.

Taittiriya Upanishad, II.3.

Wir erkennen also, was das Mental in seinem göttlichen Ursprung ist und in welcher Beziehung es zum Wahrheits-Bewußtsein steht, Mental, das höchste der drei niederen Prinzipien, die unser menschliches Dasein konstituieren. Es ist eine besondere Wirkensweise göttlichen Bewußtseins oder besser: die letzte Strähne dessen gesamter schöpferischen Aktion. Purusha kann durch das Mental die Beziehungen seiner eigenen verschiedenen Formen und Kräfte getrennt halten. Es erschafft die Unterschiede der äußeren Erscheinung, die für die aus dem Wahrheits-Bewußtsein gefallene Seele den Anschein radikaler Trennungen annehmen. Das Mental wird infolge dieser ursprünglichen Entstellung zum Erzeuger aller sich daraus ergebenden Verkehrtheiten, die auf uns einwirken als die dem Leben der Seele in der Unwissenheit eigentümlichen Dualitäten und Gegensätzlichkeiten. Solange das Mental aber nicht vom Supramental abgetrennt ist, unterstützt es nicht die Entstellungen und Falschheiten, sondern die vielschichtige Wirkensweise der universalen Wahrheit.

So erscheint das Mental als eine schöpferische kosmische Wirkkraft. Diesen Eindruck haben wir normalerweise nicht von unserer Mentalität. Wir sehen in ihr vielmehr in erster Linie ein wahrnehmendes Organ, das Dinge erkennt, die schon durch eine in der Materie wirkende Kraft erschaffen sind. Die einzige Urheberschaft, die wir ihr zugestehen, ist sekundäre Erschaffung von Formen, die aus den bisher durch die Kraft in der Materie entwickelten neu zusammengestellt werden. Die Erkenntnis, die wir jetzt dank der jüngsten Entdeckungen der Naturwissenschaft gewinnen, zeigt uns immer mehr, daß in dieser Kraft und in dieser Materie ein unterbewußtes Mental am Werk ist, das gewiß für sein eigenes Hervortreten verantwortlich ist: zunächst in den Formen von Leben und dann in den Formen von Mentalität selbst, anfangs im nervlichen Bewußtsein des Lebens in Pflanze und primitivem Tier, danach in den sich immer höher entfaltenden mentalen Funktionen des entwickelten Tiers und des Menschen. Wie wir schon entdeckt haben, daß Materie nur stoffliche Form von Kraft ist, so werden wir entdecken, daß materielle Kraft nur Energie-Form von Mentalität ist. Materielle Kraft ist in der Tat eine unterbewußte Tätigkeit von Willen. Wille, der in uns als das wirkt, was Licht zu sein scheint – obwohl es in Wirklichkeit lediglich ein Halb-Licht ist – und materielle Kraft, die in uns die Finsternis mangelnder Intelligenz zu sein scheint, sind eigentlich und im Wesen dasselbe. Das hat materialistisches Denken stets instinktiv, wenn auch vom falschen oder unteren Ende der Dinge her, gefühlt. Spirituelle Erkenntnis, die von der höchsten Höhe her wirkt, hat das schon lange entdeckt. Wir können also sagen: Diese materielle Welt ist erschaffen von einem unterbewußten Mental oder einer Intelligenz, die Kraft als ihre Antriebsmacht, ihre ausführende Natur, ihre prakriti offenbart.

Wenn das Mental aber, wie wir jetzt erkannt haben, keine unabhängige und ursprünglich wesenhafte Größe, sondern letztlich nur eine Wirkensweise des Wahrheits-Bewußtseins oder Supramentals ist, muß überall, wo Mentalität ist, auch Supramentalität sein. Das Supramental oder Wahrheits-Bewußtsein ist die wirkliche Schöpfermacht des universalen Seins. Selbst wenn das Mental in seinem eigenen verfinsterten Bewußtsein von seinem Ursprung getrennt ist, gibt es doch stets jene umfassendere Bewegung in seinem Wirken. Sie zwingt es, seine rechte Beziehung zu bewahren. Sie entwickelt aus ihm die unvermeidlichen Ergebnisse, die es in sich trägt. Sie bringt den richtigen Baum aus dem richtigen Kern hervor. Sie zwingt selbst das aktive Wirken von etwas so Rohem, Trägem und Verfinstertem wie der materiellen Kraft, schließlich auf eine Welt von Gesetz, Ordnung und rechter Beziehung hinzuarbeiten und nicht, wie sonst ihr Ergebnis wäre, auf ein Durcheinander von Zufall und Chaos. Offensichtlich können diese Ordnung und rechte Beziehung nur relativ sein, nicht jene höchste Ordnung und jenes erhabene Rechte, das herrschen würde, wäre das Mental nicht in seinem Bewußtsein vom Supramental gesondert. Sie ist eine Anordnung, ein System von Ergebnissen, die für das Wirken des trennenden Mentals und sein Erschaffen separativer Gegenüberstellungen, also für seine dual-konträren Seiten der einen Wahrheit, richtig und angemessen sind. Nachdem das Göttliche Bewußtsein die Idee dieser dualen oder zerteilten Darstellung seines Selbsts ersonnen und in Tätigkeit gesetzt hat, leitet es in der Real-Idee seine eigene niedere Wahrheit oder das unvermeidliche Ergebnis verschiedenartiger Beziehung von ihr ab und entwickelt sie praktisch daraus in Lebens-Substanz durch das lenkende Wirken des ganzen hinter ihr stehenden Wahrheits-Bewußtseins. Denn das ist das Eigentümliche von Gesetz und Wahrheit in der Welt, daß in rechtem Wirken das hervorgebracht wird, was im Seienden enthalten, in Wesen und Natur der Sache selbst vorausgesetzt und im Selbst-Sein und Selbst-Gesetz latent ist, svabhava und svadharma, so wie es vom göttlichen Wissen geschaut wird. Um eine jener wundervollen Formulierungen der Upanishad zu gebrauchen, die in wenigen offenbarenden Worten eine Welt von Erkenntnissen enthalten: “Der Selbst-Seiende, der als der Seher und Denker überall im Werden hervortritt, hat alle Dinge in Sich Selbst seit ewigen Zeiten in Einklang mit der Wahrheit dessen, was sie sind, richtig angeordnet” (Isha Upanishad, Vers 8).

Die dreifache Welt von Mental, Vital und Körper, in der wir leben, ist folglich nur in ihrer bisher aktuell vollendeten Evolution dreifach. Das in der Materie involvierte Leben ist in der Form von denkendem und mental bewußtem Leben hervorgetreten. Aber mit dem Mental, das in es, also auch in Leben und Materie involviert ist, ist das Supramental involviert, das Ursprung und Lenker der anderen drei ist und ebenfalls hervortreten muß. Wir suchen am Ursprung der Welt nach einer Intelligenz, denn Intelligenz ist das höchste uns bewußte Prinzip, das uns und unser ganzes Wirken und Erschaffen zu lenken und zu erklären scheint. Darum nehmen wir an: Wenn es überhaupt ein Bewußtsein im Universum gibt, muß es eine Intelligenz, ein mentales Bewußtsein sein. Aber Intelligenz beobachtet, reflektiert und verwendet nur nach dem Maß ihrer Fähigkeit das Wirken einer ihr übergeordneten Wahrheit des Seienden. Die dahinterstehende wirkende Macht muß also eine andere und überlegenere Form von Bewußtsein sein, die zu jener Wahrheit gehört. Darum müssen wir unsere Auffassung entsprechend korrigieren und feststellen: Nicht ein unterbewußtes Mental oder eine unterbewußte Intelligenz, sondern ein involviertes Supramental hat dieses materielle Universum erschaffen. Es hat das Mental aus sich herausgestellt als die unmittelbar aktive besondere Form seines in der Kraft unterbewußten Wissens-Willens und verwendet die materielle Kraft oder den im Stoff des Seienden unterbewußten Willen als seine exekutive Natur, seine prakriti.

Nun ist aber hier, wie wir sehen, Mentalität in einer speziellen Form von Kraft manifestiert, der wir den Namen Leben geben. Was ist dann Leben? Welche Beziehung hat es zum Supramental, zu dieser höchsten Trinität von saccidananda, das mittels der Real-Idee oder des Wahrheits-Bewußtseins in der Schöpfung aktiv ist? Aus welchem Prinzip in der Trinität wird Leben geboren? Durch welche göttliche oder ungöttliche Notwendigkeit der Wahrheit oder der Illusion tritt es ins Dasein? Durch die Jahrhunderte erschallt der alte Aufschrei: Leben ist ein Übel, eine Täuschung, ein Delirium, eine Verrücktheit, aus der wir in die Ruhe des ewigen Seins entfliehen müssen. Ist das so? Und wenn ja, weshalb? Warum hat der Ewige willkürlich dieses Böse auferlegt, warum hat Er Sich Selbst oder den Geschöpfen, die durch Seine furchtbare, alles täuschende maya ins Dasein gebracht wurden, dieses Delirium oder diese Verrücktheit auferlegt? Oder ist Leben vielleicht ein göttliches Prinzip, das sich auf diese Weise zum Ausdruck bringt, eine Macht der Seligkeit ewigen Seins, die sich so ausdrücken mußte und auf diese Weise in Zeit und Raum verausgabt in der ständigen Explosion der Millionen und Abermillionen Formen von Leben, die die unzählbaren Welten des Universums bevölkern?

Erforschen wir dieses Leben, wie es sich auf Erden mit Materie als seiner Basis manifestiert, so beobachten wir, daß es im Wesentlichen eine Form der einen kosmischen Energie ist, eine positive und negative dynamische Bewegung oder Strömung von ihr, ein ständiger Akt oder ein Spiel jener Kraft, die Formen aufbaut, sie durch einen kontinuierlichen Strom von Reizwirkung mit Energie auflädt und durch einen unaufhörlichen Prozeß von Auflösung und Erneuerung ihrer Substanz fördert und erhält. Dieser Vorgang zeigt uns eigentlich, daß der natürliche Gegensatz, den wir zwischen Tod und Leben sehen, ein Irrtum unserer Mentalität, eine dieser falschen Gegenüberstellungen ist, falsch vor der inneren Wahrheit, wenn auch gültig an der Außenseite praktischer Erfahrung, die unser Mental, durch äußeren Schein getäuscht, ständig in die universale Einheit hineinträgt. Tod hat nur als ein Prozeß von Leben Realität. Zersetzung und Erneuerung von Stoff, Bewahrung und Verwandlung von Form sind der dauernde Ablauf des Lebens. Tod ist bloß rasche Auflösung im Dienst der Notwendigkeiten des Lebens zur Verwandlung und Veränderung formeller Erfahrung. Selbst beim Tod des Körpers gibt es kein Aufhören des Lebens; das Material der einen Form von Leben wird nur zerbrochen, um als Material für andere Lebensformen zu dienen. In ähnlicher Weise dürfen wir sicher sein, wenn es in der körperlichen Gestalt eine mentale oder psychische Energie gibt, daß auch diese im einheitlichen Gesetz der Natur nicht zerstört wird, sondern nur aus der einen Gestalt auszieht, um durch einen Vorgang von Metempsychose, durch eine neue Körper-Beseelung, andere Gestalten anzunehmen. Alles erneuert sich selbst, nichts geht zugrunde. Infolgedessen könnte man behaupten, es gibt nur ein einziges, alles durchdringendes Leben oder eine dynamische Kraft – wobei der materielle Aspekt nur deren äußerste Bewegung ist die alle diese Formen des physischen Universums erschafft, ein unvergängliches und ewiges Leben, das auch dann, wenn die ganze Gestaltung des Universums verginge, selbst weiterexistieren und an seiner Stelle ein neues Universum hervorbringen könnte, ja in seinem Erschaffen immer weiter fortfahren müßte, wenn es nicht durch eine höhere Macht in Ruhezustand zurückgehalten oder sich selbst zurückhalten würde. In diesem Fall ist Leben nichts anderes als die Kraft, die die Formen der Welt aufbaut, erhält und zerstört. Es ist Leben, das sich in der Form der Erde ebenso manifestiert wie in der Pflanze, die auf Erden wächst, und in den Tieren, die ihr Dasein fristen durch das Verzehren der Lebens-Kraft der Pflanze oder indem sie einander auffressen. Alles Dasein ist hier ein universales Leben, das die Form von Materie annimmt. Zu diesem Zweck mag sich der Lebens-Prozeß im physischen Prozeß verbergen, bevor er als submentale Empfindungsfähigkeit und mentalisierte Vitalität hervortritt, was aber durchweg noch dasselbe schöpferische Lebens-Prinzip wäre.

Man kann einwenden: Unter Leben verstehen wir etwas anderes. Wir meinen ein besonderes Resultat der universalen Kraft, mit dem wir vertraut sind, das sich nur in Tier und Pflanze offenbart, nicht aber in Metall, Stein, Gas. Es wirkt in der Tierzelle, aber nicht im bloßen physikalischen Atom. Um auf sicherem Boden zu stehen, müssen wir also untersuchen, worin genau dieses besondere Ergebnis des Spiels der Kraft liegt, das wir Leben nennen, und wie es sich von jenem anderen Resultat des Spiels der Kraft in unbelebten Dingen unterscheidet, von dem wir sagen, es ist nicht Leben. Wir erkennen sofort, daß es hier auf Erden drei Bereiche des Spiels der Kraft gibt: das Tierreich der alten Klassifizierung, zu dem wir gehören, das Pflanzenreich und zuletzt das nur materielle Reich, von dem wir behaupten, es sei ganz ohne Leben. Wie unterscheidet sich das Leben in uns vom Leben der Pflanze und das Leben der Pflanze vom Nicht-Leben etwa des Metalls des Mineralreichs der alten Bezeichnung oder jenes neuen Reiches der Chemie, das die Naturwissenschaft entdeckt hat?

Wenn wir von Leben sprechen, meinen wir gewöhnlich das Tierleben, das sich bewegt, atmet, ißt, fühlt, begehrt. Wenn wir von Pflanzenleben sprechen, werden diese Begriffe meist als Metapher verwendet, nicht als Wirklichkeit, denn man betrachtete Pflanzenleben eher als rein materiellen Vorgang denn als biologisches Phänomen. Insbesondere ist für uns Leben mit Atmen eng verbunden. In jeder Sprache spricht man vom Lebensatem, und diese Formulierung trifft zu, wenn wir unsere Auffassung von dem ändern, was wir unter Atem des Lebens verstehen. Es ist aber offensichtlich, daß spontane Bewegung oder Fortbewegungsfähigkeit, Atmen und Essen nur Lebensvorgänge und nicht Leben an sich sind. Sie sind Mittel für das Erzeugen oder Abgeben jener ständigen Reize aussendenden Energie, die unsere Vitalität ist, und für jenen Vorgang von Auflösung und Erneuerung, durch den sie unser stoffliches Dasein unterstützt. Diese Abläufe unserer Vitalität können aber auch auf andere Weise als durch unser Atmen oder unsere Nahrung aufrechterhalten werden. Es ist bewiesene Tatsache, daß selbst menschliches Leben im Körper bestehen bleiben und bei vollem Bewußtsein fortdauern kann, wenn Atmung, Herzschlag und andere, früher für wesentlich gehaltene Bedingungen zeitweilig ausgesetzt werden. An neuen beweiskräftigen Erscheinungen der Pflanze hat man festgestellt, daß sie, wenn wir ihr auch eine bewußte Reaktion absprechen, zumindest physisches Leben hat, das mit unserem eigenen identisch und sogar im Wesen wie unser eigenes organisiert, wenn auch in seiner sichtbaren Organisation verschieden ist. Erweist sich das als richtig, müssen wir mit unseren alten, unhaltbaren und unrichtigen Vorstellungen gründlich aufräumen und, hinter Symptomen und Äußerlichkeiten, der Sache auf den Grund gehen.

Ein bedeutender indischer Physiker hat in neuerlichen Untersuchungen8 – die helles Licht auf die Probleme des Lebens in der Materie werfen müssen, wenn man seine Schlußfolgerungen anerkennt, – auf die Reaktion auf Reize als untrügliches Zeichen für die Existenz von Leben hingewiesen. Durch seine Ergebnisse ist besonders das Phänomen des Pflanzenlebens aufgehellt und in all seinen subtilen Funktionsweisen illustriert worden. Wir dürfen aber nicht übersehen, daß von ihm hinsichtlich der Metalle wie der Pflanze am entscheidenden Punkt der gleiche Beweis für Vitalität erbracht wurde: die Reaktion auf einen Reiz als positiver Zustand von Leben und der negative Zustand, den wir Tod nennen – wenn auch nicht im selben Umfang und gewiß nicht so, daß sich eine wesentlich identische Organisation des Lebens beweisen läßt. Könnten aber die richtigen Instrumente von ausreichender Feinheit erfunden werden, wäre es möglich, mehr Ähnlichkeiten zwischen Metall und Pflanze zu entdecken. Selbst wenn sich das als unrichtig erweisen würde, könnte es bedeuten, daß zwar diese oder jede Lebensorganisation fehlt, dennoch könnten Anfänge von Vitalität vorhanden sein. Wenn aber im Metall Leben existiert, und sei es noch so rudimentär, muß man zugeben: es ist dort vorhanden, vielleicht involviert oder elementar und primitiv, und ebenso in Erde oder in anderen, dem Metall entsprechenden materiellen Daseinsformen. Wenn wir unsere Untersuchungen noch weitertreiben können, ohne gezwungen zu sein, dort Halt zu machen, wo unsere unmittelbaren Forschungsmittel versagen, dürfen wir aufgrund unserer gleichartigen Erfahrung der Natur sicher sein, daß so durchgeführte Forschungen uns letztlich beweisen, es gibt keinen Bruch, keine starre Grenzlinie zwischen Erde und dem in ihr geformten Metall oder zwischen Metall und Pflanze. Verfolgen wir die Synthese noch weiter, existiert diese Abgrenzung auch nicht zwischen den Elementen und Atomen, die Erde oder Metall konstituieren, also auch nicht zwischen den von ihnen konstituierten Erden und Metall. Jede Ebene dieses stufenweise aufsteigenden Daseins bereitet die nächste vor und enthält das in sich, was in der folgenden in Erscheinung tritt. Leben ist überall, verborgen oder offenbar, organisiert oder elementar, involviert oder evolviert, jedoch universal, alles durchdringend, unzerstörbar. Nur seine Erscheinungs- und Organisationsformen sind unterschiedlich. Wir müssen bedenken, daß physische Reaktion auf Reiz nur ein äußerliches Zeichen von Leben ist, ebenso wie es Atmen und Ortsveränderung bei uns sind. Vom Experimentierenden wird ein außergewöhnlicher Reiz angewandt, und es erfolgen lebhafte Reaktionen, die wir sofort im Objekt des Experiments als Anzeichen von Vitalität erkennen können. Während ihres ganzen Daseins antwortet die Pflanze ständig auf eine konstante Masse von Reizen aus ihrer Umgebung. Das heißt: in ihr ist eine konstant bereitgehaltene Kraft, die fähig ist, auf die Einwirkung von Kraft aus ihrer Umgebung zu reagieren. Es wird behauptet, die Idee einer vitalen Kraft in der Pflanze und anderen lebenden Organismen sei durch diese Experimente zerstört worden. Wenn wir aber sagen, ein stimulierender Reiz ist auf die Pflanze angewandt worden, meinen wir: eine erregte Kraft, eine Kraft in dynamischer Bewegung, sei auf dieses Objekt gerichtet worden. Und wenn wir sagen, es werde eine Reaktion gezeigt, meinen wir: Eine erregte Kraft, die zu dynamischer Bewegung und sensitiver Vibration fähig ist, antwortet auf den Schock. Es gibt vibrierende Aufnahme und Antwort wie den Willen zu wachsen und zu sein, Hinweise auf eine untermentale, eine vital-physische Organisation bewußter Kraft, die in der Form des Seienden verborgen ist. Es scheint also Tatsache zu sein: Wie im Universum eine konstante dynamische Energie in Bewegung ist, die verschiedene mehr oder minder subtile oder grobe materielle Formen annimmt, so ist auch in jedem physischen Körper oder Objekt, in Pflanze, Tier oder Metall, dieselbe konstante dynamische Kraft gespeichert und aktiv. Ein gewisser Austausch zwischen beiden liefert uns die Phänomene, die wir mit der Idee von Leben verbinden. Dieses Wirken erkennen wir als die Aktion von Lebens-Energie. Was sich so in Energien umsetzt, ist die Lebens-Kraft. Mental-Energie, Lebens-Energie, materielle Energie sind verschiedenartige Energieformen der einen Welt-Kraft.

Selbst wenn eine Gestaltung uns als tot erscheint, existiert diese Kraft in ihr noch als Potenz, wenn auch ihre vertrauten vitalen Wirkensweisen suspendiert und dabei sind, völlig aufzuhören. In gewissen Grenzen kann das, was tot ist, wieder belebt werden. Man kann die gewöhnlichen Abläufe, Reaktion und Zirkulation aktiver Energie wiederherstellen.

Das beweist, daß das, was wir Leben nennen, noch latent im Körper war, wenn auch nicht aktiv in seinen üblichen Gewohnheiten, den allgemeinen Formen physischer Tätigkeit, nervlichen Spiels und Reagierens, in seinen Gewohnheiten als Lebewesen von bewußt mentaler Reaktion. Man kann nur schwer annehmen, daß es eine andersartige Einheit, Leben genannt, ist, die einen Körper völlig verlassen hat und wieder in ihn eingeht, wenn sie fühlt, daß jemand den Körper stimuliert – wie sollte sie das aber fühlen, wenn es nichts gibt, das sie mit dem Körper verbindet? In gewissen Fällen, so bei kataleptischer Erstarrung, sehen wir, daß die äußeren physischen Anzeichen und Aktivitäten des Lebens suspendiert sind, daß aber die Mentalfunktionen noch da sind, im Besitz des Selbsts und bewußt, wenn auch unfähig, die üblichen physischen Reaktionen durchzusetzen. Gewiß trifft es nicht zu, daß der Mensch physisch tot, mental jedoch am Leben ist oder daß Leben den Körper verließ, während Mentalität ihn noch bewohnt. Hier ist vielmehr die gewöhnliche physische Tätigkeit suspendiert, während das Mental noch aktiv ist.

Ebenso werden in gewissen Formen der Trance das physische Funktionieren und das vordergründige Mental suspendiert. Sie nehmen später ihre Tätigkeit wieder auf, in manchen Fällen durch äußeren Reiz, normalerweise durch spontane Rückkehr zur inneren Aktivität. In Wirklichkeit hat sich die vordergründige Mental-Kraft in das unterbewußte Mental und die vordergründige Vital-Kraft in das subaktive Leben zurückgezogen, und entweder ist der ganze Mensch in unterbewußtes Dasein versunken, oder er zog sein äußeres Leben ins Unterbewußte zurück, während sein inneres Wesen ins Überbewußte emporgehoben wurde. Hauptsache ist jetzt für uns, daß jene Kraft, was immer sie ist, die die dynamische Lebensenergie im Körper bewahrt, ihr vordergründiges Wirken tatsächlich suspendiert hat, doch noch in der Form der organisierten Stofflichkeit wirkt. Es kommt aber ein Punkt, von dem an es nicht mehr möglich ist, die unterbrochenen Aktivitäten wiederherzustellen. Das tritt ein, wenn der Körper eine Verletzung erlitten hat, die ihn für seine gewöhnlichen Funktionen unbrauchbar oder unfähig macht, oder wenn, ohne eine solche Verletzung, der Prozeß der Auflösung einsetzt, d. h. wenn die Kraft, die die Lebensaktion erneuern sollte, völlig erlahmt gegenüber dem Druck der Kräfte aus der Umgebung, mit deren Masse von Reizen sie einen ständigen Austausch zu unterhalten pflegte. Selbst dann ist noch Leben im Körper, aber ein Leben, das nur mit dem Auflösungsprozeß der geformten Stofflichkeit beschäftigt ist, damit es in deren Elemente entweichen und mit ihnen neue Formen bilden kann. Nun zieht sich der Wille in der universalen Kraft, der die Form zusammenhielt, aus ihrer Konstitution zurück und unterstützt dafür einen Zerstreuungsvorgang. Erst dann tritt der wirkliche Tod des Körpers ein. Leben ist also das dynamische Spiel einer universalen Kraft, zu der stets mentales Bewußtsein und nervliche Vitalität in irgendeiner Form oder zumindest prinzipiell gehören und die deshalb in unserer Welt in Erscheinung tritt und sich in den Formen von Materie organisiert. Das Lebens-Spiel dieser Kraft manifestiert sich als Austausch von Reiz und Reaktion auf den Reiz zwischen den verschiedenen Formen, die die Kraft aufgebaut hat und in denen sie ständig dynamisch pulsiert. Jede Gestaltung nimmt konstant den Atem und die Energien der gemeinsamen Kraft in sich ein und gibt sie wieder aus. Jede Gestaltung lebt hiervon und ernährt sich von ihr auf verschiedene Art: entweder mittelbar, indem sie andere Formen, in denen die Energie gespeichert ist, in sich aufnimmt, oder unmittelbar, indem sie die dynamischen Entladungen absorbiert, die sie von außen empfängt. All das ist das Spiel des Lebens. Für uns ist es aber hauptsächlich dort erkennbar, wo seine Organisation so ausgebildet ist, daß wir ihre mehr äußerlichen und komplexen Bewegungen wahrnehmen können, und besonders dort, wo es an jenem nervlichen Typus vitaler Energie Anteil hat, der zu unserer eigenen Organisation gehört. Aus diesem Grund erkennen wir es gern in der Pflanze an, dort gibt es offenkundige Erscheinungsformen von Leben, – und das wird uns noch viel leichter, wenn man dort auf Symptome von Nerventätigkeit hinweisen kann und auf ein von dem unsrigen nicht sehr verschiedenes vitales System. Wir wollen aber Leben nicht anerkennen im Metall, in Erde und im chemischen Atom, wo man diese phänomenalen Entwicklungen nur schwer entdecken kann oder wo sie anscheinend überhaupt nicht existieren.

Ist es wirklich gerechtfertigt, diesen Unterschied als wesenhaft zu erklären? Was ist z. B. der Unterschied zwischen Leben in uns und Leben in der Pflanze? Wir sehen uns erstens darin von ihr unterschieden, daß wir die Macht zur Fortbewegung besitzen; das hat aber offenbar nichts mit dem Wesen der Vitalität zu tun. Zweitens besitzen wir bewußtes Empfinden, das, soweit wir wissen, noch nicht in der Pflanze entwickelt ist. Weithin werden unsere nervlichen Reaktionen – wenn auch keineswegs immer oder in vollem Umfang – von der mentalen Reaktion bewußter Empfindung begleitet. Sie hat ihren Wert ebenso für das Mental wie für das Nervensystem und für den durch die Nerventätigkeit erregten Körper. In der Pflanze scheint es aber auch Symptome nervlicher Empfindung einschließlich derer zu geben, die sich in uns als Lust und Schmerz, Wachsein und Schlafen, Heiterkeit, Stumpfheit und Ermüdung äußern, und auch der Körper ist innerlich durch diese Nerventätigkeit erregt. Doch ist kein Anzeichen vorhanden für die tatsächliche Gegenwart einer mental bewußten Empfindung. Empfindung bleibt aber Empfindung, ob sie mental bewußt oder vital empfindbar ist, und Empfindung ist eine Form von Bewußtsein. Wenn die empfindende Pflanze bei einer Berührung zurückschreckt, dürfte ein nervlicher Affekt vorliegen. Etwas in ihr hat diese Berührung nicht gern und sucht sich deshalb von ihr zurückzuziehen. Mit einem Wort, es gibt in der Pflanze ebenso eine unterbewußte Empfindung, wie es nach unseren Erkenntnissen unterbewußte Vorgänge derselben Art in uns gibt. Im menschlichen System kann man sehr wohl diese unterbewußten Wahrnehmungen und Empfindungen an die Oberfläche des Bewußtseins bringen, noch lange, nachdem sie sich ereigneten und aufhörten, das Nervensystem zu beeindrucken. Eine immer umfangreicher werdende Evidenz hat unwiderleglich in uns das Dasein einer unterbewußten Mentalität festgestellt, die viel umfangreicher ist als die bewußte. Die bloße Tatsache, daß die Pflanze kein vordergründig aufmerksames Mental besitzt, das zur Auswertung ihrer unterbewußten Empfindungen erweckt werden kann, bedeutet für die wesenhafte Identität der Phänomene keinen Unterschied. Da diese Phänomene dieselben sind, muß auch das, was sie manifestieren, dasselbe sein, und dieses ist ein unterbewußtes Mental. Es ist auch leicht möglich, daß es eine mehr rudimentäre Lebensbetätigung des unterbewußten Sinnen-Mentals im Metall gibt, obwohl es dort keine körperliche, der Nervenreaktion entsprechende Erregung gibt. Aber das Fehlen körperlicher Erregung macht für die Anwesenheit von Vitalität im Metall ebensowenig einen Unterschied, wie das Fehlen körperlicher Fortbewegung einen wesenhaften Unterschied für die Anwesenheit von Vitalität in der Pflanze macht.

Was geschieht, wenn im Körper das Bewußte unterbewußt oder das Unterbewußte bewußt wird? Der wirkliche Unterschied liegt darin, daß die bewußte Energie in einen Teil ihres Wirkens absorbiert und dort mehr oder weniger exklusiv konzentriert ist. In gewissen Formen von Konzentration hört das, was wir die Mentalität, prajnana, das vordergründig wahrnehmende Bewußtsein nennen, völlig oder fast auf, bewußt zu wirken. Dennoch geht die Tätigkeit des Körpers, der Nerven und des Sinnen-Mentals unbemerkt, doch konstant und vollkommen weiter. Sie ist ganz unterbewußt geworden. Das Mental ist nur in einer einzigen Aktivität oder in einer Kette von Aktivitäten hell aktiv. Zum Beispiel wird, während ich schreibe, der physische Akt des Schreibens weithin, manchmal völlig, vom unterbewußten Mental geleistet. Der Körper macht, wie wir sagen, unbewußt gewisse nervliche Bewegungen. Das Mental ist nur für das Denken wach, mit dem es beschäftigt ist. Der ganze Mensch kann sogar ins Unterbewußte hinabsinken. Dennoch können gewohnheitsmäßige Bewegungen, die mentales Wirken voraussetzen, weitergehen wie in vielen Erscheinungen des Schlafs. Oder der Mensch mag sich in das Überbewußte erheben und dennoch mit dem subliminalen Mental im Körper aktiv sein, wie bei gewissen Phänomenen von samadhi, der Trance im Yoga. Der Unterschied zwischen dem Empfinden der Pflanze und dem unsrigen ist also offensichtlich einfach der: In der Pflanze ist die sich im Universum manifestierende bewußte Kraft noch nicht völlig aus dem Schlaf der Materie, aus der Absorption hervorgetreten, die die wirksame Kraft vom Ursprung ihres Wirkens im überbewußten Wissen völlig trennt. Darum tut sie unterbewußt das, was sie bewußt tun wird, wenn sie im Menschen aus ihrer Absorption hervortritt und, wenn auch noch mittelbar, zu ihrem Erkenntnis-Selbst zu erwachen beginnt. Sie tut genau dieselben Dinge, nur auf andere Art und von anderem Wert in Begriffen von Bewußtsein.

Jetzt können wir begreifen: Sogar im Atom gibt es etwas, das in uns zu Willen und Begehren, dort zu Anziehung und Abstoßung wird. In ihrer Erscheinung sind sie verschieden, doch im wesentlichen ist es dasselbe wie bei uns Zuneigung und Abneigung. Wir sagen: dort ist es unbewußt oder unterbewußt. Diese Essenz von Wille und Begehren ist überall in der Natur evident. Sie sind, obwohl das noch nicht genügend beachtet wird, mit dem Ausdruck eines Unterbewußten verbunden und eigentlich dessen Ausdruck oder sozusagen ein nicht-bewußtes oder ganz involviertes Empfinden und eine Intelligenz, die alles in gleicher Weise durchdringen. Da all das in jedem Atom der Materie gegenwärtig ist, ist es notwendigerweise auch in allem gegenwärtig, was durch ein Aggregat von Atomen geformt ist. Sie sind im Atom gegenwärtig, weil sie in der Kraft gegenwärtig sind, die das Atom aufbaut und konstituiert.

Diese Kraft ist fundamental das chit-tapas oder die chit-shakti des Vedanta, Bewußtseins-Kraft, eine dem Bewußt-Seienden ursprünglich innewohnende bewußte Kraft, die sich manifestiert: in der Pflanze als nervliche Energie, erfüllt von untermentaler Empfindung, in der primitiven Tierform als Begehrens-Empfinden und Begehrens-Wille, in dem sich entwickelnden Tier als selbstbewußtes Empfinden und Kraft, im Menschen als mentaler Wille und ein Erkennen, das alles andere übertrifft. Leben ist eine Skala der universalen Energie, in der der Übergang vom Unbewußten zum Bewußtsein hergestellt wird. Eine vermittelnde Macht dessen ist in der Materie latent vorhanden oder versunken. Sie wird durch eigene Kraft ins submentale Wesen entbunden und zuletzt durch das Hervortreten des Mentals völlig befreit in die volle Entfaltungsmöglichkeit ihrer Kraftfülle.

Unerachtet aller anderen Erwägungen drängt sich dieser Schluß als logische Notwendigkeit auf, wenn wir eben diesen Vorgang, wie das Mental nach außen hervortritt, im Licht des Themas Evolution betrachten. Es ist von selbst einleuchtend, daß Leben in der Pflanze, wenn auch andersartig als im Tier organisiert, dennoch dieselbe Macht ist, gekennzeichnet durch Geburt, Wachsen und Tod, Fortpflanzung durch Samen, Tod durch Verfall, Krankheit oder Gewalt, Aufrechterhaltung durch Einnahme nährender Elemente von außen, Abhängigkeit von Licht und Wärme, Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit. Es gibt auch Zustände von Schlaf und Wachsein, Energie und Depression der Lebenskräfte, den Übergang von Kindheit zu Reife und Altern. Überdies enthält die Pflanze die Essenzen der Lebenskraft und ist darum natürliche Nahrung für Tier-Existenzen. Wenn anerkannt ist, daß sie ein Nervensystem und Reaktionen auf Reize besitzt, einen Anfang oder Unterstrom submentaler oder rein vitaler Empfindungen, wird diese Identität noch deutlicher. Doch verbleibt die Pflanze offensichtlich auf einer Zwischenstufe der Lebens-Evolution zwischen der Tier-Existenz und der “unbelebten” Materie. Gerade das muß man erwarten, wenn Leben eine Kraft ist, die sich aus der Materie entwickelt und im Mental ihren Höhepunkt erreicht. Ist dem so, müssen wir auch annehmen, daß es bereits in der Materie selbst existiert, versunken oder latent im materiellen Unterbewußtsein oder in der Nicht-Bewußtheit. Von woher könnte es sonst emportauchen? Evolution von Leben in Materie setzt seine vorhergehende Involution in dieser voraus. Sonst müßten wir annehmen, es sei eine Neuschöpfung, die auf magische und unerklärliche Weise in die Natur eingeführt wurde. Wäre sie das, müßte sie entweder eine Schöpfung aus dem Nichts oder das Ergebnis materieller Vorgänge sein, die durch nichts in den Abläufen selbst und durch kein Element verwandter Natur in ihnen begründet sind. Oder das Leben mag in unfaßbarer Weise von oben herniedergekommen sein, aus einem supraphysischen Bereich oberhalb des materiellen Universums. Die beiden ersten Annahmen können als willkürliche Auffassungen verworfen werden. Die letzte Erklärung ist möglich, sie ist auch begreiflich. In der okkulten Betrachtung der Dinge ist wahr, daß Druck aus einer Lebens-Ebene oberhalb des materiellen Universums das Hervortreten des Lebens hier unterstützt hat. Das schließt aber nicht den Ursprung von Leben aus Materie selbst als die ursprüngliche, notwendige Bewegung aus. Denn die Existenz einer Lebens-Welt oder Lebens-Ebene oberhalb der materiellen führt nicht von selbst zum Hervortreten von Leben in der Materie, wenn jene Lebens-Ebene nicht als formative Stufe im Herniederkommen von Sein durch verschiedene Grade oder Mächte des Seins selbst existiert bis hinab in die Nicht-Bewußtheit, mit dem Ergebnis, daß das Sein sich mit allen diesen Mächten seiner selbst in die Materie involviert, damit sie in einer späteren Evolution aus ihr hervortreten. Es ist keine Frage von entscheidender Bedeutung, ob Anzeichen dieses versunkenen Lebens in materiellen Dingen, noch unorganisiert oder rudimentär, zu entdecken sind, oder ob es keine solchen Hinweise gibt, da dieses involvierte Leben in tiefem Schlaf liegt. Die materielle Energie, die die Aggregate bildet, gestaltet und wieder auflöst,9 ist dieselbe Macht in einem anderen Grad ihrer selbst wie die Lebens-Energie, die sich im Geborenwerden, Wachsen und Sterben ausdrückt, wie sie sich auch, wenn sie ihre Werke von Intelligenz in schlafwandlerischer Unterbewußtheit tut, als dieselbe Macht erweist, die in einem noch anderen Grad den Status des Mentals erlangt. Ihr wahrer Charakter zeigt, daß sie die noch ungeborenen Mächte von Mental und Leben in sich enthält, wenn auch noch nicht in deren charakteristischer Organisation oder Wirkensweise.

Leben offenbart sich als überall wesenhaft dasselbe vom Atom bis zum Menschen. Das Atom enthält den unterbewußten Stoff und die Bewegung von Seiendem, die im Tier in Bewußtsein freigesetzt werden, wobei Pflanzenleben eine Mittelstufe des Weges der Evolution ist. Leben ist in Wirklichkeit ein universales Wirken von Bewußter Kraft, die unterbewußt auf die Materie und in ihr wirkt. Es wirkt, indem es Formen oder Körper erschafft, erhält, zerstört und wiedererschafft und durch das Spiel von Nervenkraft, d. h. durch Ströme von Austausch stimulierender Energie in diesen Körpern bewußtes Empfinden zu erwecken sucht. Bei diesem Vorgang gibt es drei Stufen: Die unterste ist die, in der die Vibration noch im Schlaf der Materie liegt, so völlig unterbewußt, daß sie ganz mechanisch zu sein scheint. Die mittlere Stufe ist die, in der das Leben fähig wird zu reagieren, zwar noch untermental, aber doch im Obergang zu dem, was wir als Bewußtsein kennen. Die höchste Stufe ist die, in der das Leben bewußte Mentalität in der Form mental wahrnehmbarer Empfindung entwickelt, die bei diesem Übergang zur Grundlage wird, auf der sich Sinnen-Mental und Intelligenz entfalten. Auf dieser Mittelstufe erfassen wir die Idee des Lebens als unterschieden von Materie und Mental. In Wirklichkeit ist es dasselbe auf allen Stufen und stets ein Mittelbegriff zwischen Mental und Materie. Es konstituiert letztere und ist erfüllt von der ersteren. Leben ist das Wirken Bewußter Kraft, weder eine reine Gestaltung von Stofflichkeit noch eine Wirkensweise des Mentals, das Stoff und Form zum Objekt seines gestaltenden Erfassens macht. Leben erfüllt vielmehr bewußtes Seiendes mit Energien und wird so zur Ursache und Unterstützung der Formung von Stofflichkeit und zur Vermittlung, Quelle und Stütze bewußten mentalerfassenden Begreifens. Leben befreit durch dieses vermittelnde Erfüllen des bewußten Seienden mit Energie eine Form schöpferischer Kraft des Seins zu empfindender Aktion und Reaktion, die unterbewußt oder unbewußt, absorbiert in ihren eigenen Stoff, schon am Wirken war. Es unterstützt und befreit zum Handeln das auffassende Seins-Bewußtsein, Mental genannt, und gibt ihm eine dynamische Instrumentation, so daß es nicht nur auf seine eigenen Formen einwirken kann, sondern auch auf Formen von Leben und Materie. Außerdem verbindet und unterstützt es, als Mittelbegriff zwischen Mental und Materie, den wechselseitigen Umgang beider. Das leben liefert dieses Mittel der Beziehung zueinander in den ständigen Strömungen ihrer pulsierenden Nervenenergie. Sie enthalten die Kraft der Form als ein Empfinden, um das Mental zu modifizieren, und bringen wieder Mental-Kraft als den Willen zurück, die Materie umzugestalten. Diese Nerven-Energie ist es, die wir gewöhnlich meinen, wenn wir von Leben sprechen. Es ist prana, die Lebenskraft des indischen Systems. Nerven-Energie ist aber nur die Form, die sie im Tierwesen annimmt. Diesselbe Energie von prana ist in allen Formen gegenwärtig bis hinab zum Atom, da es dem Wesen nach überall dasselbe und überall dasselbe Wirken der Bewußten Kraft ist, jener Kraft, die das stoffliche Dasein ihrer eigenen Formen unterstützt und modifiziert, Kraft mit Empfinden und Mentalität, die im Geheimen aktiv, aber zuerst in die Form involviert ist und sich auf das Hervortreten vorbereitet, um schließlich aus ihrer Involution hervorzutreten. Das ist die ganze Bedeutung jenes allgegenwärtigen Lebens, das das materielle Universum manifestiert hat und bewohnt.

Kapitel XX. Tod, Begehren und Untauglichkeit

Im Anfang war alles von Hunger, das ist Tod, bedeckt; dieser bildete für sich Mentalität, so daß er zum Besitz des Selbsts gelangen könnte.

Brihadaranyaka Upanishad, I.2.1.

Dies ist die Macht, die das Sterbliche entdeckt, das die Menge seiner Begehren hat, so daß es alle Dinge tragen könnte. Sie nimmt den Geschmack aller Speisen an und erbaut dem Seienden ein Haus.

Rig Veda, V.7.6.

Im vorigen Kapitel haben wir Leben unter dem Gesichtspunkt des materiellen Daseins und des Erscheinens und Wirkens des vitalen Prinzips in der Materie betrachtet und Schlüsse gezogen aus den Daten, die uns das evolutionäre irdische Dasein bietet. Es ist aber evident, daß das allgemeine Prinzip, wo immer es erscheint und wie es auch unter gleich welchen Bedingungen wirken mag, überall dasselbe sein muß. Leben ist universale Kraft, die aufgrund ihres fundamentalen Charakters wirkt, um zu erschaffen, mit Energie zu erfüllen, zu erhalten und umzugestalten, und dabei so weit geht, daß sie Formen von Substanz im gegenseitigen Kräftespiel und Austausch einer offen oder insgeheim bewußten Energie auflöst und neu konstruiert. In der von uns bewohnten materiellen Welt ist das Mental ebenso im Leben involviert und unterbewußt, wie das Supramental im Mental involviert und unterbewußt ist. Und das Leben, das ein involviertes unterbewußtes Mental in sich enthält, ist selbst wieder in Materie involviert. Darum ist hier Materie die Basis und der sichtbare Anfang. In der Sprache der Upanishaden ist prthvi, das Erd-Prinzip, unsere Grundlage. Das materielle Universum beginnt vom formalen Atom her, das mit Energie aufgeladen und angefüllt ist mit dem ungeformten Stoff von unterbewußtem Begehren, Willen und unterbewußter Intelligenz. Aus dieser Materie offenbart sich das sichtbar werdende Leben und entbindet aus sich mittels des lebendigen Körpers das Mental, das es in sich gefangen hält. Ebenso muß das Mental das in seinem Wirken verborgene Supramental aus sich entbinden. Wir können uns aber auch eine Welt von anderer Konstitution vorstellen, in der das Mental am Anfang nicht involviert ist, sondern bewußt seine ihm eingeborene Energie verwendet, um ursprüngliche Gestaltungen aus Stoff zu erschaffen, also nicht, wie hier, am Anfang nur unterbewußt ist. Wenn sich auch der Ablauf einer solchen Welt von dem der unsrigen ganz verschieden auswirken würde, wäre doch der vermittelnde Träger des Wirkens jener Energie immer Leben. Die Sache würde dieselbe sein, selbst wenn der Prozeß völlig umgekehrt wäre.

Dann wird aber unmittelbar klar, Leben ist nur eine zweckbestimmte Auswirkung der Bewußtseins-Kraft, deren bestimmende Form und schöpferischer Bewirker die Real-Idee ist, ebenso wie das Mental nur eine zweckbestimmte Wirkensart des Supramentals ist. Bewußtsein als Kraft ist die Eigentümlichkeit des Seins, und dieses bewußte Sein, als schöpferischer Wissens-Wille manifestiert, ist die Real-Idee oder das Supramental. Der supramentale Wissens-Wille ist Bewußtseins-Kraft, die wirksam gemacht wurde für die Erschaffung von Formen eines geeinten Wesens in einer geordneten Harmonie, der wir den Namen Welt oder Universum geben. Ebenso sind Mental und Leben dieselbe Bewußtseins-Kraft, derselbe Wissens-Wille, die aber für die Gestaltung und Erhaltung unterschiedlicher individueller Formen wirken: in einer Art Abgrenzung, Gegenüberstellung und gegenseitigem Austausch, wobei die Seele in jeder Form des Wesens ihr eigenes Mental und Leben ausarbeitet, als wären sie von den anderen getrennt, während sie tatsächlich niemals voneinander getrennt sind sondern das Spiel der einen Seele, des einen Mentals und Lebens in unterschiedlichen Gestaltungen ihrer einzigen Wirklichkeit. Mit anderen Worten: so wie das Mental das zweckbestimmte individualisierende Wirken des alles in sich begreifenden und alles nach außen verstehenden Supramentals ist, der Vorgang, durch den sein Bewußtsein, individualisiert in jeder Gestalt, von dem ihr eigentümlichen Standpunkt aus und mit den kosmischen Beziehungen wirkt, die von diesem Standpunkt ausgehen, so ist Leben das zweckbestimmte Wirken, durch das die Kraft des Bewußten Wesens durch den alles besitzenden und allschöpferischen Willen des universalen Supramentals individuelle Gestaltungen fördert, mit Energie erfüllt, konstituiert, rekonstituiert und in ihnen als in der Basis aller Aktivität der so verkörperten Seele handelt. Leben ist die Energie des Göttlichen Wesens, das sich selbst konstant in. Formen wie in einer Kraftmaschine auflädt und nicht nur mit der nach außen wirkenden Batterie ihrer Kraftstöße auf umgebende Formen der Dinge einwirkt, sondern selbst auch die eindringenden Kraftstöße alles umgebenden Lebens empfängt, wenn sie von außen, vom umgebenden Universum her, auf die Form einströmen und sie durchdringen.

Bei dieser Betrachtung erscheint Leben als eine vermittelnde und für die Einwirkung von Mental auf Materie geeignete Form von Bewußtseins-Energie. In gewissem Sinn kann man sagen, es ist ein Energie-Aspekt des Mentals, wenn dieses schöpferisch wirkt und sich nicht nur auf Ideen bezieht, sondern auf Bewegungen von Kraft und auf Formen von Stoff. Man muß aber sofort hinzufügen: ebenso, wie das Mental keine gesonderte Einheit ist, sondern das ganze Supramental hinter sich hat, und das Supramental es ist, das erschafft, mit dem Mental nur als seiner zweckbestimmten individualisierenden Wirkensweise, so ist auch Leben keine gesonderte Einheit oder Bewegung, sondern hat es die ganze Bewußte Kraft bei jeder einzelnen seiner Aktivitäten hinter sich. Und es ist allein jene Bewußte Kraft, die in den erschaffenen Dingen existiert und wirkt. Leben ist nur ihr zweckbestimmtes, zwischen Körper und Mental vermittelndes Wirken. Alles, was wir vom Leben aussagen, muß also durch das qualifiziert sein, was sich aus dieser Abhängigkeit ergibt. Erst dann kennen wir Leben in seiner Eigentümlichkeit und seinem Verfahren, wenn wir jener in ihm wirkenden Bewußten Kraft, deren äußerer Aspekt und Instrumentation es nur ist, inne sind und bewußt werden. Nur dann können wir als individuelle Seelen-Gestaltungen und als mentale und körperliche Instrumente des Göttlichen Wesens mit Erkenntnis den Willen Gottes im Leben wahrnehmen und ausführen. Nur dann können Leben und Mental in immer geraderen Wegen und Bewegungen zur Wahrheit in uns und in den Dingen vorwärtsgehen und die Entstellungen und Krümmungen der Unwissenheit ständig vermindern. Wie das Mental sich bewußt mit dem Supramental einen muß, von dem es sich durch die Einwirkung der Unwissenheit, avidya, absonderte, so muß auch Leben der Bewußten Kraft innewerden, die in ihm auf Ziele hinwirkt und einen Sinn erfüllt, deren das Leben in uns deshalb unbewußt ist, weil es vom bloßen Prozeß zu leben so völlig in Anspruch genommen ist, wie unser Mental von dem bloßen Vorgang absorbiert ist, Leben und Materie zu vergeistigen. Darum ist Leben in seinem verfinsterten Wirken so unbewußt, daß es diesen Prozessen blind und ignorant dient und nicht erleuchtet oder mit einer das Selbst erfüllenden Erkenntnis, Macht und Freude, wie es das in seiner Befreiung und Erfüllung tun muß und will.

Da unser Leben dem verfinsterten und trennenden Wirken des Mentals dient, ist es faktisch selbst verdunkelt, zertrennt und muß die Unterwerfung unter Tod, Beschränkung, Schwäche, Leiden und unwissendes Tätigsein auf sich nehmen, das vom gebundenen, beschränkten geschöpflichen Mental erzeugt und verursacht wird. Die ursprüngliche Quelle der Entstellung war, wie wir gesehen haben, die Selbst-Beschränkung der individuellen Seele. Sie ist an die Unkenntnis ihres Selbsts gebunden, da sie sich infolge einer exklusiven Konzentration für eine besondere, selbst-seiende Individualität hält und jedes kosmische Wirken nur so betrachtet, wie und als was es sich ihrem individuellen Bewußtsein, Erkennen, Wollen, Genießen, ihrer Kraft und begrenzten Wesenheit darbietet, statt sich selbst als bewußte Form des Einen zu erkennen und alles Bewußtsein und Erkennen, alles Wollen, alle Kraft, alles Genießen und alles Wesen als eines mit ihrem eigenen zu umfassen. So wird das universale Leben in uns, das dieser Lenkung durch die im Mental gefangene Seele gehorcht, selbst in eine individuelle Aktion eingesperrt. Es existiert und handelt als gesondertes Leben, begrenzt und unzureichend begabt, Schock und Druck des ganzen es umgebenden kosmischen Lebens unterworfen, das es nicht frei umfassen kann. Als ein armes, begrenztes, individuelles Dasein wird es in den ständigen kosmischen Kraft-Austausch im Universum geworfen. Darum leidet das Leben anfänglich hilflos und muß dem ungeheuren Spiel der aufeinander prallenden Kräfte mit einer nur mechanischen Reaktion auf all das antworten, was es angreift, verschlingt, genießt, verwendet und antreibt. Wenn sich aber Bewußtsein entwickelt, sobald das Licht seines eigenen Wesens aus der dumpfen Finsternis des Involutions-Schlafes hervortritt, wird das individuelle Dasein undeutlich seiner eigenen Macht inne und versucht, zuerst nervlich, dann mental dieses Kräftespiel zu bemeistern, zu verwenden und sich daran zu erfreuen. Dieses Erwachen zur Erfahrung der eigenen inneren Macht ist das stufenweise Wachwerden des Menschen zum Selbst. Leben ist Kraft, Kraft ist Macht, Macht ist Wille, Wille ist das Wirken des Meister-Bewußtseins. Im einzelnen Menschen wird das Leben in seinen Tiefen immer mehr dessen inne, daß auch es der Kraft-Wille von saccidananda, des Meisters des Universums, ist. Nun strebt er selbst danach, individuell Meister seiner eigenen Welt zu werden. Darum ist es der wachsende Impuls alles individuellen Lebens, seine eigene Macht zu realisieren, Meister über die eigene Welt zu werden und diese immer besser zu erkennen.

Dieser Impuls ist wesentliches Kennzeichen der wachsenden Selbst-Manifestation des Göttlichen Wesens im kosmischen Dasein.

Leben ist zwar Macht, und das Wachsen individuellen Lebens bedeutet Zunahme individueller Macht. Doch die bloße Tatsache, daß Leben und Kraft geteilt und individualisiert sind, hindert es daran, in Wirklichkeit Meister seiner Welt zu werden. Denn das würde bedeuten, daß es Meister der All-Kraft wäre. Für ein abgetrenntes, individualisiertes Bewußtsein mit einer zerteilten, individualisierten Macht und deshalb begrenztem Willen ist es aber unmöglich, Meister der All-Kraft zu sein. Nur der All-Wille kann das sein; der individuelle Wille nur dann – falls überhaupt –, wenn er wieder eins wird mit dem All-Willen und dadurch mit der All-Kraft. Wenn nicht, muß das individuelle Leben in individueller Gestalt stets den drei Merkmalen seiner Begrenzung unterworfen bleiben: Tod, Begehren, Unfähigkeit.

Dem individuellen Leben wird Tod sowohl von den Bedingungen seiner eigenen Existenz wie von seinen Beziehungen zur All-Kraft aufgenötigt, die sich im Universum manifestiert. Das individuelle Leben ist ein besonderes Energie-Spiel, darauf spezialisiert, eine der Myriaden Gestaltungen, die dem Gesamtspiel des Universums, jede an ihrem Ort, zu ihrer Zeit und in ihrer Reichweite dienen, zu konstituieren, zu erhalten, mit Kraft zu versorgen und schließlich aufzulösen, wenn es zu nichts mehr nütze ist. Die Lebensenergie im Körper ist dem Angriff der von außen auf ihn einwirkenden Energien im Universum dienstbar. Sie soll diese Kräfte in ihn hineinziehen, sich davon nähren und wird selbst ständig von ihnen verzehrt. Nach der Upanishad ist alle Materie Nahrung. Die Formel für die materielle Welt heißt: “Der Esser, der ißt, wird selbst aufgegessen.” Das im Körper organisierte Leben ist ständig der Möglichkeit ausgesetzt, durch den Angriff des von außerhalb andringenden Lebens zerstört zu werden, wenn seine Fähigkeit, selbst zu verzehren, nicht ausreicht, nicht richtig bedient wird oder wenn kein rechtes Gleichgewicht besteht zwischen der Fähigkeit, selbst zu verzehren, und der Fähigkeit oder Notwendigkeit, Nahrung für das Leben außerhalb zu liefern. Dann kann es sich nicht schützen und wird verzehrt, oder es ist unfähig, sich selbst zu erneuern, und wird vernichtet oder zerbrochen. So muß es durch den Prozeß des Todes hindurch, um neu erbaut oder erneuert zu werden.

Darüber hinaus ist aber – wieder in der Sprache der Upanishad – die Lebenskraft die Nahrung des Körpers und der Körper die Nahrung der Lebenskraft. Mit anderen Worten: die Lebensenergie in uns liefert einerseits das Material, durch das unsere Gestalt aufgebaut, ständig erhalten und erneuert wird, andererseits verbraucht sie dauernd ihre eigene stoffliche Form, die sie so erschafft und am Dasein erhält. Wenn das Gleichgewicht zwischen beiden Wirkensweisen unvollkommen oder gestört wird oder das geordnete Zusammenspiel der verschiedenen Ströme der Lebenskraft aus seinem Gang geraten ist, treten Krankheit und Verfall ein, und der Prozeß der Auflösung beginnt. Gerade das Ringen um bewußte Herrschaft des Mentals, selbst um sein Wachsen, erschwert die Erhaltung des Lebens noch mehr. Denn die Lebenskraft stellt dann höhere Anforderungen an die Gestalt, eine Beanspruchung, die über das ursprüngliche System der Belieferung hinausgeht und das frühere Gleichgewicht von Angebot und Nachfrage stört. Bevor ein neues Gleichgewicht hergestellt werden kann, kommt es zu vielen Störungen, die der Harmonie und der Dauer der Erhaltung des Lebens abträglich sind. Außerdem ruft der Versuch zur Beherrschung stets eine entsprechende Reaktion von Kräften in der Umwelt hervor, die ihre eigene Befriedigung erstreben und darum gegenüber einer Existenz, die sie zu bemeistern sucht, intolerant sind, gegen sie revoltieren und sie angreifen. Auch hier wird das Gleichgewicht gestört und intensiverer Kampf hervorgerufen. Wie stark auch das beherrschende Leben ist, es kann nicht immer Widerstand leisten und siegen, sondern muß eines Tages unterliegen und sich auflösen, wenn es nicht unbegrenzt ist oder sonst wie mit Erfolg eine neue Harmonie mit seiner Umgebung herstellt.

Aber abgesehen von all diesen Notwendigkeiten gibt es das fundamentale Erfordernis der Natur und Ziel des verkörperten Lebens als solches: auf einer endlichen Grundlage unendliche Erfahrung zu suchen. Da aber gerade die Form, diese Basis, durch ihre Organisation die Möglichkeit von Erfahrung einschränkt, kann das nur geschehen, indem diese Gestaltungen aufgelöst und neue gesucht werden. Nachdem die Seele sich einmal dadurch einschränkte, daß sie sich auf den Augenblick und auf das irdische Feld konzentrierte, wird sie weiter getrieben, ihre Unendlichkeit wieder durch das Prinzip der Aufeinanderfolge zu gewinnen, indem sie Augenblick zu Augenblick fügt und so eine Zeit-Erfahrung speichert, die sie ihre Vergangenheit nennt. In dieser Zeit bewegt sie sich durch aufeinanderfolgende Bereiche, aufeinanderfolgende Erfahrungen oder Lebensabläufe, aufeinanderfolgende Anhäufung von Erkenntnis, Fähigkeit und Genuß. All das behält sie in unterbewußter oder überbewußter Erinnerung als ihr in vergangener Zeit erworbenes Kapital. Für diesen Prozeß ist die Verwandlung der Form wesentlich. Für die im individuellen Körper involvierte Seele bedeutet Verwandlung der Form Auflösung des Körpers im Gehorsam gegen das Gesetz und den Zwang des All-Lebens im materiellen Universum, gegen sein Gesetz, das Material für die Gestaltung zu liefern und von ihr Material zurückzufordern, gegen sein Prinzip ständigen Zusammenstoßes und Kampfes des verkörperten Lebens um sein Dasein in einer Welt gegenseitigen Sichverzehrens. Das ist das Gesetz des Todes.

Hierin besteht also die Notwendigkeit und Rechtfertigung des Todes: Er ist nicht eine Infragestellung des Lebens sondern ein Prozeß des Lebens. Tod ist notwendig, weil ewiger Wechsel der Form die einzige Unsterblichkeit ist, nach der die endliche, lebende Substanz streben kann. Ewiger Wechsel der Erfahrung ist die einzige Unendlichkeit, die das endliche, im lebenden Körper involvierte Mental erlangen kann. Diese Wandlung der Form darf nicht nur eine ständige Erneuerung desselben Form-Typus bleiben, wie er unser körperliches Leben zwischen Geburt und Tod konstituiert. Denn die notwendige Variation von Erfahrung, die die eigentliche Natur eines Daseins in Zeit und Raum erfordert, kann nur dadurch bewirkt werden, daß der Form-Typus verändert und das erfahrende Mental in neue Formen unter neuen Umständen von Zeit, Ort und Umgebung eingepflanzt wird. Diese notwendige und heilsame Wandlung läßt den Prozeß des Todes unserer sterblichen Mentalität nur deshalb als so schrecklich und unerwünscht erscheinen, weil alles aufgelöst und das Leben vom Leben verschlungen wird, weil Freiheit fehlt, weil Zwang, Kampf, Schmerz uns anscheinend dem Wicht-Selbst unterwerfen. Das Empfinden, aufgezehrt, zerbrochen, zerstört, durch Zwang fortgerissen zu werden, ist der Stachel des Todes, den auch die Überzeugung eines persönlichen Überlebens nicht ganz beseitigen kann.

Dieser Prozeß ist eine Notwendigkeit des gegenseitigen Sich-verzehrens, das, wie wir gesehen haben, das ursprüngliche Gesetz des Lebens in der Materie ist. Die Upanishad sagt: “Leben ist Hunger, und das ist Tod, und durch diesen Hunger, der Tod ist, asanaya mrtyuh, ist die materielle Welt erschaffen worden.” Leben gestaltet sich hier in materieller Substanz. Materielle Substanz ist Wesen, das unendlich zerteilt ist und sich immer wieder zusammenzuschließen sucht. Zwischen diesen beiden Impulsen unendlicher Zerteilung und unendlichen Zusammenschlusses ist das materielle Dasein des Universums konstituiert. Der Versuch des Individuums, des lebenden Atoms, sich zu behaupten und zu vergrößern, ist der Sinn des Verlangens: Es wächst physisch, vital, moralisch, mental, indem es mehr und mehr Erfahrung in sich aufnimmt, immer mehr in seinen Besitz bringt, absorbiert, assimiliert, genießt. Das ist der unvermeidliche, fundamentale, unausrottbare Impuls des Daseins, sobald es einmal zerteilt und individualisiert ist. Jedoch bleibt es insgeheim seiner alles umfassenden, alles besitzenden Unendlichkeit stets bewußt. Der Impuls, dieses geheime Bewußtsein zu realisieren, ist der Sporn des kosmischen Göttlichen Wesens, die Lust des verkörperten Selbsts in jedem individuellen Geschöpf. Es ist unvermeidlich, richtig und heilsam, daß es dies zuerst in den Begriffen von Leben durch stets zunehmendes Wachsen und Sich-ausweiten verwirklichen soll. In der physischen Welt kann das nur dadurch getan werden, daß es sich von seiner Umgebung nährt, sich durch Absorption anderer oder vom Besitz anderer vergrößert. Diese Notwendigkeit ist die universale Rechtfertigung von Hunger in allen seinen Formen. Das, was verschlingt, muß auch selbst wieder verschlungen werden. Denn das Gesetz gegenseitigen Austauschs, von Aktion und Reaktion, von beschränkter Begabung und darum zuletzt von Erschöpfung und Erliegen, regiert alles Leben in der physischen Welt.

Was im unterbewußten Leben nur erst vitaler Hunger ist, überträgt sich im bewußten Mental in höhere Formen. Hunger in den vitalen Schichten wird im mentalisierten Leben zur Sehnsucht des Begehrens, zur Anspannung von Willen im intellektuellen oder denkenden Leben. Diese Bewegung von Begehren muß und sollte weitergehen, bis der Einzelne so herangewachsen ist, daß er zuletzt Herr über sich selbst und, durch zunehmendes Einswerden mit dem Unendlichen, Besitzer dieses Universums werden kann. Begehren ist der Hebel, durch den das göttliche Lebens-Prinzip sein Ziel durchsetzt, sich selbst im Universum zu behaupten. Der Versuch, es zugunsten dumpfer Trägheit zu vernichten, ist Verleugnung des göttlichen Lebens-Prinzips, ist Wille-zum-Nichtsein, und das ist zwangsläufig Unwissenheit. Denn man kann erst aufhören, individuell zu existieren, wenn man unendlich ist. Auch Begehren kann rechtmäßig nur dadurch aufhören, daß es zum Begehren des Unendlichen wird und seinen vollen Frieden in erhabener Erfüllung und unendlichem Genügen in der alles besitzenden Seligkeit des Unendlichen findet. Inzwischen muß es vom Typus sich gegenseitig verzehrenden Hungers zum Typus gegenseitigen Schenkens fortschreiten, zu einem froheren Opfer des Austauschs: Der Einzelne schenkt sich anderen Einzelnen und empfängt sie wieder im Austausch. Der Niedere gibt sich an den Höheren hin und der Höhere an den Niederen, so daß sie ineinander erfüllt werden können. Das Menschliche überantwortet sich dem Göttlichen und das Göttliche dem Menschlichen. Das All im Individuum ergibt sich dem All im Universum und empfängt als göttlichen Lohn seine verwirklichte Universalität. So muß das Gesetz des Hungers fortschreitend dem Gesetz der Liebe weichen, das Gesetz der Trennung dem Gesetz der Einheit, das Gesetz des Todes dem Gesetz der Unsterblichkeit. Von dieser Art ist die Notwendigkeit, die Rechtfertigung und die erhabene Höhe und Selbst-Erfüllung des Begehrens, das im Universum am Werk ist.

Wie die vom Leben angelegte Maske des Todes ihren Grund in der Bewegung seines endlichen Suchens hat, sich seiner Unsterblichkeit zu versichern, so ist Begehren der Impuls der Kraft des im Leben individualisierten Wesens, sich fortschreitend in den Begriffen der Aufeinanderfolge in der Zeit und der Selbst-Ausdehnung im Raum im Rahmenwerk des Endlichen seine unendliche Seligkeit, das ananda von saccidananda, zu sichern. Die von diesem Impuls getragene Maske des Begehrens rührt unmittelbar vom dritten Phänomen des Lebens her, von seinem Gesetz der Unfähigkeit. Leben ist unendliche Kraft, die in den Begriffen des Endlichen wirkt. Während ihres vordergründigen, individualisierten Wirkens im Endlichen muß die Allmacht dieser Kraft als begrenzte Begabung und partielle Machtlosigkeit erscheinen und wirken, obwohl hinter jedem, wenn auch noch so schwachen, versagenden und strauchelnden Handeln des Individuums die ganze überbewußte und unterbewußte Gegenwart unendlicher, allmächtiger Kraft stehen muß. Ohne sie kann sich im Kosmos nicht die geringste Bewegung ereignen. In ihre Summe universaler Aktion versinkt jeder einzelne Akt und jede Bewegung durch das Gebot der allmächtigen Allwissenheit, die als das den Dingen innewohnende Supramental wirkt. Die individualisierte Lebenskraft ist aber ihrem eigenen Bewußtsein gegenüber begrenzt und unfähig. Sie muß nicht nur gegen eine Masse anderer individualisierter Lebenskräfte aus ihrer Umgebung handeln, sondern ist auch der Kontrolle und Infragestellung durch das unendliche Leben selbst unterworfen, mit dessen totaler Willens-Tendenz ihr eigener Wille und ihre eigene Neigung nicht ohne weiteres übereinstimmen mögen. Darum ist Beschränkung von Kraft, das Phänomen Unfähigkeit, die dritte der drei bezeichnenden Eigenschaften individualisierten und zerteilten Lebens. Andererseits bleibt der Impuls, sich selbst auszuweiten und alles zu besitzen, bestehen und nimmt nicht die Begrenztheit seiner jetzigen Kraft oder Fähigkeit zum Maßstab oder beschränkt sich darauf (was er auch gar nicht tun soll). Aus dem Mißverhältnis zwischen dem Impuls, zu besitzen, und der Kraft, in Besitz zu nehmen, entsteht das Begehren. Wenn es diese Diskrepanz nicht gäbe, wenn die Kraft den begehrten Gegenstand stets in Besitz nehmen und ihr Ziel stets sicher erreichen könnte, würde Begehren gar nicht entstehen; vielmehr gäbe es einen ruhigen, das Selbst besitzenden Willen ohne sehnendes Verlangen, so wie es der Wille des Göttlichen Wesens ist.

Wäre die individualisierte Kraft die Energie eines von Unwissenheit freien Mentals, würde eine solche Beschränkung, eine Notwendigkeit des Begehrens nicht eintreten. Ein vom Supramental nicht getrenntes Mental, ein Mental göttlichen Wissens, würde die Absicht, Reichweite und das unvermeidliche Ergebnis jeder seiner Handlungen kennen. Es brauchte sie nicht zu begehren und nicht darum zu ringen. Vielmehr würde es eine in sich sichere, selbst-beschränkte Kraft für den unmittelbar beabsichtigten Zweck einsetzen. Auch wenn es über das Gegenwärtige hinausstrebt und Bewegungen unternimmt, für die kein unmittelbarer Erfolg beabsichtigt ist, wäre es doch nicht dem Begehren oder der Beschränkung unterworfen. Denn auch die Mißerfolge des Göttlichen Wesens sind Akte seiner allwissenden Allmacht, die die rechte Zeit und die Umstände für den Anfang, die Wechselfälle, vorläufigen und endgültigen Ergebnisse all seiner kosmischen Unternehmungen kennt. Das Wissens-Mental würde in seinem Einklang mit dem göttlichen Supramental an diesem Wissen und an dieser alles entscheidenden Macht teilhaben. Wie wir aber gesehen haben, ist die individualisierte Lebenskraft Energie eines individualisierenden und unwissenden Mentals, eines Mentals, das aus der Erkenntnis seines eigenen Supramentals herausgefallen ist. Darum ist für seine Beziehungen im Leben das Unvermögen notwendig und in der Natur der Dinge unvermeidlich. Denn die praktische Allmacht unwissender Kraft selbst in einer begrenzten Sphäre ist undenkbar, da sich solch eine Kraft hier dem Wirken der göttlichen, allwissenden Allmacht entgegenstellen und die feststehende Absicht der Dinge auflösen würde –, eine unmögliche kosmische Situation. Darum ist das erste Gesetz des Lebens der Kampf begrenzter Kräfte, die durch Ringen unter dem vorwärtsdrängenden Antrieb instinktiven oder bewußten Begehrens ihre Begabung erweitern. Wie beim Begehren, so ist es auch bei diesem Ringen: es muß sich in ein gegenseitig hilfreiches Erproben von Stärke, in ein bewußtes Ringen von Bruder-Kräften emporheben, bei denen der Sieger und der Besiegte, oder vielmehr das, was durch Wirken von oben her, und das, was durch den Gegenschlag eines Wirkens von unten her, aufeinander Einfluß ausübt, in gleicher Weise gewinnen und wachsen muß. Das muß zuletzt wieder zum frohen Zusammenstoß eines göttlichen Austauschs der Kräfte, zur starken Umarmung der Liebe führen, die die krampfhafte Umklammerung des Kampfes ersetzt. Immerhin ist Kampf der notwendige, heilsame Anfang. Tod, Begehren und Kampf sind die Trinität zerteilten Lebens, die dreifache Maske des göttlichen Lebens-Prinzips bei seinem ersten Versuch, sich im Kosmos durchzusetzen.

Kapitel XXI. Der Aufstieg des Lebens

Laßt den Pfad des Wortes zu den Gottheiten führen, hin zu den Wassern, durch das Wirken des Mentals.

Rig Veda, X.30.1.

O Flamme, du gehst zum Himmels-Ozean, zu den Göttern. Du läßt die Gottheiten der Ebenen sich treffen, die Wasser, die Im Bereich des Lichtes über der Sonne sind, und die Wasser, die darunter bleiben.

Rig Veda, III.22.3.

Der Herr der Seligkeit erobert den dritten Zustand. Er erhält und regiert im Einklang mit der Seele des Allumfassenden. Wie ein Falke, wie eine Weihe läßt er sich auf dem Gefäß nieder und hebt es empor, als Finder des Lichts offenbart er den vierten Zustand und bleibt dem Ozean treu, der das Wogen dieser Wasser ist.

Rig Veda, IX.96.18,19.

Dreimal schritt Vishnu, setzte er seinen Schritt, aufgerichtet aus dem ursprünglichen Staub. Drei Schritte ist er geschritten, der Wächter, der Unbesiegbare, und vom Jenseits her hält er ihre Gesetze aufrecht. Erforsche die Wirkungen Vishnus und schaue, von wo er ihre Gesetze geoffenbart hat! Das Ist sein höchster Schritt, der je von Sehern geschaut wird, wie ein Auge, das sich im Himmel weitete; jenes entzünden die Erleuchteten, die Erwachten, zu lodernder Flamme: eben Vishnus höchsten Schritt.

Rig Veda, I.22.17-21.

Wir haben gesehen: Wie das zerteilte sterbliche Mental, Urheber der Begrenzung, Unwissenheit und Dualitäten, nur eine unerleuchtete Gestalt des Supramentals ist, des aus dem Selbst leuchtenden Göttlichen Bewußtseins bei seinem ersten Umgang mit der scheinbaren Verneinung seines Selbsts, aus der unser Kosmos entsteht, so ist auch Leben nur eine dunkle Gestaltung der göttlichen überbewußten Kraft, deren höchste Begriffe Unsterblichkeit, zufriedene Seligkeit und Allmacht sind, wenn es in unserem materiellen Universum als Energie des zerteilenden Mentals, unterbewußt, in Materie versunken und gefangen, als Urheber von Tod, Hunger und Unfähigkeit hervortritt. Diese Beziehung stellt die Eigentümlichkeit jenes großen kosmischen Vorgangs fest, dessen Teil wir sind. Sie bestimmt die ersten, die mittleren und die letzten Begriffe unserer Evolution. Die ersten Begriffe von Leben sind Zerteilung, ein Kraft-getriebener unterbewußter Wille, der nicht als Wille, sondern als dumpfer Drang physischer Energie erscheint und die Ohnmacht eines trägen Unterworfenseins unter jene mechanischen Kräfte ist, die den Austausch zwischen der Form und ihrer Umgebung regieren. Dieses Nicht-Bewußtsein und dieses blinde, aber machtvolle Wirken von Energie sind der Typus des materiellen Universums, wie es der Physiker sieht, der diese seine Betrachtung der Dinge verallgemeinert und zum Ganzen des fundamentalen Daseins verkehrt. Es ist das Bewußtsein von Materie und der vollendete Typus materiellen Lebens. Hier kommt es aber zu einem neuen Kräfte-Gleichgewicht. Eine neue Reihe von Begriffen tritt auf, die in dem Maße wachsen, in dem sich das Leben aus dieser Form befreit und zum bewußten Mental zu entwickeln beginnt. Denn die mittleren Begriffe von Leben sind Tod und gegenseitiges Sichverzehren, Hunger und bewußtes Verlangen, das Empfinden von begrenztem Raum und beschränkter Begabung, sowie das Bemühen, zu wachsen, sich auszudehnen, zu erobern und zu besitzen. Diese drei Begriffe bilden die Grundlage für diese Stufe der Evolution, die zuerst die Theorie Darwins der menschlichen Erkenntnis erschlossen hat. Denn das Phänomen des Todes schließt in sich den Kampf um Überleben ein, da Tod nur der negative Begriff ist, in dem sich Leben vor sich selbst verbirgt, um sein positives Wesen anzureizen, nach der Unsterblichkeit zu suchen. Denn das Phänomen von Hunger und Begehren involviert das Ringen nach einem Zustand von Befriedigung und Sicherheit, da Begehren nur der Anreiz ist, durch den Leben das eigene positive Wesen verlockt, aus der Negation unerfüllten Hungers zum vollen Besitz der Daseins-Seligkeit zu gelangen. Das Phänomen begrenzter Begabung involviert das Ringen um Ausdehnung, Meisterschaft, den Besitz des eigenen Selbsts und die Eroberung der Umwelt. Denn Einschränkung und Mangel sind nur die Negation, durch die Leben sein eigenes positives Wesen ermutigen will, nach Vollkommenheit zu suchen, zu der es stets fähig ist. Der Kampf um Leben ist nicht nur ein Kampf um Überleben, er ist auch ein Kampf um Besitz und Vervollkommnung, da Überleben nur gesichert werden kann, wenn wir unsere Umwelt mehr oder weniger in unsere Macht bekommen: durch Selbst-Anpassung an sie oder indem wir sie uns anpassen, sie akzeptieren und uns mit ihr aussöhnen oder sie erobern und umwandeln. Ebenso ist es wahr, daß wir uns nur durch immer mehr Vervollkommnung Dauerhaftigkeit, bleibendes Überleben sichern können. Diese Wahrheit sucht der Darwinismus durch die Formel vom Überleben des Tüchtigsten auszudrücken.

Wie das naturwissenschaftliche Mental auf das Leben jenes mechanische Prinzip auszuweiten versuchte, das dem Dasein und verborgenen mechanischen Bewußtsein in der Materie eigentümlich ist, ohne zu erkennen, daß ein neues Prinzip auftrat, dessen eigentlicher Daseinsgrund es war, über das Mechanische Herr zu werden, so wurde auch die Formel Darwins verwendet, um das aggressive Prinzip des Lebens zu weit über seine Geltung hinaus auszudehnen: die vitale Ichsucht des Individuums, den Instinkt und Prozeß der Selbsterhaltung, Selbstbehauptung und aggressive Lebensweise. Denn diese beiden ersten Zustandsformen von Leben enthalten in sich die Keime eines neuen Prinzips und eines anderen Zustands, der in dem Maße weiterwachsen muß, wie sich das Mental aus der Materie mittels der vitalen Formel in sein eigenes Gesetz entfaltet. Mehr noch müssen sich alle Dinge verändern, wenn ebenso, wie sich Leben zum Mental emporentwickelt, dieses Mental sich weiterentwickelt zum Supramental und zum Geist. Gerade weil der Kampf um Überleben, der Impuls zur Dauer auf den Widerspruch des Gesetzes des Todes stößt, wird das individuelle Leben gezwungen und dazu verwendet, Dauer eher für die Gattung zu suchen als für sich selbst. Das kann es aber ohne die Mitwirkung anderer nicht leisten. So werden das Prinzip des Zusammenwirkens und gegenseitiger Hilfe, das Verlangen nach den anderen, nach Weib und Kind, Freund und Helfer, nach der vereinten Gruppe, nach der Praxis des Zusammenschlusses, nach bewußter Gemeinschaft und nach Austausch zu Keimen, aus denen das Prinzip der Liebe erblüht. Zugegeben, Liebe ist zuerst eine ausgeweitete Ichsucht, und dieser Aspekt eines umfassenderen Egoismus mag weiter andauern und vorherrschen, wie er ja auch noch auf höheren Stufen der Evolution fortwirkt und vorherrscht. Wenn sich das Mental aber weiterentwickelt und immer mehr sich selbst findet, erkennt es dank der Erfahrung von Leben, Liebe und gegenseitiger Hilfe immer mehr, daß das naturhafte Individuum nur ein untergeordneter Begriff des Wesens ist und durch das Weltumfassende existiert. Hat der Mensch, das mentale Wesen, dies einmal entdeckt – wie er es unausbleiblich entdecken muß ist sein Schicksal bestimmt. Denn er hat den Punkt erreicht, da das Mental sich immer mehr der Wahrheit öffnen kann, daß es etwas jenseits von ihm gibt. Von diesem Augenblick an ist seine Entwicklung, wie dunkel und langsam sie auch sein mag, zu etwas Höherem vorbestimmt: zum Geist, zum Supramental, zum übermenschlichen Wesen.

Darum ist Leben durch seine eigene Natur für einen dritten Zustand prädestiniert, zu einer dritten Reihe von Begriffen, in denen es sich ausdrückt. Untersuchen wir diesen Aufstieg des Lebens, so werden wir sehen, daß die letzten Begriffe seiner aktuellen Evolution, die Begriffe dessen, was wir den dritten Zustand nennen, in ihrer Erscheinung notwendigerweise seinen ersten Zustandsformen völlig widersprechen und in Gegensatz zu ihnen stehen müssen, während sie in Wirklichkeit deren wahre Erfüllung und Umgestaltung sind. Leben beginnt mit äußersten Zerteilungen und starren Formen von Materie. Der eigentliche Typus dieser strengen Zerteilung ist das Atom, das die Grundlage aller materiellen Form ist. Das Atom steht von allen anderen Atomen selbst dann gesondert da, wenn es mit ihnen eine Einheit bildet. Es weist Tod und Auflösung durch jede gewöhnliche Kraft zurück. Es ist der physikalische Typus des abgesonderten Ichs, das sein Dasein gegen das Prinzip der Verschmelzung in der Natur abgrenzt. Aber in der Natur ist Einheit ein ebenso starkes Prinzip wie Trennung. Eigentlich ist es das Hauptprinzip, zu dem die Zertrennung nur ein untergeordneter Begriff ist. Darum muß sich jede zerteilte Form dem Prinzip der Einheit auf die eine oder andere Weise unterwerfen: durch mechanische Notwendigkeit, Zwang, Zustimmung oder freundlichen Druck. Wenn also die Natur wegen ihrer eigenen Ziele und um prinzipiell eine gesicherte Basis für ihre Kombinationen und einen festen Kern für ihre Formen zu besitzen, dem Atom gewöhnlich erlaubt, dem Prozeß der Fusion durch Auflösung zu widerstehen, zwingt sie es doch, dem Prozeß der Verschmelzung durch Zusammenschluß zu dienen. Wie das Atom der erste Zusammenschluß ist, so ist es auch die erste Grundlage für einheitliche Zusammenschlüsse.

Wenn Leben seinen zweiten Zustand erreicht, den wir als Vitalität kennen, übernimmt das entgegengesetzte Phänomen die Führung. Dann muß die physische Basis des vitalen Ichs der Auflösung zustimmen. Seine Bestandteile werden zerbrochen, so daß die Elemente des einen Lebens verwendet werden können, in die elementare Formation anderer Leben einzugehen. Wir haben noch nicht völlig erkannt, bis zu welchem Ausmaß dieses Gesetz in der Natur herrscht, und wir können das auch erst, wenn wir eine Wissenschaft vom mentalen Leben und spirituellen Dasein haben, die so gut fundiert ist wie unsere jetzige Wissenschaft des physischen Lebens und des Daseins der Materie. Immerhin können wir im allgemeinen sehen, daß nicht nur die Elemente unseres physischen Körpers, sondern auch die unseres subtileren vitalen Wesens, unsere Lebens-Energie, die Energie unseres Begehrens, unsere Mächte, Kämpfe und Leidenschaften sowohl während unseres Lebens wie auch nach unserem Tod in die Existenz anderer eingehen. Ein altes geheimes Wissen sagt uns: Wir haben ebenso eine vitale wie eine physische Struktur; auch sie wird nach dem Tod aufgelöst und gibt sich für die Konstituierung anderer vitaler Körper her. Solange wir leben, vermischen sich unsere Lebens-Energien ständig mit den Energien anderer Wesen. Ein ähnliches Gesetz lenkt die Beziehungen zwischen unserem mentalen Leben und dem mentalen Leben anderer denkender Geschöpfe. Es ist da eine ständige Auflösung, Ausstreuung und eine Rekonstruktion, die durch die Schockwirkung von Mental auf Mental mit konstantem Austausch und der Fusion von Elementen ausgeübt wird. Gegenseitiger Austausch, Vermischung und Fusion von Wesen mit Wesen ist der eigentliche Lebensprozeß, ein Daseins-Gesetz des Lebens.

So haben wir im Leben zwei Prinzipien: einerseits die Notwendigkeit oder den Willen des gesonderten Ichs, in seiner Besonderheit zu überleben und seine Identität zu bewahren; andererseits den ihm von der Natur auferlegten Zwang, mit anderen zu verschmelzen. In der physikalischen Welt legt die Natur auf ersteren Impuls starken Nachdruck. Denn sie muß stabile besondere Formen erschaffen, da es ihr erstes und in der Tat schwierigstes Problem ist, so etwas wie ein gesondertes Überleben von Individualität und für diese eine stabile Form zu erschaffen inmitten der ständigen Strömung und Bewegung von Energie und innerhalb der Einheit des Unendlichen. Darum bleibt im Atomleben die individuelle Form als Basis bestehen und sichert durch ihren Zusammenschluß mit anderen das mehr oder minder lang ausgedehnte Dasein aggregater Formen, die zur Basis vitaler und mentaler Individualisierungen werden. Sobald die Natur aber in dieser Beziehung genügend Festigkeit für eine ausreichend gesicherte Durchführung ihrer späteren Maßnahmen gewonnen hat, kehrt sie das Verfahren um. Die individuelle Form geht zugrunde, und das zu Gruppen zusammengeschlossene Leben gewinnt durch die Elemente der so aufgelösten Form. Das kann aber nicht die letzte Stufe sein. Diese kann nur erreicht werden, wenn die beiden Prinzipien harmonisiert sind, wenn das Individuum im Bewußtsein seiner Individualität beharren und dennoch mit anderen verschmelzen kann, ohne das bewahrende Gleichgewicht zu stören und ohne das Überleben zu unterbrechen.

Die Begriffe des Problems setzen voraus, daß das Mental völlig hervortritt. In einer Vitalität ohne bewußtes Mental kann es keine Ausgeglichenheit geben, nur ein zeitweiliges instabiles Gleichgewicht, das im Tod des Körpers, in der Auflösung des Individuums und in der Ausstreuung seiner Elemente in das Allumfassende endet. Die Eigenart physischen Lebens verbietet die Idee einer individuellen Form, die dieselbe innewohnende Macht zur Dauerhaftigkeit und darum auch zum fortgesetzten individuellen Dasein hat wie das Atom, aus dem sie zusammengesetzt ist. Nur ein mentales Wesen, das sich auf die verbindende psychische Mitte im Inneren stützen kann, die die geheime Seele ausdrückt oder auszudrücken beginnt, kann hoffen, dadurch zu überdauern, daß es in einem Strom von Kontinuität Vergangenheit mit Zukunft verknüpft. Wenn die Form zerbricht, mag auch die Kontinuität in der physischen Erinnerung abbrechen. Das braucht aber die Kontinuität im mentalen Wesen nicht zu zerstören, da durch mögliche Entwicklung die Lücke in der physischen Erinnerung überbrückt werden kann, die durch Tod und Geburt des Körpers geschaffen wurde. Selbst im jetzigen Zustand und bei der gegenwärtigen unvollkommenen Entwicklung des verkörperten Mentals wird das mentale Wesen der Masse einer Vergangenheit und einer Zukunft inne, deren Ausdehnung größer ist als die Lebens-Dauer dieses Körpers. Der Mensch nimmt in sich eine individuelle Vergangenheit individueller Lebensabläufe wahr, die sein jetziges Leben geschaffen haben und deren Entwicklung und abgewandelte Reproduktion er selbst ist. Er ahnt künftige individuelle Lebensabläufe, die er aus sich selbst erschafft. Er ist auch eines gemeinschaftlichen vergangenen und künftigen Lebens bewußt, in das seine eigene Kontinuität als einer von dessen Fäden eingewoben ist. Was der physischen Wissenschaft in den Begriffen von Vererbung einleuchtet, wird in anderer Weise der sich hinter dem mentalen Wesen entfaltenden Seele in den Begriffen fortdauernder Personalität deutlich. So ist das mentale Wesen, das dieses Seelen-Bewußtsein ausdrücken kann, die Verknüpfung des fortdauernden individuellen Lebens mit dem fortdauernden Gemeinschaftsleben. In ihm werden ihre Einheit und Harmonie möglich.

Ein Zusammenschluß mit Liebe als dem geheimen Prinzip und der hervorragend höchsten Erfüllung ist Typus und Macht dieser neuen Beziehung, darum auch das bestimmende Prinzip der Entwicklung zum dritten Zustand des Lebens. Notwendig für das Wirken des Prinzips der Liebe ist die bewußte Erhaltung der Individualität zusammen mit dem bewußt als notwendig anerkannten Verlangen nach Austausch, Selbst-Hingabe und Verschmelzung mit anderen Individuen. Wenn eine dieser beiden Voraussetzungen unerfüllt bleibt, hört das Wirken der Liebe auf, einerlei, was dann ihren Platz einnehmen mag. Erfüllung der Liebe durch völliges Sich-aufopfern, ja mit einer Illusion der Selbst-Vernichtung, ist gewiß auch eine Idee und ein Impuls im mentalen Wesen. Das weist aber auf eine Entwicklung hin, die jenseits des dritten Status des Lebens liegt. Der dritte Status ist ein Zustand, in dem wir immer mehr über den Kampf ums Leben durch gegenseitiges Sichaufzehren und das Überleben des Tüchtigen durch diesen Kampf hinauskommen. Hier kommt es immer mehr zu einem Überleben durch gegenseitige Hilfe und zur Selbst-Vervollkommnung durch gegenseitige Anpassung, durch Austausch und Verschmelzung. Leben ist zwar eine Selbst-Behauptung des Wesens, sogar Entwicklung und Überleben des Ichs, aber eines Wesens das die anderen Wesen braucht, und eines Ichs, das sich mit dem Ich anderer Menschen zu vereinigen und sie ebenso in sich einzuschließen sucht, wie es in ihr Leben einbezogen werden will. In diesem dritten Status der Evolution werden am tüchtigsten zum Überleben jene Individuen und Vereinigungen sein, die am meisten das Gesetz der Gemeinschaft und das Gesetz der Liebe verwirklichen: allgemeine Hilfe, Freundlichkeit, Herzlichkeit, Kameradschaftlichkeit und Einheit; die am erfolgreichsten das eigene Überleben mit gegenseitiger Selbst-Hingabe in Einklang bringen; deren Gesellschaft das Individuum ebenso wachsen läßt wie das Individuum die Gesellschaft; wo der Einzelne den Einzelnen und die Gemeinschaft die Gemeinschaft stärken durch gegenseitigen Austausch.

Diese Entwicklung ist für die zunehmende Vorherrschaft des Mentals10 bedeutsam, das sein Gesetz dem materiellen Dasein in stetigem Fortschritt auferlegt. Da das Mental eine größere Feinheit besitzt, braucht es nicht etwas zu verzehren, um es sich einzugliedern, es zu besitzen und dadurch zu wachsen. Vielmehr empfängt und wächst es um so mehr, je mehr es hingibt. Je mehr es mit anderen verschmilzt, desto mehr nimmt es diese in sich hinein und vermehrt so die umfassende Weite seines Wesens. Physisches Wesen erschöpft sich, wenn es sich zu sehr verausgabt. Es ruiniert sich, wenn es zu viel verzehrt. Wenn das Mental sich auf das Gesetz der Materie stützt, erleidet es im gleichen Maß dieselbe Beschränkung. In dem Maß aber, in dem es in das eigene Gesetz hineinwächst, neigt es dazu, diese Beschränkung zu überwinden. Je mehr es die materielle Beschränkung überwindet, desto mehr werden Geben und Empfangen eines. In seinem Emporsteigen wächst das Mental in das Gesetz der bewußten Einheit in Unterschiedlichkeit, in das göttliche Gesetz des geoffenbarten saccidananda.

Der zweite Begriff des ursprünglichen Lebens-Status ist unterbewußter Wille, der im sekundären Status zu Hunger und bewußtem Begehren wird, dem ersten Keim bewußter Mentalität. Die Entwicklung in den dritten Lebens-Zustand durch das Prinzip des Zusammenschlusses, das Wachstum der Liebe, hebt das Gesetz des Begehrens nicht auf, vielmehr wird es dadurch verwandelt und erfüllt. Ihrer Natur gemäß ist Liebe der Wunsch, sich an andere hinzugeben und andere im Tausch dafür zu empfangen. Es ist ein Handel zwischen dem einen und dem anderen Wesen. Physisches Leben begehrt nicht, sich hinzugeben; es begehrt nur zu empfangen. Es ist wahr, daß es gezwungen wird, sich hinzugeben; denn das Leben, das nur empfängt und nicht selbst gibt, muß unfruchtbar werden, verdorren und zugrunde gehen, – falls ein solches Leben in vollem Umfang überhaupt hier oder in irgendeiner Welt möglich ist. Es wird aber dazu gezwungen und ist selbst nicht willens. Es gehorcht eher dem unterbewußten Impuls der Natur, als daß es bewußt daran Anteil hat. Selbst wenn Liebe dazukommt, bewahrt die Selbst-Hingabe anfangs noch weithin den mechanischen Charakter des unterbewußten Willens im Atom. Liebe selbst gehorcht anfangs dem Gesetz des Hungers und genießt eher das Empfangen und die Ausnutzung anderer, als daß sie sich anderen schenkt und sich ihnen unterordnet; letzteres akzeptiert sie höchstens als notwendigen Preis für das, was sie begehrt. Hier hat sie eben noch nicht ihre wahre Natur erlangt. Ihr wahres Gesetz ist, einen gleichen Handel zu schaffen, in dem die Freude am Schenken ebenso groß ist wie die Freude über das Empfangen und am Ende sogar dazu neigt, die größere zu werden. Das geschieht aber dann, wenn sie unter dem Druck der psychischen Flamme über sich hinausschießt, um in der äußersten Einheit ihre Erfüllung zu erlangen. Deshalb kann sie nun, statt ihrer eigenen Individualität, das, was ihr zuerst als das Nicht-Selbst erschien, als ein größeres und lieberes Selbst verwirklichen. In seinem Lebens-Ursprung ist das Gesetz der Liebe der Impuls, sich selbst in anderen und durch andere zu verwirklichen und zu erfüllen; reich zu werden, indem man andere bereichert; andere zu besitzen und selbst ein Besitz der anderen zu sein, weil man, wenn man nicht auch von den anderen in Besitz genommen wird, sich selbst nicht bis zum letzten besitzen kann.

Zum ersten Lebens-Status gehört, daß das dumpfe Atom-Dasein unfähig ist, sich selbst zu besitzen, und das materielle Individuum dem Nicht-Selbst unterworfen ist. Der Typus des zweiten Status ist das Bewußtsein, eingeschränkt zu sein, und der Kampf, beides, das Selbst und das Nicht-Selbst, zu besitzen und zu beherrschen. Auch hier bringt die Entwicklung zum dritten Status eine Umwandlung der ursprünglichen Begriffe zu Erfüllung und Harmonie: Sie wiederholen die Begriffe, während sie ihnen zu widersprechen scheinen. Durch Gemeinschaftsbildung und Liebe kommt es zur Anerkennung des Nicht-Selbsts als eines größeren Selbsts und darum zur bewußt akzeptierten Unterwerfung unter sein Gesetz und seine Forderung, die den wachsenden Impuls gemeinschaftlichen Lebens erfüllt, das Individuum zu absorbieren. Hier kommt es wieder dazu, daß das Individuum das Leben anderer und alles dessen, was es ihm zu geben hat, als sein Eigen in seinen Besitz nimmt und so wieder den entgegengesetzten Impuls zu individuellem Besitz erfüllt. Diese Beziehung auf Gegenseitigkeit zwischen dem Individuum und der Welt, in der es lebt, kann so lange nicht richtig ausgedrückt werden oder vollständig und gesichert sein, als nicht die gleiche Beziehung zwischen Individuum und Individuum und zwischen den Gemeinschaften hergestellt ist. Das ganze schwierige Bemühen des Menschen, Selbstbehauptung und Freiheit, durch die er sich selbst besitzt, in Einklang zu bringen mit Gemeinschaft und Liebe, Brüderlichkeit und Kameradschaft, in denen er sich an andere hingibt, sowie seine Ideale des harmonischen Gleichgewichts, der Gerechtigkeit, Gegenseitigkeit, Gleichheit, durch die er einen Ausgleich der beiden Gegensätze schaffen will, sind in Wirklichkeit ein in seinen Grundlinien unvermeidlich vorausbestimmter Versuch, das ursprüngliche Problem der Natur zu lösen, das Problem des Lebens selbst durch Auflösung des Konflikts zwischen den beiden Gegensätzen, die sich schon in den Grundlagen des Lebens in der Materie vorfinden. Diese Lösung wird durch das höhere Prinzip des Mentals versucht, das allein den Weg zu der beabsichtigten Harmonie finden kann, auch wenn man diese Harmonie selbst in einer Macht entdecken kann, die noch jenseits von uns liegt.

Wenn die Daten, von denen wir ausgingen, richtig sind, kann das Ende des Wegs, das Ziel selbst, nur von einem Mental erreicht werden, das über sich selbst empordringt in das, was jenseits des Mentals liegt. Mental ist von Jenem nur ein untergeordneter Begriff und dessen Werkzeug: zunächst für das Herabkommen in die Gestaltung und Individualität und sodann für den Wiederaufstieg in jene Wirklichkeit, die sich in der Form verkörpert und durch die Individualität repräsentiert wird. Darum ist es unwahrscheinlich, daß die vollkommene Lösung des Lebens-Problems allein verwirklicht werden kann durch Zusammenschluß, gegenseitigen Austausch und Hilfsbereitschaft der Liebe oder allein durch das Gesetz des Mentals und des Herzens. Sie muß durch einen vierten Lebens-Status kommen. In ihm wird die ewige Einheit der Vielen durch den Geist realisiert. Dann werden die Lebensfunktionen bewußt nicht mehr auf die Zerteilungen des körperlichen Daseins gegründet, auch nicht auf die Leidenschaften und den Hunger der Vitalität oder auf die Gruppierungen und unvollkommenen Harmonien des Mentals oder auf eine Kombination all dieser, sondern auf die Einheit und Freiheit des Geistes.

Kapitel XXII. Das Problem des Lebens

Das ist es, was das Universale Leben genannt wird.

Taittiriya Upanishad, II.3.

Der Herr hat seinen Sitz im Herzen aller Wesen und dreht alle Wesen durch seine maya, als seien sie auf einer Maschine montiert.

Gita, XVIII.61.

Wer die Wahrheit kennt, das Wissen, die Unendlichkeit, die brahman ist, wird mit dem all-weisen brahman alle begehrenswerten Dinge genießen.

Taittiriya Upanishad, II.1.

Leben ist, wie wir gesehen haben, das Hervortreten einer Bewußten Kraft – unter gewissen kosmischen Bedingungen –, die ihrer Veranlagung nach unendlich, absolut, unbehindert und unveränderlich im Besitz ihrer eigenen Einheit und Seligkeit ist: der Bewußten Kraft von saccidananda. Die zentrale Eigentümlichkeit dieses kosmischen Prozesses besteht in der Fähigkeit des durch die Unwissenheit verfinsterten Mentals zum Zerteilen. Dadurch unterscheidet es sich in seinen Erscheinungsformen von der Reinheit des unendlichen Seins und vom Selbst-Besitz der unzerteilten Energie. Folge dieses zerteilten Wirkens einer ungeteilten Energie ist das Auftreten von Dualitäten, von Gegensätzlichkeiten, die scheinbar das Wesen von saccidananda verleugnen. Für das Mental existieren sie zwar als bleibende Wirklichkeit. Für das göttliche kosmische Bewußtsein aber, das hinter dem Schleier des Mentals verborgen ist, sind sie nur ein Phänomen, das eine vielfältige Wirklichkeit falsch darstellt. Darum erscheint die Welt als Zusammenprall entgegengesetzter Wahrheiten, von denen jede sich voll durchzusetzen sucht und auch das Recht auf Erfüllung hat. Sie erscheint als Masse von Problemen und Mysterien, die gelöst werden müssen, da hinter dieser Verwirrung die verborgene Wahrheit und Einheit steht, die auf Lösung und durch die Lösung auf ihre unverhüllte Manifestation in der Welt drängt.

Die Lösung muß vom Mental gesucht werden, aber nicht von ihm allein. Es muß eine Lösung im Leben sein, im Handeln des Menschen ebenso wie im Bewußtsein des Menschen. Bewußtsein hat als Kraft die Welt-Bewegung und ihre Probleme geschaffen. Bewußtsein als Kraft muß die von ihr geschaffenen Probleme lösen und die Welt-Bewegung zur unvermeidlichen Erfüllung ihres geheimen Sinnes und der in der Evolution hervortretenden Wahrheit bringen. Das Leben hat aber nacheinander drei Erscheinungsformen angenommen. Die erste ist materiell: Ein versunkenes Bewußtsein ist in seiner nur an der Oberfläche ausdrucksfähigen Aktivität und in seinen repräsentativen Formen von Kraft verborgen; denn das Bewußtsein selbst verschwindet im Akt aus der Sicht und geht in der Form verloren. Die zweite Erscheinung ist vital: Ein hervortretendes Bewußtsein ist als Lebens-Macht, als Wachstums-Prozeß, als Aktivität und als Verfall der Form halb-sichtbar; es ist aus seinem ursprünglichen Gefangensein halb-befreit; es vibriert in Macht als vitale Begierde, als Befriedigung oder Ablehnung, aber es vibriert anfänglich noch gar nicht und dann nur unvollkommen im Licht der Erkenntnis seines eigenen Selbst-Seins und seiner Umgebung. Die dritte Erscheinung ist mental: Ein hervorgetretenes Bewußtsein reflektiert das Lebens-Faktum als mentaler Sinn, reagierende Wahrnehmung und Idee. Zugleich versucht es als neue Idee, zum Lebens-Faktum zu werden, das innere Dasein des Menschen und entsprechend auch die äußere Existenz umzugestalten. Hier, im Mental, wird das Bewußtsein im Wirken und in der Form seiner Kraft aus seiner Gefangenschaft befreit. Es ist aber noch nicht Herr über Wirken und Form, da es als individuelles Bewußtsein hervortrat und darum nur eine fragmentarische Bewegung seiner Gesamtaktivität wahrnimmt.

Hier liegt alle Schwierigkeit des menschlichen Lebens. Der Mensch ist das mentale Wesen, das mentale Bewußtsein, das als mentale Kraft wirkt. In etwa ist er auch der allumfassenden Kraft und des allumfassenden Lebens bewußt, deren Teil er ist. Er ist aber doch unfähig, mit dem Leben im allgemeinen oder mit seinem eigenen Leben in einer wahrhaft wirksamen und überlegenen meisterschaftlichen Art umzugehen, weil er keine Erkenntnis seiner Universalität und nicht einmal seines gesamten Wesens hat. Er versucht, die Materie zu erkennen, um die materielle Umgebung zu meistern. Er will das Leben erkennen, um Herr über das vitale Dasein zu sein. Er strebt nach der Erkenntnis des Mentals, um die große dunkle Bewegung von Mentalität zu beherrschen, in der er nicht nur ein Licht-Strahl an Selbst-Bewußtsein ist wie das Tier, sondern mehr und mehr Flamme wachsender Erkenntnis. So sucht er, sich selbst zu erkennen, um Herr über sich selbst zu werden. So sucht er die Welt zu erkennen, um zum Herrn der Welt zu werden. Das ist das Drängen des Seins in ihm, der Zwang des Bewußtseins, das er selbst ist. Das ist der Impuls der Kraft, die sein Leben ist, und der geheime Wille von saccidananda, der als das Individuum in einer Welt erscheint, in dem Er Sich zum Ausdruck bringt und doch zu verleugnen scheint. Die Bedingungen zu entdecken, unter denen dieses innere Drängen zufriedengestellt werden kann, ist das Problem, um dessen Lösung der Mensch stets ringen muß. Dazu ist er durch die wahre Natur seines eigenen Seins und durch die Gottheit gezwungen, die in ihm ihren Sitz hat. Bevor das Problem gelöst und jenes Drängen befriedigt ist, kann die Menschheit nicht von ihrem Mühen ausruhen. Entweder muß der Mensch sich selbst zur Erfüllung bringen, indem er dem Göttlichen Wesen in seinem Inneren voll Genüge tut, oder er muß aus sich ein neues, größeres Wesen erschaffen, das fähiger ist, dem Göttlichen zu entsprechen. Er muß entweder selbst göttlicher Mensch werden, oder er muß dem Übermenschen weichen.

Das ergibt sich aus der eigentlichen Logik der Dinge. Da das mentale Bewußtsein des Menschen nicht das vollständig erleuchtete Bewußtsein ist, das aus der Verfinsterung der Materie gänzlich hervortrat, sondern nur ein Begriff fortschreitender Entwicklung im großen Prozeß seines Hervortretens, kann die Linie evolutionärer Schöpfung, auf der der Mensch erschien, nicht dort aufhören, wo er jetzt steht. Sie muß entweder über ihren jetzigen Begriff in ihm oder über ihn selbst hinausgehen, wenn er nicht die Kraft hat, vorwärtszugehen. Eine mentale Idee, die eine Lebens-Tatsache zu werden versucht, muß sich so lange weiterentfalten, bis sie zur ganzen Wahrheit des Daseins wird, bis sie sich aus ihren aufeinanderfolgenden Verhüllungen befreit, offenbart und fortschreitend im Licht und ebenso auch voller Freude in der Macht des Bewußtseins zur Erfüllung gebracht hat. Denn in diesen beiden Begriffen von Macht und Licht und durch sie offenbart das Sein sich selbst, da es seiner Natur nach Bewußtsein und Kraft ist. Der dritte Begriff aber, in dem sich diese beiden als die ihn konstituierenden treffen, einen und endgültig zur vollen Erfüllung bringen, ist eine erfüllte Seligkeit des Selbst-Seins. Für ein sich entwickelndes Leben wie das unsrige muß dieser unvermeidliche Höhepunkt notwendig bedeuten, daß wir das Selbst finden, das schon im Keim vorhanden war, als es in die Geburt eintrat. Wenn wir dieses Selbst finden, können wir vollständig ausarbeiten, was in der Bewegung der Bewußten Kraft, aus der dieses Leben entsprungen ist, potentiell enthalten war. Die so in unserem menschlichen Dasein enthaltene Fülle von Möglichkeiten ist saccidananda, Er, der Sich in einer gewissen Harmonie und Einung von individuellem und universalem Leben erkennt, so daß die Menschheit im gemeinsamen Bewußtsein, in gemeinsamer Bewegung von Macht und gemeinsamer Seligkeit Jenes Transzendente zur Erscheinung bringen kann, das sich in diese Form der Dinge ausgeprägt hat.

Der Charakter alles Lebens hängt vom fundamentalen Gleichgewicht der Kräfte seines konstitutiven Bewußtseins ab. So wie das Bewußtsein ist, so wird die Kraft sein. Wo das Bewußtsein unendlich ist, eines seinen Wirkensweisen und Formen gegenüber auch dann transzendent, wenn es sie umfaßt und gestaltet, organisiert und durchführt, wie das im Bewußtsein von saccidananda der Fall ist, wird die Kraft ebenso sein: unendlich in ihrer Wirkens-Weite, einig in ihren Werken, transzendent in ihrer Macht und ihrem Selbst-Wissen. Wo das Bewußtsein dem der materiellen Natur gleicht, in die Tiefe eingesunken, seiner selbst vergessend, dahintreibend in der Strömung seiner eigenen Kraft, scheinbar ohne diese zu kennen, obwohl es doch durch die Eigenart der ewigen Beziehung zwischen den beiden Begriffen in Wirklichkeit die Strömung, die die Natur treibt, bestimmt, da wird die Kraft ebenso sein: eine ungeheure Bewegung des Trägen und Unbewußten, die nicht dessen gewahr ist, was sie in sich enthält, die sich selbst mechanisch durch eine Art unergründlichen Zufalls oder durch eine unvermeidlich gut auslaufende Unberechenbarkeit zur Erfüllung bringt, während sie in Wirklichkeit ohne Irrtum dem Gesetz von Recht und Wahrheit gehorcht, das für sie durch den Willen des in ihren Abläufen verborgenen erhabenen Bewußten Wesens festgelegt ist. Wo das Bewußtsein, wie im Mental, in sich zerteilt ist, sich in verschiedene Zentren begrenzt und jedes von ihnen dafür einsetzt, sich selbst zu verwirklichen, ohne zu wissen, was in anderen Zentren ist, ohne seine Beziehung zu anderen zu erkennen, gewahr der Dinge und Kräfte nur in ihrer scheinbaren Zerteilung und Gegensätzlichkeit, nicht aber in ihrer wirklichen Einheit – da wird die Kraft Leben sein, wie wir es sind und um uns sehen: ein Zusammenprall und eine Verflochtenheit individueller Leben, von denen jedes die eigene Erfüllung sucht, ohne seine Beziehung zu anderen zu kennen, ein Konflikt und eine schwierige Anpassung zerteilter, gegensätzlicher oder unterschiedlicher Kräfte, und in den Mentalfunktionen eine Mischung, ein Zusammenstoß, ein Ringen, eine unsichere Kombination getrennter, opponierender und auseinanderstrebender Ideen, die nicht zur Erkenntnis ihrer gegenseitigen Notwendigkeit kommen, die nicht ihren Platz als Elemente jener dahinterstehenden Einheit begreifen können, die sich in ihnen ausdrückt und in der ihre Disharmonien aufhören müssen. Wo aber das Bewußtsein beides, die Unterschiedlichkeit und die Einheit, in seinem Besitz hält und wo letztere die erste in sich enthält und regiert, wo es Gesetz, Wahrheit und Recht der Allheit zusammen mit Gesetz, Wahrheit und Recht des Einzelnen gewahrt, wo die beiden bewußt in gegenseitiger Einheit harmonisiert werden, wo also die ganze Art des Bewußtseins das Eine ist, das sich als die Vielen erkennt, und die Vielen, die sich als das Eine wissen, – da ist die Kraft auch von der gleichen Art: ein Leben, das bewußt dem Gesetz der Einheit gehorcht und doch jedes Ding in seiner Unterschiedlichkeit, im Einklang mit seinem eigenen Gesetz und seiner Funktion voll entfaltet. In einem solchen Leben werden alle Individuen zugleich in sich selbst und ineinander leben als ein einziges bewußtes Wesen in vielen Seelen, die eine Macht von Bewußtsein im Mental vieler Menschen, die eine Freude von Kraft in vielen Leben wirkend, die eine Wirklichkeit vollkommener Freude, die sich in vielen Herzen und Körpern vollendet.

Die erste dieser vier Positionen, Ursprung aller fortschreitenden Beziehung zwischen Bewußtsein und Kraft, ist ihr Kräfteausgleich im Wesen von saccidananda. Dort sind sie eins. Dort ist die Kraft Bewußtsein des Wesens, das sich aktiv auswirkt, ohne je aufzuhören, Bewußtsein zu sein. Dort ist das Bewußtsein in ähnlicher Weise erleuchtete Kraft des Wesens, die stets ihrer selbst und ihrer Seligkeit gewahr ist, ohne je aufzuhören, diese Macht strahlenden Lichts und Selbst-Besitzes zu sein. Die zweite Beziehung ist die der materiellen Natur. Das ist der Kräfteausgleich des Wesens im materiellen Universum, das die große Verneinung von saccidananda durch Ihn Selbst ist: Hier ist scheinbar die äußerste Absonderung der Kraft vom Bewußtsein, das erstaunliche Wunder des allherrschenden unfehlbaren Unbewußten, das nur die Maske der kosmischen Gottheit ist, die aber von der modernen Wissenschaft als ihr wirkliches Antlitz mißdeutet wurde. Die dritte Beziehung ist der Kräfteausgleich des Wesens in Mental und Leben, die wir, völlig verwirrt, aus dieser Verneinung emporkommen sehen. Sie ist Kampf – ohne jede Möglichkeit seiner Beendigung durch Unterwerfung und ohne jede klare Erkenntnis oder den deutlichen Instinkt für eine siegreiche Lösung – gegen die abertausend Probleme, die verknüpft sind in dieser verblüffenden Erscheinung des Menschen, der nur halb-mächtig als bewußtes Wesen aus dem allmächtigen Unbewußten des materiellen Universums hervortritt. Die vierte Beziehung ist der Kräfteausgleich des Wesens im Supramental: es ist das zur Vollendung gebrachte Sein, das schließlich dieses ganze komplexe Problem lösen wird, das durch die aus der totalen Verneinung hervortretende partielle Bejahung geschaffen wurde. Das Supramental löst es notwendigerweise auf die einzig mögliche Art durch vollständige Bejahung. Es muß all das zur Erfüllung bringen, was dort insgeheim als Potenz enthalten und in der Tatsache der Evolution hinter der Maske der großen Verneinung beabsichtigt war. Das ist das wirkliche Leben des wirklichen Menschen. Um es ringt dieses partielle Leben, zu ihm strebt dieses partielle unerfüllte Menschsein empor. Es besitzt in unserem sogenannten Unbewußten ein vollkommenes Wissen und eine Führung, doch gibt es in unseren bewußten Schichten nur ein undeutliches und mühevolles Vorausahnen, Fragmente einer Realisation, flüchtige Einblicke in das ideal, ein Aufblitzen von Offenbarung und Inspiration im Dichter und Propheten, im Seher und in dem vom Transzendenten Erleuchteten, im Mystiker und Denker, in den großen Intelligenzen und Seelen der Menschheit.

Aus den Tatsachen, die wir jetzt vor Augen haben, können wir entnehmen, daß aus dem unvollkommenen Ausgleich zwischen Bewußtsein und Kraft im Menschen in dessen gegenwärtigem Zustand von Mental und Leben hauptsächlich drei Schwierigkeiten entstehen. Erstens nimmt er nur einen kleinen Teil seines eigenen Wesens wahr. Alles, was er kennt, ist die Oberfläche seiner Mentalität, seines Lebens und seines physischen Wesens, und selbst davon kennt er nicht alles. Unter ihr ist das geheimnisvolle Aufwallen seines unterbewußten und subliminalen Mentals, seines unterbewußten und subliminalen Lebens-Impulses und seiner unterbewußten Körperlichkeit, jener große Teil von ihm, den er nicht kennt und nicht beherrschen kann, der vielmehr ihn erkennt und beherrscht. Da Sein, Bewußtsein und Kraft eine Einheit sind, können wir wirkliche Macht nur über jenen Teil unseres Daseins ausüben, mit dem wir durch Selbst-Innesein identisch sind. Das übrige muß von seinem eigenen Bewußtsein regiert werden, das für Mental, Leben und Körper unserer Außenseite subliminal ist. Da aber die beiden eine einzige und nicht zwei getrennte Bewegungen sind, muß in der Masse der unbedeutenderen und weniger machtvollen Abläufe unser größerer und machtvollerer Teil regieren und bestimmen. Deshalb werden wir, auch in unserem bewußten Dasein, vom Unterbewußten und Subliminalen regiert und sind auch bei unserer eigentlichen Selbst-Bemeisterung und Selbst-Lenkung nur Instrumente dessen, was uns das Unbewußte in unserem Innern zu sein scheint.

Das meinte die alte Weisheit, wenn sie sagt, der Mensch bilde sich ein, er selbst tue sein Werk durch seinen freien Willen. In Wirklichkeit bestimmt aber die Natur all sein Wirken, und selbst die Weisen sind gezwungen, ihrer Natur zu folgen. Da aber Natur die schöpferische Bewußtseinskraft des Wesens in uns ist, das die Maske Seiner eigenen umgekehrten Bewegungen und der scheinbaren Verneinung Seiner Selbst angenommen hat, nannten sie diese umgekehrte schöpferische Bewegung Seines Bewußtseins maya oder IIlusions-Macht des Herrn und sagten: Alle Wesen im Dasein werden durch Seine maya wie auf einer Maschine herumgedreht von dem Herrn, der im Herzen alles Seienden Seinen Sitz hat. So ist evident, daß der Mensch nur insoweit er über sein Mental hinauskommt, bis er im Selbst-Innesein mit dem Herrn eins wird, Meister seines eigenen Wesens werden kann. Da das in der Unbewußtheit und in der Unterbewußtheit selbst nicht möglich ist, weil kein Nutzen daraus entstehen kann, daß wir uns in unsere Tiefen zurück bis zum Unbewußten versenken, kann diese Einheit nur dadurch völlig hergestellt werden, daß wir nach innen gehen, wo der Herr wohnt, und emporsteigen in den für uns noch überbewußten Bereich, das Supramental. Dort in der höheren und göttlichen maya ist, seinem Gesetz und seiner Wahrheit nach, das bewußte Wissen dessen, was im Unterbewußten durch die niedere maya unter den Bedingungen jener Verneinung wirkt, die zur Bejahung zu werden versucht. Denn diese niedere Natur führt das Werk aus, das in jener höheren Natur gewollt und gewußt wird. Die IIlusions-Macht des göttlichen Wissens in der Welt, die Erscheinungen erschafft, wird von der Wahrheits-Macht desselben Wissens regiert, das die Wahrheit hinter den Erscheinungen kennt und für uns die Bejahung bereithält, auf die sie hinwirken. Der partielle Mensch äußeren Scheins wird dort den vollkommenen wirklichen Menschen finden, der in der völligen Einung mit jenem Selbst-Seienden, der der allwissende Herr Seiner kosmischen Evolution und seines Vorgehens ist, das völlig seines Selbsts bewußte Wesen werden kann.

Die zweite Schwierigkeit liegt darin, daß der Mensch in Mental, Leben und Körper vom Allumfassenden gesondert ist und deshalb ebensowenig oder noch viel weniger als er sich kennt, seine Mitgeschöpfe zu erkennen vermag. Durch indirekte Schlüsse, Theorien, Beobachtungen und eine gewisse unvollkommene Fähigkeit zum Mitgefühl bildet er sich über sie eine ungenaue mentale Konstruktion. Das ist aber keine Erkenntnis. Nur durch bewußte Identität kann Erkenntnis entstehen, denn nur das ist das wahre Wissen, – ein seiner selbst innegewordenes Sein. Was wir sind, erkennen wir nur insofern, als wir bewußt unseres Selbsts innewerden; das übrige bleibt verborgen. Ebenso können wir nur das wirklich erkennen, mit dem wir in unserem Bewußtsein eins werden, doch auch nur insofern, als wir mit ihm eins werden. Wenn die Mittel der Erkenntnis mittelbar und unvollkommen sind, wird auch das so erlangte Wissen mittelbar und unvollkommen sein. Es wird uns instandsetzen, in einem bestimmten Grad von Ungenauigkeit – die aber von unserem mentalen Standpunkt aus noch genau genug ist – gewisse begrenzte praktische Ziele, notwendige und brauchbare Maßnahmen, eine unvollkommene, instabile Harmonie in unserer Beziehung zu dem, was wir erkennen, herauszuarbeiten. Wir können aber nur durch bewußte Einung mit ihm zu einer vollkommenen Beziehung kommen. Wir müssen also bewußt zum Einssein mit unseren Mitmenschen gelangen, nicht nur zur Sympathie, die durch Liebe oder das von mentaler Erkenntnis geschaffene Verstehen erweckt wird; denn das bliebe lediglich Erkenntnis ihres vordergründigen Daseins und deshalb in sich unvollkommen, bestritten und enttäuscht durch das Aufwallen des Unbekannten und Unbewältigten aus dem Unterbewußten oder dem Subliminalen in ihnen und in uns. Bewußtes Einssein kann nur dadurch Zustandekommen, daß wir in Jenes eingehen, in dem wir mit ihnen eins sind, in das Allumfassende. Die Fülle des Allumfassenden existiert bewußt aber nur in dem, was für uns überbewußt ist, im Supramental: In unserem üblichen Wesen ist dessen größerer Teil unterbewußt. Wir können in diesem normalen Kräfte-Ausgleich von Mental, Leben und Körper nicht über es verfügen. Die niedere bewußte Natur wird in all ihren Aktivitäten vom Ich nach unten gefesselt, dreifach angekettet an den Pfahl der differenzierten Individualität. Allein das Supramental verfügt über Einheit in Verschiedenheit.

Die dritte Schwierigkeit liegt darin, daß in unserem evolutionären Dasein Kraft und Bewußtsein voneinander getrennt sind. Da ist zuerst die Trennung, die durch die Evolution selbst in ihren drei aufeinanderfolgenden Formationen von Materie, Leben und Mental geschaffen wurde, von denen jede ihr eigenes Gesetz des Wirkens hat. Das Leben kämpft gegen den Körper. Es versucht, ihm die Befriedigung der Lebens-Begehren, der Impulse und Wünsche aufzuzwingen, und verlangt von seiner begrenzten Fähigkeit, was nur einem unsterblichen, göttlichen Leib möglich wäre. Der tyrannisierte, versklavte Körper leidet darunter und befindet sich in ständiger dumpfer Revolte gegen die vom Leben an ihn gestellten Forderungen. Das Mental ist im Kampf gegen beide: Manchmal hilft es dem Leben gegen den Körper, manchmal zügelt es den vitalen Drang und sucht die Körperstruktur vor den Begierden des Lebens, seinen Leidenschaften und übertreibenden Energien zu schützen. Es versucht auch, sich des Lebens zu bemächtigen und seine Energie für seine eigenen Zwecke zu verwenden, für ein Höchstmaß an Freude an der mentalen Aktivität, für die Befriedigung mentaler, ästhetischer und emotionaler Ziele und ihre Erfüllung im menschlichen Dasein. Auch das Leben hält sich für geknechtet und mißbraucht. Es rebelliert häufig gegen den ihm vorgesetzten unwissenden, halbweisen Tyrannen. Das ist der gegenseitige Kampf unserer Bestandteile gegeneinander, den das Mental nicht wirklich befrieden kann, weil es vor einem für es unlösbaren Problem steht: vor der Sehnsucht seines unsterblichen Wesens in einem sterblichen Leben und Leib. Es kann nur zu einer langen Aufeinanderfolge von Kompromissen oder schließlich dahin gelangen, daß es das Problem ungelöst läßt: Entweder unterwirft es sich mit dem Materialisten der Sterblichkeit unseres äußerlich-sichtbaren Wesens, oder es verwirft und verurteilt mit dem Asketen und religiösen Menschen das irdische Leben und zieht sich in frohere und leichtere Bereiche des Daseins zurück. Die wahre Lösung liegt jedoch darin, daß wir das Prinzip jenseits des Mentals finden, dessen Gesetz Unsterblichkeit ist, und daß wir durch es die Sterblichkeit unseres Daseins überwinden.

Es gibt aber auch jene fundamentale Spaltung zwischen der Kraft der Natur und dem bewußten Wesen. Die ist Grundursache dieser Leistungsunfähigkeit. Es gibt nicht nur eine Trennung zwischen dem mentalen, vitalen und physischen Wesen, jedes von ihnen ist vielmehr ebenso sich selbst gegenüber gespalten. Die Leistungsfähigkeit des Körpers ist geringer als die der instinktiven Seele oder des bewußten Wesens, des physischen purusha in ihm. Die Leistungsstärke der vitalen Kraft ist geringer als die der impulsiven Seele, des vitalen bewußten Wesens, des purusha in ihr. Die Leistungskraft der Energie des Mentals ist geringer als die der intellektuellen und emotionalen Seele, des mentalen purusha in ihm. Ist doch die Seele das innere Bewußtsein, das nach seiner eigenen völligen Selbst-Verwirklichung strebt und deshalb stets umfassender ist als die individuelle Gestaltung des Augenblicks. Die Kraft, die ihr Gleichgewicht in der Formation gefunden hat, wird von ihrer Seele stets zu dem gedrängt, was für sie abnorm und transzendent ist. Ständig vorwärtsgestoßen, ist es für sie sehr schwierig, dem zu entsprechen und sich von der jetzigen zu höherer Leistungsfähigkeit zu entwickeln. Wenn die Kraft versucht, die Forderungen der dreifachen Seele zu erfüllen, wird sie äußerst beunruhigt und dazu getrieben, Instinkt gegen Instinkt, Impuls gegen Impuls, Emotion gegen Emotion, Idee gegen Idee zu setzen, diese zu befriedigen und jene zu verwerfen; dann ändert sie aber, was sie getan hat, voller Reue wieder, um ad infinitum auszugleichen, zu kompensieren und wieder neu anzupassen, ohne doch zu einem Prinzip von Einheit zu gelangen. Im Mental wiederum ist die bewußte Macht, die harmonisieren und vereinigen sollte, nicht nur in ihrer Erkenntnis und ihrem Willen begrenzt, vielmehr streben Erkenntnis und Wille auseinander und sind oft miteinander in Disharmonie. Das Prinzip der Einheit steht über allem im Supramental. Dort allein ist die bewußte Einheit aller Unterschiedlichkeiten. Dort allein sind Erkenntnis und Wille einander gleich und in vollkommener Harmonie. Dort allein gelangen Bewußtsein und Kraft zu ihrem göttlichen Ausgleich. In dem Maße, in dem sich der Mensch in ein des Selbsts bewußtes und wirklich denkendes Wesen entwickelt, wird er sich deutlich all dieser Disharmonie und des Zwiespalts in den Schichten seines Wesens bewußt. Er sucht die Harmonie seines Mentals, Lebens und Körpers, die Harmonie seiner Erkenntnis, seines Willens und Gefühls aller Glieder seines Wesens. Manchmal hört dieses Verlangen zu früh auf, wenn er zu einem praktischen Kompromiß gekommen ist, der ihm relativen Frieden einbringt. Ein Kompromiß kann aber nur ein vorübergehendes Anhalten auf dem Weg sein, da die Gottheit im Innern schließlich mit nichts Geringerem zufrieden sein wird als mit vollkommener Harmonie, die in sich die integrale Entfaltung unserer vielseitigen Potenzen kombiniert. Weniger als das wäre ein Zurückweichen vor dem Problem, nicht seine Lösung. Oder es wäre nur eine zeitweilige Lösung, die für die Seele nur eine Rast auf dem Weg ihrer ständigen Selbst-Ausweitung und ihres Aufstiegs bietet. Als wesentliche Begriffe würde eine solche völlige Harmonie die Vollkommenheit der mentalen Funktionen, des Spiels der vitalen Kraft und der physischen Existenz erfordern. Wo sollen wir aber im radikal Unvollkommenen das Prinzip und die Macht der Vollkommenheit finden? Das in der Zerteilung und Begrenzung verwurzelte Mental kann es uns ebensowenig liefern wie das Leben und der Körper, die eine Energie und Struktur des zerteilenden und begrenzenden Mentals sind. Dort sind zwar im Unterbewußten Prinzip und Macht der Vollkommenheit vorhanden, aber in die Decke oder den Schleier der niederen maya eingehüllt, und treten nur als stumme Ahnung oder unverwirklichtes Ideal hervor. Im Überbewußten warten sie offen, ewig verwirklicht, auf uns, sind aber noch immer durch den Schleier unserer Unkenntnis des Selbsts von uns getrennt. Wir müssen also oberhalb unseres jetzigen Kräfteausgleichs, weder in noch unter diesem, nach Macht und Wissen des harmonischen Ausgleichs suchen.

Ebenso wird sich der Mensch bei seiner weiteren Entwicklung sehr deutlich der Disharmonien und Unwissenheit bewußt, die seine Beziehungen zur Welt bestimmen. Er kann das nicht länger ertragen und bemüht sich immer mehr darum, ein Prinzip der Harmonie, des Friedens, der Freude und Einheit zu finden. Auch das kann nur von oben zu ihm kommen. Nur wenn er ein Mental entwickelt, das ebenso die Erkenntnis vom Mental anderer besitzt wie die von sich selbst, kann das Leben des Menschen spirituell und praktisch eins werden mit dem seiner Mitmenschen, kann das Individuum sein eigenes universales Selbst wiederentdecken. Voraussetzung dazu ist: ein Mental, das frei ist von unserer Unkenntnis voneinander und unserem Mißverstehen; ein Wille der sich eins fühlt und eint mit dem Willen anderer; ein emotionales Herz, das die Emotionen anderer in sich empfindet wie seine eigenen; eine Lebens-Kraft, die die Energien anderer wahrnimmt, sie als die ihren annimmt und zu erfüllen sucht; ein Körper, der nicht Gefängnismauer und Verteidigungswall gegen die Welt ist. All das wird uns zuteil unter dem Gesetz von Licht und Wahrheit, das stärker ist als die Abweichungen und Irrtümer, die vielen Sünden und Falschheiten bei uns und anderen in Mental, Willen, Emotionen und Lebens-Energien. Das Unterbewußte besitzt dieses Leben des Alls; auch das Überbewußte hat es. Deren Bedingungen zwingen uns aber, daß wir nach oben durchdringen. Denn der ursprüngliche Drang, der die Seele in ihrer Evolution bis zur Art unseres Menschseins emporgetragen hat, ist nicht auf die Gottheit gerichtet, die verborgen ist “im unbewußten Ozean, wo Finsternis in Finsternis gehüllt ist” (Rig Veda, X. 129. 3.), sondern empor zur Gottheit, die in einem Meer ewigen Lichts thront, im höchsten Äther unseres Wesens, in den “Wassern, die im Reich von Licht oberhalb der Sonne sind, und in jenen, die sich unterhalb von ihr befinden” (Rig Veda, III. 22. 3.).

Wenn also die Menschheit nicht am Wegrand liegen bleiben und den Sieg anderen, neuen Schöpfungen der in heftigen Geburtswehen liegenden Mutter überlassen soll, muß sie diesen Aufstieg erstreben. Er wird zwar durch Liebe, mentale Erleuchtung und den vitalen Drang nach Besitzen und Selbst-Hingabe gelenkt. Er führt aber darüber hinaus zur supramentalen Einung, die über dieses Streben hinausweist und es erfüllt. Ihr endgültiges Gut, ihre Erlösung, muß die Menschheit darin suchen, daß sie das menschliche Leben auf die supramentale Realisation einer bewußten Einung mit dem Einen, mit allem in unserem Wesen und mit allen Gliedern der Menschheit gründet. Das ist es, was wir als den vierten Status von Leben in seinem Aufstieg empor zur Gottheit beschrieben haben.

Kapitel XXIII. Die doppelte Seele im Menschen

Der purusha, das innere Selbst, nicht größer als die Länge des menschlichen Daumens.

Katha Upanishad, IV.12.
Svetasvatara Upanishad, VI.17.

Wer dieses Selbst kennt, das den Honig des Daseins genießt und der Herr dessen ist, das ist und sein wird, schreckt von da an vor nichts mehr zurück.

Katha Upanishad, IV.5.

Wovor soll jener Mensch sich ängstigen, wie soll er getäuscht werden, der überall das Einssein schaut?

Isha Upanishad, Vers 7.

Wer die Seligkeit des Ewigen gefunden hat, fürchtet sich vor keiner Bedrohung, von welcher Seite sie auch kommt.

Taittiriya Upanishad, II.9.

Wir fanden, daß der erste Status des Lebens durch einen dumpfen, unbewußten Trieb oder Drang charakterisiert wird, durch die Kraft eines ins materielle oder atomare Dasein involvierten Willens, der nicht frei und Besitzer seiner selbst, seiner Werke und ihrer Ergebnisse ist, sondern ganz und gar von der universalen Bewegung in Besitz gehalten wird, in der er als der unerleuchtete, ungeformte Keim von Individualität entsteht. Die Wurzel des zweiten Status ist Begehren, das ganz darauf aus ist, zu besitzen, aber in seiner Fähigkeit begrenzt bleibt. Die Knospe des dritten Status ist Liebe, die sich sowohl andere aneignen wie ihnen zu eigen werden will, die empfangen und auch sich selbst geben möchte. Wir begreifen als die herrliche Blüte des vierten Status, als sein Zeichen der Vollkommenheit und als das reine, vollständige Hervortreten des ursprünglichen Willens die erleuchtete Erfüllung des Begehrens der Mittelstufe, die hohe und tiefe Befriedigung im bewußten Austausch von Liebe durch die Vereinigung des Zustands, Eigner und Eigentum zu sein, in der göttlichen Einheit der Seelen: das ist die Grundlage des supramentalen Daseins. Wenn wir diese Begriffe sorgfältig erforschen, erkennen wir sie als Gestaltungen und Stufen im Suchen der Seele nach der individuellen und universalen Freude an den Dingen. Der Aufstieg des Lebens ist seiner Art nach der Aufstieg der göttlichen Freude in den Dingen aus ihrer dumpfen Konzeption in Materie durch die Fährnisse und Gegensätzlichkeiten bis zu ihrer lichtvollen Vollendung im Geist.

So wie die Welt ist, könnte das nicht anders sein. Denn die Welt ist die durch eine Maske entstellte Form von saccidananda; die Natur des Bewußtseins von saccidananda und deshalb auch das, worin sich Seine Kraft immer selbst finden und zum Ziel bringen muß, ist Göttliche Wonne, eine allgegenwärtige tiefe Freude aus dem Selbst. Da Leben eine Energie Seiner bewußten Kraft ist, muß das Geheimnis all seiner Bewegungen eine verborgene, allen Dingen innewohnende Seligkeit sein, zugleich Ursache, Beweggrund und Ziel seiner Wirkensweisen. Wenn nun aufgrund der Zerteilung durch das Ich diese Seligkeit verfehlt und hinter einem Schleier zurückgehalten wird, wenn sie sich als ihr eigener Gegensatz darstellt, sich sogar als Tod verkleidet, wenn Bewußtsein die Gestalt des Unbewußten annimmt und Kraft sich in der Vermummung von Unfähigkeit lächerlich macht, kann sich das Lebendige nicht damit zufrieden geben. Erst dann kann es von der Bewegung des Lebens ausruhen oder diese zur Erfüllung bringen, wenn es jene universale Seligkeit sicher erlangt, die zugleich die geheime volle Seligkeit seines eigenen Wesens und die ursprüngliche, alles-umfassende, alles-gestaltende, alles-erhaltende vollkommene Freude des transzendenten und immanenten saccidananda ist. Vollkommene Freude zu erstreben, ist darum der fundamentale Impuls und Sinn des Lebens. Sie zu finden, zu besitzen und zur Vollendung zu bringen, ist sein ganzes Motiv.

Wo in uns ist aber dieses Prinzip der Seligkeit? Durch was für einen Begriff unseres Wesens offenbart und erfüllt es sich In der Aktion des Kosmos so, wie sich das Prinzip der Bewußten Kraft im Leben offenbart und dieses als seinen kosmischen Begriff verwendet und wie sich das Prinzip des Supramentals im Mental offenbart und dieses verwendet? Wir haben ein vierfaches Prinzip des göttlichen Wesens unterschieden, das das Universum erschafft: Sein, Bewußte Kraft, Seligkeit und Supramental. Supramental ist, wie wir gesehen haben, im materiellen Kosmos allgegenwärtig, wenn auch verhüllt. Es existiert hinter dem aktuellen Erscheinungsbild der Dinge und drückt sich dort insgeheim aus. Um sich wirksam zu machen, verwendet es den eigenen Unterbegriff Mental. Die göttliche Bewußte Kraft ist im materiellen Kosmos überall, wenn auch verhüllt, vorhanden. Sie wirkt aber geheim hinter der aktuellen Erscheinungsform der Dinge und drückt sich dort charakteristischerweise durch ihren Unterbegriff Leben aus. Obwohl wir noch nicht gesondert das Prinzip von Materie untersucht haben, können wir jetzt schon sehen, daß das göttliche All-Sein auch im materiellen Kosmos, wenngleich verhüllt, allgegenwärtig ist: verborgen hinter der aktuellen Erscheinungsform der Dinge. Sie manifestiert sich dort anfangs durch den ihr untergeordneten Begriff Substanz, Form des Wesens oder Materie. In gleicher Weise muß auch das Prinzip der göttlichen Seligkeit im Kosmos allgegenwärtig sein, zwar verhüllt und im Besitz ihres Selbsts nur hinter dem aktuellen Erscheinungsbild der Dinge, dennoch in uns manifest durch eines seiner untergeordneten Prinzipien, in dem es verborgen ist, durch das es entdeckt und in der Aktion des Universums erlangt werden muß.

Dieser Begriff ist etwas in uns, das wir manchmal in besonderem Sinn die Seele nennen, also das psychische Prinzip, das nicht Leben oder Mental, noch weniger Körper ist, das vielmehr in sich die Wesenheit von ihnen allen enthält, die sich öffnet und zu ihrem eigenen besonderen Entzücken am Selbst, zu Licht, Liebe, Freude, Schönheit und einer verfeinerten Reinheit des Wesens aufblüht. Tatsächlich gibt es aber in uns eine doppelte Seele, einen zweifachen psychischen Begriff, wie ja auch jedes andere kosmische Prinzip in uns doppelt ist. Wir haben ein zweifaches Mental: das Mental der Außenseite unseres in der Evolution zum Ausdruck gekommenen Ichs, die vordergründige, durch uns bei unserem Hervortreten aus der Materie geschaffene Mentalität, und ein anderes, subliminales Mental, das nicht behindert ist durch unser aktuelles mentales Leben und seine starren Einschränkungen, etwas Umfassendes, Mächtiges, Lichtvolles, das wahre mentale Wesen hinter jener vordergründigen Form mentaler Persönlichkeit, die wir irrig für uns selbst halten. Ebenso haben wir zwei Leben: ein äußeres, im physischen Körper involviertes, gebunden durch seine vergangene Evolution in der Materie, das lebt, geboren wurde und sterben wird, und das andere, jene subliminale Lebenskraft, die nicht eingezwängt ist in unsere engen Grenzen von physischer Geburt und Tod, sondern die unser wahres vitales Wesen hinter der Lebensform ist, die wir unwissend für unser wirkliches Dasein halten. Selbst in der Materie unseres Wesens ist diese Dualität: hinter unserem Körper haben wir ein subtileres Dasein, das die Substanz liefert nicht nur für unsere physischen, sondern auch für unsere vitalen und mentalen Umhüllungen und darum unsere wirkliche Substanz ist, die die physische Form erhält, die wir irrig für den ganzen Leib unseres Geistes halten. Ebenso haben wir in uns eine doppelte psychische Wesenheit: die Begehren-Seele im Vordergrund, die sich in unseren vitalen Sehnsüchten, unseren Gefühlen, in der ästhetischen Begabung und im mentalen Suchen nach Macht, Wissen und Glück auswirkt, und eine subliminale psychische Wesenheit, eine reine Macht von Licht, Liebe, Freude und verfeinerter Essenz des Wesens, die unsere wahre Seele hinter der äußeren Form psychischen Daseins ist, die wir oft mit diesem Namen ehren. Erst wenn ein Widerschein dieser umfassenderen, reineren psychischen Wesenheit an der Außenseite hervortritt, sagen wir von einem Menschen, er hat eine Seele. Wenn das in seinem äußeren psychischen Wesen fehlt, sagen wir von ihm, er habe keine Seele.

Die äußeren Formen unseres Wesens sind die unseres kleinen ichhaften Daseins. Die subliminalen sind die Gestaltungen unserer umfassenderen wahren Individualität. Sie sind darum jener verborgene Teil unseres Wesens, mit dem unsere Individualität unserer Universalität nahe ist, in Berührung, ständiger Beziehung und Austausch steht. Das subliminale Mental in uns ist offen für die allumfassende Erkenntnis des kosmischen Mentals, das subliminale Leben in uns für die allumfassende Kraft des kosmischen Lebens, die subliminale Körperlichkeit in uns für die allumfassende Kraft-Gestaltung kosmischer Materie. Die dicken Wände, die unser Mental, Leben und Körper von diesen Dingen trennen und die die Natur mit so großer Mühe, so unvollkommen und mit so vielen geschickt-plumpen physischen Maßnahmen zu durchbrechen hat, sind dort, im Subliminalen, nur ein dünnes Medium zugleich der Trennung und der Kommunikation. So ist auch die subliminale Seele in uns offen für die allumfassende Freude, die die kosmische Seele in ihrem eigenen und im Dasein von Myriaden sie repräsentierender Seelen sowie in den Betätigungen von Mental, Leben und Materie genießt, an die sich die Natur zu deren Spiel und Entwicklung hingibt. Vor dieser kosmischen Freude ist aber die Vordergrund-Seele durch die starken Ich-Wände ausgeschlossen. Sie haben gewiß Durchlässe für die Einwirkungen der göttlichen kosmischen Seligkeit, aber wenn diese durch sie zu uns kommen, verkümmern sie, werden sie entstellt oder müssen uns in der Maske ihrer Gegensätze erreichen.

Daraus ergibt sich, daß in dieser Vordergrund- oder Begehren-Seele kein wahres Seelen-Leben, sondern nur psychische Entstellung und falscher Empfang der Berührung durch die Dinge entsteht. Die Krankheit der Welt besteht darin, daß der Einzelne seine wahre Seele nicht finden kann, und die Ursache an der Wurzel dieser Krankheit ist wieder, daß er, wenn er die äußeren Dinge ganz umfassen will, mit der wirklichen Seele der Welt, in der er lebt, nicht in Verbindung kommen kann. Er sucht dort das Wesentliche des Wesens, die wahre Essenz der Macht, des bewußten Seins, der Seligkeit. Er empfängt statt dessen eine Masse widersprüchlicher Kontakte und Eindrücke. Wenn er die Essenz finden könnte, würde er auch das eine allumfassende Wesen, die eine universale Macht, das eine bewußte Sein und die eine Seligkeit selbst in diesem Getümmel der Einwirkungen und Eindrücke finden. Die Widersprüche in dem, was äußere Erscheinungen sind, würden in der Einheit und Harmonie der Wahrheit, die in diesen Kontakten auf uns einwirkt, ausgesöhnt. Zugleich würde er seine wahre Seele und durch diese sein Selbst entdecken, denn die wahre Seele ist der Delegierte seines Selbsts, und sein Selbst und das Selbst der Welt sind eines. Das bringt der Mensch aber nicht fertig wegen der ichhaften Unwissenheit im Mental des Denkens, im Herz der Gefühle und in den Sinnen. Diese reagieren auf die Einwirkung der Dinge nicht mit mutiger, warmherziger Umarmung der Welt, sondern mit dem ständigen Hin und Her von Zufassen und Zurückschrecken, vorsichtigen Annäherungen oder eifrigem Vorwärtsstürmen, verdrossenem, unzufriedenem, panischem oder ärgerlichem Zurückweichen, je nachdem der Kontakt in ihm Freude oder Mißfallen, Wohlbefinden oder Warnungen, Zufriedenheit oder Unzufriedenheit hervorruft. Es ist die Begehren-Seele, die durch ihren falschen Empfang des Lebens die Ursache für eine dreifache Mißdeutung von rasa, der den Dingen innewohnenden Seligkeit, gelangt, so daß diese, statt die reine wesenhafte Freude des Seienden darzustellen, unausgeglichen in den drei Begriffen von Lust, Schmerz und Gleichgültigkeit zu uns kommt.

Als wir die Seins-Seligkeit in ihren Beziehungen zur Welt betrachteten, sahen wir, daß es in unseren Maßstäben von Lust, Schmerz und Gleichgültigkeit keine Unbedingtheit oder wesenhafte Geltung gibt, daß sie völlig durch die Subjektivität des empfangenden Bewußtseins bestimmt sind und daß der Grad beider, Lust und Schmerz, bis zu einem Maximum erhöht, bis zu einem Minimum herabgedrückt oder sogar in seiner Sichtbarkeit völlig ausgelöscht werden kann. Lust kann zu Schmerz, Schmerz zu Lust werden, weil sie ihrer geheimen Wirklichkeit nach dasselbe sind, nur unterschiedlich wiedergegeben in Empfindungen und Gefühlen. Gleichgültigkeit ist entweder die Unaufmerksamkeit der vordergründigen Begehren-Seele in ihrem Mental, ihren Empfindungen, Gefühlen und Sehnsüchten gegenüber dem rasa der Dinge, oder die Unfähigkeit, es zu empfangen und darauf zu antworten, oder die Ablehnung, überhaupt eine äußere Reaktion zu zeigen, oder auch ihre Tendenz, Lust oder Schmerz durch den Willen in die neutrale Färbung von Unerwünschtheit zu verdrängen oder herabzudrücken. In all diesen Fällen kommt es dazu, daß man das, was stets subliminal aktiv ist, entweder positiv zurückweist oder in negativer Weise unwillig oder unfähig ist, es wiederzugeben oder irgendwie positiv an der Oberfläche zu repräsentieren.

Genauso wie wir durch psychologische Beobachtung und Experimente wissen, daß das subliminale Mental all diese Berührungen der Dinge, die das Oberflächen-Mental ignoriert, aufnimmt und im Gedächtnis behält, so finden wir, daß die subliminale Seele auch auf das rasa antwortet, auf die Essenz in einer Erfahrung dieser Dinge, die die Begehren-Seele der Außenseite entweder mit Abscheu oder Verweigerung zurückweist oder durch neutrales Nicht-Annehmen ignoriert. Eine Erkenntnis des Selbsts ist unmöglich, wenn wir nicht hinter unser vordergründiges Dasein zurücktreten, da es nur das Ergebnis ausgewählter äußerer Erfahrungen ist, ein unvollkommenes Brett zur Schalldämpfung oder die abstoßende, inkompetente und fragmentarische Übertragung eines geringfügigen Teils aus dem Vielen, das wir sind, – es sei denn, wir gehen dahinter zurück, senken unser Lot hinab in das Unterbewußte und öffnen uns für das Überbewußte, damit wir ihre Beziehung zu unserem vordergründigen Wesen erkennen. Denn zwischen diesen drei Dingen bewegt sich unser Dasein, es findet in ihnen seine Totalität. Das Überbewußte in uns ist eins mit dem Selbst und der Seele der Welt. Es wird von keiner Unterschiedlichkeit äußerer Erscheinungen beherrscht. Darum besitzt es die Wahrheit der Dinge und ihre Seligkeit in ganzer Fülle. Das Unterbewußte,11 das man im lichtvollen Höhepunkt seiner selbst das Subliminale nennt, ist im Gegensatz dazu nicht wahrer Besitzer der Erfahrung, sondern ihr Instrument. Es ist praktisch nicht eins mit der Seele und dem Selbst der Welt, aber es ist für sie durch seine Welt-Erfahrung offen. Die subliminale Seele ist sich im Innern des rasa der Dinge bewußt und findet gleichmäßig Entzücken an allen Kontakten. Sie ist auch der Werte und Maßstäbe der vordergründigen Begehren-Seele inne und empfängt an ihrer Außenseite entsprechende Einwirkungen von Lust, Schmerz und Gleichgültigkeit, hat jedoch gleichmäßig Freude an allen. Mit anderen Worten: unsere wahre Seele im Innern findet Freude an all ihren Erfahrungen, gewinnt aus ihnen Stärke, Lust und Erkenntnis, wächst durch sie in ihrem Bestand an Leben und in ihrer Fülle. Diese wahre Seele in uns zwingt das zurückschreckende Mental des Begehrens, das zu ertragen, was für es schmerzvoll ist, es sogar zu suchen und Lust daran zu finden, sowie das zurückzuweisen, was für es lustvoll ist, oder dessen Werte zu ändern oder sogar umzukehren, Dinge in Indifferenz zum Ausgleich zu bringen oder sie in Freude gleichmütig hinzunehmen, in der Lust an der Unterschiedlichkeit des Daseins. Das tut sie, weil sie durch das Allumfassende gezwungen ist, durch alle Arten von Erfahrung sich zu entwickeln, um an Natur zu wachsen. Würden wir andererseits nur aus der vordergründigen Begehren-Seele leben, könnten wir uns nicht verändern und ebensowenig fortentwickeln wie Pflanze und Stein, in deren Unbeweglichkeit oder Routine-Dasein – weil Leben dort noch nicht an der Oberfläche bewußt geworden ist – die geheime Seele der Dinge noch kein Instrument besitzt, durch das sie das Leben aus seiner festgelegten engen Skala retten kann, in die es geboren ist. Würde man die Begehren-Seele sich selbst überlassen, sie würde immer und ewig in denselben Bahnen kreisen.

Nach Ansicht alter Philosophien sind Lust und Schmerz ebenso untrennbar wie intellektuelle Wahrheit und Unwahrheit, Macht und Ohnmacht, Geburt und Tod. Darum sei der einzig mögliche Ausweg ihnen gegenüber die totale Indifferenz, eine leere Reaktion auf die Aufregungen durch das Welt-Selbst. Eine verfeinerte psychologische Erkenntnis zeigt uns aber, daß diese nur auf oberflächliche Tatsachen des Daseins gegründete Anschauung die Möglichkeiten des Problems nicht wirklich erschöpft. Wenn man die wahre Seele in den Vordergrund bringt, kann man die vom Ich bedingten Maßstäbe von Lust und Schmerz durch eine ausgeglichene allumfassende personal-apersonale Seligkeit ersetzen. Das tut der Liebhaber der Natur, wenn er an allen Dingen der Natur allgemein Freude empfindet, ohne in sich Abscheu, Furcht oder nur das bloße Gefallen und Mißfallen zuzulassen, weil er in allem, was anderen als gewöhnlich und bedeutungslos, als roh und wild, schrecklich und abstoßend erscheint, Schönheit wahrnimmt. Das tut auch der Künstler und der Dichter, wenn sie das rasa des Allumfassenden aus dem ästhetischen Gefühl, der körperlichen Linie oder mentalen Form von Schönheit erfahren oder es aus dem inneren Sinn und der Macht sowohl dessen erleben, von dem sich der gewöhnliche Mensch abwendet, wie von dem, woran er mit einem Empfinden von Lust hängt. Auf ihre Art tun das alle: der nach Erkenntnis Suchende, der Gott-Liebende, der den Gegenstand seiner Liebe überall findet, der Spirituelle, der Intellektuelle, der Empfindsame, der Ästhet; alle tun das und müssen das tun, wenn sie allumfassend die Erkenntnis, Schönheit, Freude oder die Gottheit finden wollen, die sie suchen. Nur in jenen Schichten, in denen das kleine Ich meist zu stark für uns ist, nur in unserem emotionalen oder physischen Frohsein und Leiden, in Lust und Schmerz des Lebens, vor denen die Begehren-Seele in uns so äußerst schwächlich und feige ist, wird die Anwendung des göttlichen Prinzips besonders schwierig, erscheint sie vielen unmöglich oder gar als ungeheuerlich und abstoßend. Hier schreckt die Unwissenheit des Ichs vor dem Prinzip der Apersonalität zurück, das sie doch ohne zu große Schwierigkeit in Wissenschaft und Kunst und sogar bei einer gewissen Art unvollkommenen spirituellen Lebens anwendet, weil dort das Gesetz der Apersonalität nicht das von der vordergründigen Seele bevorzugte Begehren und auch nicht die vom vordergründigen Mental festgelegten Werte des Begehrens angreift, an denen unser äußeres Leben vital interessiert ist. In den freieren und höheren Bewegungen werden von uns ein festgelegter höher entwickelter Gleichmut und Apersonalität gefordert, die einem bestimmten Bereich des Bewußtseins und seiner Aktivität eigentümlich sind, während die egoistische Basis unseres praktischen Lebens uns überlassen bleibt. In den niedrigeren Bewegungen muß die Grundlage unseres Lebens umgewandelt werden, um für die Apersonalität Raum zu schaffen; das findet aber die Begehren-Seele unmöglich.

Die in uns verborgene wahre Seele – wir nannten sie subliminal, aber dieses Wort ist irreführend, denn diese psychische Erscheinung findet sich nicht unterhalb der Schwelle des wachen Mentals, sie strahlt vielmehr im Tempel tief innen im Herzen hinter dem dichten Vorhang eines unwissenden Mentals, Lebens und Körpers, also nicht subliminal, sondern hinter dem Vorhang –, diese verschleierte psychische Wesenheit ist die stets in uns brennende Flamme der Gottheit, die auch nicht durch jene dichte Unbewußtheit, die nichts von einem inneren spirituellen Selbst weiß, ausgelöscht werden kann, durch die unsere äußere Natur verdunkelt wird. Sie ist eine aus dem Göttlichen Wesen geborene Flamme, die als lichtvoller Bewohner der Unwissenheit in dieser so lange wächst, bis er sie in Wissen verwandeln kann. Sie ist der verborgene Zeuge, die Aufsicht, der geheime Lenker, der Dämon des Sokrates, das Innere Licht oder die Innere Stimme des Mystikers. Dieses psychische Wesen überdauert uns unzerstörbar von Geburt zu Geburt, unberührt durch Tod, Verfall oder Verderben, ein unauslöschlicher Funke Göttlichen Wesens. Es ist zwar nicht das ungeborene Selbst, atman. Denn das Selbst, wenn es auch über dem Dasein des Einzelnen waltet, ist immer seiner Universalität und Transzendenz bewußt. Es ist jedoch sein Stellvertreter in den Gestaltungen der Natur, die individuelle Seele, caitya purusha, die Mental, Leben und Körper trägt und erhält, die hinter dem mentalen, vitalen, subtil-physischen Wesen in uns steht, ihre Entwicklung und Erfahrung beobachtet und daraus Nutzen zieht. Die anderen Person-Mächte im Menschen, diese Wesen aus seinem Wesen, sind in ihrer wahren Seinsgestalt auch verschleiert, stellen aber zeitweilige Personalitäten heraus, die zusammen unsere äußere Individualität bilden, von deren kombinierter vordergründiger Aktivität und Status-Erscheinung wir sagen: das sind wir selbst. Auch diese innerste Wesenheit, die als die psychische Person in uns Gestalt annimmt, stellt eine psychische Personalität heraus, die sich wandelt, die wächst und sich von Leben zu Leben fortentwickelt. Das ist der Wanderer zwischen Geburt und Tod und zwischen Tod und Geburt. Unsere äußeren Schichten sind nur sein vielfältiges, wechselhaftes Gewand. Anfangs kann das psychische Wesen nur im Verborgenen, partiell, mittelbar durch Mental, Vital und Körper wirken, da gerade diese Teile der Natur als Instrumente zum Ausdruck seines Selbsts erst entwickelt werden müssen, und es ist lange Zeit durch ihre Evolution eingeschränkt. Da es seine Mission ist, den Menschen in der Unwissenheit zum Licht Göttlichen Bewußtseins zu führen, verwendet es die Essenz aller Erfahrung in der Unwissenheit, um einen Grundstock für das Seelen-Wachstum in der Natur zu bilden. Das übrige verwandelt es in Material für die künftige Entwicklung der Werkzeuge, die es verwenden muß, bis sie als lichtvolle Instrumentation dem Göttlichen Wesen dienen können. Diese verborgene psychische Wesenheit ist das wahre ursprüngliche Gewissen in uns, tiefer als das konstruierte konventionelle Gewissen des Moralisten, denn dieses allein weist stets hin auf Wahrheit, Recht und Schönheit, auf Liebe und Harmonie, auf alles, was göttliche Möglichkeit in uns ist. Es wirkt fort, bis uns diese Dinge zum natürlichen Hauptbedürfnis werden. Die psychische Personalität blüht in uns auf als der Heilige, der Weise, der Seher. Wenn sie ihre stärkste Entfaltung erreicht, wendet sie das Wesen der Erkenntnis des Selbsts und des Göttlichen Wesens zu, der höchsten Wahrheit, dem erhabenen Guten, der äußersten Schönheit, Liebe und Wonne, den göttlichen Höhen und Weiten. Sie öffnet uns für die unmittelbare Erfahrung spiritueller Sympathie, Universalität, Einheit. Wo aber umgekehrt die psychische Personalität schwach, primitiv oder fehlentwickelt ist, fehlen die feineren Wesensseiten und Regungen in uns oder sind dürftig an Charakter und Macht, selbst wenn das Mental kraftvoll und brillant, das Herz vitaler Emotionen fest, stark und meisterhaft, die Lebenskraft dominierend und erfolgreich, die körperliche Existenz reich, von Glück begünstigt und scheinbar Herr und Sieger ist. Dann regiert die äußere Begehren-Seele, die pseudo-psychische Wesenheit, und wir halten ihre Fehlinterpretationen einer psychischen Anregung und Strebung, ihre Ideen und Ideale, ihr Begehren und Sehnen fälschlich für wahren Seelen-Stoff und Reichtum spiritueller Erfahrung.12 Wenn die verborgene psychische Person ganz hervortreten und, indem sie die Begehren-Seele ersetzt, offen und vollständig, nicht nur partiell und aus dem Bereich hinter dem Vorhang, die äußere Seite von Mental, Vital und Körper regieren kann, können diese in Seelen-Ebenbilder dessen umgeprägt werden, was wahr, recht und schön ist. Schließlich kann die gesamte Natur des Menschen dem wahren Ziel des Lebens, dem erhabenen Sieg, dem Aufstieg in ein spirituelles Dasein zugewendet werden.

Indem wir diese psychische Wesenheit, diese wahre Seele in uns, in den Vordergrund bringen und ihr hier die Führung und Herrschaft übertragen, könnte es so aussehen, als ob wir dadurch die Erfüllung unseres natürlichen Wesens, nach der wir suchen, gewinnen und auch die Pforten vom Reich des Geistes öffnen können. Man könnte daraus schließen, daß dann kein höheres Wahrheits-Bewußtsein oder Supramental-Prinzip zu unserer Hilfe eingreifen müßte, damit wir den göttlichen Status oder die göttliche Vollkommenheit erlangen. Ist auch die psychische Transformation eine der notwendigen Voraussetzungen für eine vollständige Umwandlung unseres Daseins, so ist sie doch nicht alles, was für die umfassendste spirituelle Wandlung notwendig ist. Die individuelle Seele kann sich zwar anfänglich in der Natur für die verborgenen göttlichen Bereiche unseres Wesens öffnen und deren Licht, Macht und Erfahrung empfangen und reflektieren. Dann ist aber für uns spirituelle Transformation von oben nötig, damit wir unser Selbst in seiner Universalität und Transzendenz besitzen können. Das psychische Wesen könnte auf einer gewissen Stufe damit zufrieden sein, daß es aus eigener Kraft eine Gestaltung des Wahren, Guten und Schönen erschafft und dort zunächst stehen bleibt. Auf einer weiteren Stufe könnte es sich passiv dem Welt-Selbst als ein Spiegel des universalen Seins, Bewußtseins, seiner Macht und Seligkeit unterordnen, würde aber nicht voll an ihnen teilnehmen und sie besitzen. Wenn es auch in Erkenntnis, Gefühl und sogar unter Billigung der Sinne enger und begeisternder mit dem kosmischen Bewußtsein vereinigt wäre, würde es nur empfangend und passiv weit entfernt bleiben von Meisterschaft und Wirken in der Welt. Oder es könnte eins werden mit dem statischen Selbst hinter dem Kosmos, wäre aber innerlich getrennt von der Welt-Bewegung, würde seine Individualität an seinen Ursprung verlieren, könnte zu diesem Ursprung zurückkehren und hätte weder den Willen noch die Macht für das, was hier seine endgültige Mission ist: auch die Natur zur göttlichen Verwirklichung hinzuführen. Denn das psychische Wesen kam aus dem Selbst, dem Göttlichen Wesen, in die Natur und kann aus der Natur zum schweigenden Göttlichen Wesen durch das Schweigen des Selbsts und eine erhabene spirituelle Bewegungslosigkeit zurückkehren. Ferner ist, als ewiger Anteil am Göttlichen Wesen (Gita, XV. 7.) dieser Teil durch das Gesetz des Unendlichen unabtrennbar von seinem Göttlichen Ganzen; dieser Teil ist tatsächlich selbst das Ganze, abgesehen von seiner vordergründigen Erscheinung und seiner vordergründigen absondernden Selbst-Erfahrung. Er könnte also zu dieser Wirklichkeit erwachen und sich bis zur scheinbaren Vernichtung in sie hineinstürzen, zumindest das individuelle Dasein mit ihr verschmelzen. Als kleiner Kern hier in der Masse unserer unwissenden Natur – nach der Beschreibung der Upanishad nicht größer als eines Menschen Daumen – kann es sich durch das Einströmen des Geistes ausweiten und die ganze Welt mit Herz und Mental in intimer Gemeinschaft oder Einung umfassen. Es mag auch seines ewigen Gefährten und Freundes innewerden und vorziehen, für immer in Seiner Gegenwart, als der ewig Liebende mit dem ewig Geliebten, in unvergänglicher Eintracht und im Einssein zu leben. An Schönheit und Entzücken ist das die intensivste aller spirituellen Erfahrungen. All das sind große herrliche Gewinne unseres spirituellen Selbst-Findens. Sie sind aber nicht notwendig das letzte Ziel und die erhabene Höhe: mehr ist möglich.

Denn das sind alles nur Errungenschaften des spirituellen Mentals im Menschen. Es sind Bewegungen des Mentals, wenn es, immer noch auf eigener Ebene, in die Herrlichkeiten des Geistes über sich hinausgeht. Selbst auf seinen höchsten Stufen weit jenseits unserer gegenwärtigen Mentalität handelt das Mental immer noch seiner Art nach durch Zerteilung, nimmt es die Aspekte des Ewigen und behandelt jeden Aspekt, als ob er die ganze Wahrheit des Ewigen Wesens wäre, und kann in jedem seine vollkommene Erfüllung finden. Es hebt sie sogar zu Gegensätzen empor und erschafft eine ganze Reihe solcher Gegensätze: das Schweigen des Göttlichen Wesens und die Entfaltung der göttlichen Kraft; das unbewegliche brahman, unerreichbar fern allem Dasein, ohne Eigenschaften, und den aktiven brahman im Besitz aller Eigenschaften, Herr des Seins, Wesens und Werdens; die Göttliche Person und das apersonale reine Sein. Es kann sich dann von dem einen lostrennen und sich in das andere stürzen als in die einzig bleibende Wahrheit des Seins. So kann es die Person als die einzige Wirklichkeit ansehen oder das Apersonale als allein wahr. Es kann den Liebenden als die einzige Art verstehen, wie ewig Liebe sich ausdrückt, oder Liebe als einzigen Selbst-Ausdruck des Liebenden. Es kann Wesen als rein persönliche Mächte apersonalen Seins sehen oder ein apersonales Sein als nur einen Zustand des einen Wesens, als die Unendliche Person. Diesen trennenden Linien wird sein spiritueller Gewinn, sein Zugangsweg zum höchsten Ziel entsprechen. Aber jenseits dieser Bewegung des spirituellen Mentals liegt die höhere Erfahrung des supramentalen Wahrheits-Bewußtseins. Dort verschwinden diese Gegensätze. Die parteiischen Auffassungen werden in der reichen Totalität höchster, integraler Realisation ewigen Wesens aufgehoben. Das ist das Ziel, das wir ins Auge gefaßt haben, die Gipfelhöhe unseres Daseins hier, erreicht durch einen Aufstieg zum supramentalen Wahrheits-Bewußtsein und durch dessen Abstieg in unsere Natur. Wenn sich also die psychische Transformation zur spirituellen Wandlung erhoben hat, muß sie vollendet, integriert, übertroffen und emporgehoben werden durch eine supramentale Transformation, die sie bis zum Gipfel des mühevollen Aufstiegs emporträgt.

Allein supramentale Bewußtseins-Energie könnte, ebenso wie zwischen den anderen zerteilten und entgegengesetzten Begriffen des manifestierten Seins, auch zwischen diesen beiden Begriffen von Geist-Status und Welt-Dynamik in unserem verkörperten Dasein, die offensichtlich nur wegen der Unwissenheit gegensätzlich sind, vollkommene Harmonie schaffen. In der Unwissenheit zentriert Natur die Ordnung ihrer psychischen Bewegungen nicht um das verborgene spirituelle Selbst, sondern um seinen Ersatz, um das Ich-Prinzip: Eine gewisse Zentrierung im Ich ist die Grundlage, auf der wir unsere Erfahrungen und Beziehungen zusammenfügen inmitten der komplexen Kontakte, Widersprüche, Dualitäten, Zusammenhanglosigkeiten der Welt, in der wir leben. Diese Zentrierung im Ich ist unser sicherer Fels gegen das Anbranden des Kosmischen und des Unendlichen, unsere Verteidigung. Bei der spirituellen Umwandlung müssen wir aber diese Verteidigung aufgeben. Das Ich muß verschwinden. Die Person findet sich aufgelöst in unendliche Apersonalität. In dieser Apersonalität gibt es zunächst keinen Schlüssel, keinen Hinweis auf eine geordnete Dynamik des Handelns. Ein sehr gewöhnliches Ergebnis ist, daß wir in zwei Teile unseres Wesens zerfallen: den spirituellen innen und den natürlichen außen. In dem einen gibt es die göttliche Realisation, auf eine vollkommene innere Freiheit gegründet, aber der natürliche Teil fährt noch mit dem alten Wirken der Natur fort und setzt ihren schon übertragenen Impuls durch mechanische Bewegung vergangener Energien fort. Gerade wenn es zu völliger Auflösung der begrenzten Person und der alten egozentrischen Ordnung kommt, kann die äußere Natur zum Feld scheinbar nicht-koordinierter Vorgänge werden, obwohl im Innern alles vom Selbst erleuchtet ist. Nach außen werden wir dadurch träge und inaktiv, nur Umstände oder Kräfte bewegen uns, nicht wir uns selbst, jadavat, auch wenn das Bewußtsein im Innern erleuchtet ist. Oder wir sind wie ein Kind, obwohl wir im Innern reiche Selbst-Erkenntnis haben, balavat. Oder wir sind wie jemand, der in Denken und Impuls inkonsequent ist, wenn auch im Innern äußerste Stille und frohe Gelassenheit herrschen, unmattavat. Oder die Seele äußert sich wild und ungeordnet, obwohl in ihrem Innern die Reinheit und Ausgeglichenheit des Geistes waltet, pisacavat. Gibt es in der vordergründigen Natur eine geordnete Dynamik, mag es eine Fortsetzung der oberflächlichen Ich-Aktion sein, die vom inneren Wesen nur beobachtet, nicht akzeptiert wird, oder eine mentale Dynamik, die nicht in der Lage ist, die innere spirituelle Realisation vollkommen auszudrücken, denn es gibt keine Gleichwertigkeit zwischen der Aktivität des Mentals und dem Status des Geistes. Selbst dort, wo uns im besten Fall ein intuitives inneres Licht führt, ist das, was es in der Dynamik des Handelns ausdrückt, durch die Unvollkommenheiten von Mental, Leben und Körper gekennzeichnet wie ein König mit unfähigen Ministern oder wie ein Wissen, das sich in den Werten der Unwissenheit ausdrückt. Nur die Herabkunft des Supramentals mit seiner vollkommenen Einheit von Wahrheits-Wissen und Wahrheits-Willen kann in unserer äußeren wie inneren Existenz die Harmonie des Geistes herstellen. Es allein kann die Werte der Unwissenheit völlig in Werte des Wissens verwandeln. Zur Erfüllung unseres psychischen Wesens ist es wie bei der Vollendung unserer mentalen und vitalen Schichten unentbehrlich, es mit seinem göttlichen Ursprung, mit der ihm entsprechenden Wahrheit in der Höchsten Wirklichkeit in Beziehung zu bringen. Hier wie dort kann das nur durch die Macht des Supramentals mit integraler Vollständigkeit und einer Innigkeit getan werden, die zur authentischen Identität wird. Das Supramental ist es, das die höhere Hemisphäre mit der niederen des Einen Seins verbindet. Im Supramental ist das integrierende Licht, die überhöhende Kraft, der weite Eingang in das erhabene ananda. Das von diesem Licht und dieser Kraft emporgehobene psychische Wesen kann sich mit der ursprünglichen Seins-Seligkeit einen, aus der es kam. Es kann die Dualitäten von Schmerz und Lust überwinden, Mental, Vital und Körper von Furcht und Schaudern ganz befreien und die Seinsbeziehungen in der Welt in Begriffe des Göttlichen ananda umprägen.

Kapitel XXIV. Materie

Er kam zu der Erkenntnis: Materie ist brahman.

Taittiriya Upanishad, III. 2.

Wir haben nun die rationale Gewißheit gewonnen: Leben ist weder ein unerklärlicher Traum noch ein unmögliches Übel, das dennoch zur schmerzvollen Tatsache geworden ist, sondern ein mächtiger Pulsschlag göttlichen All-Seins. Wir erkennen etwas von seiner Grundlage und seinem Prinzip. Wir schauen aufwärts zu seinen hohen Möglichkeiten und seinem erhabenen göttlichen Aufblühen. Nun gibt es aber das eine Prinzip unterhalb all der anderen, das wir noch nicht genügend betrachtet haben: das Prinzip der Materie, auf dem das Leben wie auf einem Sockel steht oder aus dem es sich wie die Gestalt eines vielästigen Baumes aus der Schale des Kerns entwickelt hat. Des Menschen Mental, Leben und Körper hängen von diesem physischen Prinzip ab. Wenn das Aufblühen des Lebens dadurch entsteht, daß das Bewußtsein als Mental aus ihm hervortritt, sich ausdehnt und im Suchen nach seiner eigenen Wahrheit in die Weite des supramentalen Seins erhebt, so scheint es doch auch durch diese Schale von Körper und durch dieses Fundament von Materie bedingt zu sein. Die Bedeutung des Körpers ist offensichtlich. Der Mensch ist nur deshalb über das Tier emporgekommen, weil er einen Körper und ein Gehirn entwickelt oder empfangen hat, die fortschreitende mentale Erleuchtung aufnehmen und sich ihrer bedienen können. So wird er auch nur dadurch über sich selbst hinauswachsen und nicht nur im Denken und im inneren Wesen, sondern im Leben ein vollkommenes göttliches Menschentum verwirklichen, wenn er einen Körper oder zumindest ein tätiges physisches Instrument entwickelt, das fähig ist, eine noch höhere Erleuchtung zu empfangen und ihr zu dienen. Sonst wird entweder das Versprechen des Lebens aufgehoben, seine Bedeutung annulliert, so daß das irdische Wesen saccidananda nur realisieren kann, indem es sich selbst vernichtet, indem es Mental, Vital und Körper von sich abschüttelt und in das reine Unendliche zurückkehrt. Oder der Mensch ist nicht das göttliche Instrument, es gibt eine vorausbestimmte unüberschreitbare Grenze zu jener bewußt progressiven Macht, die ihn von allen anderen Erdenwesen unterscheidet. Und wie er jene entthront hat, so muß schließlich er durch ein anderes ersetzt werden, das sein Erbe antritt.

Es sieht wirklich so aus, als sei der Körper von Anfang an die große Schwierigkeit für die Seele, ihr ständiger Hemmschuh und Stein des Anstoßes. Darum hat der eifrige Sucher nach spiritueller Erfüllung seinen Bannstrahl gegen den Körper geschleudert. Seine Abscheu vor der Welt wählt vor allen anderen dieses Welt-Prinzip als besonderen Gegenstand der Verachtung. Der Körper ist ihm die düstere Last, die er nicht tragen kann. Seine widerspenstige materielle Grobheit wird für ihn zur Besessenheit, die ihn zum Leben des Asketen treibt, damit er von ihm befreit wird. Um ganz davon loszukommen, ist er soweit gegangen, die Wirklichkeit des materiellen Universums zu leugnen. Die meisten Religionen haben die Materie mit ihrem Fluch belegt und aus der Zurückweisung des physischen Lebens oder dem resignierten zeitlichen Ertragen des Lebens den Beweis für religiöse Wahrheit und Spiritualität gemacht. Die älteren Glaubensrichtungen zerteilten jedoch nicht so rigoros, sie waren geduldiger, grübelten tiefer und waren noch nicht berührt von der Qual der Seele und ihrer fiebernden Ungeduld unter der Last des Eisernen Zeitalters. Sie erkannten Erde als die Mutter und Himmel als den Vater an und erwiesen beiden in gleicher Weise ihre Liebe und Verehrung. Aber ihre alten Mysterien sind für unseren Blick dunkel und unergründlich, da wir, ob unsere Weltanschauung materialistisch oder spirituell ist, uns damit zufriedengeben, den Gordischen Knoten des Seins-Problems mit einem einzigen Hieb zu durchschneiden und die Flucht in ewige Seligkeit oder ein Ende in ewiger Vernichtung oder ewiger Stille zu akzeptieren.

In Wirklichkeit fängt dieser Streit nicht erst dann an, wenn wir zur Erkenntnis unserer spirituellen Möglichkeiten erwachen. Er beginnt schon dann, wenn das Leben selbst erscheint und darum kämpft, seine Aktivitäten und seine dauernden Zusammenschlüsse lebendiger Form gegen die Kraft der Trägheit, gegen die Kraft der Unbewußtheit, gegen die Kraft der atomaren Auflösung dieser Aggregate zu führen, die im materiellen Prinzip der Kern der großen Verneinung ist. Leben liegt in ständigem Krieg mit Materie. Die Schlacht scheint stets in der sichtbaren Niederlage des Lebens zu enden und in jenem Zusammenbruch bis hinab zu dem materiellen Prinzip, das wir Tod nennen. Mit dem Erscheinen des Mentals vertieft sich die Gegensätzlichkeit, denn das Mental hat seinen eigenen Streit mit Leben und Materie. Es ist in ständigem Kampf gegen ihre Beschränkungen, in ständiger Unterwerfung unter die Trägheit und Grobheit des einen und die Leidenschaften und Leiden des anderen, in dauernder Revolte gegen beide. Schließlich scheint – obwohl nicht ganz sicher – der Kampf für das Mental in einem teilweisen, teuer erkauften Sieg zu enden, bei dem es die vitalen Sehnsüchte besiegt, unterdrückt oder sogar ausrottet, die physische Kraft verkrüppelt, und das Gleichgewicht des Körpers im Interesse einer größeren mentalen Aktivität und eines höheren moralischen Wesens stört. In diesem Widerstreit entsteht seine Ungeduld gegenüber dem Leben, die Abscheu vor dem Körper und das Zurückweichen aus beiden in ein rein mentales und moralisches Dasein. Wenn der Mensch zu einem Dasein jenseits des Mentals erwacht, weitet er dieses Prinzip der Zwietracht noch mehr aus. Mental, Körper und Leben werden von ihm als die Trinität der Welt, als das Fleisch, als der Teufel verdammt. Aber auch das Mental wird als Ursprung all unserer Krankheit mit Bann belegt. Es wird Krieg erklärt zwischen dem Geist und seinen Werkzeugen. Den Sieg des spirituellen Bewohners sucht man darin, daß dieser aus seinem engen Haus entflieht, Mental, Leben und Körper zurückweist und sich in die eigenen Unendlichkeiten zurückzieht. Die Welt sei Zwietracht, wir würden ihre Verworrenheit am besten dadurch lösen, daß wir das Prinzip der Zwietracht selbst bis zu seiner äußersten Möglichkeit austragen, indem wir es wegschneiden und uns endgültig von ihm trennen.

Diese Niederlagen und Siege sind aber nur scheinbar, diese Lösung ist keine wirkliche Lösung des Problems, sondern Flucht vor ihm. Leben wird von Materie nicht wirklich besiegt, es schließt einen Kompromiß, indem es den Tod zur Fortsetzung des Lebens verwendet. Das Mental ist nicht wirklich siegreich gegenüber Leben und Materie, sondern hat bisher nur eine unvollkommene Entwicklung einiger seiner Potentialitäten auf Kosten anderer erreicht, die eng verbunden sind mit den unverwirklichten oder verworfenen Möglichkeiten seiner besseren Verwendung von Leben und Körper. Die individuelle Seele hat die niedere Dreifaltigkeit nicht besiegt, sondern nur deren Anspruch zurückgewiesen und ist dann aus dem Werk geflohen, das der Geist unternahm, als er sich am Anfang in der Form des Universums ausprägte. Das Problem dauert fort, weil die Arbeit des Göttlichen Wesens im Universum weitergeht, wenn sie auch bisher keine befriedigende Lösung des Problems oder eine irgendwie siegreiche Vollendung der Arbeit erreichte. Nun haben wir aber den Standpunkt eingenommen, daß saccidananda Anfang, Mitte und Ende ist. Kampf und Zwietracht können keine ewigen und fundamentalen Prinzipien in Seinem Wesen sein. Vielmehr erfordert gerade ihre Existenz unser Mühen um vollkommene Lösung und vollständigen Sieg. Deshalb sollen wir diese Lösung als wirklichen Sieg des Lebens über die Materie dadurch suchen, daß das Leben frei und vollkommen über den Körper verfügt; den wirklichen Sieg des Mentals über Leben und Materie dadurch, daß das Mental die Lebens-Kraft und Lebens-Form frei und vollkommen gebraucht; einen wirklichen Sieg des Geistes über die Dreifaltigkeit dadurch, daß der bewußte Geist Mental, Leben und Körper frei und vollkommen in Besitz nimmt. In der von uns erarbeiteten Anschauung kann allein diese letzte Eroberung die anderen möglich machen. Um zu erkennen, wie diese Siege überhaupt und vollauf möglich sein können, müssen wir in gleicher Weise die Wirklichkeit von Materie herausfinden, wie wir die Wirklichkeit von Mental, Seele und Leben entdeckt haben, als wir nach der grundlegenden Erkenntnis suchten.

In gewissem Sinn ist Materie unwirklich und nicht-seiend. Das heißt, unsere gegenwärtige Erkenntnis, Vorstellung und Erfahrung von Materie ist nicht ihre Wahrheit, sondern nur ein Phänomen besonderer Beziehung zwischen unseren Sinnen und dem All-Sein, in dem wir uns bewegen. Wenn die Naturwissenschaft entdeckt, daß Materie sich in Formen von Energie auflöst, hat sie eine universale und fundamentale Wahrheit gefunden. Und wenn die Philosophie feststellt, daß Materie dem Bewußtsein gegenüber nur als stoffliche Erscheinung existiert, während die einzige Wirklichkeit Geist oder reines bewußtes Wesen ist, hat sie eine noch größere, vollständigere und fundamentalere Wahrheit erfaßt. Doch bleibt noch die Frage, warum Energie diese Form von Materie und nicht die von bloßen Kraft-Strömungen annimmt oder warum das, was wirklich Geist ist, das Phänomen von Materie überhaupt zuläßt und nicht in Zuständen, Willensformen und Freuden des Geistes verbleibt. Darauf antwortet man: das sei das Wirken des Mentals, oder es sei das Werk der Sinne, da offenbar Denken nicht unmittelbar erschafft oder auch die materielle Form der Dinge nicht direkt wahrnimmt. Das Sinnen-Mental erschaffe die Formen, die es wahrzunehmen scheint, und das Denk-Mental arbeite an den Formen, die ihm das Sinnen-Mental darreicht. Offensichtlich ist aber das individuell verkörperte Mental nicht der Schöpfer des Phänomens der Materie. Das Erd-Dasein kann nicht das Ergebnis des menschlichen Mentals sein, das selbst das Resultat des Erd-Daseins ist. Wenn wir sagen, die Welt existiert nur in unserem Mental, sprechen wir eine Nicht-Tatsache, eine Verwechslung aus. Die materielle Welt existierte, bevor ein Mensch auf der Erde war, und sie wird weiter existieren, falls der Mensch von der Erde verschwindet oder sogar unser individuelles Mental sich im Unendlichen auflösen sollte. Wir müssen also zu dem Schluß kommen: es gibt ein allumfassendes Mental.13 Dieses universale Mental, das für uns in der Form des Universums unterbewußt, in seinem Geist überbewußt ist, hat diese Form zu seiner Wohnung erschaffen. Da der Schöpfer seiner Schöpfung vorausgegangen und größer sein muß als diese, setzt dies tatsächlich ein überbewußtes Mental voraus, das durch die Mitwirkung eines universalen Sinnes in sich selbst die Beziehung von Form zu Form erschafft und den Rhythmus des materiellen Universums konstituiert. Aber auch das ist noch keine vollständige Lösung. Sie sagt uns, Materie sei eine Schöpfung des Bewußtseins. Sie erklärt aber nicht, wie Bewußtsein dazu kam, Materie als Basis für sein kosmisches Wirken zu erschaffen.

Das werden wir besser verstehen, wenn wir sofort zum ursprünglichen Prinzip der Dinge zurückgehen. Sein ist in seiner Aktivität eine Bewußte Kraft, die das Wirken ihrer Kraft ihrem Bewußtsein als Formen seines eigenen Wesens darbietet. Da Kraft nur die Aktion eines einzigen allein-existierenden Bewußten Wesens ist, können ihre Ergebnisse nicht anderes als Formen dieses Bewußten Wesens sein. Stofflichkeit oder Materie ist dann nur eine Form von Geist. Die Erscheinung, die diese Geist-Form unseren Sinnen gegenüber annimmt, rührt von jener zerteilenden Wirkensweise des Mentals her, aus der wir folgerichtig die gesamte Erscheinungsform des Universums ableiten konnten. Wir wissen jetzt, daß Leben ein Wirken von Bewußter Kraft ist, dessen Resultat materielle Formen sind. Das in diese Formen involvierte Leben, das in ihnen zuerst als eine ihrer nicht bewußte Kraft erscheint, tritt bei seiner Evolution daraus hervor und bringt als Mental wieder jenes Bewußtsein zur Manifestation, das das wirkliche Selbst der Kraft ist und nie in ihr zu existieren aufhörte, auch wenn es nicht manifest gewesen ist. Ebenso wissen wir, daß das Mental eine untergeordnete Macht des ursprünglichen bewußten Wissens oder des Supramentals ist, eine Macht, für die Leben als hilfreiche Energie wirkt. Durch das Supramental herabkommend, stellt sich nämlich Bewußtsein, chit, als Mental dar, die Kraft des Bewußtseins, tapas, als Leben. Durch Absonderung von seiner eigenen höheren Wirklichkeit im Supramental erweckt Leben den Anschein von Zerteilung und wird schließlich durch Involution in seine eigene Lebens-Kraft im Leben unterbewußt und nimmt so die äußere Erscheinung einer ihren materiellen Aktivitäten gegenüber nicht-bewußten Kraft an. Darum muß die Nicht-Bewußtheit, die Trägheit, die atomare Auflösung der Verbindungen der Materie ihren Grund in diesem all-zerteilenden und sich-selbst-involvierenden Wirken von Mental haben, durch das unser Universum ins Dasein gekommen ist. So wie das Mental nur eine letzte Aktion des Supramentals bei seiner Herabkunft in die Schöpfung ist und Leben eine Aktion der Bewußten Kraft, die in den durch die Herabkunft des Mentals geschaffenen Bedingungen der Unwissenheit wirkt, so ist auch Materie, wie wir sie kennen, nur die letzte Form, die vom Bewußt-Seienden als das Ergebnis dieses Wirkens angenommen wurde. Materie ist Stoff des einen Bewußten Wesens, das erscheinungsmäßig durch das Wirken eines universalen Mentals14 in sich selbst zerteilt ist. Diese Zerteilung wiederholt das individuelle Mental und verharrt darin. Das hebt aber die Einheit des Geistes oder die Einheit der Energie oder die wirkliche Einheit der Materie nicht auf und verringert sie in keiner Weise.

Warum gibt es aber diese Zerteilung eines unzerteilbaren Seins in der äußeren Erscheinung und Praxis? Weil das Mental das Prinzip der Vielfalt bis zur äußersten Möglichkeit durchzuführen hat, was nur durch Absonderung und Trennung geleistet werden kann. Dazu muß das Mental sich aus sich heraus in das Leben hinauswerfen, um Formen für das Vielfältige zu erschaffen. Es muß dem universalen Prinzip des Wesens statt einer reinen oder subtilen Substanz die Erscheinung einer groben, materiellen geben. Es muß ihm sozusagen die äußere Erscheinung von Stofflichem geben, das sich in der Berührung mit dem Mental als etwas Stabiles, Gegenständliches in dauerhafter Vielfalt von Objekten darbietet, nicht als eine Substanz, die sich dem Kontakt des reinen Bewußtseins als etwas aus seinem ewigen Sein und seiner Wirklichkeit darstellt, oder den subtilen Sinnen als ein Prinzip plastischer Form, das in freier Weise das bewußte Wesen ausdrücken kann. Der Kontakt des Mentals mit seinen Gegenständen erschafft das, was wir Sinne nennen; hier aber unerleuchtete, nach außen gewendete Sinne, die von der Wirklichkeit dessen, womit sie in Kontakt kommen, überzeugt werden müssen. So folgt der Abstieg reiner Substanz in materielle Substanz unvermeidlich dem Abstieg von saccidananda durch das Supramental in Mental und Leben. Das ist das notwendige Ergebnis des Willens, eine Vielfalt des Seienden und das Wahrnehmen der Dinge von getrennten Zentren des Bewußtseins her zur ersten Methode dieser niederen Erfahrung des Seins zu machen. Wenn wir zur spirituellen Basis der Dinge zurückkehren, löst sich Stoffliches in seiner äußersten Reinheit in reines bewußtes Wesen auf, das aus dem Selbst existiert und seinem ursprünglichen Wesen gemäß durch Identität seines Selbsts inne ist, das aber noch nicht sein Bewußtsein auf sich selbst als auf sein Objekt richtet. Dieses Selbst-Innesein durch Identität bewahrt sich das Supramental als den Stoff seiner Selbst-Erkenntnis und als das Licht seiner Selbst-Schöpfung. Für diese Schöpfung stellt es aber das Sein sich selbst in der Subjekt-Objekt-Beziehung gegenüber, als das Eine und das Vielfältige seines aktiven Bewußtseins. Hier wird das Sein als Objekt einer höchsten Erkenntnis festgehalten, die es durch inneres Verstehen sowohl als Objekt der Erkenntnis in sich selbst, als auch subjektiv als sich selbst sehen kann. Die Erkenntnis kann aber auch, und zwar gleichzeitig, durch äußeres Verstehen das Sein als ein Objekt (oder als Objekte) der Erkenntnis in den Umkreis ihres Bewußtseins projizieren, der nichts anderes ist als das Sein selbst, ein Teil seines Wesens, aber ein Teil (oder Teile), den es von sich wegstellte, das heißt: weg vom Zentrum des Schauens, worin sich das Sein als der Wissende, als der beobachtende Zeuge oder purusha konzentriert. Wir haben gesehen, wie aus diesem verstehenden Bewußtsein die Bewegung des Mentals entsteht: jene Bewegung, durch die der individuell Erkennende eine Gestaltung seines eigenen universalen Wesens so betrachtet, als ob es ein anderes sei als er selbst. Im Göttlichen Mental gibt es aber unmittelbar, oder vielmehr gleichzeitig, eine andere Bewegung, oder besser die Kehrseite derselben Bewegung, einen Akt von Einung im Wesen, der diese Zerteilung der äußeren Erscheinung aufhebt und sie daran hindert, auch nur einen Augenblick lang für den Erkennenden zu etwas allein Wirklichem zu werden. Dieser Akt bewußter Einung ist das, was andererseits im zerteilenden Mental dumpf, unwissend, ganz äußerlich als Kontakt im Bewußtsein zwischen getrennten lebendigen Wesen und gesonderten Gegenständen dargestellt wird. Bei uns wird dieser Kontakt im geteilten Bewußtsein in erster Linie durch das Prinzip der Sinne dargestellt. Auf diese Sinnen-Basis, auf diesen der Zerteilung unterworfenen Kontakt der Einheit gründet sich das Wirken des Denk-Mentals, hier bereitet es sich vor auf die Rückkehr zu einem höheren Prinzip der Einung, in dem Zerteilung zum Anlaß der Einheit gemacht und ihr untergeordnet wird. Substanz, wie wir sie als materielle Stofflichkeit kennen, ist also die Form, in der das Mental, durch die Sinne handelnd, Kontakt mit dem Bewußten Wesen hält, von dem es selbst eine Bewegung des Wissens ist.

Das Mental neigt aber, seiner Natur gemäß, dazu, den Stoff des bewußten Wesens nicht in seiner Totalität zu erkennen und zu empfinden, sondern durch das Prinzip der Zerteilung. Es sieht ihn sozusagen in unendlich kleinen Punkten, die es zusammensetzt, um zur Ganzheit zu gelangen. Das kosmische Mental versenkt sich in diese Blickpunkte und Zusammensetzungen und verbleibt in ihnen. So verwandelt es durch sein Innewohnen – durch seine eingeborene Kraft als aktiver Repräsentant der Real-Idee schöpferisch wirkend und durch seine Art gehalten, alle seine äußeren Wahrnehmungen in Lebens-Energie umzuformen – als der All-Seiende alles, was Er als Seine Selbst-Aspekte zum Ausdruck bringt, in unterschiedliche Energie Seiner schöpferischen Kraft des Bewußtseins und macht aus diesen vielfältigen Punkten Seiner Schau universalen Seins die Standpunkte allumfassenden Lebens.

Das kosmische Mental verwandelt sie in der Materie in Formen atomaren Wesens, die von dem Leben durchdrungen sind, das sie formt, und von dem Mental und Willen regiert werden, die die Zerteilung bewirken. Zugleich müssen die atomaren Existenzformen, die es so gestaltet, durch das eigene Gesetz ihres Wesens danach streben, sich zusammenzuschließen und zu verbinden. Durchdrungen von dem verborgenen Leben, das sie formt, und von dem verborgenen Mental und Willen, die sie antreiben, enthalten alle diese Verbindungen in sich die Fiktion eines getrennten individuellen Daseins. Je nachdem das Mental in solchen individuellen Objekten oder individuellen Existenzen innerlich inaktiv oder nach außen aktiv, je nachdem es unmanifestiert oder manifestiert ist, wird es gefördert und erhalten entweder durch sein mechanisches Kraft-Ich, in dem der Wille-zum-Sein dumpf und gefangen, trotzdem machtvoll ist, oder durch sein selbstbewußtes mentales Ich, in dem der Wille-zum-Sein befreit, bewußt und gesondert aktiv ist.

So ist also nicht ein ewiges und ursprüngliches Gesetz ewiger und ursprünglicher Materie die Ursache atomarer Existenz, sondern die Art des Wirkens des kosmischen Mentals. Materie ist eine Schöpfung, für sie wurde die unendlich kleine, äußerste Fragmentierung des Unendlichen als Ausgangspunkt oder Basis benötigt. Äther mag existieren -und existiert wirklich – als ungreifbare, fast spirituelle Unterstützung der Materie. Als äußeres Phänomen scheint er aber, wenigstens nach unserer jetzigen Erkenntnis, materiell nicht auffindbar zu sein. Wir mögen das sichtbare Aggregat oder das geformte Atom in die Grundbestandteile des Atoms zerlegen, sie in den unendlich feinsten Staub des Seienden spalten, soviel wir wollen; wir werden wegen der Eigenart von Mental und Leben, die sie bildeten, doch nur bis zu einer äußersten atomaren Existenz gelangen, die vielleicht instabil ist, sich aber im ewigen Strom der Kraft immer wieder als etwas Phänomenales rekonstituiert, also keine nicht-atomare, zu keinen Inhalten fähige Ausdehnung ist. Nicht-atomare Ausdehnung von Substanz, eine Ausdehnung, die kein Zusammenschluß wäre, oder Koexistenz in anderer Weise als durch Verteilung im Raum, das sind Wirklichkeiten reinen Seins, reiner Substanz. Sie sind eine Erkenntnis des Supramentals und ein Prinzip seiner Dynamik, aber kein schöpferisches Konzept des zerteilenden Mentals, wenn auch das Mental hinter den eigenen Wirkensweisen ihrer gewahr werden kann. Sie sind die der Materie zugrunde liegende Wirklichkeit, aber nicht das Phänomen, das wir Materie nennen. Mental, Leben, Materie an sich können mit jenem reinen Sein und mit seiner bewußten Ausdehnung in ihrer statischen Wirklichkeit geeint sein. Sie können aber nicht in ihrer dynamischen Aktion, in ihrer Selbst-Wahrnehmung und Selbst-Gestaltung durch dieses Einssein wirken.

Wir kommen also zu folgender Wahrheit über die Materie: Es gibt eine nach Gestaltung drängende Selbst-Ausdehnung des Wesens, die sich im Universum als Stofflichkeit oder als Objekt von Bewußtsein auswirkt. Kosmisches Mental und Leben stellen sie in ihrer schöpferischen Aktion durch atomare Teilung und Zusammensetzung als das dar, was wir Materie nennen. Aber auch diese Materie bleibt ebenso wie Mental und Leben immer Wesen oder brahman in seiner selbst-schöpferischen Aktion. Sie ist eine Form der Kraft von Bewußtem Wesen, eine Form, die ihr vom Mental gegeben und vom Leben verwirklicht wird. Sie hält in ihrem Innern, als eigene Wirklichkeit, Bewußtsein vor sich verborgen, in das Ergebnis ihrer Selbst-Gestaltung involviert und von ihr absorbiert, darum selbst-vergessen. Wie grob und sinnentleert Materie uns auch erscheinen mag, für die geheime Erfahrung des Bewußtseins, das in ihr verborgen ist, bleibt sie dennoch Seligkeit des Wesens, die sich diesem geheimen Bewußtsein als Objekt der Empfindung darbietet, um jene verborgene Gottheit aus ihrer Verborgenheit herauszulocken. Sein, geoffenbart als Stoffliches, Kraft des Wesens geprägt in Form, in eine gestaltete Selbst-Repräsentation des geheimen Selbst-Bewußtseins, und Seligkeit, die sich ihrem eigenen Bewußtsein als Objekt darbietet: was ist das anderes als saccidananda? Materie ist saccidananda, das sich Seiner eigenen mentalen Erfahrung als geformte Basis zu objektiver Erkenntnis, zum Handeln und zur Daseins-Freude darbietet.

Kapitel XXV. Der Knoten der Materie

Ich kann mich nicht mittels der Gewalt oder der Dualität zur Wahrheit des lichten Herrn hinbewegen... Wer sind die, die das Fundament der Falschheit schützen? Wer sind die Wächter des unwirklichen Wortes?

Damals gab es kein Sein und kein Nicht-Sein, die Mittelwelt war nicht, noch der Äther, noch was jenseits ist. Was bedeckte alles? Wo war es? In wessen Zuflucht? Was war jener dichte und tiefe Ozean? Es gab weder Tod noch Unsterblichkeit, noch das Wissen von Tag und Nacht. Jenes Eine lebte ohne Atem durch sein Selbst-Gesetz, es gab weiter nichts und auch nichts jenseits davon. Am Anfang war Finsternis verborgen durch Finsternis, all dies war ein Ozean von Nicht-Bewußtheit. Als das universale Wesen durch Zersplitterung verhüllt wurde, da wurde durch die Macht seiner Energie Jenes Eine geboren. Dieses regte sich zuerst als Begehren im Innern; das war die Anfangs-Saat des Mentalen. Die Seher der Wahrheit entdeckten den Aufbau des Seienden im Nicht-Seienden durch einen Willen im Herzen und durch die Gedanken; deren Strahl dehnte sich horizontal aus. Aber was gab es unterhalb davon, und was gab es darüber? Es gab die, die säen, es gab Hoheiten, es gab unten das Selbst-Gesetz, es gab den Willen darüber.

Rig Veda, V.12.2,4; X.129.1-5.

Ist also der Schluß, zu dem wir gekommen sind, korrekt – und es ist bei den Gegebenheiten, aufgrund deren wir arbeiten, nichts anderes möglich–, dann hat die scharfe Trennung, geschaffen zwischen Geist einerseits und Materie andererseits durch praktische Erfahrung und lange Gewohnheit des Mentals, keine grundlegende Realität mehr. Die Welt ist eine Einheit in Verschiedenheit, ein mannigfaltiges Einssein. Sie ist kein ständiger Versuch zu einem Kompromiß zwischen ewigen Disharmonien, kein fortdauernder Kampf zwischen unversöhnlichen Gegensätzen. Ein unabänderliches Einssein, das unendliche Verschiedenheit erzeugt, ist ihr Fundament und Anfang. In der Mitte scheint ihr wirklicher Charakter hinter offensichtlicher Zertrennung und Kampf ständige Aussöhnung zu sein, die alle möglichen grundverschiedenen Dinge zu gewaltigen Zwecken in einem geheimen Bewußtsein und Willen kombiniert, der stets ein einziger Wille und Herr seiner gesamten eigenen komplexen Aktion ist. Wir müssen also vermuten, daß eine Erfüllung des hervortretenden Willens und Bewußtseins und eine triumphierende Harmonie der Zielgedanke der Welt ist. Substanz ist die Form dieses Bewußtseins, auf die es einwirkt. Von dieser Substanz ist Materie das eine Ende, Geist das andere. Beide sind eins: Geist ist die Seele und Wirklichkeit dessen, was wir mit den Sinnen als Materie erfahren, Materie ist Form und Körper dessen, was wir als Geist realisieren.

Gewiß gibt es einen großen praktischen Unterschied. Auf ihn sind die ununterbrochene Reihe und ständig emporsteigenden Grade des Welt-Daseins gegründet. Wir sagten: Substanz ist bewußtes Sein, das sich den Sinnen als Objekt darbietet, so daß das Werk der Welt-Gestaltung und der kosmischen Progression auf der Grundlage der jeweils vollzogenen Sinnen-Beziehung voranschreiten kann. Es braucht aber nicht nur eine einzige Basis zu geben, nicht nur ein fundamentales Prinzip der Beziehung, die zwischen Sinnen und Substanz unveränderlich geschaffen wäre. Im Gegenteil, es gibt eine aufsteigende und sich entwickelnde Reihe. Wir gewahren eine andere Substanz, in der reines Mental als in seinem natürlichen Medium wirkt, die weit subtiler, flexibler, plastischer ist als alles, was unsere physischen Sinne als Materie erfassen können. Wir können von einer Mental-Substanz sprechen, weil wir eines subtileren Mediums gewahr werden, in dem Formen entstehen und Wirken stattfindet. Wir können auch von einer Substanz reiner dynamischer Lebens-Energie sprechen, die anders ist als die subtilsten Formen materieller Substanz und deren physisch empfindbare Kraftströmungen. Geist selbst ist reine Substanz des Seienden, die sich nicht mehr physischen, vitalen oder mentalen Sinnen als Objekt darbietet, sondern dem Licht einer rein spirituell wahrnehmenden Erkenntnis, in der das Subjekt zu seinem eigenen Objekt wird, d. h. in der das Zeitlose und flaumlose seiner selbst innewird in einer rein spirituell sich selbst begreifenden Selbst-Ausdehnung als der Basis und des Ur-Materials allen Daseins. Jenseits dieser Grundlage verschwindet alle bewußte Unterscheidung zwischen Subjekt und Objekt in absoluter Identität; dort können wir nicht mehr von Substanz sprechen.

Darum ist es ein rein begrifflicher – ein spirituell, jedoch nicht mental begrifflicher – Unterschied, der zu jener praktischen Unterscheidung führt, die den Stufengang erschafft, der vom Geist durch das Mental hinab zur Materie führt und wieder empor von der Materie durch das Mental zum Geist. Das wirkliche Einssein wird aber niemals aufgehoben. Wenn wir zur ursprünglichen und integralen Betrachtung der Dinge kommen, sehen wir, daß die Einheit niemals wirklich vermindert oder eingeschränkt war, selbst nicht in den gröbsten Verdichtungen der Materie. Brahman ist nicht nur die Ursache, fördernde Macht sowie das innewohnende Prinzip des Universums, es ist auch sein Material, sein einziges Material. Auch Materie ist brahman, sie ist nichts anderes und nicht verschieden von ihm. Wäre Materie tatsächlich vom Geist abgeschnitten, so wäre das nicht so. Sie ist aber, wie wir gesehen haben, nur eine abschließende Form und ein objektiver Aspekt des Göttlichen Seins, wobei die Allheit Gottes stets in ihr und hinter ihr gegenwärtig ist. So wie diese scheinbar grobe und träge Materie überall und immer durchdrungen wird von einer mächtigen, dynamischen Kraft des Lebens, so wie dieses dynamische, aber scheinbar unbewußte Leben in sich ein immer wirkendes, nicht sichtbares Mental verborgen trägt, von dessen geheimen Vorgängen es die sichtbare Energie ist, so wie dieses unwissende, unerleuchtete und tastende Mental im lebenden Körper von seinem eigenen wirklichen Selbst, vom Supramental, gefördert und souverän gelenkt wird, das in gleicher Weise auch in der nicht-mentalisierten Materie vorhanden ist so sind die gesamte Materie ebenso wie alles Leben, Mental und Supramental nur Erscheinungsweisen des brahman, des Ewigen, des Geistes, des saccidananda, der nicht nur in ihnen allen wohnt, sondern der alle diese Dinge ist, wenn auch kein einziges von ihnen Sein absolutes Sein ausmacht.

Aber es gibt eben diese begriffliche Verschiedenheit, diese praktische Unterscheidung. In ihr scheint die Materie, auch wenn sie nicht wirklich vom Geist abgeschnitten ist, doch praktisch so eindeutig abgetrennt, so verschieden, in ihrem Gesetz so entgegengesetzt, und das materielle Leben scheint so sehr die Negation alles spirituellen Seins zu sein, daß die Ablehnung dieses materiellen Lebens als der einzige Abkürzungsweg aus der Schwierigkeit erscheint – wie er es zweifellos auch ist. Aber ein Abkürzungsweg oder ein Kurzschluß ist keine Lösung. Immerhin liegt in der Materie zweifellos die Hauptschwierigkeit. Sie verursacht das Hindernis: Wegen der Materie ist Leben grob, begrenzt und von Tod und Leid befallen. Wegen der Materie ist das Mental mehr als halb-blind, seine Flügel sind beschnitten, seine Füße an das Gestänge des engen Käfigs gekettet. So wird es zurückgehalten von der Weite und Freiheit droben, deren es bewußt ist. Darum ist der ausschließlich nach dem Geist Suchende von seinem Gesichtspunkt aus gerechtfertigt, wenn er, angewidert vom Schlamm der Materie, abgestoßen durch die tierhafte Grobheit des Lebens oder ungeduldig wegen der Enge der Selbst-Gefangenschaft und dem nach unten gerichteten Blick des Mentals, entschlossen ist, aus all dem auszubrechen und durch Inaktivität und Schweigen in die bewegungslose Freiheit des Geistes zurückzukehren. Das ist jedoch nicht der einzige Gesichtspunkt. Wir brauchen ihn auch nicht deshalb als die integrale und höchste Weisheit zu betrachten, weil er durch leuchtende, goldene Vorbilder in hohen Ehren gehalten und verherrlicht worden ist. Vielmehr wollen wir uns von aller Leidenschaft und Auflehnung befreien, den Sinn dieser göttlichen Ordnung des Universums erforschen und gerade wegen dieser schwierigen Verknotung und Verwirrung im Gewebe einer Materie, die den Geist verleugnet, die einzelnen Fäden untersuchen, sie voneinander trennen und durch eine andere Lösung entwirren als dadurch, daß wir den Knoten mit Gewalt durchschneiden. Wir müssen zuerst die Schwierigkeit dieses Gegensatzes völlig, haargenau, notfalls eher übertrieben als abgemildert, feststellen und uns dann nach einem Ausweg umschauen.

Der fundamentale Widerspruch, den die Materie dem Geist entgegensetzt, liegt zunächst darin, daß sie der höchste Grad des Prinzips der Unwissenheit ist. Hier hat Bewußtsein sich in eine Form seiner Werke verloren und seines Selbsts so vergessen, wie etwa ein Mensch, der in eine Sache äußerst vertieft ist, nicht nur vergessen könnte, wer er ist, sondern daß er überhaupt existiert, so daß er zeitweilig ganz zu dem Werk werden kann, das gerade ausgeführt wird, und zu der Kraft, die es bewirkt. Es scheint, als ob der selbst-erleuchtete Geist, der seiner selbst hinter allem Wirken der Kraft unendlich bewußt und ihr Meister ist, verschwunden sei und überhaupt nicht existiere. Vielleicht ist Er irgendwo, hat scheinbar aber nur eine rohe, unbewußte, materielle Kraft zurückgelassen, die immerzu erschafft und zerstört, ohne sich selbst zu erkennen, noch um das zu wissen, was sie schafft oder warum sie es überhaupt erschafft oder weshalb sie es sofort wieder zerstört, wenn sie es erschaffen hat: Sie weiß das nicht, denn sie hat kein Mental. Sie kümmert sich nicht darum, denn sie hat kein Herz. Das ist zwar nicht die wirkliche Wahrheit, gerade nicht des materiellen Universums, da hinter dieser täuschenden Erscheinungswelt ein Mental, ein Wille, ja noch etwas Größeres steht als das Mental oder mentaler Wille. Doch stellt das materielle Universum dem Bewußtsein, das in ihm aus seiner Nacht emportaucht, zunächst gerade dieses finstere Scheinbild als Wahrheit hin. Sollte es aber nicht Wahrheit sondern Lüge sein, ist es doch eine höchst effektive Lüge, denn sie bestimmt entscheidend die Bedingungen unseres phänomenalen Daseins und bedrängt all unser Sehnen und Bemühen.

Es ist das schauerliche, schreckliche, erbarmungslose Mirakel des materiellen Universums, daß aus diesem Nicht-Mental ein Mental, zumindest Mentalfunktionen hervortreten, die inmitten jener weitverbreiteten Unwissenheit existieren, welche das Gesetz des Universums ist, die nun schwächlich nach Licht ringen, individuell hilflos und nur dann weniger hilflos sind, wenn sie zur Selbstverteidigung ihre individuelle Schwäche zu Gemeinschaften organisieren. Aus dieser herzlosen Nicht-Bewußtheit und innerhalb ihrer unerbittlichen Jurisdiktion wurden Herzen geboren, voller Sehnsucht, gequält und unter der Last der blinden, gefühllosen Grausamkeit dieses eisernen Daseins blutend, einer Grausamkeit, die ihnen ihr Gesetz auferlegt und in ihrem Empfindungsvermögen fühlbar wird als brutal, wild, schauerlich. Was aber ist im Grunde hinter den Erscheinungen dieses scheinbaren Geheimnisses? Wir können erkennen, daß es das Bewußtsein ist, das sich selbst verloren hatte, das nun wieder zu sich selbst zurückkehrt, das langsam und schmerzvoll aus dieser riesenhaften Selbst-Vergessenheit als Leben auftaucht, das empfindend sein möchte, das halb-empfindend, dumpf empfindend ist, ganz empfindet und schließlich danach ringt, mehr als nur empfindend zu sein, das wieder in göttlicher Art seiner selbst bewußt, frei, unendlich, unsterblich werden will. Bis dahin muß es aber weiter unter einem Gesetz wirken, das das Gegenteil von alledem ist, unter den Bedingungen der Materie, d. h. also gegen die Gewalt der Unwissenheit. Die Bewegungen, denen es folgen, die Werkzeuge, die es verwenden muß, sind für es von dieser groben und zerteilten Materie verfertigt und legen ihm bei jedem Schritt Unwissenheit und Beschränkung auf.

Der zweite fundamentale Widerspruch der Materie gegen den Geist ist ihre äußerste Gebundenheit an ein mechanisches Gesetz und ihr Widerstand gegen alles, was sich zu befreien sucht, in Gestalt kolossaler Trägheit. Nicht, daß Materie an sich träge wäre. Sie ist vielmehr unendliche Bewegung, unfaßbare Kraft und schrankenlose Aktion, deren grandiose Bewegungen unsere ständige Bewunderung verdienen. Während aber Geist frei ist, Herr seiner selbst und seiner Werke, nicht durch sie gebunden, Schöpfer des Gesetzes und nicht sein Untertan, ist diese riesenhafte Materie durch ein festes mechanisches Gesetz streng an Ketten gelegt. Das Gesetz ist ihr aufgezwungen, sie versteht es nicht, noch hat sie es je begriffen. Vielmehr arbeitet sie ohne Bewußtheit, wie eine Maschine schafft, die nicht weiß, wer sie geschaffen hat, durch welche Abläufe sie wirkt und zu welchem Ziel. Wenn dann Leben erwacht und die physische Form und materielle Kraft zu beherrschen und alle Dinge nach seinem Willen und für seine Bedürfnisse zu verwenden sucht und wenn später Mental bewußt wird und das Wer, das Warum und das Wie seiner selbst und aller Dinge zu erkennen sucht und vor allem sein Wissen dazu verwenden will, das eigene, freiere Gesetz und sein vom Selbst gelenktes Wirken den Dingen aufzuerlegen, scheint die materielle Natur zunächst nachzugeben, sogar zuzustimmen und zu helfen, wenn auch erst nach Kampf, widerstrebend und nur bis zu einem gewissen Punkt. Jenseits dessen aber widersetzt sich Materie mit hartnäckiger Trägheit, Obstruktion und Negation und überzeugt sogar Leben und Mental, daß sie nicht weitergehen und ihren Teilsieg nicht bis zum Ende ausfechten können. Leben kämpft darum, sich auszuweiten, zu verlängern, und hat einen gewissen Erfolg. Wenn es aber seine äußerste Weite und die Unsterblichkeit sucht, stößt es auf die eiserne Obstruktion der Materie und findet sich an die Enge und an den Tod gefesselt. Das Mental versucht, dem Leben zu helfen. Es will dabei seinen eigenen Impuls erfüllen, alle Erkenntnis zu umfassen, alles Licht zu werden, Wahrheit zu besitzen und Wahrheit zu sein, Liebe und Freude regieren zu lassen und Liebe und Freude zu sein. Es gibt aber stets das Abgleiten vom Weg, Irrtum und Grobheit der materiellen Lebensinstinkte und die Verneinung und Behinderung der materiellen Sinne und physischen Werkzeuge. Immer verfolgt Irrtum seine Erkenntnis. Finsternis ist der unzertrennliche Gefährte und Hintergrund seines Lichts. Wahrheit wird mit Erfolg gesucht. Sie hört aber auf, Wahrheit zu sein, wenn sie gerade ergriffen ist, und das Suchen muß weitergehen. Es gibt Liebe, aber sie kann keine wahre Befriedigung finden. Freude ist da, sie kann sich aber nicht rechtfertigen. Beide schleppen als Ketten hinter sich her oder werfen als ihren Schatten, was ihr eigener Gegensatz ist: Zorn und Haß, Gleichgültigkeit, Überdruß, Kummer und Schmerz. Die Trägheit, mit der die Materie auf die Forderungen von Mental und Leben antwortet, verhindert den Sieg über die Unwissenheit und über die brutale Kraft, die die Macht der Unwissenheit ist.

Wollen wir wissen, warum das so ist, erkennen wir, daß der Erfolg dieser Trägheit und Behinderung von einer dritten Macht der Materie herrührt. Der dritte fundamentale Widerspruch, den Materie gegen den Geist erhebt, liegt darin, daß Materie in höchstem Grade das Prinzip von Zerteilung und gegenseitigem Kampf ist. Obwohl in Wirklichkeit unteilbar, ist gerade die Teilbarkeit ihre ganze Aktions-Basis, von der je abzuweichen ihr verboten zu sein scheint. Denn ihre beiden einzigen Methoden zur Vereinigung sind entweder der Zusammenschluß von Einheiten oder eine Angleichung, die die Zerstörung der einen Einheit durch die andere voraussetzt. Diese beiden Methoden zur Einung sind ein Bekenntnis zur ewigen Zerteilung, da auch die erstere eher äußerlich zusammenfügt als wirklich vereinigt und durch ihr eigenes Prinzip die ständige Möglichkeit und deshalb letztlich die Notwendigkeit von Trennung des Verbundenen und seine Auflösung zugibt. Beide Methoden beruhen auf Tod. Die eine verwendet ihn als Mittel zum Leben, die andere als dessen Bedingung. Beide setzen für die Welt-Existenz ständigen gegenseitigen Kampf der zerteilten Einheiten voraus. Jede ist bemüht, sich durchzusetzen, ihre Zusammenschlüsse aufrechtzuerhalten, das zu zwingen oder zu zerstören, was sich ihr widersetzt, es in sich hineinzunehmen, anderes Leben als Nahrung zu verzehren. Dabei sind aber die zerteilten Einheiten zur Revolte gegen jeden Zwang, gegen Zerstörung und Angleichung durch Verschlingen sowie zur Flucht vor alledem getrieben. Wenn das vitale Prinzip mit seinen Aktivitäten in der Materie hervortritt, findet es dort für sein gesamtes Wirken nur diese Basis vor und ist gezwungen, sich unter das Joch zu beugen. Es muß das Gesetz von Tod, Begehren, Einschränkung und diesen ständigen Kampf akzeptieren, zu verzehren, zu besitzen, zu herrschen, was wir als den ersten Aspekt des Lebens kennen. Wenn das mentale Prinzip sich in der Materie offenbart, muß es von Form und Material her, in denen es wirkt, dasselbe Prinzip der Beschränkung akzeptieren. Es muß suchen ohne gesichertes Finden. Es muß ständig verbinden und das Auseinanderfallen seiner Gewinne und der Bestandteile seiner Werke erfahren. So scheint es, daß die vom Menschen, dem mentalen Wesen, gewonnene Erkenntnis niemals endgültig ist, frei von Zweifeln und Verleugnung. Sein ganzes Mühen scheint dazu verurteilt, in einem Rhythmus von Aktion und Reaktion, von Machen und Rückgängigmachen, in Zyklen von Erschaffen, kurzem Erhalten und langer Zerstörung zu verlaufen ohne einen bestimmten und gesicherten Fortschritt.

Besonders und höchst verhängnisvoll ist es, daß Unwissenheit, Trägheit und Zerteilung der Materie dem in ihr hervortretenden vitalen und mentalen Dasein das Gesetz von Schmerz und Leiden aufzwingen, die Unruhe und Unzufriedenheit mit ihrem Status von Zerteilung, Trägheit und Unwissenheit. Unwissenheit an sich würde zu keinem Leiden der Unzufriedenheit führen, wenn das mentale Bewußtsein völlig unwissend wäre, wenn es in einer Gewohnheits-Schale steckenbleiben könnte, ohne daß es seiner eigenen Unwissenheit bewußt wird, oder wenn es nichts ahnen würde von dem unendlichen Meer von Bewußtsein und Erkenntnis, das sein Leben umgibt. Aber gerade zu diesem Ahnen erwacht das in der Materie hervortretende Bewußtsein. Zuerst fühlt es seine Unkenntnis der Welt, in der es lebt und die es erkennen und beherrschen muß, um glücklich zu sein. Zweitens wacht in ihm die Erkenntnis auf, wie öde und beschränkt letztlich dieses Wissen ist, wie mager und unsicher die Macht und das Glück sind, die es einbringt. So tritt in ihm das unendliche Bewußtsein, ein Wissen und wahres Wesen hervor, in dem allein es überlegenes, unendliches Glück finden könnte. Auch die Behinderung durch Trägheit würde keine Unruhe und Unzufriedenheit mit sich bringen, wenn das vitale, in der Materie auftauchende Empfinden völlig träge wäre, wenn es zufrieden gehalten werden könnte mit seinem eigenen halb-bewußten, begrenzten Dasein, ohne dessen gewahr zu werden, daß es eine unendliche Macht und ein unsterbliches Sein gibt, worin es als dessen Teil und doch getrennt von ihm lebt; oder wenn es nichts in sich besäße, das es zu dem Bemühen antreibt, wirklich an dieser Unendlichkeit und Unsterblichkeit teilzunehmen. Aber gerade das zu suchen und zu fühlen, wird alles Leben von Anfang an getrieben. Es fühlt seine Unsicherheit sowie die Notwendigkeit zu überdauern und den Kampf um seine Erhaltung und Selbst-Bewahrung. So werden dem Leben schließlich die Grenzen seines Daseins bewußt, und es fühlt immer mehr den Antrieb, Weite und Dauer, das Unendliche und das Ewige zu gewinnen.

Wenn das Leben im Menschen völlig selbst-bewußt wird, erreicht dieses unvermeidliche Ringen, Mühen und Sehnen seinen Höhepunkt. Leid und Zwietracht der Welt werden zu brennend empfunden, als daß sie noch geduldig ertragen werden könnten. Der Mensch mag sich lange Zeit beruhigen, indem er sich mit seinen Beschränkungen abzufinden sucht oder seinen Kampf auf so viel Herrschaft begrenzt, als er über die von ihm bewohnte materielle Welt gewinnen kann, auf einen gewissen physischen oder mentalen Sieg seiner progressiven Erkenntnis über das, was in seinem Unbewußten fixiert ist, auf einen Sieg seines kleinen konzentrierten bewußten Willens und dessen Macht über seine dumpf-getriebenen schauerlichen unbewußten Kräfte. Aber auch hier stößt er auf Beschränkung, auf den armseligen Mangel an Beweiskraft auch der besten Ergebnisse, die er erzielen kann. So ist er gezwungen, darüber hinauszuschauen. Das Endliche in ihm kann sich nicht auf die Dauer zufriedengeben, solange es einer Endlichkeit bewußt wird, die umfassender ist als es, oder eines Unendlichen jenseits von ihm, nach dem es weiterstreben kann. Und selbst wenn das Endliche so zufriedengestellt werden könnte, kann doch das nur scheinbar endliche Wesen, das sich als ein in Wirklichkeit unendliches fühlt, oder das einfach die Gegenwart, den Impuls oder das Drängen eines Unendlichen in seinem Inneren empfindet, nie zufrieden werden, ehe nicht diese beiden ausgesöhnt sind, ehe es nicht das Unendliche besitzt oder in gewissem Grad und Maß dessen Eigentum ist. Der Mensch ist solch eine endlich scheinende Unendlichkeit. Er kommt nicht um das Suchen nach der Unendlichkeit herum. Er ist der erstgeborene Sohn der Erde, der unbestimmt des Gottes in seinem Inneren, seiner Unsterblichkeit oder seines Bedürfnisses nach Unsterblichkeit bewußt wird. Sein Suchen nach Erkenntnis ist eine Peitsche, die ihn vorwärtstreibt, ist wie ein Kreuz, an das er geschlagen wird, bis er es in eine unerschöpfliche Quelle von Licht, Freude und Macht umwandeln kann.

Diese fortschreitende Entwicklung, diese wachsende Offenbarung göttlichen Bewußtseins, diese Manifestation von Kraft, Wissen und Willen, die sich in die Unwissenheit und Trägheit von Materie verloren hatte, könnte wohl ein glückliches Aufblühen sein, das von Freude zu größerer, zuletzt unendlicher Freude weitergeht, wenn es nicht das Prinzip der strengen Zerteilung gäbe, von dem Materie ausgegangen ist. Weil der Einzelne in seinem persönlichen Bewußtsein eines abgesonderten und begrenzten Mentals, Lebens und Körpers eingeschlossen ist, wird verhindert, was sonst das natürliche Gesetz unserer Entwicklung wäre. Dadurch kommt in den Körper das Gesetz von Anziehung und Abstoßung, von Verteidigung und Angriff, von Zwietracht und Schmerz. Da jeder Körper eine begrenzte bewußte Kraft ist, fühlt er sich dem Angriff, der Einwirkung, dem gewalttätigen Kontakt einer anderen ebenso begrenzten bewußten Kraft oder universaler Kräfte ausgesetzt. Wo er den Einbruch dieser Kräfte fühlt oder unfähig ist, das auf ihn einwirkende und sein empfangendes Bewußtsein miteinander zu harmonisieren, erleidet er Unbehagen und Schmerz, wird er angezogen oder zurückgestoßen, muß er sich verteidigen oder angreifen. Immer steht er unter der Forderung, das auf sich zu nehmen, was er nicht erleiden will oder kann. Im Mental der Gefühle und im Sinnen-Mental ruft das Gesetz der Zerteilung dieselben Reaktionen hervor. Hier sind es die höheren Werte von Kummer und Freude, Liebe und Haß, Unterdrückung und Niedergeschlagenheit, die alle in Begriffen des Verlangens ausgeprägt werden. Durch Verlangen werden sie in Anstrengung und Bemühen umgeformt, durch die Anstrengung in ein Übermaß und einen Mangel an Kraft, in Unfähigkeit, in den Rhythmus von Erfolg und Enttäuschung, Besitzen und Zurückweichen und in ständiges Ringen, Unruhe und Verdrießlichkeiten. In das Mental als Ganzes bringt dieses Prinzip der Zerteilung nicht ein göttliches Gesetz, demgemäß eine weniger umfassende Wahrheit in eine umfassendere Wahrheit einströmt, schwächeres Licht in helleres Licht emporgehoben, ein niederer Wille einem höheren, ihn transformierenden Willen unterworfen wird und eine dürftige Befriedigung fortschreitet zu edlerer und vollständigerer Zufriedenheit. Vielmehr bringt dieses Gesetz ähnliche Dualitäten mit sich: Wahrheit wird verfolgt von Irrtum, Licht von Finsternis, Macht von Unfähigkeit, Freude am Erstreben und Erlangen vom Schmerz des Mißerfolgs und der Unzufriedenheit mit dem Erreichten. Zusammen mit dem Kummer von Leben und Körper nimmt das Mental seine Anfechtungen auf sich und wird des dreifachen Mangels und Ungenügens unseres natürlichen Wesens inne. All das bedeutet die Verleugnung von ananda, die Verneinung der Trinität von saccidananda und schließlich, wenn die Verneinung unüberwindlich sein sollte, Sinnlosigkeit des Daseins. Wenn sich das Sein nach außen hin in das Spiel von Bewußtsein und Kraft verausgabt, muß es diese Bewegung nicht nur für sich selbst suchen, sondern in diesem Spiel auch Befriedigung finden. Wenn im Welten-Spiel keine wahre Befriedigung gefunden werden kann, muß es offensichtlich zuletzt aufgegeben werden als eitler Versuch, gewaltiger Fehler, Fieberwahn des sich verkörpernden Geistes.

Das ist die ganze Grundlage der pessimistischen Weltanschauung -sie ist vielleicht optimistisch im Blick auf jenseitige Welten und Zustände, aber pessimistisch bezüglich des irdischen Lebens und des Schicksals des mentalen Menschen in seinen Beziehungen zum materiellen Universum. Denn sie versichert: Es sei eitel Selbsttäuschung, für das Welt-Spiel ein Ziel, eine göttliche Absicht und höchste Erfüllung zu suchen, da der wahre Charakter des materiellen Daseins Zerteilung ist. Der wirkliche Kern des verkörperten Mentals sei Selbst-Beschränkung, Unwissenheit und Egoismus. Nur in einem Himmel des Geistes, nicht in der Welt, oder höchstens in der wahren Stille des Geistes, nicht aber in dessen Aktivitäten in der Erscheinungswelt könnten wir wieder Sein und Bewußtsein mit der göttlichen Selbst-Seligkeit vereinigen. Das Unendliche könne sein Selbst nur dadurch wiedergewinnen, daß es den Versuch, sein Selbst im Endlichen zu finden, als Irrtum und falschen Schritt verwerfe. Auch könne das Hervortreten eines mentalen Bewußtseins im materiellen Universum keine Verheißung göttlicher Erfüllung mit sich bringen. Denn das Prinzip der Zerteilung gehöre nicht eigentlich der Materie an sondern dem Mental. Materie sei nur eine Illusion des Mentals. Das Mental führe sein Gesetz der Zerteilung und Unwissenheit in die Materie ein. Darum könne das Mental innerhalb dieser Illusion nur sich selbst finden. Es könne nur zwischen den drei Begriffen des von ihm geschaffenen zerteilten Daseins herumirren. Hier könne es weder die Einheit des Geistes noch die Wahrheit des spirituellen Seins finden.

Nun trifft zwar zu: das Prinzip der Zerteilung in der Materie kann nur eine Schöpfung des zerteilten Mentals sein, das sich ins materielle Dasein hinabgelassen hat. Denn dieses materielle Dasein hat kein Selbst-Sein, es ist kein ursprüngliches Phänomen, sondern eine von einer alles zerteilenden Lebens-Kraft erschaffene Form, die die Konzeptionen eines alles zerteilenden Mentals ausarbeitet. Indem das zerteilende Mental das Wesen in diesen Erscheinungen der Unwissenheit, Trägheit und Zerteilung von Materie herausarbeitet, hat es sich selbst verloren und in ein von ihm geschaffenes Verließ eingesperrt, wo es in selbst-geschmiedeten Ketten gebunden ist. Sollte es wahr sein, daß das zerteilende Mental das erste Prinzip der Schöpfung ist, müßte es ebenso auch die letzt-mögliche Errungenschaft in der Schöpfung sein: Und dann wäre das mentale Wesen, das vergebens mit Leben und Mental ringt, diese nur bewältigt, um selbst von ihnen überwältigt zu werden, und das ewig einen ergebnislosen Rundlauf wiederholt, auch das letzte und höchste Wort kosmischen Seins. Aber keine solche Konsequenz ergibt sich. Im Gegenteil, es ist der unsterbliche, unendliche Geist, der sich selbst in das dichte Gewand materieller Substanz eingehüllt hat und dort durch die höchste schöpferische Macht des Supramentals wirkt. Es läßt die Zerteilung des Mentals und die Herrschaft des niedersten oder materiellen Prinzips nur als anfängliche Voraussetzungen für ein gewisses evolutionäres Spiel des Einen in den Vielen zu. Wenn, mit anderen Worten, nicht nur ein mentales Wesen in den Formen des Universums verborgen ist sondern das unendliche Wesen, Wissen und Wollen und wenn dieses aus der Materie zuerst als Leben und dann als Mental hervortritt und alles übrige von ihm noch gar nicht geoffenbart ist, muß das Emportauchen von Bewußtsein aus dem scheinbaren Nicht-Bewußten auf andere und vollkommenere Art begriffen werden. Das Erscheinen eines supramentalen spirituellen Wesens, das seinem mentalen, vitalen und körperlichen Wirken ein höheres Gesetz als das des zerteilenden Mentals auferlegt, ist nicht mehr unmöglich. Im Gegenteil, es ist das natürliche, unvermeidliche Schlußergebnis der Eigenart kosmischen Seins.

Ein solches supramentales Wesen würde, wie wir gesehen haben, das Mental aus der Verknotung durch sein zerteiltes Dasein befreien und die Individualisierung des Mentals lediglich als mögliche untergeordnete Aktion des alles umfassenden Supramentals verwenden. Ebenso würde es das Leben aus der Verknotung seines zerteilten Daseins befreien und die Individualisierung des Lebens lediglich als nützliche untergeordnete Aktion der Einen Bewußten Kraft verwenden, die ihr Wesen und ihre Freude in einer unterschiedlichen Einheit zur Erfüllung bringt. Gibt es dann einen Grund, daß der Mensch nicht auch das körperliche Dasein von dem jetzigen Gesetz des Todes, der Zerteilung, des gegenseitigen Verzehrens befreien und die Individualisierung des Körpers lediglich als untergeordneten Begriff des einen göttlichen Bewußten Seins für die Freude des Unendlichen an der Endlichkeit dienstbar machen sollte? Warum sollte dieser Geist nicht in seiner souveränen Verfügung über die Form frei und auch im Wandel seines Gewandes aus Materie bewußt unsterblich, Besitzer seiner Selbst-Seligkeit in einer Welt sein, die dem Gesetz von Einheit, Liebe und Schönheit untertan ist?

Wenn durch den Menschen, den Bewohner des irdischen Seins, letztlich diese Umwandlung des Mentalen in das Supramentale bewirkt werden soll, ist es dann nicht möglich, daß er einen göttlichen Körper ebenso wie ein göttliches Mental und göttliches Leben entwickeln kann? Sollte diese Formulierung für unsere gegenwärtigen begrenzten Auffassungen von menschlicher Entwicklungsmöglichkeit zu schockierend sein, lautet die Frage: Könnte der Mensch nicht in der Entfaltung seines wahren Wesens, von dessen Licht, Freude und Macht zu göttlicher Verwendung von Mental, Leben und Körper kommen, wodurch die Herabkunft des Geistes in die Gestaltungen zugleich menschlich und göttlich gerechtfertigt würde?

Dieser höchsten irdischen Möglichkeit könnte nur eines im Wege stehen, daß unsere gegenwärtige Anschauung von der Materie und ihren Gesetzen die einzig mögliche Beziehung zwischen Sinnen und Substanz, zwischen dem Göttlichen Wesen als dem Wissenden und dem Göttlichen Wesen als Objekt darstellt, oder daß andere Beziehungen zwar möglich, hier jedoch unmöglich sind, nur auf höheren Seinsebenen gesucht werden müßten. In diesem Fall hätten wir unsere göttliche Erfüllung in jenseitigen Himmeln zu suchen, wie das die Religionen versichern. Ihre anderen Verheißungen vom Reich Gottes oder dem Reich der Vollkommenheit auf Erden müßten dann als Illusion abgetan werden. Dann könnten wir hier nur eine Vorbereitung erstreben oder einen inneren Sieg erlangen. Wenn wir Mental, Leben und Seele im Inneren befreit haben, müßten wir uns zurückziehen aus dem unüberwundenen und unüberwindlichen materiellen Prinzip, aus einer nicht-regenerierten unwandelbaren Erde, um anderswo unsere göttliche Substanz zu finden. Es gibt jedoch keinen Grund, diese unsere Entwicklung begrenzende Schlußfolgerung anzunehmen. Ganz gewiß gibt es auch andere Zustandsformen, selbst der Materie. Es gibt zweifellos eine aufsteigende Reihe göttlicher Stufenfolgen von Substanz. Es gibt die Möglichkeit, daß sich das materielle Wesen durch die Annahme eines Gesetzes umgestaltet, das höher ist als das ihm jetzt eigene, das dennoch das seine ist, da es in seinen geheimen Bereichen stets latent und potentiell vorhanden war.

Kapitel XXVI. Die aufsteigende Reihe der Substanz

Es gibt ein Selbst, das aus dem Wesen der Materie ist. Es gibt ein anderes inneres Selbst des Lebens, das das erstere füllt. Es gibt ein anderes inneres Selbst das Mentals. Es gibt ein anderes inneres Selbst des Wahrheits-Wissens. Es gibt ein anderes inneres Selbst der Seligkeit.

Taittiriya Upanishad, II. 1–5.

Sie erklimmen Indra wie eine Leiter. Wie wenn jemand einen Berggipfel nach dem anderen ersteigt, so wird dort das viele klar, das noch zu tun ist. Indra bringt Bewußtsein von Jenem als dem Ziel. Wie ein Falke, wie eine Weihe, laßt Er Sich auf dem Gefäß nieder und trägt es empor. In Seinem Strom von Bewegung entdeckt Er die Strahlen, denn Er schreitet einher in der Rüstung Seiner Waffen: Er läßt sich von der Meeresbrandung der Gewässer emportragen. Als ein großer König erklärt Er den vierten Zustand. Wie ein Sterblicher, der seinen Körper läutert, wie ein Streitroß, das zur Eroberung von Schätzen galoppiert, schleudert Er Seinen Aufruf durch alle Hüllen hindurch und dringt in diese Gefäße ein.

Rig Veda, I.10., I.2; IX.96.19, 20.

Wenn wir überlegen, was uns am meisten den materiellen Charakter der Materie darstellt, sehen wir, es sind ihre Aspekte von solider Festigkeit, Greifbarkeit, zunehmendem Widerstand und starker Reaktion auf den Kontakt durch die Sinne. Substanz scheint eher wahrhaft materiell und real zu sein in dem Verhältnis, wie sie uns einen soliden Widerstand entgegensetzt und sich kraft dieses Widerstands als Dauerhaftigkeit einer sinnlich wahrnehmbaren Form erweist, an die sich unser Bewußtsein halten kann. Je subtiler sie ist, je weniger dicht sie Widerstand leistet und von den Sinnen auf die Dauer erfaßt wird, umso weniger materiell scheint sie uns zu sein. Diese Einstellung unseres gewöhnlichen Bewußtseins zur Materie ist ein Symbol für den wesentlichen Zweck, für den Materie erschaffen wurde. Substanz geht in den materiellen Zustand über, damit sie dem mit ihr befaßten Bewußtsein dauerhafte, fest greifbare Abbilder liefert, an die sich das Mental ruhig halten kann, um darauf sein Wirken zu gründen, und damit das Leben sie zu handhaben vermag mit wenigstens relativer Sicherheit von Dauer in der Form, auf die es einwirkt. Darum wurde in der alten vedischen Formel Erde, als Typus der solideren Zustände der Substanz, als symbolischer Name für das materielle Prinzip genommen. Darum ist auch für uns Berührung oder Kontakt die wesentliche Grundlage der Sinnesfunktionen. Alle übrigen physischen Sinne, Schmecken, Riechen, Hören, Sehen, gründen sich auf eine Reihe immer subtiler und mittelbarer werdender Kontakte zwischen dem Wahrnehmenden und dem Wahrgenommenen. In gleicher Weise sehen wir in der Klassifikation der Sankhya-Philosophie bei den fünf elementaren Zustandsformen der Substanz vom Äther bis zur Erde, daß für sie eine ständige Progression vom Subtileren zum weniger Subtilen charakteristisch ist, so daß wir am höchsten die subtilen Vibrationen des Ätherischen haben und an der unteren Basis die gröbere Dichtigkeit der irdischen oder festen elementaren Bedingung. Darum ist Materie die letzte uns bekannte Stufe in der Progression der Substanz zur Basis kosmischer Beziehung, in der das erste Wort nicht Geist, sondern Form sein soll, und zwar Form in ihrer äußerst möglichen Entwicklung von Konzentration, Widerstandsfähigkeit, dauerhafter grober Anschaulichkeit, gegenseitiger Undurchdringlichkeit, dem Höhepunkt von Unterscheidung, Sonderung und Teilung. Das ist Absicht und Charakter des materiellen Universums, es ist die Formel vollendeter Teilbarkeit.

Wenn es in der Stufenfolge der Substanz von Materie zum Geist eine aufsteigende Reihe gibt, wie das der Natur der Dinge nach sein muß, so ist sie notwendigerweise durch eine fortschreitende Verminderung dieser für das physische Prinzip besonders charakteristischen Eigenschaften gekennzeichnet und durch ein progressives Anwachsen der entgegengesetzten kennzeichnenden Qualitäten, das uns zur Formel einer rein spirituellen Selbst-Ausdehnung führen wird. Das bedeutet, daß die Eigenschaften durch immer geringere Bindung an die Form charakterisiert sein müssen, durch immer feinere Subtilität und Flexibilität von Substanz und Kraft, durch ein stärkeres gegenseitiges Sichverschmelzen, Sichdurchdringen, durch die Macht zur Assimilation, zum Austausch, zur Variation, zur Umwandlung und Vereinigung. Wenn wir uns von der Dauerhaftigkeit der Form zurückziehen, nähern wir uns der Ewigkeit des Wesenhaften. Treten wir aus unserem Kräfteverhältnis in der ständigen Absonderung und dem Widerstand der physischen Materie zurück, so kommen wir hin zum höchsten göttlichen Kräfteverhältnis in der Unendlichkeit, Einheit und Unteilbarkeit des Geistes. Zwischen grober Stofflichkeit und reiner Geist-Substanz muß das die fundamentale Antinomie sein. In der Materie ballt sich chit, die Bewußte Kraft, zur Masse zusammen, um immer mehr gegen andere Massen der gleichen Bewußten Kraft Widerstand zu leisten und sich gegen sie durchzusetzen. In der Substanz des Geistes schaut sich reines Bewußtsein in seinem Empfinden seiner selbst als frei, mit einer wesenhaften Unteilbarkeit und einem ständig einenden Austausch; das ist die grundlegende Formel auch im abwechslungsreichsten Spiel seiner eigenen Kraft. Zwischen diesen beiden Polen liegt die Möglichkeit für eine unendliche Folge von Stufen.

Diese Überlegungen erhalten große Bedeutung, wenn wir die mögliche Beziehung zwischen göttlichem Leben und göttlichem Mental der vervollkommneten menschlichen Seele einerseits und dem sehr groben, scheinbar ungöttlichen Körper oder der Formel physischen Wesens betrachten, in dem wir tatsächlich existieren. Diese Formel ergibt sich aus einer gewissen festgelegten Beziehung zwischen Sinnen und Substanz, von der das materielle Universum ausgegangen ist. Aber ebenso wie diese Beziehung nicht die einzig mögliche Beziehung ist, so ist auch diese Formel nicht die einzig mögliche Formel. Leben und Mental mögen sich in einer veränderten Beziehung zur Substanz manifestieren und andersartige physische Gesetze, andere und umfassendere Gewohnheiten, ja sogar eine andersartige Substanz des Körpers mit einer freieren Aktion der Sinne, einer freieren Aktion des Lebens, einer freieren Aktion des Mentals ausarbeiten. Tod, Zertrennung, gegenseitiger Widerstand und Ausschließlichkeit zwischen verkörperten Massen derselben bewußten Lebens-Kraft sind die Formel unseres jetzigen physischen Daseins. Das Joch, das diese Formel, die im tierhaften Körper ausgedrückt ist, den höheren Prinzipien auferlegte, sind enge Begrenzung des Spiels der Sinne, Festsetzung innerhalb eines kleinen Kreises im Raum, Dauer und Macht der Lebensvorgänge, Verfinsterung, lahme Bewegung, gebrochenes und gehemmtes Tätigsein des Mentals. Diese Dinge sind aber nicht der einzige mögliche Rhythmus der kosmischen Natur. Es gibt höhere Zustandsformen, höhere Welten. Wenn deren Gesetz durch irgendeinen Fortschritt des Menschen und irgendeine Befreiung unserer Substanz von ihren jetzigen Unvollkommenheiten dieser sensiblen Gestalt und dem Instrument unseres Wesens auferlegt werden kann, mag es selbst hier zum physischen Wirken eines göttlichen Mentals und göttlicher Sinne kommen, zum physischen Wirken eines mehr göttlichen Lebens in der menschlichen Gestalt und sogar zu einer Evolution auf der Erde von etwas, das wir einen menschlichen Körper von göttlicher Art nennen könnten. Auch der Körper des Menschen mag eines Tages zu seiner verklärten Gestalt gelangen. Auch die Erden-Mutter mag in uns ihre Göttlichkeit offenbaren.

Selbst in der Formel des physischen Kosmos gibt es eine aufsteigende Reihe auf der Skala der Materie, die uns von der dichteren Materie zur weniger dichten, von der weniger subtilen zur subtileren führt. Was liegt aber jenseits des Punkts, mit dem wir den höchsten Begriff dieser Reihe, die höchste supraätherische Feinheit materieller Substanz oder Formulierung von Kraft erreicht haben? Nicht ein Nichts, nicht eine Leere; denn dort gibt es nicht so etwas wie absolute Leere oder wirkliche Nichtsheit. Was wir mit einem solchen Namen bezeichnen, liegt einfach jenseits von dem, was unsere Sinne, unser Mental oder unser subtilstes Bewußtsein erfassen können. Es ist auch nicht wahr, daß es nichts jenseits davon gäbe oder daß eine ätherische Substanz der ewige Uranfang der Materie sei. Wir wissen doch, daß Materie und materielle Kraft nur das letzte Ergebnis einer reinen Substanz und reinen Kraft sind, in denen das Bewußtsein in erleuchteter Weise seiner selbst inne ist und sich in seinem Selbst besitzt, also nicht, wie in der Materie, in unbewußtem Schlaf und träger Bewegung seinem Selbst verloren ging. Was ist also dort zwischen dieser materiellen Substanz und jener reinen Substanz? Wir machen keinen Sprung von der einen zur anderen, wir gehen nicht ohne Obergang aus dem Nicht-Bewußten in absolutes Bewußtsein über. Es muß Grade geben – und es gibt sie auch – zwischen unbewußter Substanz und äußerst selbstbewußter Selbst-Ausdehnung, wie es solche Grade zwischen dem Prinzip der Materie und dem Prinzip des Geistes gibt.

Alle Menschen, die überhaupt in diese Abgründe eingedrungen sind, stimmen darin überein und bezeugen, daß es eine Reihe immer subtilerer Formulierungen von Substanz gibt, die mit dem Schema des materiellen Universums nicht greifbar sind und darüber hinausgehen. Ohne tief in Dinge einzudringen, die für unsere jetzige Untersuchung zu okkult und schwierig sind, können wir im Anschluß an das System, auf das wir uns gründen, sagen: man kann diese Stufenfolgen von Substanz in einem wichtigen Aspekt ihrer Formulierung in der Reihe sehen und zwar in ihrer Entsprechung zur emporsteigenden Skala von Materie, Leben, Mental und Supramental und zu jener anderen höheren göttlichen Dreifaltigkeit von saccidananda. Mit anderen Worten: wir finden, daß sich Substanz in ihrem Aufstieg auf diese Prinzipien gründet und sich nacheinander zu einem charakteristischen Träger des herrschenden kosmischen Selbst-Ausdrucks von jedem in der aufsteigenden Reihe dieser Prinzipien macht.

Hier in der materiellen Welt gründet sich alles auf die Formel von materieller Substanz. Sinne, Leben, Denken haben ihre Basis in dem, was man im Altertum die Erden-Macht nannte. Sie gehen von ihr aus, gehorchen ihren Gesetzen, passen ihr Wirken diesem fundamentalen Prinzip an, begrenzen sich durch seine Möglichkeiten und müssen, wenn sie andere Prinzipien entwickeln wollen, gerade bei dieser Entwicklung die ursprüngliche Formel, ihr Ziel und ihre Anforderung an die göttliche Evolution berücksichtigen. Die Sinne arbeiten mittels physischer Instrumente, das Leben durch ein physisches Nervensystem und vitale Organe. Das Mental muß seine Tätigkeit auf eine dingliche Basis gründen und materielle Vermittlung verwenden. Selbst seine rein mentalen Betätigungen müssen die so gewonnenen Daten als Feld und Stoff benutzen, auf die es einwirkt. In der wesenhaften Natur von Mental, Sinnen und Leben gibt es keine Notwendigkeit, so beschränkt zu bleiben. Denn die physischen Sinnes-Organe sind nicht die Schöpfer der Sinnes-Wahrnehmungen, sondern selbst Schöpfung, Instrumente und hier notwendiges Hilfsmittel des kosmischen Zentral-Sinnes. Das Nervensystem und die vitalen Organe sind nicht die Schöpfer von Aktion und Reaktion des Lebens, sondern selbst Schöpfung, Instrumente und hier notwendige Hilfsmittel der kosmischen Lebens-Kraft. Das Gehirn ist nicht der Schöpfer des Denkens, sondern selbst Schöpfung, Instrument und hier notwendiges Hilfsmittel des kosmischen Mentals. Die Notwendigkeit ist also nicht absolut, sondern zweckbestimmt. Sie ist das Ergebnis eines göttlichen kosmischen Willens im materiellen Universum, der hier eine physische Beziehung zwischen den Sinnen und ihrem Objekt herzustellen beabsichtigt, der hier eine materielle Formel und ein Gesetz Bewußter Kraft festsetzt und dadurch physische Ebenbilder von Bewußtem Wesen erschafft, die als anfängliche, beherrschende und bestimmende Tatsache der Welt dienen, in der wir leben. Das ist kein fundamentales Gesetz des Seienden, sondern ein konstruktives Prinzip, das erforderlich ist durch die Absicht des Geistes, sich in einer Welt von Materie zu entwickeln.

Im nächsten Grad von Substanz ist die anfängliche, vorherrschende und bestimmende Tatsache nicht weiter substantielle Form und Kraft, sondern Leben und bewußtes Begehren. Darum muß die Welt jenseits dieser materiellen Ebene eine auf bewußte kosmische vitale Energie, auf eine Kraft vitalen Suchens und eine Kraft von Begehren gegründete Welt und deren Selbst-Ausdruck sein. Ihre Basis ist nicht mehr ein unbewußter oder unterbewußter Wille, der die Form materieller Kraft und Energie annimmt. Von dieser Anfangs-Tatsache von Bewußtem Leben, dem Materie und Mental sich zu unterwerfen haben, müssen alle Formen, Körper, Kräfte, Lebensbewegungen, Sinnenbewegungen, Gedankenbewegungen, Entwicklungen, höchsten Errungenschaften und Selbst-Erfüllungen dieser Welt beherrscht und bestimmt sein. Sie müssen von hier ausgehen, sich darauf gründen, durch ihre Gesetze, Mächte, Fähigkeiten, Grenzen beschränkt oder ausgewertet sein. Wenn das Mental hier noch höhere Möglichkeiten zu entwickeln sucht, muß es dabei auch die ursprüngliche vitale Formel der Kraft des Begehrens, ihren Zweck und ihre Anforderung an die göttliche Manifestation berücksichtigen.

Ebenso ist es bei den höheren Stufen. Die nächste in der Reihe muß von dem beherrschenden und bestimmenden Faktor des Mentals regiert werden. Dort muß die Substanz subtil und flexibel genug sein, daß sie die ihr unmittelbar vom Mental auferlegten Gestaltungen annehmen kann, seiner Wirkensweise gehorcht, sich seiner Forderung nach Selbst-Ausdruck und Selbst-Erfüllung unterordnet. Auch die Beziehungen zwischen Sinnen und Substanz sollen eine entsprechende Feinheit und Biegsamkeit haben und dürfen bestimmt sein nicht durch Beziehungen wie zwischen physischen Organen und physischem Objekt, sondern wie zwischen Mental und subtilerer Substanz, auf die das Mental einwirkt. Das Leben einer solchen Welt wäre dann in einer Weise der Diener des Mentals, wie sich das unsere schwachen mentalen Funktionen und unsere begrenzten, primitiven, rebellischen vitalen Fähigkeiten kaum angemessen vorstellen können. Dort herrscht das Mental als die ursprüngliche Formel, seine Absicht hat Übergewicht, seine Forderungen haben im Gesetz der göttlichen Manifestation vor allen anderen Vorrang. In einem noch höheren Bereich ersetzen das Supramental – oder, in der Zwischensphäre, die von ihm beeinflußten Prinzipien – oder, noch höher, reine Seligkeit, reine Bewußte Macht oder reines Wesen das Mental und sind dort das vorherrschende Prinzip. Hier betreten wir die Bereiche des kosmischen Daseins, die für die Seher der alten Veden die Welten erleuchteten göttlichen Seins und der Ursprung dessen waren, was sie Unsterblichkeit nannten, was sich spätere indische Religionen dann in Sinnbildern als Himmel, brahma-loka oder goloka, vorstellten, als einen höchsten Selbst-Ausdruck des Wesens als Geist, in dem die in ihre höchste Vollkommenheit befreite Seele die Unendlichkeit und Glückseligkeit der ewigen Gottheit besitzt. Dieser stetig emporsteigenden Erfahrung und der über die materielle Formulierung der Dinge hinaus erhobenen Schau liegt folgendes Prinzip zugrunde: Alles kosmische Dasein ist eine komplexe Harmonie und findet sein Ende nicht am begrenzten Bereich des Bewußtseins, in dem eingesperrt zu sein sich das gewöhnliche menschliche Mental und Leben zufrieden geben. Wesen, Bewußtsein, Kraft, Substanz kommen auf einer vielsprossigen Leiter herab und steigen auf ihr empor. Auf jeder ihrer Sprossen hat das Wesen umfassendere Selbst-Ausdehnung, das Bewußtsein ein ausgedehnteres Empfinden seines eigenen Bereiches, seiner Größe und Freude; die Kraft größere Intensität und raschere, freudvollere Befähigung; die Substanz gibt ihre Grund-Wirklichkeit subtiler, plastischer, strahlender und biegsamer wieder. Denn das Subtilere ist auch das Machtvollere, – man könnte sagen, es ist das wahrhaft Konkrete. Es ist weniger gefesselt an das Grobe. Es hat in seinem Wesen längere Dauer, zusammen mit größerer Wirkungsmöglichkeit, Plastizität und Reichweite in seinem Werden. Jedes Plateau im Bergland des Wesens eröffnet unserer sich ausweitenden Erfahrung eine höhere Bewußtseinsebene und unserem Dasein eine reichere Welt.

Wie beeinflußt aber diese aufsteigende Reihe die Möglichkeiten unseres materiellen Daseins? Sie würde gar nicht auf sie einwirken, wenn jede Bewußtseins-Ebene, jede Welt des Wesens, jede Art von Substanz, jeder Grad kosmischer Kraft vollständig abgetrennt wäre von dem, was ihm vorausgeht und nachfolgt. Aber das Gegenteil ist wahr. Die Manifestation des Geistes ist ein komplexes Gewebe. In den Entwurf und das Muster eines einzigen Prinzips dringen alle anderen als Elemente des spirituellen Ganzen ein. Unsere materielle Welt ist das Ergebnis aller anderen Welten. Denn die anderen Prinzipien sind alle in die Materie herabgekommen, um das physische Universum zu erschaffen.

Jedes Teilchen dessen, was wir Materie nennen, enthält sie alle in sich eingeschlossen. Ihr geheimes Wirken ist, wie wir gesehen haben, in jeden Augenblick ihres Seins und jeden Augenblick ihrer Aktivität involviert. So wie Materie das letzte Wort der Herabkunft ist, so ist sie auch das erste Wort des Aufstiegs. So wie die Mächte all dieser Ebenen, Welten, Stufen, Grade in das materielle Dasein involviert sind, so sind sie alle auch fähig zur Evolution aus ihm. Aus diesem Grund beginnt und endet auch das materielle Wesen nicht mit Gasen, chemischen Zusammensetzungen und physischen Kräften oder Bewegungen, mit Nebeln, Sonnen und Erdkörpern, sondern es entwickelt Leben, entfaltet Mental und muß zuletzt zur Evolution des Supramentals und der höheren Grade spirituellen Seins führen. Evolution kommt zustande durch den unaufhörlichen Druck der supra-materiellen Ebenen auf die materielle, der sie zwingt, deren Prinzipien und Mächte aus sich zu entbinden, die andernfalls begreiflicherweise, eingesperrt in die Starrheit der materiellen Formel, geschlafen hätten. Das ist jedoch so unwahrscheinlich, da ihr Auftreten einen Zweck ihrer Entbindung voraussetzt. Diese Notwendigkeit von unten wird aber tatsächlich noch sehr stark durch entsprechenden Druck von oben unterstützt.

Die Evolution kann nicht mit den ersten dürftigen Formulierungen von Leben, Mental, Supramental und Geist enden, wie sie diesen höheren Mächten von der widerstrebenden Macht der Materie zugebilligt werden. Denn in dem Maß, wie sie sich entwickeln, wie sie erwachen, immer aktiver werden und danach drängen, ihre eigenen Potenzen zu entfalten, muß auch der Druck von den höheren Ebenen auf sie immer mehr an Dringlichkeit, Macht und Wirkungsstärke zunehmen, ein Druck, der in das Dasein, den engen Zusammenhang und die gegenseitige Abhängigkeit der Welten involviert ist. Diese Prinzipien müssen sich nicht nur von unten her in beschränktem und eingeengtem Auftauchen offenbaren, sondern müssen auch von oben in ihrer charakteristischen Macht und dem vollen, ihnen möglichen Aufblühen in das materielle Wesen herabkommen. Die materielle Schöpfung muß sich für ein immer umfassenderes Spiel ihrer Aktivitäten in der Materie öffnen. Nötig dazu ist ein geeignetes Empfangsorgan, ein Medium und Instrument. Dafür ist mit Körper, Leben und Bewußtsein des Menschen vorgesorgt.

Gewiß wäre dieser Körper, dieses Leben und dieses Bewußtsein nur ein sehr unzureichender Begriff für die Evolution, wenn sie begrenzt blieben auf die Möglichkeiten des groben Körpers, was alles ist, das unsere physischen Sinne und unsere physische Mentalität akzeptieren. Der Mensch dürfte dann nicht hoffen, etwas wesentlich Größeres als das zu vollenden, was er bis jetzt zustande brachte. Dieser Körper ist aber, wie die alte okkulte Wissenschaft entdeckte, nicht einmal das Ganze unseres physischen Wesens. Diese grobe Dichte ist nicht unsere ganze Substanz. Die älteste vedantische Erkenntnis spricht zu uns von fünf Graden unseres Wesens: dem Materiellen, dem Vitalen, dem Mentalen, dem Idealen und dem Spirituellen oder dem Glückseligen. Jedem dieser Grade unserer Seele entspricht ein Grad unserer Substanz, eine Hülle, wie das in der alten Bildsprache genannt wurde. Eine spätere Psychologie fand, daß diese fünf Umhüllungen unserer Substanz das Material von drei Körpern seien: des grob-physischen, des subtilen und des kausalen, in denen allen die Seele gegenwärtig und gleichzeitig wohnt, obwohl wir hier und jetzt nur oberflächlich des materiellen Trägers bewußt sind. Es ist aber möglich, daß wir ebenso auch in unseren anderen Körpern unser Bewußtsein entfalten können. Tatsächlich verursacht das Öffnen der trennenden Vorhänge zwischen ihnen, das heißt also zwischen unseren physischen, psychischen und ideellen Personalitäten, jene “psychischen” oder “okkulten” Phänomene, die man jetzt in wachsendem Maß – jedoch noch zu wenig und zu plump -in ihrer wirklichen Bedeutung zu erforschen beginnt, während man sie zugleich viel zu sensationell ausbeutet. Indiens Yogins des alten Hatha-Yoga und des tantrischen Yoga hatten schon lange aus diesem höheren menschlichen Leben und seinen Körperfunktionen eine Wissenschaft entwickelt. Sie hatten sechs Nervenzentren des Lebens in dem dicht-materiellen Körper entdeckt, denen sechs Zentren von Lebens- und Mental-Fähigkeiten im subtilen Körper entsprechen. Sie hatten subtile physische Übungen entwickelt, durch die diese jetzt geschlossenen Zentren geöffnet werden können. Dadurch kann der Mensch in das höhere psychische Leben, das unserem subtilen Wesen entspricht, eintreten. Es konnten sogar die physischen und vitalen Widerstände gegen die Erfahrung des idealen und spirituellen Wesens beseitigt werden. Es ist bedeutungsvoll, daß eines der hervorragendsten, von den Hatha-Yogins als Erfolg ihrer Übungen ausgegebenen Ergebnisse in vieler Hinsicht bestätigt wurde: eine Kontrolle der physischen Lebenskraft, die sie von manchem durch Gewohnheit in uns Fixierten oder von den sogenannten Gesetzen befreit, die von der physischen Wissenschaft für unabtrennbar vom Leben im Körper gehalten werden.

Hinter all diesen Begriffen psycho-physischer Wissenschaft des Altertums liegt das eine große Faktum und Gesetz unseres Wesens: Hinter dem gegenwärtigen Ausgleich von Form, Bewußtsein und Macht in dieser materiellen Evolution, was immer er sein mag, muß ein größeres, wahreres Sein existieren, das auch wirklich existiert, von dem dieses hier nur das äußere Ergebnis und der physisch greifbare Aspekt ist. Unsere Substanz endet nicht mit dem physischen Körper. Er ist nur unser irdischer Sockel, die Basis für unsere Erd-Existenz, der materielle Ausgangspunkt. So wie es hinter unserer erwachten Mentalität noch unermeßliche Bereiche von Bewußtsein gibt, die ihr unterbewußt oder überbewußt sind, deren wir manchmal auf abnorme Art innewerden, so gibt es hinter unserem groben physischen Wesen andere und subtilere Grade von Substanz mit einem feineren Gesetz und einer größeren Macht, die den dichteren Körper tragen und fördern. Wenn wir in die zu ihnen gehörigen Bereiche des Bewußtseins eintreten, können sie dazu gebracht werden, jenes Gesetz und jene Macht unserer dichten Materie aufzuerlegen, und wir können so die Grobheit und Begrenztheit unseres gegenwärtigen physischen Lebens, unserer Impulse und Gewohnheiten durch ihre reineren, höheren und intensiveren Wesens-Bedingungen ersetzen. Sollte das wirklich so sein, erscheint die Evolution eines edleren physischen Daseins, das nicht begrenzt ist durch die gewöhnlichen Bedingungen tierhafter Geburt, durch Leben und Tod, durch schwierige Ernährung, die dauernde Bedrohung durch Unordnung und Krankheit sowie das Unterworfensein unter armselige, unbefriedigte vitale Sehnsüchte, nicht mehr als Traum und Chimäre. Sie wird zu einer auf rationale und philosophische Wahrheit gegründeten Möglichkeit, die in Einklang steht mit allem, was wir bisher erkannt und erfahren haben oder was wir uns von einer offenbaren oder geheimen Wahrheit unseres Daseins denken können.

So sollte es auch vernunftgemäß sein; denn die ununterbrochene Reihe der Prinzipien unseres Wesens und ihre enge Verbindung untereinander ist zu offensichtlich, als daß es möglich wäre, ein einziges der Prinzipien zu verdammen und auszuschalten, während die anderen zu göttlicher Befreiung fähig sind. Der Aufstieg des Menschen vom Physischen empor bis zum Supramentalen muß die Möglichkeit eröffnen, daß er auch entsprechend auf den Stufen der Substanz bis zu jenem idealen und kausalen Körper emporsteigen kann, der eigentlich zu unserem supramentalen Wesen gehört. Die Eroberung der niederen Prinzipien durch das Supramental und deren Befreiung zum göttlichen Leben und zu göttlicher Mentalität muß auch den Sieg über unsere physischen Beschränkungen durch die Macht und das Prinzip supramentaler Substanz möglich machen. Das bedeutet aber nicht nur Evolution eines unbehinderten Bewußtseins, unseres Mentals und unserer Sinne, die nicht mehr in die Wände des physischen Ichs eingeschlossen oder auf die ärmliche Grundlage unserer von den physischen Sinnesorganen gelieferten Erkenntnis eingeengt sind, sondern auch Evolution einer Lebens-Macht, die immer mehr von ihren sterblichen Beschränkungen befreit ist, und eines physischen Lebens, das einem göttlichen Bewohner entspricht in dem Sinn, daß wir nicht mehr an unsere gegenwärtige körperliche Struktur gebunden bleiben oder durch sie Restriktionen erleiden, sondern das Gesetz des physischen Körpers völlig überwinden: das ist der Sieg über den Tod, die Unsterblichkeit hier auf der Erde. Denn aus der göttlichen Seligkeit, der ursprünglichen Seins-Wonne, kommt der Herr der Unsterblichkeit und gießt den Wein jener Seligkeit, das mystische Soma, in diese Gefäße mentalisierter lebendiger Materie. Ewig und herrlich geht er in diese Hüllen von Substanz ein, um Wesen und Natur vollständig zu transformieren.

Kapitel XXVII. Das siebenfache Geflecht des Seienden

In der Unwissenheit meines Gemüts frage Ich nach diesen Stufen der Götter, die im Inneren errichtet sind. Die allwissenden Götter haben das einjährige Kind genommen und sieben Garne um es gewoben, um dieses Gewebe zu machen.

Rig Veda, I.164.5

Bei unserer Erforschung der sieben großen Prinzipien des Seienden, die die Seher des Altertums als die Grundlage und siebenfältige Art alles kosmischen Daseins festlegten, haben wir jetzt die Stufenfolge von Evolution und Involution erkannt und sind bis zur Basis des Wissens gelangt, nach dem wir streben. Wir legten als Ursprung, Inhalt, anfängliche und letzte Wirklichkeit all dessen, was im Kosmos existiert, das dreieinige Prinzip von transzendentem und unendlichem Sein, Bewußtsein und Seligkeit dar, das die Art göttlichen Wesens ist. Bewußtsein hat zwei Aspekte: einen erleuchtenden und einen wirksamen, Zustand und Macht von Selbst-Erkenntnis und Zustand und Macht von Selbst-Kraft, wodurch sich das Seiende in seinem statischen Zustand wie in seiner dynamischen Bewegung selbst besitzt. Denn in seiner schöpferischen Aktion weiß es durch allmächtiges Selbst-Bewußtsein alles, was latent in seinem Inneren ist; es bringt das Universum seiner Macht-Möglichkeiten durch eine allwissende Selbst-Energie hervor und regiert es. Diese schöpferische Aktion des All-Seienden hat ihre Verknüpfung im vierten vermittelnden Zwischen-Prinzip des Supramentals oder der Real-Idee, worin ein mit Selbst-Sein und Selbst-Gewahren geeintes göttliches Wissen und ein in völligem Einklang mit diesem Wissen befindlicher substantieller Wille – denn er ist selbst in seiner Substanz und Natur jenes selbst-bewußte, in erleuchtetem Wirken dynamische Selbst-Sein – unfehlbar Bewegung, Form und Gesetz der Dinge in richtiger Übereinstimmung mit ihrer selbst-seienden Wahrheit und in Harmonie mit den Bedeutungen ihrer Manifestation entfalten.

Die Schöpfung hängt ab von dem zweieinigen Prinzip von Einheit und Vielfalt, sie bewegt sich zwischen beiden. Sie ist eine Vielfalt von Idee, Kraft und Form, die der Ausdruck ursprünglicher Einheit ist. Und sie ist ewige Einheit, die Grundlage und Wirklichkeit der vielfältigen Welten ist und ihr Spiel möglich macht. Supramental verwirklicht sich darum durch die doppelte Fähigkeit: durch verstehende und wahrnehmende Erkenntnis. Fortschreitend von der wesenhaften Einheit zu der sich daraus ergebenden Vielfalt versteht es alle Dinge in sich als sich selbst, das Eine in seinen vielfältigen Aspekten. Und es nimmt alle Dinge gesondert wahr als Gegenstände seines Willens und Wissens. Zwar sind für sein ursprüngliches Selbst-Bewußtsein alle Dinge ein einziges Wesen, ein einziges Bewußtsein, ein einziger Wille, eine einzige Seligkeit im Selbst und die ganze Bewegung der Dinge ein einziger und unteilbarer Ablauf. In seiner Aktion schreitet aber das Supramental von der Einheit fort zur Vielfalt und wieder von der Vielfalt zur Einheit und erschafft so eine geordnete Beziehung zwischen ihnen sowie den äußeren Anschein, doch keine bindende Wirklichkeit, einer Zerteilung: eine subtile, nicht-zertrennende Teilung, eher eine Abgrenzung und Bestimmung innerhalb des Unteilbaren. Das Supramental ist die göttliche Gnosis, die die Welten erschafft, regiert und in ihrem Bestehen erhält: es ist die verborgene Weisheit, die sowohl unser Wissen wie unsere Unwissenheit trägt.

Wir haben auch entdeckt, daß Mental, Leben und Materie ein dreifacher Aspekt dieser höheren Prinzipien sind, die, soweit das unser Universum betrifft, dem Prinzip der Unwissenheit untergeordnet wirken, jener vordergründigen und scheinbaren Selbstvergessenheit des Einen in seinem Spiel der Teilung und Vielfalt. In Wirklichkeit sind diese drei Prinzipien nur untergeordnete Mächte der göttlichen Vierfaltigkeit: Das Mental ist eine untergeordnete Macht des Supramentals, das sich auf die Basis der Zerteilung stellt und hier tatsächlich die dahinterstehende Einheit vergißt, obwohl es fähig ist, durch Wiedererleuchtung vom Supramental her zu ihr zurückzukehren. In ähnlicher Weise ist Leben eine untergeordnete Macht des Energie-Aspekts von saccidananda. Es ist Kraft, die die Form und das Spiel bewußter Energie vom Standpunkt der vom Mental geschaffenen Zertrennung her ausarbeitet. Materie ist die Form der Substanz des Wesens, die das Sein von saccidananda annimmt, wenn es sich dieser Aktion seines eigenen Bewußtseins und seiner Kraft in der äußeren Erscheinungswelt unterwirft.

Hinzu kommt noch ein viertes Prinzip, das an der Verbindungsstelle von Mental, Leben und Körper in Erscheinung tritt. Wir nennen es die Seele. Sie erscheint uns aber in doppelter Weise: vordergründig als die Begehren-Seele, die nach Besitz und Genuß der Dinge strebt, und dahinter, weitgehend oder völlig durch die Begehren-Seele verborgen, die wahre seelische Wesenheit, der wirkliche Speicher für die Erfahrungen des Geistes. Wir sind zu dem Schluß gekommen, daß dieses vierte Prinzip im Menschen eine Projektion und Aktion des dritten göttlichen Prinzips unendlicher Seligkeit ist. Sein Wirken geschieht jedoch in den Begriffen unseres Bewußtseins und unter den Bedingungen der Seelen-Evolution in dieser Welt. Wie das Sein des Göttlichen Wesens seiner Natur nach unendliches Bewußtsein und die Selbst-Macht dieses Bewußtseins ist, so ist die Natur seines unendlichen Bewußtseins lautere unendliche Seligkeit. Besitz des Selbsts und Innesein des Selbsts sind das Wesen seiner Selbst-Seligkeit. Auch der Kosmos ist ein Spiel dieser göttlichen Selbst-Seligkeit, und die Seligkeit dieses Spiels gehört völlig dem Allumfassenden. Aber wegen des Wirkens von Unwissenheit und Zerteilung wird sie im einzelnen Menschen in dessen subliminalem und überbewußtem Wesen zurückbehalten. Sie fehlt in unserem vordergründigen Dasein. Wir müssen sie suchen, finden und in Besitz nehmen, indem wir das individuelle Bewußtsein zur Universalität und Transzendenz hin entwickeln.

Wir können also, wenn wir wollen, acht statt sieben Prinzipien aufstellen. (Die Seher des Veda sprechen von sieben Strahlen, aber auch von acht, neun, zehn oder zwölf.) Dann erkennen wir, daß unser Dasein eine Art Widerschein des göttlichen Seins ist, eine umgekehrte Ordnung von Auf- und Abstieg in folgender Reihenfolge:

Sein Materie

Bewußtseins-Kraft Leben

Seligkeit Seele

Supramental Mental

Das Göttliche Wesen kommt aus dem reinen Sein herab in das kosmische Wesen durch das Spiel von Bewußtseins-Kraft und Seligkeit sowie durch das schöpferische Medium Supramental. Wir steigen zum göttlichen Wesen empor von der Materie durch die Entwicklung von Leben, Seele und Mental sowie durch das erleuchtende Medium Supramental. Die Verknüpfung zwischen diesen beiden Hemisphären, der höheren und der niederen, parardha und aparardha, ist dort, wo Mental und Supramental zusammentreffen, mit einem Vorhang dazwischen. Bedingung für das göttliche Leben in der Menschheit ist, daß der Vorhang zerrissen wird. Denn das Mental kann sein göttliches Licht im all-umgreifenden Supramental wiedergewinnen, die Seele ihr göttliches Selbst im alles besitzenden, all-wonnevollen ananda verwirklichen, Leben seine göttliche Macht im Spiel einer allmächtigen Bewußten Kraft neu erwerben, Materie sich für ihre göttliche Freiheit als eine Form göttlichen Seins öffnen, wenn der Schleier zerrissen wird, das höhere Wesen erleuchtend in die Natur des niederen Wesens herabkommt und das niedere kraftvoll in die Art des höheren emporsteigt. Sollte es für die Evolution, die gegenwärtig ihre Krone und ihr Haupt hier im menschlichen Wesen findet, ein Ziel und nicht nur zweckloses Herumirren im Kreis und individuelle Flucht aus diesem Kreislauf geben und sollte die unendliche Machtmöglichkeit dieser menschlichen Kreatur, die allein hier zwischen Geist und Materie dasteht in der Vollmacht, zwischen beiden zu vermitteln, einen anderen Sinn haben, als zuletzt aus der Enttäuschung des Lebens aufgeweckt zu werden durch Verzweiflung und Abscheu vor dem kosmischen Bemühen und dann alles ganz abzulehnen, – muß gerade solch erleuchtende und machtvolle Umwandlung und das Hervortreten des Göttlichen Wesens in der menschlichen Kreatur jenes hoch-erhabene Ziel und jene höchste Sinnerfüllung sein.

Bevor wir uns aber den psychologischen und praktischen Bedingungen zuwenden können, unter denen eine solche verklärende Umgestaltung aus nur wesenhafter Möglichkeit zur dynamischen Macht der Verwirklichung werden kann, haben wir noch viel zu bedenken. Müssen wir doch nicht nur die wesentlichen Prinzipien der Herabkunft von saccidananda in das kosmische Dasein klar erkennen, was wir bereits getan haben, sondern auch den umfassenden Plan seiner hiesigen Ordnung und die Art und Aktion der manifestierten Macht von Bewußter Kraft, die über den Bedingungen regiert, unter denen wir jetzt existieren. Zuerst müssen wir erkennen, daß die sieben oder acht von uns untersuchten Prinzipien für die gesamte kosmische Schöpfung wesentlich sind. Sie sind hier, manifestiert oder noch nicht manifestiert, in uns selbst, in diesem “einjährigen Kind”, das wir noch sind, – denn wir sind noch weit davon entfernt, die Erwachsenen der evolutionären Natur zu sein. Die höhere Dreieinigkeit ist Ursprung und Basis allen Daseins und seines Spiels, und der gesamte Kosmos ist Ausdruck und Wirken ihrer wesenhaften Wirklichkeit. Kein Universum kann nur eine Form des Wesens sein, die absolutem Nicht-Sein entsprungen wäre, sich in einer absoluten Leere gestaltet hätte und nun dasteht vor dem Hintergrund einer nicht-seienden Öde. Das Universum muß entweder selbst eine Gestalt des Seins sein innerhalb des unendlichen Seins, das jenseits aller Gestaltung ist, oder es ist notwendigerweise selbst das All-Sein. Wenn wir unser Selbst mit dem kosmischen Wesen einen, sehen wir, daß es in Wahrheit beides zugleich ist. Das heißt, es ist der All-Seiende, der Sich Selbst ausformt in eine unendliche Reihe von Rhythmen innerhalb Seiner eigenen, alles umgreifenden Ausdehnung Seiner Selbst als Zeit und Raum. Wir sehen darüber hinaus, daß diese oder jede kosmische Aktion unmöglich ohne das Spiel einer unendlichen Kraft des Seins geschehen kann, die alle diese Formen und Bewegungen hervorbringt und lenkt. Und diese Kraft setzt genauso die Aktion eines unendlichen Bewußtseins voraus oder ist selbst diese Aktion, denn sie ist ihrer Natur nach kosmischer Wille, der alle Beziehungen bestimmt und sie durch seine Art des Erkennens wahrnimmt. Er könnte sie aber nicht so bestimmen und wahrnehmen, wenn es nicht hinter dieser Art kosmischen Erkennens ein umgreifendes Bewußtsein gäbe, damit durch es die Beziehungen des Wesens in der sich entwickelnden Gestaltung oder im Werden seiner selbst, was wir das Universum nennen, verursacht, festgehalten, fixiert und reflektiert werden.

Schließlich muß eine unermeßliche Selbst-Seligkeit Ursache, Wesen und Ziel des kosmischen Daseins sein, da Bewußtsein auf diese Weise allwissend und allmächtig, in völlig erleuchtetem Besitz seiner selbst ist und ein so erleuchteter Besitz mit Notwendigkeit und seiner wahren Natur nach Seligkeit ist (es kann nichts anderes sein). Der Seher des Altertums sagt: “Gäbe es nicht diesen allumfassenden Äther von Seins-Seligkeit, in dem wir wohnen, und wäre diese Wonne nicht unser eigener Äther, könnte niemand atmen, niemand leben.” Die Selbst-Seligkeit mag unterbewußt werden, scheinbar unserem äußeren Menschen verloren gehen, muß aber nicht nur dort an den Wurzeln unseres Wesens vorhanden, sondern alles Dasein muß dem Wesen nach das Suchen und Streben sein, diese Seligkeit zu entdecken und zu besitzen. In dem Maße, in dem sich die menschliche Kreatur im Kosmos selbst findet, muß sie zu einer Erfahrung dieser geheimen Ekstase erwachen: in Willen und Macht oder in Licht und Erkenntnis oder in Wesen und Weite oder in Liebe und Freude selbst. Freude des Wesens, Entzücken in der Realisation durch Erkenntnis, Wonne am Besitzen durch Wille und Macht oder durch schöpferische Kraft, Ekstase der Einung in Liebe und Freude, das sind die höchsten Begriffe sich ausbreitenden Lebens, denn sie sind das Wesen des Seins selbst in seinen verborgenen Wurzeln und auf seinen noch unsichtbaren Höhen. Überall, wo kosmisches Dasein sich manifestiert, müssen also diese drei hinter ihm und in ihm sein.

Aber unendliches Sein, Bewußtsein und Seligkeit brauchten überhaupt nicht in sichtbares Wesen herauszutreten; und wenn sie es tun, müßte es kein kosmisches Dasein, könnte es einfach eine Unendlichkeit von Gestaltungen sein ohne festgelegte Ordnung oder Beziehung, wenn sie nicht den vierten Begriff, das Supramental oder die göttliche Gnosis, in sich enthalten, entfalten und aus sich hervorbringen würden. In jedem Kosmos muß es eine Macht von Wissen und Willen geben, die aus einer unendlichen Potentialität feststehende Beziehungen fixiert, die Früchte aus den Saaten entfaltet, den mächtigen Rhythmus kosmischen Gesetzes ablaufen läßt und die Welten schaut und regiert als ihr unsterblicher und unendlicher Seher und Herrscher. (“Der Seher, der Denker, Er, der überall im Werden hervortritt, der Selbst-Seiende.” Isha Upanishad, 8) Diese Macht ist in Wirklichkeit nichts anderes als Er Selbst, saccidananda. Sie erschafft nichts, was nicht in ihrem Selbst-Sein enthalten ist. Aus diesem Grund ist alles kosmische und wirkliche Gesetz nichts von außen her Auferlegtes; es kommt vielmehr von innen. Alle Entwicklung ist Selbst-Entwicklung, alle Saat und ihre Früchte sind Saat einer Wahrheit der Dinge und Früchte aus dieser Saat, bestimmt durch ihre potentiellen Kräfte. Aus demselben Grund ist kein Gesetz absolut, denn nur das Unendliche ist absolut, und alles enthält in sich endlose, weit über seine determinierte Form und den festgelegten Ablauf hinausgehende Entfaltungsmöglichkeiten, die nur durch eine Selbst-Begrenzung von seiten der Idee bestimmt werden, die aus unendlicher Freiheit im Inneren hervorgeht. Diese Macht der Selbst-Begrenzung wohnt notwendigerweise in dem Grenzenlosen All-Seienden. Das Unendliche wäre nicht das Unendliche, wenn es nicht eine vielfältige Endlichkeit annehmen könnte. Das Absolute wäre nicht das Absolute, wenn ihm in Wissen, Macht, Willen und Manifestation seines Wesens eine grenzenlose Fähigkeit zur Selbst-Bestimmung versagt wäre. Dieses Supramental ist also die Wahrheit oder Real-Idee, die in aller kosmischen Kraft und Existenz eingeboren ist. Sie ist notwendig, obwohl sie selbst unendlich bleibt, um Beziehung, Ordnung und die großen Linien der Manifestation festzulegen, zu kombinieren und aufrechtzuerhalten. In der Sprache der vedischen Rishis ist dieses Supramental, ebenso wie Unendliches Sein, Bewußtsein und Seligkeit die drei erhabensten und geheimen Namen des Namenlosen sind, der vierte Name: der vierte für Jenes in seinem Herabkommen, der vierte für uns in unserem Aufstieg (turiyam svid, “ein gewisses Viertes”, auch turiyam dhama genannt, die vierte Station oder Balance der Kräfte des Seins).

Aber die niedere Trilogie Mental, Leben und Materie ist auch für alles kosmische Wesen unentbehrlich, zwar nicht unbedingt in der Form oder mit der Wirkensweise und unter den Bedingungen, die wir auf Erden oder in diesem materiellen Universum kennen, wohl aber in einer vielleicht erleuchteten, machtvollen, subtilen Art von Wirken. Denn das Mental ist im wesentlichen jene Fähigkeit des Supramentals, die mißt und begrenzt, ein besonderes Zentrum fixiert und von da aus die kosmische Bewegung und die gegenseitigen Einwirkungen darin beobachtet. Zugegeben, in einer bestimmten Welt, Ebene oder kosmischen Anordnung braucht das Mental nicht begrenzt zu sein, oder vielmehr brauchte der Mensch, der das Mental als untergeordnete Fähigkeit verwendet, nicht unfähig zu sein, die Dinge von anderen Mittelpunkten oder Standpunkten, ja vom wirklichen Zentrum des Alls her oder in der Unermeßlichkeit universaler Selbst-Ausstrahlung zu schauen. Wenn er sich aber normalerweise nicht für gewisse Zwecke göttlicher Aktivität fest auf seinen eigenen Standpunkt zu stellen vermag, wenn es nur die universale Selbst-Ausstrahlung oder unendliche Zentren ohne festlegende oder frei begrenzende Aktion für jeden einzelnen gäbe, käme kein Kosmos zustande, sondern nur ein Wesen, das in Sich Selbst, in seine Gedanken und Träume tief versunken ist, wie etwa ein schöpferischer Mensch oder ein Dichter in unbestimmter, freier, ungeformter Weise nachsinnt, bevor er an die entscheidende Arbeit der Schöpfung geht. Solch einen Zustand muß es auf der unendlichen Stufenleiter des Seins irgendwo geben, ist aber nicht das, was wir unter Kosmos verstehen. Welche Ordnung dort auch herrschen mag, es muß eine Art nicht festgelegter, nicht bindender Ordnung sein, wie sie etwa das Supramental entwickelt haben kann, bevor es sich zum Werk festgelegter Entwicklung, Abmessung und des gegenseitigen Einwirkens von Beziehungen aufmachte. Für ein solches Abmessen und gegenseitiges Einwirken ist das Mental notwendig, obwohl es dabei seiner selbst nur als einer untergeordneten Wirkungsweise des Supramentals bewußt werden mag und die gegenseitige Einwirkung von Beziehungen auf der Basis einer sich selbst einsperrenden Ichhaftigkeit entfaltet, wie wir sie in der irdischen Natur am Werke sehen.

Nachdem nun das Mental existiert, folgen Leben und Form von Substanz nach; denn Leben ist einfach die nähere Bestimmung von Kraft und Tätigkeit, von Beziehung und gegenseitiger Einwirkung der Energie aus vielen festliegenden Zentren des Bewußtseins, – festliegend, aber nicht unbedingt örtlich oder zeitlich, sondern als ständige Koexistenz von Wesen oder Seelen-Formen des Ewigen, der die kosmische Harmonie trägt und erhält. Dieses Leben mag sehr verschieden von dem Leben sein, wie wir es kennen oder begreifen. Im wesentlichen wäre aber dort dasselbe Prinzip wirksam, das wir hier als Vitalität gestaltet sehen, – das Prinzip, dem die Denker des indischen Altertums den Namen vayu oder prana, Lebens-Stoff, gaben, der substantielle Wille und die Energie im Kosmos, die sich in bestimmter Form, Aktion und bewußter Dynamik des Wesens auswirken. Auch Substanz kann sehr verschieden sein von unserer Anschauung und Empfindung eines materiellen Körpers, viel subtiler, viel weniger starr gebunden an ihr Gesetz von Selbst-Zerteilung und gegenseitigem Widerstand. Körper und Gestalt könnten Instrumente sein, kein Gefängnis. Doch wäre für das gegenseitige Einwirken im Kosmos eine gewisse Bestimmung von Form und Substanz immer notwendig, selbst wenn es nur ein mentaler Leib oder etwas noch Strahlenderes, Subtileres, noch machtvoller und freier Reagierendes wäre als der freieste mentale Körper.

Daraus ergibt sich: Wo immer Kosmos ist, kann solch ein Vordergrund, wie er vom Wesen herausgestellt wird, nur eine illusorische Verkleidung oder äußere Erscheinung seiner wirklichen Wahrheit sein, auch wenn anfangs nur eines der Prinzipien sichtbar hervortritt, und selbst wenn dieses zuerst das einzige Prinzip der Dinge zu sein scheint und alle übrigen Prinzipien, die später in der Welt hervortreten mögen, nichts anderes zu sein scheinen als dessen Form und Ergebnisse und nicht an sich selbst unentbehrlich für das kosmische Dasein. Wo auch nur ein Prinzip im Kosmos manifest ist, müssen alle übrigen nicht nur vorhanden und passiv verborgen sein, sondern insgeheim wirken. In einer gegebenen Welt mag die Stufenleiter und Harmonie des Seienden alle sieben Prinzipien in mehr oder weniger hohem Grad von Aktivität offen besitzen. In einer anderen Welt mögen sie alle in einem einzigen Prinzip involviert sein, das in dieser Welt zum primären oder fundamentalen Prinzip der Evolution wird, aber eine Evolution des Involvierten muß es dort geben. Die Evolution der siebenfältigen Macht des Wesens, die Realisation seines siebenfachen Namens, muß die Bestimmung jeglicher Welt sein, die offenkundig mit der Involution aller Mächte in eine einzige anfängt.15 Darum war das materielle Universum der Natur der Dinge nach daran gebunden, aus seinem verborgenen Leben ein sichtbares Leben, aus seinem verborgenen Mental ein sichtbares Mental zu entwickeln. Es muß derselben Art der Dinge nach in der Evolution von seinem verborgenen Supramental zum sichtbaren Supramental und vom im Inneren verborgenen Geist zur dreieinigen Herrlichkeit von saccidananda fortschreiten. Die einzige Frage ist, ob die Erde der Schauplatz für dieses Hervortreten und das menschliche Geschöpf sein Instrument und Träger auf diesem oder einem anderen materiellen Schauplatz, in diesem oder einem anderen Zyklus des unermeßlichen Kreislaufs der Zeit sein soll. Die Seher des Altertums glaubten an diese Möglichkeit für den Menschen und hielten das für seine göttliche Bestimmung. Der moderne Denker faßt nicht einmal diesen Gedanken, oder er negiert oder bezweifelt ihn, wenn er auftaucht. Hat er die Vision des Übermenschen, ist dieser nur Träger höherer Grade von Mentalität oder Vitalität. Er gibt nicht zu, daß ein anderer Typus auftauchen kann, schaut nicht über die jetzigen Prinzipien hinaus, denn diese haben uns bis jetzt Begrenzung und Kreislauf auferlegt. Es wohnt aber in dieser fortschreitenden Welt mit diesem menschlichen Geschöpf, in dem der göttliche Funke entzündet wurde, die wirkliche Weisheit wahrscheinlich eher bei dem höheren Streben als bei der Verneinung dieses Strebens und der Hoffnung, die sich selbst begrenzt und einschränkt innerhalb jener engen Mauern sichtbarer Möglichkeiten, die uns doch nur Zwischenstation, Heim für unsere Übung sind. In der spirituellen Ordnung der Dinge ist die Wahrheit, die auf uns herabzukommen bereit ist, um so größer, je höher wir unseren Blick und unser Streben richten, da diese Wahrheit schon hier in uns existiert und nach ihrer Befreiung aus der Umhüllung verlangt, die sie in der geoffenbarten Natur verborgen hält.

Kapitel XXVIII. Supramental, Mental und Übermental-Maya

Es gibt ein Beständiges, eine Wahrheit, die von einer Wahrheit verborgen wird, wo der Sonnen-Gott seine Pferde ausspannt. Die Zehnhunderte (seiner Strahlen) kamen zusammen – Dieses Eine. Ich sah die herrlichsten Gestalten der Götter.

Rig Veda, V.62.1.

Das Antlitz der Wahrheit wird verborgen durch ein goldenes Augenlid. Entferne dieses, o Hilfreicher Sonnen-Gott, um des Gesetzes der Wahrheit willen, damit wir sehen. O Sonne, o einziger Seher, ordne deine Strahlen, falte sie zusammen, – zeige mir deine glücklichste Gestalt, überall jenes Bewußte Wesen. Er bin ich.

Isha Upanishad, Verse 15, 16.

Die Wahrheit, das flechte, das Unermeßliche.

Atharva Veda, XII.1.1.

Es wurde zu beidem, zu Wahrheit und Falschheit. Es wurde zur Wahrheit, eben zu all diesem, das ist.

Taittiriya Upanishad, II. 6.

Ein Punkt, den wir bis jetzt in Dunkelheit ließen, muß noch geklärt werden: der Prozeß des Falls in die Unwissenheit. Denn wir haben gesehen, daß nichts in der ursprünglichen Art von Mental, Leben und Materie ein Herausfallen aus dem Wissen notwendig macht. Es wurde zwar gezeigt, daß Teilung des Bewußtseins die Basis der Unwissenheit ist: die Absonderung des individuellen Bewußtseins aus dem kosmischen und transzendenten Bewußtsein, von dem es dennoch zuinnerst Teil und im Wesen unabtrennbar ist, Loslösung des Mentals aus der supramentalen Wahrheit, von der es eine untergeordnete Aktion sein sollte, Trennung des Lebens von der ursprünglichen Kraft, von deren Energieauswirkungen es eine ist, Heraustreten der Materie aus dem ursprünglichen Sein, von dessen stofflichen Formen es nur eine ist. Es muß aber noch geklärt werden, wie diese Teilung im Unteilbaren zustande kam, durch welche besondere Aktion der Bewußtseins-Kraft im Seienden, sich selbst zu vermindern oder auszulöschen. Denn das dynamische und wirksame Phänomen der Unwissenheit kann nur durch solch eine Aktion der Verdunklung der Fülle ihres eigenen Lichtes und ihrer Macht entstanden sein, da alles Bewegung dieser Kraft ist. Dieses Problem kann aber vorerst zurückgestellt werden, damit wir später das duale Phänomen Wissen-Unwissenheit eingehender untersuchen, das unser Bewußtsein zu einer Mischung von Licht und Finsternis macht, zu einem Halb-Licht zwischen dem vollen Tag der supramentalen Wahrheit und der Nacht materieller Nicht-Bewußtheit. Notwendig, uns zu merken, ist jetzt allein, daß es in seinem wesenhaften Charakter ausschließliche Konzentration auf eine einzige Bewegung und einen einzigen Status des Bewußten Wesens sein muß, die alles übrige Bewußtsein und Wesen zurückdrängt und es vor der jetzt partiellen Erkenntnis dieser einzigen Bewegung verschleiert.

Es gibt aber einen Aspekt dieses Problems, der sofort betrachtet werden muß, das ist die Kluft, die geschaffen wurde zwischen dem Mental, wie wir es kennen, und dem supramentalen Wahrheits-Bewußtsein, von dem, wie wir fanden, Mental in seinem Ursprung ein untergeordneter Prozeß ist. Denn diese Kluft ist recht groß. Ein Übergang von der einen in die andere Bewußtseins-Ebene scheint im höchsten Grad unwahrscheinlich, wenn nicht unmöglich zu sein, wenn es keine Stufenleiter zwischen beiden gibt: weder bei der absteigenden Involution des Geistes in die Materie, noch bei der entsprechenden Evolution der in der Materie verborgenen Grade, die zurück zum Geist führen. Denn das Mental, wie wir es kennen, ist eine Macht der Unwissenheit, die nach der Wahrheit sucht, mit Mühe danach tastet, sie zu finden, aber dabei nur mentale Konstruktionen und Darstellungen von ihr in Wort und Idee, in Mental-Gestaltungen, in Sinnen-Gebilden fertig bringt, wie wenn klare oder verschwommene Photos oder Filme einer entfernten Wirklichkeit alles wären, was das Mental erreichen kann. Im Gegensatz dazu ist das Supramental im aktuellen und natürlichen Besitz der Wahrheit. Seine Gestaltungen sind Formen der Wirklichkeit, keine Konstruktionen, Repräsentationen oder andeutende Figuren. Zweifellos ist das sich in uns entwickelnde Mental dadurch behindert, daß es in die Dunkelheit von Leben und Körper eingeschlossen ist. Das ursprüngliche Mental-Prinzip besitzt in seinem involutionären Herabkommen eine größere Macht, die wir noch nicht voll erlangt haben. Es kann in seiner eigenen Sphäre oder Provinz in Freiheit wirken, um Konstruktionen von mehr Offenbarungskraft, klarer inspirierte Gebilde und subtilere und bedeutungsvollere Verkörperungen zu erschaffen, in denen das Licht und die Wahrheit gegenwärtig und wahrnehmbar ist. Aber auch das ist seinem charakteristischen Wirken nach kaum wesentlich anders, denn auch es ist eine Bewegung zur Unwissenheit, kein noch nicht losgetrennter Teil des Wahrheits-Bewußtseins. Irgendwie muß es in der absteigenden und aufsteigenden Stufenleiter des Wesens eine vermittelnde Macht und eine Bewußtseins-Ebene geben, vielleicht etwas mehr als das, etwas von ursprünglicher schöpferischer Kraft, durch die der involutionäre Übergang von dem im Wissen verankerten Mental zum in die Unwissenheit herabgesunkenen Mental bewirkt wurde und durch die der evolutionäre umgekehrte Übergang wieder verständlich und möglich wird. Für den involutionären Übergang ist dieses vermittelnde Zwischenglied logisch zwingend und für den evolutionären ist es praktisch notwendig. Denn in der Evolution gibt es in der Tat radikale Übergänge: von unbestimmter Energie zur organisierten Materie, von der unbelebten Materie zum Leben, vom unterbewußten oder untermentalen Leben zum wahrnehmenden, fühlenden und handelnden Leben, von der primitiven Tier-Mentalität zum begrifflich denkenden, logisch urteilenden Mental, das das Leben beobachten und lenken kann, das auch sich selbst beobachtet und fähig ist, als unabhängige Wesenheit zu handeln, ja, bewußt danach zu trachten, sich selbst zu transzendieren. Aber wenn diese Sprünge in der Evolution auch beträchtlich sind, so sind sie doch bis zu einem gewissen Grad durch langsame Stufenfolgen vorbereitet, die sie begreiflich und durchführbar machen. Dort kann es keine so immense Kluft geben, wie sie zwischen dem supramentalen Wahrheits-Bewußtsein und dem Mental in der Unwissenheit zu bestehen scheint.

Wenn aber solche Zwischenstufen existieren, müssen sie offensichtlich für das menschliche Mental überbewußt sein, das offenbar in seinem normalen Zustand keinen Zugang zu diesen höheren Graden des Wesens hat. Der Mensch ist in seinem Bewußtsein durch das Mental und eben durch dessen festgelegte Reichweite oder Stufenfolge begrenzt: Was unterhalb seines Mentals liegt, submental oder zwar mental, jedoch unter dessen Skala ist, erscheint ihm sofort als unterbewußt oder als nicht unterscheidbar von völliger Nicht-Bewußtheit. Was darüber liegt, ist für ihn überbewußt. Er neigt fast dazu, es als leer von Wahrnehmung anzusehen, irgendwie als lichtvolle Nicht-Bewußtheit. Genauso wie für ihn wegen seiner Begrenztheit auf eine gewisse Stufenleiter von Tönen oder Farben alles, was über oder unter dieser Skala liegt, unhörbar, unsichtbar oder zumindest nicht unterscheidbar ist, so ist auch seine Skala mentalen Bewußtseins an beiden äußersten Enden durch Unfähigkeit begrenzt, die den oberen und unteren Abschluß seines Bereichs kennzeichnet. Er hat keine ausreichenden Kommunikations-Mittel, selbst nicht zum Tier, das sein mentaler Art-Verwandter, wenn auch nicht sein Art-Gleicher ist, und er bestreitet sogar dem Tier ein Mental oder wirkliches Bewußtsein, weil dessen Erscheinungsformen andere und begrenztere sind als jene, durch die er mit sich selbst und seinen Art-Genossen vertraut ist. Der Mensch kann untermentales Wesen von außen beobachten, er kann aber nicht mit ihm in Kommunikation treten oder in seine Natur eindringen. Ebenso ist das Überbewußte für ihn ein verschlossenes Buch, das sehr wohl nur aus leeren Seiten bestehen könnte. Auf den ersten Blick könnte es also so aussehen, als besitze er keine Mittel, um mit diesen höheren Stufen des Bewußtseins in Kontakt zu kommen: Trifft das zu, dann können sie nicht als Verbindungen und Brücken dienen. Dann müßte die Evolution des Menschen mit der jetzt von ihm erreichten mentalen Stufe aufhören, die er nicht überschreiten könnte. Wenn die Natur diese endgültigen Grenzen zog, hat sie vor sein weiteres Aufwärtsstreben ein “ finis” geschrieben.

Bei näherem Zusehen erkennen wir aber, daß diese Normalität trügerisch ist, daß das menschliche Mental tatsächlich in verschiedenen Richtungen über sich hinausreicht und die Tendenz hat, sich selbst zu transzendieren. Das sind gerade die nötigen Kontakt-Linien oder die verhüllten oder halb-verhüllten Übergänge, die es mit den höheren Bewußtseins-Graden des sich selbst manifestierenden Geistes verbinden. An erster Stelle haben wir hier die Stelle erwähnt, die die Intuition innerhalb der menschlichen Erkenntnis-Mittel einnimmt. Intuition ist ihrer wahren Natur nach eine Projektion des charakteristischen Wirkens dieser höheren Grade auf das Mental der Unwissenheit. Es ist wahr, ihr Wirken ist im menschlichen Mental großenteils durch die Interventionen unserer gewöhnlichen Intelligenz verborgen. Reine Intuition ist eine seltene Begebenheit in unserer mentalen Betätigung. Was wir mit diesem Namen benennen, ist gewöhnlich ein Moment unmittelbarer Erkenntnis, der sofort erfaßt und mit mentalem Stoff überkleidet wird, so daß er uns nur als unsichtbarer oder winziger Kern einer Kristallisation dienen kann, die in ihrer Masse intellektuell oder sonstwie mental in ihrem Charakter ist. Oder der Blitz einer Intuition wird schnell durch nachahmende mentale Bewegung, durch Einsicht, rasche Wahrnehmung oder einen jäh aufspringenden Denkvorgang ersetzt oder abgefangen, bevor er eine Chance hat, sich zu manifestieren. Das alles verdankt sein Erscheinen der Anregung durch die kommende Intuition, setzt aber ihrem Eindringen Widerstand entgegen oder überdeckt sie mit einer mentalen Ersatz-Anregung, die wahr oder irrig, in keinem Fall aber eine authentische intuitive Bewegung ist. Trotzdem genügt die Tatsache dieser Intervention von oben als Beweis, daß faktisch hinter all unserem ursprünglichen Denken oder authentischen Wahrnehmen der Dinge ein verhülltes, halb-verhülltes oder rasch enthülltes intuitives Element vorhanden ist, ausreichend, um eine Verbindung zwischen dem Mental und dem herzustellen, was über ihm ist. Das öffnet einen Durchgang zu Kommunikation mit und Zugang zu den höheren Geist-Bereichen. Auch gibt es ein Ausgreifen des Mentals selbst, um über die persönliche Ich-Beschränkung hinauszukommen und die Dinge in einer gewissen Apersonalität und Universalität zu schauen. Apersonalität ist der erste bezeichnende Aspekt des kosmischen Selbsts. Universalität, Unbegrenztheit durch den einzelnen oder beschränkenden Gesichtspunkt, ist bezeichnend für kosmische Wahrnehmung und Erkenntnis. Diese Tendenz will also, wenn auch nur rudimentär, die begrenzten Mental-Bereiche ausweiten zum kosmischen Wesen, zu einer Eigenschaft, die der wahre Charakter der höheren mentalen Ebenen ist, – zu jenem überbewußten kosmischen Mental, das, wie wir andeuteten, der Natur der Dinge gemäß die ursprüngliche Mental-Aktion sein muß, von der die unsrige nur ein abgeleiteter niederer Prozeß ist. Andererseits fehlt es nicht völlig am Eindringen von oben in unsere mentalen Grenzen. Erscheinungen wie die des Genies sind in Wirklichkeit durch ein solches Eindringen verursacht, – zweifellos noch verhüllt, da sich das Licht des höheren Bewußtseins nicht nur innerhalb enger Grenzen, gewöhnlich auf einem besonderen Gebiet, ohne gelenkte besondere Organisation seiner charakteristischen Energien auswirkt, oft sogar ziemlich launenhaft, exzentrisch und unter übernormaler oder abnormer unverantwortlicher Leitung. Aber auch hier ist es so, daß sich diese höhere Einwirkung bei ihrem Eintritt in das Mental der Mental-Substanz unterwirft und anpaßt, so daß uns nur die modifizierte oder verminderte Dynamik erreicht, nicht alle ursprüngliche göttliche Leuchtkraft dessen, was man das Bewußtsein oberhalb des Hauptes, jenseits von unserem Ich, nennen könnte. Doch sind hier Phänomene vorhanden, deren Ursprung unmißverständlich ist: Inspiration, offenbarendes Schauen, intuitive Wahrnehmung, intuitive Urteilskraft, die über unsere weniger erleuchtete oder weniger machtvolle übliche Mental-Tätigkeit hinausgehen. Schließlich gibt es das unermeßliche und vielseitige Gebiet mystischer und spiritueller Erfahrung. Hier stehen die Tore schon weit für die Möglichkeit offen, unser Bewußtsein über seine gegenwärtigen Grenzen hinaus zu erweitern, – falls wir nicht durch Obskurantismus, der weiteres Forschen ablehnt, oder durch Bindung an die Grenzen unserer gewöhnlichen Mentalität diese Erfahrungen ausschließen oder uns von den Ausblicken abwenden, die sich vor uns auftun. In unserer gegenwärtigen Untersuchung können wir es uns aber nicht leisten, die Möglichkeiten zu mißachten, die uns diese Bereiche menschlichen Bemühens eröffnen, auf die zusätzliche Erkenntnis unseres Selbsts und der verhüllten Wirklichkeit zu verzichten, mit der sie das menschliche Mental beschenken: auf das hellere Licht, das die eingeborene Macht ihres Seins ist und sie mit dem Recht wappnet, auf uns einzuwirken.

Es gibt zwei aufeinanderfolgende, zwar schwierige, aber durchaus im Bereich unserer Fähigkeit liegende Bewußtseins-Bewegungen, durch die wir Zugang zu den höheren Stufen unseres bewußten Daseins finden können. Da ist zuerst eine Bewegung nach innen, durch die wir, statt in unserem vordergründigen Mental zu leben, die Wand zwischen unserem äußeren Ich und unserem jetzt noch subliminalen Selbst durchbrechen. Wir können das zustande bringen durch stufenweises Bemühen, durch eine Disziplin oder einen heftigen Übergang, manchmal durch einen kraftvollen unwillkürlichen Durchbruch, – letzteres ist für das begrenzte menschliche Mental, das gewohnt ist, sich nur innerhalb seiner normalen Grenzen sicher zu fühlen, keineswegs ungefährlich, – es kann aber, ob sicher oder gefährlich, getan werden. Innerhalb dieses verborgenen Teils unseres Selbsts entdecken wir ein inneres Wesen, eine Seele, ein inneres Mental, ein inneres Leben, eine innere, subtil-physische Wesenheit, die in ihren Wirkungsmöglichkeiten viel umfassender, formbarer, machtvoller und begabter zu vielfältiger Erkenntnis und Kraftentfaltung ist als Mental, Leben und Körper unserer vordergründigen Person. Dieses innere Wesen ist besonders fähig zu direkter Kommunikation mit den universalen Kräften, Bewegungen und Objekten des Kosmos, sie unmittelbar zu fühlen und für sie offen zu sein, unmittelbar auf sie einzuwirken und sich selbst über die Grenzen des personalen Mentals, Lebens und Körpers hinaus auszuweiten. Dadurch fühlen wir uns immer mehr als ein universales Wesen, das nicht mehr durch die vorhandenen Trennungswände unseres allzu engen mentalen, vitalen und physischen Daseins eingeengt ist. Wir können uns dabei so sehr ausweiten, daß wir völlig in das Bewußtsein des kosmischen Mentals eintreten und uns mit dem universalen Leben einen, gar eins werden mit der universalen Materie. Das ist dennoch eine Identifikation entweder mit einer herabgeminderten kosmischen Wahrheit oder mit der kosmischen Unwissenheit.

Sobald dieses Eingehen in das innere Wesen vollendet ist, finden wir, daß sich das innere Selbst öffnen und zu Dingen emporsteigen kann, die jenseits unseres gegenwärtigen mentalen Niveaus liegen. Das ist die zweite spirituelle Möglichkeit in uns. Als ihr erstes, gewöhnlichstes Ergebnis entdecken wir ein unermeßlich weites statisches, schweigendes Selbst, das wir als unser wirkliches oder fundamentales Sein empfinden, als die Grundlage all dessen, was wir sind. Es mag dabei sogar zum Auslöschen, einem Nirvana, unseres aktiven Wesens ebenso wie des Empfindens unseres Selbsts und zum Aufgehen in eine Wirklichkeit kommen, die undefinierbar und unausdrückbar ist. Wir können aber auch einsehen, daß dieses Selbst nicht nur das eigene spirituelle Wesen, sondern auch das wahre Selbst aller anderen Wesen ist. Es stellt sich uns dann dar als die dem kosmischen Dasein zugrundeliegende Wahrheit. Es ist möglich, in einem Nirvana, dem Erlöschen aller Individualität, zu verbleiben, bei einer statischen Realisation haltzumachen oder die kosmische Bewegung nur als Spiel an der Oberfläche oder als Illusion anzusehen, die dem schweigenden Selbst auferlegt ist. So können wir in einen erhabenen unbeweglichen und unveränderlichen Zustand jenseits des Universums übergehen. Doch bietet sich uns auch eine andere, weniger negative Linie übernormaler Erfahrung an. Hier ereignet sich ein außerordentliches dynamisches Herabkommen von Licht, Erkenntnis, Macht, Seligkeit oder anderer übernormaler Energien in unser Selbst des Schweigens. Wir können auch in höhere Regionen des Geistes emporsteigen, wo dessen unbeweglicher Zustand die Grundlage für diese mächtigen lichtvollen Energien ist. In beiden Fällen sind wir offensichtlich über das Mental der Unwissenheit in einen spirituellen Zustand emporgelangt. Bei der dynamischen Bewegung kann sich die dadurch auftretende größere Aktion von Bewußter Kraft entweder einfach als rein spirituelle Dynamik darstellen, die in ihrem Charakter nicht sonstwie bestimmt ist, oder als eine spirituelle Mental-Ebene offenbaren, auf der das Mental nicht mehr unwissend der Wirklichkeit gegenübersteht. Das ist noch keine Ebene des Supramentals, wird aber vom supramentalen Wahrheits-Bewußtsein beeinflußt und ist noch erfüllt mit einem gewissen Licht seines Wissens.

In letzterer Alternative finden wir das von uns gesuchte Geheimnis: das Mittel zum Übergang, den erforderlichen Schritt zu einer supramentalen Transformation. Erkennen wir doch eine Stufenfolge des Aufstiegs, eine Kommunikation mit immer hellerem Licht und unermeßlicher Macht von oben, eine Stufenfolge intensiver Erfahrungen, die wir als ebensoviele Stufen im Aufstieg vom Mental wie in der Herabkunft von Jenem, das jenseits von ihm ist, in das Mental sehen können. Wir erkennen, wie, einem Ozean gleich, Massen eines spontanen Wissens herabströmen, das den Charakter von Denken annimmt. Es ist aber von anderer Art als der von uns gewohnte Denkprozeß: Hier gibt es kein Suchen, keine Spur von mentaler Konstruktion, kein spekulatives Mühen oder schwieriges Entdecken. Es ist ein automatisches und spontanes Erkennen aus einem Höheren Mental, das im Besitz der Wahrheit zu sein scheint und nicht nach verborgenen, uns vorenthaltenen Wirklichkeiten zu suchen braucht. Wir beobachten, daß dieses Denken viel eher fähig ist als das Mental, gleichzeitig eine Masse von Erkenntnis in einer einzigen Schau zusammenzufassen. Es hat kosmischen Charakter, trägt nicht den Stempel individuellen Denkens. Jenseits von diesem Wahrheits-Denken können wir eine größere Erleuchtung unterscheiden, die erfüllt ist von vermehrter Macht, Intensität und Antriebskraft, eine Lichtfülle von der Art eines Wahrheits-Schauens mit Denk-Formulierungen nur als dessen minderer und abhängiger Wirkensweise. Wenn wir das vedische Bild von der Sonne der Wahrheit annehmen, – ein Bild, das in dieser Erfahrung zu einer Wirklichkeit wird, – können wir das Wirken des Höheren Mentals mit ruhigem, klaren heiteren Sonnenschein vergleichen. Die Energie des Erleuchteten Mentals über ihm entspricht einem Ausbruch massierter Blitze von flammender Sonnensubstanz. Weiter oben können wir auf eine noch größere Ansammlung von Wahrheits-Kraft treffen, auf unmittelbare exakte Wahrheits-Schau, ein Wahrheits-Denken, Wahrheits-Empfinden, Wahrheits-Fühlen, Wahrheits-Handeln, dem wir in besonderem Sinn den Namen Intuition geben können. Wenn wir auch dieses Wort mangels eines besseren für jede supra-intellektuelle unmittelbare Art des Erkennens verwendet haben, so ist doch das, was wir tatsächlich als Intuition kennen, nur diese eine spezielle Bewegung selbst-seienden Wissens. Dieser neue Bereich ist sein Ursprung. Er vermittelt unseren Intuitionen etwas von seinem besonderen Charakter und ist ganz deutlich Vermittler eines größeren Wahrheits-Lichtes, mit dem unser Mental nicht unmittelbar in Verbindung treten kann. Am Ursprung dieser Intuition entdecken wir ein überbewußtes kosmisches Mental, das in direktem Kontakt mit dem Supramentalen Wahrheits-Bewußtsein steht, eine ursprüngliche Intensität, die bestimmend wirkt auf alle Bewegungen unterhalb von ihr und auf alle mentalen Energien, – nicht ein Mental, wie wir es kennen, sondern ein Obermental, das wie mit den weiten Schwingen einer schöpferischen Überseele diese ganze niedere Hemisphäre von Wissen-Unwissenheit bedeckt, sie mit jenem größeren Wahrheits-Bewußtsein verbindet, wobei es jedoch zugleich mit seinem brillanten goldenen Lid das Antlitz der noch höheren Wahrheit vor unserem Blick verbirgt. Mit seiner Flut unendlicher Möglichkeiten wirkt es zwischen beiden Hemisphären zugleich als Hindernis gegen und als Übergang für unser Suchen nach dem spirituellen Gesetz unseres Daseins, seinem höchsten Ziel, seiner geheimen Wirklichkeit. Das also ist die geheime Verbindung, nach der wir ausschauen. Das ist die Macht, die das Höchste Wissen und die kosmische Unwissenheit zugleich miteinander verbindet und voneinander trennt.

Seiner Art und seinem Gesetz nach ist das Übermental ein Delegierter des Supramental-Bewußtseins, dessen Delegierter zur Unwissenheit. Wir könnten von ihm auch als von einem schützenden Doppel sprechen: es ist ein Vorhang von unähnlicher Ähnlichkeit, durch den das Supramental mittelbar auf eine Unwissenheit einwirken kann, deren Dunkelheit die unmittelbare Einwirkung eines höchsten Lichtes nicht ertragen oder empfangen könnte. Gerade durch die Projektion dieser leuchtenden Übermental-Korona wurde es überhaupt möglich, daß sich ein vermindertes Licht in der Unwissenheit ausbreiten und jenen Gegenschatten, die Nichtbewußtheit, werfen konnte, der in sich alles Licht verschlingt. Das Supramental sendet alle seine Wirklichkeiten zum Übermental, überläßt es ihm aber, sie in einer Bewegung und im Einklang mit einer Einsicht in die Dinge zu formulieren, die noch eine Schau der Wahrheit, zugleich aber auch erster Urheber der Unwissenheit ist. Zwischen Supramental und Übermental ist eine Trennungslinie, die eine freie Übertragung zuläßt, der niederen Macht erlaubt, alles aus der höheren Macht zu entnehmen, was sie festhält oder sieht, ihm aber automatisch beim Durchgang eine Übergangs-Verwandlung aufzwingt. Die Vollständigkeit des Supramentals hält immer an der wesenhaften Wahrheit der Dinge fest, wobei die totale Wahrheit und die Wahrheit ihrer individuellen Selbst-Bestimmung deutlich miteinander verknüpft sind. Diese supramentale Vollständigkeit bewahrt in ihnen eine untrennbare Einheit und läßt sie einander völlig durchdringen, wobei alle ein freies und volles Bewußtsein voneinander haben. Im Übermental hingegen ist diese Vollständigkeit nicht mehr vorhanden. Dennoch ist sich das Übermental der wesenhaften Wahrheit der Dinge wohl bewußt. Es umfaßt die Totalität, es verwendet die individuellen Selbstbestimmungen, ohne durch sie eingeengt zu sein. Aber obwohl es ihre Einheit kennt und diese in spiritueller Erkenntnis realisieren kann, wird es in seiner dynamischen Bewegung nicht unmittelbar von ihr festgelegt, während es sich um seiner Sicherheit willen zugleich auf sie verläßt. Die Übermental-Energie wirkt sich aus durch eine unbegrenzte Fähigkeit, die Mächte und Aspekte der integralen, unteilbaren, alles umgreifenden Einheit voneinander zu trennen und wieder miteinander zu verbinden. Sie nimmt jeden Aspekt, jede Macht an und gibt ihnen ein unabhängiges Wirken, in dem sie volle gesonderte Bedeutung zu erwerben und sozusagen ihre eigene Schöpfungswelt herauszuarbeiten fähig sind. Purusha und prakriti, Bewußte Seele und exekutive Kraft der Natur, sind in der supramentalen Harmonie der Doppelaspekt einer einzigen Wahrheit eines Wesens und einer Dynamik der Wirklichkeit. Dort kann es keine Störung des Gleichgewichts oder die Vorherrschaft des einen Aspekts über den anderen geben. Im Übermental haben wir den Ursprung der Spaltung, jene scharfe Unterscheidung, wie sie durch die Sankhya-Philosophie getroffen wird, wo sie als zwei voneinander unabhängige Wesenheiten erscheinen: als prakriti fähig, über purusha zu herrschen und seine Freiheit und Macht zu verhüllen, ihn in die Rolle eines beobachtenden Zeugen und Empfängers ihrer Formen und Aktionen zurückzudrängen, während purusha zu seiner gesonderten Existenz zurückkehren und in freier Selbst-Souveränität dadurch verharren kann, daß er ihr ursprünglich trübendes materielles Prinzip zurückweist. So ist es auch mit den anderen Aspekten oder Mächten der Göttlichen Wirklichkeit, mit dem Einen und den Vielen, der Göttlichen Personalität und der Göttlichen Apersonalität und allem übrigen. Zwar ist jeder noch ein Aspekt und eine Macht der einen Wirklichkeit, hat aber nun Vollmacht, als unabhängige Wesenheit innerhalb des Ganzen zu handeln, zur Erfüllung der Möglichkeiten seines gesonderten Ausdrucks zu kommen und die dynamischen Konsequenzen dieser Gesondertheit zu entwickeln. Im Übermental ist diese Gesondertheit zugleich noch auf die Basis einer inbegriffenen, zugrundeliegenden Einheit gestellt. Alle Möglichkeiten von Verbindung und Beziehung zwischen den getrennten Mächten und Aspekten, jeder Austausch und alle gegenseitigen Einwirkungen ihrer Energien sind frei organisiert, und ihre Verwirklichung ist immer möglich.

Betrachten wir die Mächte der Wirklichkeit als ebensoviele Gottheiten, können wir sagen: das Übermental setzt eine Million Gottheiten in Aktion, von denen jede ermächtigt ist, ihre eigene Welt zu erschaffen. Jede Welt ist fähig zu Beziehungen zu den anderen, zur gegenseitigen Kommunikation und zum Kräftespiel mit den anderen. Im Veda gibt es verschiedene Formulierungen für die Natur der Götter. Man sagt, sie sind alle ein einziges Sein, dem die Weisen verschiedene Namen geben. Dennoch wird jeder Gott so verehrt, als sei er selbst jenes Sein, ein einziger, der alle anderen Götter zugleich ist oder alle in seinem Wesen enthält. Doch ist jeder wieder eine besondere Gottheit, die manchmal im Einklang mit verwandten Gottheiten, manchmal getrennt und manchmal sogar in scheinbarem Widerspruch zu anderen Gottheiten desselben Seins handelt. Im Supramental würde das alles als ein harmonisiertes Spiel des Einen Seins zusammengehalten werden. Im Übermental könnte aber jede dieser drei Beziehungen die getrennte Aktion oder Grundlage einer Aktion sein und ihr eigenes Entfaltungsprinzip mit seinen Konsequenzen besitzen und dennoch die Macht behalten, sich mit den anderen in gemeinsamer Harmonie zu verbinden. Wie mit dem Einen Sein, so ist es auch mit dem Bewußtsein und seiner Kraft. Das Eine Bewußtsein ist in viele unabhängige Formen von Bewußtsein und Wissen zertrennt. Jede verfolgt ihre eigene Wahrheits-Linie, die sie zu verwirklichen hat. Die einzige totale und vielseitige Real-Idee wird in ihre vielen Seiten aufgespalten. Jede wird zu einer unabhängigen Ideen-Kraft mit der Macht, sich selbst zu realisieren. So wird die eine Bewußtseins-Kraft freigesetzt in ihre Millionen Kräfte.

Jede dieser Kräfte hat das Recht, sich zur Erfüllung zu bringen oder notfalls auch eine Führung zu übernehmen und die anderen Kräfte für die eigenen Zwecke in sich aufzunehmen. Ebenso steht es mit der Seins-Seligkeit: Aus ihr werden alle Arten von Wonnen ausgelöst, und jede kann ihre unabhängige Fülle oder ihr souveränes Extrem in sich tragen. Das Übermental verleiht so dem Einen Sein-Bewußtsein-Seligkeit den Charakter einer brodelnden Masse unendlicher Möglichkeiten, die in eine Menge von Welten entfaltet oder in eine einzige Welt zusammengeworfen werden können, in der das endlos variable Ergebnis ihres Kräftespiels der bestimmende Faktor der Schöpfung, ihres Prozesses, Ablaufs und dessen Konsequenz ist.

Da die Bewußtseins-Kraft des Ewigen Seins die universale Schöpferin ist, wird der Charakter einer gegebenen Welt davon abhängen, in welcher Selbst-Formulierung dieses Bewußtsein sich in dieser Welt zum Ausdruck bringt. Ebenso wird für jeden individuellen Menschen die Art, wie er die Welt, in der er lebt, sieht oder sich vorstellt, von dem Kräfteausgleich und der Gestaltung abhängen, die dieses Bewußtsein in ihm angenommen hat. Unser mentales Bewußtsein sieht die Welt in Teilen, die von der Vernunft und den Sinnen zurechtgeschnitten und in ein Gebilde zusammengesetzt werden, das auch wieder aus Sektionen besteht. Das von ihm erbaute Haus ist so geplant, daß es die eine oder andere verallgemeinerte Formulierung der Wahrheit bequem unterbringt, die übrigen aber ausschließt oder nur einige Gäste oder Bedienstete im Haus zuläßt. Das Übermental-Bewußtsein ist in seiner Erkenntnis global und kann jede Menge scheinbar fundamentaler Verschiedenheiten in vereinigender Schau zusammenhalten. So sieht die mentale Vernunft die Person und das Apersonale als Gegensätze. Das Übermental begreift ein apersonales Sein, in dem Person und Personalität Fiktionen der Unwissenheit oder zeitweilige Konstruktionen sind. Oder es kann, umgekehrt, die Person als die primäre Wirklichkeit sehen, das Apersonale dagegen als mentale Abstraktion oder nur als Stoff oder Mittel der Manifestation. Für die Übermental-Intelligenz sind das trennbare Mächte des einen Seins, die ihre unabhängige Selbst-Behauptung verfolgen, aber auch ihre verschiedenen Wirkensweisen miteinander vereinigen und sowohl in ihrer Unabhängigkeit wie in ihrer Vereinigung verschiedene Zustände von Bewußtsein und Wesen erschaffen können, von denen alle gültig sind und alle zur Koexistenz fähig sein können. Ein rein apersonales Sein oder Bewußtsein ist wahr und möglich, ebenso aber ein völlig persönliches Bewußtsein und Sein. Das Apersonale Göttliche Wesen, nirguna brahman, und das Personale Göttliche Wesen, saguna brahman, sind hier einander gleichgestellte und koexistente Aspekte des Ewigen. Apersonalität kann sich so manifestieren, daß Person ihr als Ausdrucksform untergeordnet ist. In gleicher Weise kann Person die Realität sein und Apersonalität ein Modus ihrer Art: Beide Aspekte der Manifestation stehen sich von Angesicht zu Angesicht in der unendlichen Verschiedenartigkeit Bewußten Seins gegenüber. Was für die mentale Vernunft unvereinbare Unterschiede sind, stellt sich der Übermental-Intelligenz dar als koexistente Korrelate. Was für die mentale Vernunft Gegensätze sind, ist für die Übermental-Intelligenz Sich-Ergänzendes. Unser Mental betrachtet alle Dinge als aus Materie oder aus materieller Energie entstanden, sie existieren durch sie und kehren in sie zurück. So kommt es zu dem Schluß: Materie ist der ewige Faktor, die primäre und höchste, letzte Wirklichkeit, brahman. Oder es sieht alle Dinge als aus Lebens-Kraft oder aus Mental entstanden und nur durch Leben oder Mental existieren. Es schließt daraus: Diese Welt ist eine Schöpfung der kosmischen Lebens-Kraft oder eines kosmischen Mentals oder Logos. Oder es schaut die Welt und alle Dinge an als aus der Real-Idee oder dem Wissens-Willen des Geistes entstanden, durch ihn existierend und zu ihm oder zum Geist selbst zurückkehrend. Daraus folgert es eine idealistische oder spirituelle Betrachtung des Universums. So kann sich das Mental auf eine dieser Betrachtungsweisen festlegen; für sein normales trennendes Schauen schließt aber jeder dieser Wege die anderen aus. Das Übermental-Bewußtsein erkennt, daß jede Anschauung getreu dem Wirken des Prinzips entspricht, das sie gestaltet. Es kann erkennen, daß es eine materielle Welt-Formel, eine vitale Welt-Formel, eine mentale Welt-Formel, eine spirituelle Welt-Formel gibt. Jede kann in ihrer eigenen Welt vorherrschend sein. Gleichzeitig können sich alle zu einer einzigen Welt als deren konstituierende Mächte vereinigen. Für die Übermental-Betrachtung ist die Selbst-Formulierung der Bewußten Kraft, auf die unsere Welt aufgebaut ist, eine normale und leicht vorstellbare Schöpfung: eine scheinbare Nicht-Bewußtheit, die in sich ein höchstes Bewußtes Sein verbirgt und die in ihrer nichtbewußten Verborgenheit alle Mächte des Wesens zusammenhält, eine Welt universaler Materie, die in sich selbst Leben, Mental, Übermental, Supramental und Geist verwirklicht, wobei jede von ihnen der Reihe nach die anderen als Mittel zu ihrem Selbst-Ausdruck empornimmt, so daß die Materie in dieser spirituellen Schau beweist, sie selbst sei immer eine Manifestation des Geistes gewesen. Das Übermental ist in seiner Macht als Ur-Sache und im Prozeß seiner ausführenden Dynamik ein Organisator vieler Entfaltungsmöglichkeiten des Seins. Jede setzt sich als besondere Wirklichkeit durch, und doch sind alle fähig, sich auf viele verschiedene doch gleichzeitige Weisen zusammenzuschließen. Das Übermental ist ein Zauberer, ein Künstler, mit Vollmacht, den vielfarbigen Teppich mit Kette und Schuß der Manifestation einer einzigen Wesenheit in einem komplexen Universum zu weben.

In dieser simultanen Entwicklung vielartiger unabhängiger oder kombinierter Mächte oder Entfaltungsmöglichkeiten gibt es noch – oder bis jetzt noch – kein Chaos, keinen Konflikt, kein Absinken aus der Wahrheit oder dem Wissen. Das Übermental ist ein Schöpfer von Wahrheiten, nicht von Illusionen oder falschen Dingen: Was in einer gegebenen übermentalen Energieentfaltung oder Bewegung ausgearbeitet wird, ist die Wahrheit des Aspekts, der Macht, Idee, Kraft und Seligkeit, die in eine unabhängige Aktion freigesetzt wird; es ist die Wahrheit der Konsequenzen ihrer Wirklichkeit in dieser Unabhängigkeit. Da gibt es kein Ausschließendes, das sich als die einzige Wahrheit des Wesens durchsetzt oder die anderen als untergeordnete Wahrheiten unterdrückt: Jeder Gott kennt alle Götter und ihren Platz im Dasein. Jede Idee läßt alle anderen Ideen und ihr Existenzrecht zu. Jede Kraft gesteht allen anderen Kräften, ihrer Wahrheit und ihren Konsequenzen den ihnen entsprechenden Ort zu. Keine Seligkeit eines gesondert erfüllten Daseins oder einer getrennten Erfahrung bestreitet oder verurteilt die Seligkeit eines anderen Daseins, einer anderen Erfahrung. Das Übermental ist ein Prinzip kosmischer Wahrheit. Unermeßliche und grenzenlose Katholizität ist sein eigentlicher Geist. Seine Energie ist eine All-Dynamik und auch ein Prinzip gesonderter Entfaltungen von Energien: es ist eine Art niederes Supramental, obwohl es sich nicht vorwiegend mit Absolutheiten befaßt, sondern mit dem, was man die dynamischen Potentiale oder pragmatischen Wahrheiten der Wirklichkeit nennen könnte, oder mit Absolutheiten hauptsächlich wegen ihrer Macht, pragmatische oder schöpferische Werte zu erschaffen. Sein umgreifendes Verstehen der Dinge ist aber mehr global als integral, da sich seine Totalität auf globale Ganzheiten gründet oder durch getrennte unabhängige Wirklichkeiten konstituiert wird, die sich vereinigen oder zusammenwachsen. Von ihm wird zwar die wesentliche Einheit als das Grundlegende der Dinge und als das sich in ihrer Manifestation Durchsetzende begriffen und gefühlt, doch ist das nicht mehr, wie im Supramental, ihr innigstes, immer gegenwärtiges Geheimnis, ihr dominierender Inhalt, der ständig erkennbare Erbauer des harmonischen Ganzen ihrer Aktivität und Natur.

Wenn wir den Unterschied zwischen diesem globalen Übermental-Bewußtsein und unserem trennenden und nur unvollkommen zusammenfügenden mentalen Bewußtsein verstehen wollen, erleichtern wir es uns, wenn wir das strikt Mentale mit dem vergleichen, was eine übermentale Betrachtung von Aktivitäten in unserem materiellen Universum ergäbe. Für das Übermental wären z. B. alle Religionen wahr, da sie die Entfaltung der einzigen ewigen Religion sind. Alle Philosophien wären gültig, eine jede im eigenen Feld als Darstellung ihrer Auffassung des Universums von ihrem Blickwinkel her. Alle politischen Theorien wären mit ihrer Praxis die legitime Ausarbeitung einer Ideen-Kraft mit dem Recht, im Spiel der Energien der Natur angewandt und praktisch entwickelt zu werden. In unserem trennenden Bewußtsein, in dem nur unvollkommene Ahnungen von Katholizität und Universalität auftauchen, existieren diese Dinge als Gegensätze. Jede Seite behauptet, die Wahrheit zu sein, und wirft den anderen Irrtum und Falschheit vor. Jede fühlt sich gezwungen, die anderen zu widerlegen oder zu vernichten, damit sie selbst die Wahrheit sei und lebe: Bestenfalls muß jede behaupten, überlegen zu sein, und alle anderen nur als einen minderwertigen Ausdruck der Wahrheit gelten lassen. Übermentale Intelligenz würde es ablehnen, eine solche Auffassung oder diese Tendenz zur Ausschließlichkeit auch nur für einen Augenblick zu hegen. Sie würde allen erlauben, als notwendig für das Ganze zu leben, würde jeden an seinen richtigen Platz im Ganzen stellen oder jedem seinen Bereich der Verwirklichung und des Bemühens zuweisen. Bei unserem Mental ist das anders, weil das Bewußtsein hier völlig in die Zerteilungen der Unwissenheit herabgesunken ist. Wahrheit ist nicht mehr etwas Unendliches oder ein kosmisches Ganzes mit vielen möglichen Formulierungen. Vielmehr ist sie starre Behauptung, die jede andere Behauptung deswegen für falsch hält, weil sie verschieden von ihr und in anderen Grenzen verfestigt ist. Unser mentales Bewußtsein kann tatsächlich in seiner Erkenntnis sehr nahe zum alles umgreifenden Verstehen und zur Katholizität gelangen. Es scheint aber jenseits seiner Macht zu liegen, das auch im Handeln und im Leben zu organisieren. Das evolutionäre Mental wirft, sobald es in Individuen und Kollektiven manifest ist, eine Vielfalt auseinandergehender Gesichtspunkte und auseinanderlaufender Linien des Handelns auf und läßt sie sich Seite an Seite oder im Zusammenprall miteinander oder in gegenseitiger Vermischung ausarbeiten. Es kann ausgewählte Harmonien herstellen, aber nicht zu harmonischer Beherrschung der wahren Totalität kommen. Wie alle Ganzheiten muß das kosmische Mental, selbst in der evolutionären Unwissenheit, solch eine Harmonie haben, wenn auch von vereinbarten Übereinstimmungen und Uneinigkeiten. Es gibt in ihm auch eine zugrunde liegende Dynamik des Einsseins. Es verbirgt aber die Vollkommenheit dieser Dinge in seinen Tiefen, vielleicht in einer supramental-übermentalen Unterschicht. Es teilt sie nicht dem individuellen Mental in der Evolution mit und bringt sie nicht aus den Tiefen an die Oberfläche oder hat sie noch nicht hervorgebracht. Eine Übermental-Welt wäre eine Welt von Harmonien. Die Welt der Unwissenheit, in der wir leben, ist eine Welt von Disharmonien und von Kampf.

Im Übermental können wir nun die ursprüngliche kosmische maya entdecken. Das ist aber nicht die maya der Unwissenheit, sondern eine maya des Wissens. Doch ist sie eine Macht, die die Unwissenheit ermöglichte, sogar unvermeidlich machte. Denn wenn jedes zum Wirken erschaffene Prinzip seiner unabhängigen Linie folgen und seine Konsequenzen vollständig durchführen muß, hat auch das Prinzip der Absonderung seinen Lauf vollständig zu Ende zu führen. Es muß zu seiner absoluten Konsequenz gelangen dürfen. Das ist die unvermeidliche Herabkunft, facilis descensus. Ihr folgt das Bewußtsein, sobald es das trennende Prinzip zuläßt, bis es durch die verfinsternde unendliche Fragmentierung, tucchyena (Rig Veda, X., 129.3), in die materielle Nicht-Bewußtheit eingeht, – “in den Unbewußten Ozean” des Rig Veda. Wenn das Eine aus diesem durch seine eigene Erhabenheit geboren wird, bleibt es doch zuerst durch ein fragmentarisches trennendes Sein und Bewußtsein verborgen. Das ist unser Bewußtsein. In ihm müssen wir die Dinge wieder Stück für Stück zusammensetzen, um zu einem Ganzen zu kommen. In diesem langsamen, schwierigen Hervortreten gewinnt der Ausspruch Heraklits in gewissem Sinn seine Wahrheit, daß der Krieg der Vater aller Dinge sei. Jede Idee und Kraft, jedes gesonderte Bewußtsein, jeder lebende Mensch stößt mit anderen durch die zwingende Notwendigkeit seiner Unwissenheit zusammen und versucht, durch Selbst-Behauptung seiner Unabhängigkeit und nicht durch Harmonie mit allem übrigen Dasein, für sich selbst zu leben, zu wachsen und sich zu erfüllen. Aber doch existiert das unbekannte zugrunde liegende Einssein, das uns zwingt, langsam um eine Form von Harmonie, von gegenseitiger Abhängigkeit, von einträchtigem statt zwieträchtigem Zusammenleben, von schwer zu erlangender Einheit zu ringen. Harmonie und Einheit, nach denen wir streben, können aber dynamisch bis in alle Fasern unseres Wesens und bis zu ihrem umfassenden Selbst-Ausdruck – also nicht allein in unvollkommenen Versuchen, unvollständigen Konstruktionen und immer wechselnden Annäherungen – nur verwirklicht werden, indem durch unsere Evolution die verborgenen überbewußten Mächte der kosmischen Wahrheit und der Wirklichkeit entfaltet werden, in der sie eins sind. Die höheren Bereiche des spirituellen Mentals über unserem Wesen und Bewußtsein müssen sich erschließen, auch das, was noch jenseits des spirituellen Mentals ist, muß in uns zum Vorschein kommen, wenn wir die göttliche Möglichkeit unserer Geburt in das kosmische Dasein hinein erfüllen wollen.

Bei seiner Herabkunft erreicht das Übermental eine Linie, die die kosmische Wahrheit von der kosmischen Unwissenheit trennt. An dieser Trennungslinie wird es für die Bewußtseins-Kraft möglich, durch die Hervorhebung der Besonderheit jeder vom Übermental erschaffenen unabhängigen Bewegung und durch die Verdunkelung ihrer Einheit das Mental durch exklusive Konzentration von seinem übermentalen Ursprung zu trennen. Eine ähnliche Loslösung hat schon einmal stattgefunden, als das Übermental sich von seinem supramentalen Ursprung löste, wobei aber der Vorhang zwischen beiden transparent blieb, so daß eine bewußte Übertragung ermöglicht und eine gewisse erleuchtete Verwandtschaft bewahrt wurde. Hier ist aber der Vorhang undurchsichtig und die Übertragung der Übermental-Motive in das Mental unverständlich und dunkel. Das gesonderte Mental handelt, als sei es ein unabhängiges Prinzip. Jeder mentale Mensch, jede grundlegende mentale Idee, Macht und Kraft steht in ähnlicher Weise auf ihrem gesonderten Ich. Wenn sie mit anderen Verbindung aufnehmen, sich vereinigen oder Kontakte herstellen, geschieht das nicht mit der allumfassenden Universalität der Übermental-Bewegung, auf der Basis zugrunde liegenden Einsseins, vielmehr schließen sich unabhängige Einheiten zusammen, um ein getrenntes konstruiertes Ganzes zu bilden. Durch diese Bewegung kommen wir von der kosmischen Wahrheit hinüber zur kosmischen Unwissenheit. Auf dieser Ebene umgreift das kosmische Mental zweifellos seine Einheit noch mit innerem Verstehen. Es wird aber nicht seines eigenen Ursprungs und seiner Grundlage im Geist inne, oder es kann diese nur durch die Intelligenz, aber nicht durch fortdauernde Erfahrung verstehen. Es handelt in sich so, als ob es rechtmäßig für sich allein sei, und verarbeitet das, was es empfängt, als Material, ohne unmittelbare Kommunikation mit der Quelle, aus der es empfängt. Ebenso handeln seine Einheiten in Unkenntnis voneinander und vom kosmischen Ganzen. Sie erkennen nur durch äußere Kontakte und Kommunikation. Hier gibt es nicht mehr das Grundempfinden von Identität, kein gegenseitiges Durchdringen und inneres Verstehen, die von dort herrühren. Alle Wirkensweisen dieser Mental-Energie gehen von der entgegengesetzten Basis der Unwissenheit und ihren Zerteilungen aus. Obwohl sie die Resultate einer gewissen bewußten Erkenntnis sind, ist das eine partielle Erkenntnis, kein wahres, vollständiges Wissen vom Selbst und keine wahre vollständige Erkenntnis der Welt. Dieses Gepräge des Wissens dauert im Leben und in der subtilen Materie weiter an und erscheint wieder im grob-materiellen Universum, das vom endgültigen Absturz in die Nichtbewußtheit herrührt.

Dennoch bleibt, wie in unserem subliminalen oder inneren Mental, so auch in diesem Mental noch eine umfassendere Macht von Kommunikation und Gegenseitigkeit bestehen, ein freieres Spiel von Mentalität und Sinnen, als es unser menschliches Mental besitzt, und die Unwissenheit ist noch nicht vollständig. Eine bewußte Harmonie, eine Organisation der rechten Beziehungen in gegenseitiger Abhängigkeit ist eher möglich: Das Mental ist noch nicht von blinden Lebens-Kräften verwirrt oder von unempfänglicher Materie verdunkelt. Es ist eine Ebene der Unwissenheit, aber noch nicht der Falschheit und des Irrtums, zumindest ist der Absturz in Falschheit und Irrtum noch nicht unvermeidlich. Diese Unwissenheit legt zwar Grenzen auf, verfälscht aber noch nicht notwendigerweise. Hier gibt es eine Begrenzung der Erkenntnis, eine Organisation partieller Wahrheiten, aber noch kein Leugnen von Wahrheit und Erkenntnis oder Widerspruch dagegen. Dieses Gepräge einer Organisation partieller Wahrheiten auf der Grundlage trennender Erkenntnis dauert fort im Leben und in der subtilen Materie, denn die ausschließliche Konzentration der Bewußtseins-Kraft, die sie in das separative Wirken versetzt, trennt noch nicht völlig das Mental vom Leben oder Mental und Leben von der Materie und verschleiert sie nicht voreinander. Die vollständige Abtrennung kann erst dann stattfinden, wenn die Stufe der Unbewußtkeit erreicht ist und unsere Welt vielfältiger Unwissenheit aus jenem dämmrigen Mutterschoß hervorgeht. Diese anderen noch bewußten Stufen der Involution sind sicherlich Organisationen von Bewußter Kraft, in denen jede aus ihrer eigenen Mitte heraus lebt, ihre eigenen Möglichkeiten bis zu Ende verfolgt und wo das vorherrschende Prinzip, sei es Mental, Leben oder Materie, selbst die Dinge auf seiner eigenen unabhängigen Grundlage ausarbeitet. Was so herausgebracht wird, sind aber Wahrheiten eben dieses Prinzips, keine Illusionen und kein Wirrwarr aus Wahrheit und Falschheit, aus Wissen und Unwissenheit. Wenn aber die Bewußtseins-Kraft durch ausschließliche Konzentration auf Kraft und Form in den Erscheinungen das Bewußtsein von der Form zu trennen versucht oder wenn sie das Bewußtsein in einem blinden, in Form und Kraft versunkenen Schlaf absorbiert, muß sich das Bewußtsein durch fragmentarische Evolution, die den Irrtum notwendig und die Falschheit unvermeidlich macht, zu sich selbst zurückkämpfen. Trotzdem sind auch diese Dinge keine Illusion, die aus einem ursprünglichen Nicht-Sein entsprungen wären. Wir könnten sagen, sie sind unvermeidliche Wahrheiten einer Welt, die aus der Unbewußtheit entstanden ist. Denn die Unwissenheit ist in Wirklichkeit noch ein Wissen, das nach seinem hinter der ursprünglichen Maske der Nichtbewußtheit verborgenen Selbst sucht. Es verfehlt es, und es findet es. Seine Ergebnisse sind auf ihrer je eigenen Linie natürlich, ja unvermeidlich. Sie sind die wahre Konsequenz des Absturzes, – gewissermaßen sogar ein richtiges Handeln, um vom Sturz zu genesen. Das erste Ergebnis dieses Absturzes ist: Sein versinkt in scheinbares Nicht-Sein, Bewußtsein in scheinbare Nicht-Bewußtheit, Seins-Seligkeit in weite kosmische Empfindungslosigkeit. Bei der Rückkehr aus diesem Fall durch mühevolle fragmentarische Erfahrung besteht der notwendige Prozeß der Arbeit zur Entdeckung des Selbsts aus der Wiedergabe von Bewußtsein in den dualen Begriffen von Wahrheit und Falschheit, Erkenntnis und Irrtum, des Seins in den dualen Begriffen von Leben und Tod, der Seins-Seligkeit in den dualen Begriffen von Schmerz und Lust. Eine reine Erfahrung von Wahrheit, Wissen, Seligkeit, unvergänglichem Dasein wäre hier in sich selbst ein Widerspruch gegen die Wahrheit der Dinge. Das könnte nur dann anders sein, wenn alle Menschen in der Evolution stillschweigend empfänglich wären für die seelischen Elemente in ihrem Inneren und für das Supramental, das allem Wirken der Natur zugrunde liegt. Hier wirkt sich aber das Übermental-Gesetz aus, daß jede Kraft ihre eigenen Möglichkeiten ausarbeiten muß. Die natürlichen Möglichkeiten einer Welt, in der ursprüngliche Nichtbewußtheit und Zerteilung von Bewußtsein die Hauptprinzipien sind, würden das Hervortreten von Kräften der Finsternis bewirken, die gezwungen sind, an der Unwissenheit, durch die sie leben, festzuhalten: Das wäre unwissendes Ringen um Wissen, ein Bemühen, das der Ursprung des Falschen und des Irrtums ist, ein ignorantes Bemühen, durch Hervorrufen von Unrecht und Bösem zu leben, ein egoistischer Genuß daran, Urheber eines zerspaltenen Lebens in Freuden, Schmerzen und Leiden zu sein. Unvermeidlich sind das wohl die zuerst ausgeprägten Eigenschaften, aber nicht die einzigen Möglichkeiten unseres evolutionären Daseins. Weil doch das Nicht-Sein ein verborgenes Sein, die Nicht-Bewußtheit ein verborgenes Bewußtsein, die Unempfindlichkeit ein vermummtes, schlafendes ananda ist, müssen diese verborgenen Wirklichkeiten hervortreten. Am Ende müssen sich auch das verborgene Übermental und das Supramental in dieser ihnen dem äußeren Anschein nach entgegengesetzten Organisation aus einem dunkeln Unendlichen heraus zur Erfüllung bringen.

Zwei Dinge machen diese höchste Erfüllung leichter, als es sonst möglich wäre. Bei seinem Abstieg in die materielle Schöpfung hat das Obermental Abwandlungen seiner selbst hervorgebracht – besonders die Intuition mit ihren durchdringenden Lichtblitzen von Wahrheit, die bestimmte Punkte und Bereiche in unserem Bewußtsein erleuchten, die die verborgene Wahrheit der Dinge unserem umgreifenden inneren Verstehen näherbringen können. Wenn wir uns immer weiter, zuerst im inneren Wesen und dann, als Folge davon, in unserem äußeren Menschsein auch für die Botschaften aus diesen höheren Bereichen des Bewußtseins öffnen und in sie hineinwachsen, können wir selbst zu intuitiven und übermentalen Menschen werden, die nicht durch den Intellekt und die Sinne begrenzt, sondern fähig sind, in allumfassender Weise innerlich zu begreifen und die Wahrheit in ihrem eigentlichen Selbst und Leib unmittelbar zu berühren. Tatsächlich kommen schon Lichtblitze der Erleuchtung aus diesen höheren Bereichen zu uns. Dieses Eingreifen ist aber zumeist fragmentarisch, gelegentlich und partiell. Wir müssen in uns ein höheres Wirken der Wahrheit organisieren, dessen wir potentiell fähig sind. Zweitens müssen aber Übermental, Intuition und sogar Supramental nicht nur, wie wir gesehen haben, die der Nicht-Bewußtheit innewohnenden, in sie involvierten Prinzipien sein, aus denen wir in der Evolution emporsteigen und uns, unserer Bestimmung gemäß, unausweichlich herausentwickeln müssen, sondern sie sind verborgen schon in uns gegenwärtig und in geheimer Weise aktiv mit Lichtblitzen intuitiven Emportauchens in der kosmischen Aktivität von Mental, Leben und Materie. Es ist wahr, daß ihr Wirken verborgen ist. Selbst wenn sie hervortreten, geschieht das so, daß sie durch das materielle, vitale und mentale Medium, in dem sie wirken, eingeschränkt und nicht leicht erkennbar sind. Das Supramental kann sich nicht von Anfang an als die Schöpfer-Macht im Universum manifestieren. Würde es das tun, wären Unwissenheit und Nicht-Bewußtheit unmöglich, oder die notwendige langsame Evolution würde sich in das Schauspiel schneller Transformation verwandeln. Dennoch können wir auf jeder Stufe der materiellen Energie den Stempel der unvermeidlichen Entwicklung erkennen, der ihr vom supramentalen Schöpfer aufgeprägt wird. Und wir sehen in der ganzen Entwicklung von Leben und Mental das Spiel der Linien von Möglichkeit und Kombination, die das Eingreifen des Übermentals charakterisiert. So wie Leben und Mental in der Materie freigesetzt wurden, müssen auch diese größeren Mächte der verborgenen Gottheit zu ihrer Zeit aus der Involution hervortreten, und ihr erhabenes Licht muß von oben auf uns herabkommen.

Ein Göttliches Leben ist also in der irdischen Manifestation nicht nur möglich als das hohe Ergebnis und Lösegeld für unser gegenwärtiges Leben in der Unwissenheit. Vielmehr ist es, wenn die Dinge so liegen, wie wir sie gesehen haben, das unvermeidliche Ergebnis und die höchste Erfüllung des evolutionären Bemühens der Natur.

E N D E
BUCH 1

Kapitel XV. Wirklichkeit und integrales Wissen

Dieses Selbst wird durch die Wahrheit und durch integrale Erkenntnis gewonnen.

Mundaka Upanishad, III. 1.5.

Höre, wie du Mich hier in Meiner Ganzheit erkennen wirst..., denn selbst von den Suchern, die Erfolg hatten, erkennt kaum einer Mich in all der Wahrheit Meines Wesens.

Gita, VII. 1.3.

Dies also ist der Ursprung, dies ist die Natur und dies sind die Grenzen der Unwissenheit. Ihr Ursprung ist eine Begrenzung von Wissen. Ihr besonderer Charakter ist eine Absonderung des Wesens von seiner eigenen Vollständigkeit und ganzen Wirklichkeit. Ihre Grenzen werden durch diese absondernde Entwicklung des Bewußtseins bestimmt, denn sie schließt uns aus von unserem wahren Selbst und vom wahren Selbst und der umfassenden Natur der Dinge und zwingt uns, in einem sichtbaren Dasein an der Oberfläche zu leben. Folgendes müssen demnach Kennzeichen und entgegengesetzter Charakter der inneren Hinwendung zum Wissen sein: Rückkehr oder Fortschritt zur Vollständigkeit, das Aufheben der Begrenzung, das Niederbrechen der Absonderung, das Überschreiten der Grenzlinien und das Wiedergewinnen unserer wesenhaften und ganzen Wirklichkeit. Das begrenzte und gesonderte Bewußtsein soll durch ein wesenhaftes und vollständiges Bewußtsein ersetzt werden, das mit der ursprünglichen Wahrheit und mit der ganzen Wahrheit von Selbst und Sein identisch ist. Das integrale Wissen ist etwas, das bereits in der integralen Wirklichkeit da ist. Es ist nicht etwas Neues, das noch nicht existiert, das erst durch das Mental erschaffen, erworben, erlernt, erfunden oder aufgebaut werden muß. Vielmehr muß es entdeckt oder enthüllt werden. Es ist eine Wahrheit, die sich dem spirituellen Bemühen vom Selbst her enthüllt. Denn dort, in unserem tieferen und größeren Selbst, ist es verhüllt. Es ist der eigentliche Stoff unseres spirituellen Bewußtseins. Da wir nun in unserem äußeren Selbst zu ihm erwachen, sollen wir es in unseren Besitz bekommen. Es gibt eine integrale Erkenntnis des Selbsts, die wir wiederzugewinnen haben. Es gibt aber auch eine integrale Erkenntnis der Welt, da das Welt-Selbst auch unser eigenes Selbst ist. Es gibt zwar ein Wissen, das von unserem Mental erlernt oder konstruiert werden kann und das seinen Wert hat. Das ist aber nicht gemeint, wenn wir vom Wissen und von der Unwissenheit sprechen.

Das integrale spirituelle Bewußtsein trägt in sich ein Wissen von allen Begriffen des Seienden. Es verknüpft die höchsten mit den niedersten durch alle vermittelnden Begriffe und erlangt so ein unteilbares Ganzes. Auf der höchsten Gipfelhöhe der Dinge öffnet es sich für die Wirklichkeit des Absoluten, die unaussprechlich ist, weil überbewußt allem gegenüber außer ihrem eigenen Selbst-Innesein. Am tiefsten Ende unseres Wesens nimmt es das Unbewußte wahr, mit dem unsere Evolution anfängt. Zugleich wird es aber auch des Einen und des Alls inne, das in jenen Tiefen selbst-involviert ist. Es enthüllt in der Unbewußtheit das verborgene Bewußtsein. Seine Schau ist ausdeutend und offenbarend und bewegt sich zwischen diesen beiden Extremen. So entdeckt das integrale spirituelle Bewußtsein die Manifestation des Einen in den Vielen, die Identität des Unendlichen in der Verschiedenheit der endlichen Dinge, die Gegenwart des zeitlosen Ewigen in der ewigen Zeit. Dieses Schauen erhellt ihm die Bedeutung des Universums. Dieses Bewußtsein hebt das Universum nicht auf. Es hebt es empor und verwandelt es, indem es ihm seine verborgene Bedeutung verleiht. Es hebt nicht das individuelle Dasein auf. Es verwandelt Wesen und Natur des Individuums, indem es diesen ihre wahre Bedeutung offenbart und sie befähigt, ihre Absonderung von der Göttlichen Wirklichkeit und der Göttlichen Natur zu überwinden.

Integrales Wissen setzt integrale Wirklichkeit voraus. Denn die Macht des Wahrheits-Bewußtseins ist selbst das Bewußtsein der Wirklichkeit. Aber unsere Vorstellung und unser Empfinden von Wirklichkeit variiert mit dem Zustand und der Absicht unseres Bewußtseins, mit seiner Schau, seiner Betonung und Auffassung der Dinge. Diese Schau und diese Betonung können intensiv und exklusiv oder extensiv, inklusiv und allumfassend sein. Es ist sehr wohl möglich – und das ist in seinem Bereich eine berechtigte Maßnahme unseres Denkens und bezeichnend für ein hohes spirituelles Niveau –, das Sein des unaussprechlichen Absoluten zu bejahen, es als einzige Wirklichkeit zu betonen und für unser Selbst das individuelle Wesen und die kosmische Schöpfung zu verneinen und auszumerzen, sie aus unserer Vorstellung und unserem Empfinden von Wirklichkeit auszulöschen. Die Wirklichkeit des Universums ist brahman, das Absolute. Die Wirklichkeit des Kosmos ist brahman, das Absolute. Das Individuum ist ein Phänomen, eine vergängliche Erscheinung im Kosmos. Der Kosmos selbst ist ein Phänomen, eine größere, komplexe vergängliche Erscheinung. Die beiden Begriffe Wissen und Unwissenheit gehören nur dieser äußeren Erscheinung an. Um zum absoluten Überbewußtsein zu gelangen, müssen wir beide transzendieren: Ich-Bewußtsein und kosmisches Bewußtsein werden in jener höchsten Transzendenz zum Erlöschen gebracht, nur das Absolute bleibt übrig. Denn das absolute brahman existiert nur in seiner eigenen Identität und steht jenseits von allem Erkennen des anderen. Dort verschwindet die Vorstellung von dem Wissenden und dem Gewußten und darum auch von dem Wissen, in dem beide sich treffen und eins werden. Diese Idee wird transzendiert und verliert ihre Berechtigung, so daß das absolute brahman Mental und Rede immer unerreichbar bleiben muß. Im Gegensatz zu der Anschauung, die wir vorgetragen haben, oder in Ergänzung zu ihr – daß nämlich die Unwissenheit selbst entweder nur als ein begrenztes oder als ein involviertes Wirken des Göttlichen Wissens anzusehen ist, als begrenzt im nur partiell Bewußten und als involviert im Unbewußten – könnten wir von diesem anderen Ende der Skala der Dinge her sagen, Wissen sei nur eine höhere Unwissenheit, da es vor der absoluten Wirklichkeit haltmache, die Sich Selbst gegenüber evident, dem Mental jedoch unerkennbar sei. Diese absolute Auffassung entspricht einer Wahrheit des Denkens und einer Wahrheit höchster Erfahrung im spirituellen Bewußtsein. Für sich genommen ist das aber nicht das Ganze des vollständigen und umfassenden Denkens, und es erschöpft nicht die Möglichkeiten höchster spiritueller Erfahrung.

Die absolutistische Betrachtung von Wirklichkeit, Bewußtsein und Wissen gründet sich auf eine Richtung frühesten vedantischen Denkens. Das ist aber nicht das Ganze jenes Denkens. In den Upanishaden, der inspirierten Schrift des ältesten Vedanta, finden wir diese Bejahung des Absoluten als den aus der Erfahrung gewonnenen Begriff der äußersten, unaussprechlichen Transzendenz. Wir finden aber auch, und zwar nicht im Widerspruch dazu sondern als Ergänzung, eine Bejahung der kosmischen Divinität, einen durch Erfahrung gewonnenen Begriff vom kosmischen Selbst und vom Werden des brahman im Universum. In gleicher Weise finden wir die Bejahung der Göttlichen Wirklichkeit im Individuum. Auch das ist eine aus Erfahrung gewonnene Auffassung. Das Individuum wird nicht nur als äußerer Schein aufgefaßt sondern als ein aktuelles Werden. Anstelle der einzigen höchsten exklusiven Behauptung, die außer dem transzendenten Absoluten alles verneint, finden wir eine umfassende Annahme, die bis zu ihrer äußersten Schlußfolgerung gebracht wird. Diese Auffassung von Wirklichkeit und Wissen, die in einer einzigen Schau das Kosmische und das Absolute umschließt, stimmt grundsätzlich mit unserer eigenen überein. Denn in ihr ist beides enthalten: Die Unwissenheit ist ein halb-verhüllter Teil des Wissens, und die Welt-Erkenntnis ist ein Teil der Selbst-Erkenntnis. Die Isha-Upanishad besteht auf der Einheit und Wirklichkeit aller Manifestationen des Absoluten. Sie weist zurück, daß man die Wahrheit nur auf einen einzigen Aspekt beschränkt. Brahman ist das Unverrückbare und das Bewegliche, das Innere und das Äußere, alles, was nahe, und alles, was fern ist, ob spirituell oder in der Ausdehnung von Zeit und Raum. Es ist das Seiende und alle Werdeformen. Er ist der Reine und Schweigende, der ohne Gestaltung und Aktion ist, der Seher und Denker, der die Welt und ihre Objekte organisiert. Er ist der Eine, der zu allem wird, das wir mit unseren Sinnen im Universum wahrnehmen; der Immanente und das, worin er seine Wohnstätte aufschlägt. Die Upanishad versichert das als die vollkommene und befreiende Erkenntnis, was weder das Selbst noch seine Schöpfungen ausschließt. Der befreite Geist sieht alle diese Dinge als die Werdeformen des Selbst-Seienden in einer inneren Schau und durch ein Bewußtsein, das das Universum im eigenen Innern wahrnimmt und nicht nur äußerlich auf es schaut als auf etwas anderes als es selbst, wie das begrenzte ichhafte Mental das tut. In der kosmischen Unwissenheit zu leben, ist Blindheit. Sich aber auf einen exklusiven Absolutismus von Wissen zu begrenzen, ist ebenfalls Blindheit. Integrales Wissen heißt, brahman zu erkennen als das Wissen und die Unwissenheit zugleich und zusammen; den höchsten Zustand zu erlangen zugleich durch Werden und Nicht-Werden; die Erkenntnisse des transzendenten und des kosmischen Selbsts aufeinander zu beziehen; eine feste Grundlage im Überweltlichen und eine des Selbsts gewisse Manifestation im Weltlichen zu erreichen. Das ist der Besitz der Unsterblichkeit. Dieses ganze Bewußtsein mit seinem vollständigen Wissen ist es, das die Grundlage für das Göttliche Leben legt und dieses erreichen läßt. Daraus folgt, daß die unbedingte Wirklichkeit des Absoluten kein starres, unbestimmtes Einssein und keine Unendlichkeit sein darf, die leer ist von allem, was nicht reines Selbst-Sein ist, das man nur dadurch erlangt, daß man die Vielen und das Endliche ausschließt. Vielmehr muß sie etwas sein, das jenseits dieser Definitionen und sogar jenseits von allem liegt, das man als positiv oder als negativ beschreiben kann. Alle Bejahungen und alle Verneinungen drücken seine Aspekte aus. Durch beide zusammen, durch höchste Bejahung und höchste Verneinung, können wir zum Absoluten gelangen.

Auf der einen Seite haben wir also, uns als die Wirklichkeit dargestellt, ein absolutes Selbst-Sein, ein ewiges einziges Selbst-Seiendes. Durch die Erfahrung des schweigenden und inaktiven Selbsts oder des unabhängigen unbeweglichen purusha können wir uns diesem gestaltlosen und beziehungslosen Absoluten nahen, das Wirken der schöpferischen Macht negieren, ob es nun eine illusorische maya oder eine formbildende prakriti ist, aus dem ganzen Kreislauf im kosmischen Irrtum heraustreten in den ewigen Frieden und in das Schweigen, frei werden, von unserem personalen Dasein und uns selbst in jenem einzigen wahren Sein finden oder verlieren. Auf der anderen Seite haben wir ein Werden, das eine wahre Bewegung des Seienden ist, und beide, das Seiende und das Werden, sind Wahrheiten der einen absoluten Wirklichkeit. Die erste Anschauung gründet sich auf den metaphysischen Begriff, der die extreme Wahrnehmung des Absoluten in unserem Denken, die exklusive Erfahrung in unserem Bewußtsein als eine Wirklichkeit formuliert, die leer ist von allen Beziehungen und Bestimmungen. Das erfordert als logische und praktische Konsequenz, die Welt der Beziehungen als etwas Falsches, etwas von unrealem Wesen, etwas Nicht-Seiendes, asat, zu verneinen oder zumindest als niedere, dahinschwindende, vergängliche und pragmatische Selbst-Erfahrung aus dem Bewußtsein auszumerzen, um zur Befreiung des Geistes von seinen falschen Wahrnehmungen oder seinen niedrigen Schöpfungen zu gelangen. Die zweite Anschauung gründet sich auf die Auffassung, das Absolute könne weder positiv noch negativ eingegrenzt werden. Es steht jenseits aller Beziehungen in dem Sinne, daß es durch keine Relativitäten gebunden oder in seiner Wesensmacht begrenzbar ist: Es kann nicht durch unsere relativen Auffassungen festgelegt oder umschrieben werden, weder durch die höchsten noch die niedersten, weder durch positive noch durch negative. Es wird weder durch unser Wissen noch durch unsere Unwissenheit gebunden, weder durch unsere Auffassung vom Sein noch durch die vom Nicht-Sein. Es kann aber auch nicht durch irgendeine Unfähigkeit begrenzt werden, Beziehungen zu enthalten, zu unterhalten, zu erschaffen oder zu offenbaren. Im Gegenteil, man kann die Macht, sich in einer Unendlichkeit von Einheit und in einer Unendlichkeit von Vielheit zu manifestieren, als eine ihr ursprünglich innewohnende Kraft, als Zeichen und Ergebnis gerade ihrer Unbedingtheit ansehen. Diese Möglichkeit ist an sich schon eine ausreichende Erklärung für das kosmische Dasein. Das Absolute kann in seiner Art, einen Kosmos von Beziehungen zu manifestieren, tatsächlich nicht eingeschränkt werden; es kann aber auch nicht gezwungen werden, keinen Kosmos zu manifestieren. Es selbst ist keine bloße Leere. Denn ein inhaltsloses Absolutes ist kein Absolutes – unsere Auffassung von einem Leeren oder einem Null-Wert ist nur ein begriffliches Zeichen dafür, daß wir mental unfähig sind, es zu erkennen und zu begreifen. Es trägt in sich selbst eine gewisse unaussprechliche Wesenhaftigkeit von allem, was ist, und allem, was sein kann. Und da es in sich diese Wesenhaftigkeit und diese Möglichkeit enthält, muß es in sich auch auf irgendeine Art seiner Absolutheit entweder die dauernde Wahrheit oder die innewohnende, wenn auch verborgene, verwirklichbare Aktualität von allem enthalten, was für unser oder der Welt Dasein grundlegend ist. Diese verwirklichbare Aktualität verwirklicht, oder diese ständige Wahrheit ihre Möglichkeiten entfaltend, bezeichnen wir als Manifestation und sehen wir als das Universum.

Im Begriff oder in der Erkenntnis der Wahrheit des Absoluten gibt es also keine innewohnende unvermeidliche Konsequenz, die Wahrheit des Universums zu bestreiten oder aufzulösen. Die Vorstellung von einem wesenhaft unwirklichen Universum, das irgendwie durch eine unerklärliche Macht von Illusion manifestiert wird, das das Absolute brahman nicht anerkennt, über dem es erhaben steht und auf das es so wenig Einfluß nimmt, wie es selbst von ihm beeinflußt wird, ist im Grunde die Übertragung einer Unfähigkeit unseres mentalen Bewußtseins auf Jenes, eine Aufbürdung oder Unterstellung, adhyaropa, gleichsam um es zu begrenzen. Sobald unser mentales Bewußtsein über seine Begrenzungen hinausgeht, verliert es seine eigene Weise der Erkenntnis und seine Erkenntnismittel. Dann hat es die Neigung, inaktiv zu werden oder ganz aufzuhören. Es verliert zugleich auch seinen Halt an seinen früheren Inhalten oder neigt dazu, diese nicht weiter zu haben. Dann hat es keine kontinuierliche Auffassung mehr von der Wirklichkeit dessen, was einst für es alles gewesen ist, das wirklich war: Wir unterstellen dem absoluten parabrahman, das wir für immer ungeoffenbart auffassen, eine entsprechende Unfähigkeit oder ein Abgesondertsein von oder eine Erhabenheit über das, was so für uns unwirklich geworden ist oder als unwirklich erscheint. Es muß dann durch seine eigene Art reiner Absolutheit ebenso wie unser Mental, wenn es aufhört oder sich auslöscht, leer sein von jedem Zusammenhang mit dieser Welt der sichtbaren Manifestation, unfähig, sie anzuerkennen, um sie zu unterstützen, oder das dynamisch aufrechtzuerhalten, was ihr die Wirklichkeit gibt, – oder, falls es so etwas zur Kenntnis nehmen kann, müßte dieses seiner Art nach ein “Ist” sein, das nicht ist, eine magische maya. Es gibt aber keinen zwingenden Grund, anzunehmen, daß diese Kluft existiert. Wessen unser relatives menschliches Bewußtsein fähig oder nicht fähig ist, das ist kein Prüfstein oder Maßstab für absolute Fähigkeit. Seine Begriffe können nicht auf eine absolute Selbst-Bewußtheit übertragen werden. Was für unsere mentale Unwissenheit nötig ist, um sich selbst zu entkommen, kann keine Notwendigkeit sein für das Absolute, das sich selbst nicht zu entkommen braucht und keinen Grund hat, dem die Anerkennung zu verweigern, das für es unerkennbar ist.

Es gibt dieses ungeoffenbarte Unerkennbare. Es gibt dieses geoffenbarte Erkennbare, das unserer Unwissenheit teilweise manifest, das jedoch gänzlich manifest ist für das göttliche Wissen, das es in seiner eigenen Unendlichkeit in sich birgt. Wenn es wahr ist, daß weder unsere Unwissenheit noch unsere äußerste und allumfassende mentale Erkenntnis uns einen festen Besitz des Unerkennbaren vermitteln kann, so ist doch auch wahr, daß sich Jenes sowohl durch unser Wissen wie durch unsere Unwissenheit selbst auf verschiedene Weise manifestiert. Denn es kann nicht etwas anderes manifestieren als sich selbst, da nichts sonst existieren kann. In dieser Mannigfaltigkeit von Manifestation gibt es jenes Einssein. Durch die Verschiedenheit können wir mit dem Einssein in Kontakt kommen. Aber auch wenn wir diese Koexistenz akzeptieren, ist es immer noch möglich, ein endgültiges Urteil und einen Verdammungsspruch über das Werden zu fällen und uns für die Notwendigkeit zu entscheiden, ihm zu entsagen und in das absolute Sein zurückzukehren. Diese Entscheidung kann auf die Unterscheidung zwischen der realen Wirklichkeit des Absoluten und der partiellen und irreführenden Wirklichkeit des relativen Universums gegründet werden.

Denn wir haben in dieser Entfaltung von Wissen die beiden Begriffe des Einen und der Vielen, wie wir auch die beiden Begriffe des Endlichen und des Unendlichen haben: dessen, das wird, und dessen, das nicht wird, weil es ewig ist; dessen, das Gestalt annimmt, und dessen, das keine Gestalt annimmt; des Geistes und der Materie; des höchsten Überbewußten und des niedersten Unbewußten. In diesem Dualismus und um ihm zu entkommen, steht es uns offen, Wissen als den Besitz des einen Begriffes zu definieren und den Besitz des anderen als Unwissenheit. Das Allerhöchste für unser Leben wäre dann, daß wir uns aus der niederen Wirklichkeit des Werdens zurückziehen in die höhere Wirklichkeit des Seienden: daß wir uns aus der Unwissenheit in das Wissen emporschwingen, die Unwissenheit zurückweisen und aus den Vielen übergehen in den Einen, aus dem Endlichen in das Unendliche, aus der Form in das Formlose, aus dem Leben des materiellen Universums in den Geist, aus der Gewalt des Unbewußten über uns in das überbewußte Sein. Man nimmt bei dieser Lösung an, es bestehe eine festgelegte Gegensätzlichkeit, eine letzte Unvereinbarkeit in jedem Fall zwischen den beiden Begriffen unseres Wesens. Oder auch: wenn beide ein Mittel der Manifestation des brahman sind, sei das Niedere ein falscher oder unvollkommener Hinweis auf ihn, ein Mittel, das versagen muß, und ein System von Werten, die uns letztlich nicht zufriedenstellen können. Unbefriedigt von den Verwirrungen der Vielfalt, verächtlich selbst das Höchste an Licht, Macht und Freude ablehnend, das sie uns offenbaren kann, müssen wir über sie hinaus zu dem einen absoluten Punkt, zu dem einen absoluten Ort drängen, an dem diese ganze Selbst-Variation aufhört. Da wir infolge des Anspruchs des Unendlichen an uns nicht für immer in den Banden des Endlichen bleiben oder hier Genugtuung, Weite und Frieden finden könnten, müßten wir alle Bande der individuellen und universalen Natur zerbrechen, alle Werte, Symbole, Abbildungen, Selbst-Definitionen, Begrenzungen des Unbegrenzbaren zerstören und alle Kleinlichkeit und Zerteiltheit in jenem Selbst verlieren, das auf ewig mit der eigenen Unendlichkeit zufrieden ist. Angewidert von den Gestaltungen, desillusioniert von ihren falschen und vergänglichen Verführungen, ermüdet und entmutigt von ihrer flüchtigen Unbeständigkeit und ihrem eitlen Kreislauf der Wiederkehr müßten wir aus den Zyklen der Natur in die Formlosigkeit und unterschiedslose Leere des permanenten Seins entkommen. Voller Abscheu vor der Materie und ihrer Grobheit, ungeduldig mit dem zwecklosen Drängen und der Verwirrung des Lebens, ermüdet durch das ziellose Umherirren des Mentals und überzeugt von der Eitelkeit all seiner Zwecke und Ziele müßten wir uns befreien in die ewige Ruhe und Reinheit des Geistes. Das Unbewußte sei ein Schlaf oder ein Gefängnis. Das Bewußte sei ein Kreislauf von Bestrebungen ohne ein letztes Ziel oder das Vagabundieren wie in einem Traum. Wir müßten in das Überbewußte erwachen, wo alle Finsternis von Nacht und Halblichtern aufhöre in der vom Selbst erleuchteten Seligkeit des Ewigen. Der Ewige sei unsere alleinige Zuflucht. Alles übrige seien falsche Werte, sei die Unwissenheit und ihre Irrgärten, eine Selbst-Verwirrung der Seele in der phänomenalen Natur.

Unsere Auffassung vom Wissen und von der Unwissenheit verwirft diese Verneinung und die Gegensätzlichkeiten, auf die sie sich gründet. Sie weist hin auf eine umfassendere, wenn auch schwierigere Methode, sie miteinander zu versöhnen. Denn wir sehen, daß diese scheinbar einander entgegensetzten Begriffe vom Einen und den Vielen, von der Form und dem Formlosen, vom Endlichen und vom Unendlichen nicht so sehr Gegensätze als vielmehr komplementäre Begriffe sind. Sie sind nicht alternative Werte des brahman, als ob dieses ständig in seiner Schöpfung sein Einssein verliere, um sich in der Vielheit wiederzufinden, und, unfähig, sich in der Vielheit zu entdecken, diese wieder aufgebe, um das Einssein zu erlangen. Vielmehr sind sie doppelte und zusammengehörige Werte, die sich gegenseitig verdeutlichen. Sie sind keine hoffnungslos unvereinbaren Alternativen, vielmehr zwei Gesichter der einen Wirklichkeit, die uns dadurch zu dieser führen können, daß wir beide realisieren und nicht nur jede getrennt erproben, – auch wenn solch ein gesondertes Erproben ein legitimer, ja unvermeidlicher Schritt oder Teil des Prozesses der Erkenntnis sein mag. Wissen ist zweifelos die Erkenntnis des Einen, des Seienden. Unwissenheit heißt, daß unser Selbst das Seiende vergißt. Sie ist die Erfahrung der Abgesondertheit in der Vielfalt und ein Verbleiben oder Kreisen im falschverstandenen Irrgarten der Werde-Formen. Das wird aber durch die Seele im Werden überwunden, die in die Erkenntnis, in die Bewußtheit des Seienden emporwächst, das in der Vielheit zu all den vorhandenen Wesen wird und deshalb dazu werden kann, weil ihre Wahrheit bereits in seinem zeitlosen Sein da ist. Die integrale Erkenntnis von brahman ist ein Bewußtsein, das beides miteinander besitzt. Wenn wir ausschließlich nach dem einen von beiden jagen, wird unser Blick für die andere Seite der Wahrheit der allgegenwärtigen Wirklichkeit verschlossen. Der Besitz des Seienden, das jenseits aller Werdeformen ist, bringt uns die Freiheit von Verhaftung und Unwissenheit im kosmischen Dasein und verschafft uns dadurch jene Freiheit eines freien Besitzes des Werdenden und des kosmischen Daseins. Die Erkenntnis des Werdenden ist ein Teil des Wissens. Sie wirkt nur deshalb wie Unwissenheit, weil wir in sie eingesperrt bleiben, avidyayam antare, ohne daß wir das Einssein des Seienden besitzen, das die Grundlage des Werdens ist, sein Stoff, sein Geist, die Ursache seiner Manifestation, ohne die es nicht möglich sein könnte.

Tatsächlich ist das brahman eines, nicht nur in einem gestaltlosen Einssein jenseits jeder Beziehung, sondern gerade auch in der Vielheit des kosmischen Daseins. Da Es des Wirkens des zerteilenden Mentals bewußt, jedoch selbst nicht durch es begrenzt ist, findet es sein Einssein ebenso leicht in den Vielen, in Beziehungen, im Werden, wie wenn es sich ganz aus den Vielen, aus den Beziehungen, aus dem Werden zurückzieht. Auch wir selbst müssen es, gerade um sein Einssein völlig zu besitzen, – zumal Es hier ist, zumal alles Jenes ist – in der unendlichen Selbst-Variation des Kosmos besitzen. Eine Erklärung und Rechtfertigung für die Unendlichkeit der Vielfalt läßt sich nur finden, wenn sie in der Unendlichkeit des Einen enthalten und von ihm als Besitz gewahrt wird. Aber die Unendlichkeit des Einen ergießt sich auch in die Unendlichkeit der Vielen und behält sich auch dort zu eigen. Es ist die göttliche Stärke des freien purusha, der bewußten Seele, die sich selbst in ihrer unsterblichen Erkenntnis des Selbsts besitzt, fähig zu sein, ihre Energien ebenso zu verströmen, wie sich dabei nicht zu verlieren, sich nicht aus ihrer Grenzenlosigkeit und der Endlosigkeit von Wechselfällen und Differenzen besiegt zurückziehen zu müssen und nicht selbst durch deren Variationen aufgeteilt zu werden. Die Selbst-Variationen des Selbsts im Endlichen, in denen das Mental, das sein Wissen um sein Selbst verliert, verfangen und zerstreut ist, sind dennoch keine Verneinung des Unendlichen, sondern dessen endloser Ausdruck. Nur so haben sie für ihr Dasein Bedeutung, sie haben keinen anderen Grund: Das Unendliche findet, während es eine tiefe Freude über sein grenzenloses Wesen hat, gerade auch an dieser grenzenlosen Selbst-Begrenzung im Universum seine Wonne. Das Göttliche Wesen ist nicht unfähig, zahllose Gestalten anzunehmen. In Seinem Wesen ist Er doch jenseits aller Form und verliert, auch wenn Er die Form annimmt, nicht Seine Göttlichkeit. Vielmehr ergießt Er in sie die ganze Seligkeit Seines Wesens und das Herrliche Seiner Göttlichkeit. Dieses Gold hört nicht deshalb auf, Gold zu sein, weil es sich in alle Arten von Schmuck und in Münzen vieler Währungen und Werte ausprägt. Ebensowenig verliert die Erden-Macht, das Prinzip all dieses gestalteten materiellen Daseins, ihre unveränderliche Göttlichkeit, weil sie sich in bewohnbare Welten ausformt, in Berge und Täler verausgabt und in die Werkzeuge von Herd und Haushalt oder als hartes Metall in Waffen und Maschinen gestalten läßt. Die Materie – selbst Substanz, subtil oder dicht, mental oder materiell – ist Gestalt und Körper des Geistes. Sie wäre nie erschaffen worden, könnte sie nicht zur Grundlage für den Selbst-Ausdruck des Geistes gemacht werden. Die scheinbare Unbewußtheit des materiellen Universums enthält dunkel in sich alles, was in dem lichtvollen Überbewußten ewig selbst-enthüllt ist. Dieses in der Zeit zu enthüllen, ist die allmähliche und beabsichtigte tiefe Freude der Natur und das Ziel ihrer Zyklen.

Es gibt aber noch andere Auffassungen von Wirklichkeit, andere Begriffe von der Natur des Wissens, die wir erwägen müssen. Da ist die Ansicht, daß alles, was existiert, eine subjektive Schöpfung des Mentals, eine Konstruktion des Bewußtseins ist. Die Vorstellung von einer objektiven, selbst-seienden Wirklichkeit, unabhängig vom Bewußtsein, sei eine Illusion, da wir keinen Beweis für solch ein unabhängiges Selbst-Sein der Dinge hätten und haben könnten. Diese Art der Betrachtung mag zu der Behauptung führen, das schöpferische Bewußtsein sei die einzige Wirklichkeit, oder zur Leugnung alles Daseins und zur Behauptung, ein Nicht-Sein oder ein nicht-bewußter Nullpunkt seien die einzige Wirklichkeit. Denn in solcher Auffassung haben die vom Bewußtsein konstruierten Gegenstände keine ursprüngliche Wirklichkeit, sind sie vielmehr reine Konstruktionen. Selbst das Bewußtsein, das sie konstruiert, sei nur ein Strom von Wahrnehmungen, die den Anschein von Verbundenheit und Dauer annehmen und das Empfinden einer kontinuierlichen Zeit erschaffen. In Wirklichkeit hätten diese Dinge aber keine haltbare Grundlage, da sie nur ein Schein von Wirklichkeit seien. Das würde bedeuten: die Wirklichkeit ist ein ewiges Fehlen sowohl allen selbst-bewußten Seins als auch all dessen, das Bewegung des Seins konstituiert. Wissen hieße dann, daß wir aus dem Schein des konstruierten Universums dorthin zurücktreten. Das würde eine doppelte und vollständige Selbst-Vernichtung bedeuten, das Verschwinden des purusha und das Ende oder die Vernichtung von prakriti. Denn bewußte Seele und Natur sind die beiden Begriffe unseres Wesens. Sie umfassen alles, was wir unter Sein verstehen. Die Verneinung beider ist das absolute nirvana. Was wirklich ist, müßte also entweder ein Unbewußtes sein, in dem dieser Strom und diese Strukturen erscheinen, oder ein Überbewußtes jenseits aller Vorstellung von Selbst oder Dasein. Aber diese Anschauung des Universums trifft für die Erscheinung der Dinge nur zu, wenn wir unser vordergründiges Mental als das Ganze des Bewußtseins auffassen. Als Beschreibung des Wirkens dieses Mentals ist sie zutreffend. Hier sieht zweifellos alles aus wie der Strom und die Konstruktion eines unbeständigen Bewußtseins. Sie kann aber nicht als Darstellung des Seins im Ganzen gelten, wenn es eine größere und tiefere Selbst- und Welt-Erkenntnis gibt, ein Wissen durch Identität, ein Bewußtsein, für das ein solches Wissen normal ist, und ein Wesen, für das dieses Bewußtsein das ewige Selbst-Innesein ist. Denn dann können für dieses Bewußtsein und dieses Wesen das Subjektive und das Objektive zugleich wirklich und innerlich gewiß sein. Beide können etwas seiner selbst sein, Charakterzüge seiner Identität, die seine Existenz verbürgen.

Wenn andererseits das konstruierende Mental oder Bewußtsein wirklich und die einzige Wirklichkeit ist, könnte das Universum materieller Wesen und Gegenstände zwar Existenz haben. Diese wäre aber dann rein subjektiv-strukturell, vom Bewußtsein aus sich selbst hergestellt, durch es aufrechterhalten, um sich bei ihrem Verschwinden wieder in dieses aufzulösen. Denn es gibt sonst nichts, kein wesenhaftes Sein oder Seiendes, das die schöpferische Macht unterstützt. Andererseits gibt es aber auch kein sie erhaltendes Leeres oder Nichts. Also muß dieses Bewußtsein, das alles erschafft, selbst ein Sein oder eine Substanz haben oder sein. Wenn es Strukturen herstellen kann, müssen sie Konstruktionen aus seiner eigenen Substanz, Formen aus seinem eigenen Sein sein. Ein Bewußtsein, das nicht dasjenige eines Seienden oder nicht selbst ein Seiendes ist, muß unwirklich sein, die wahrnehmende Kraft eines Leeren oder in einem Leeren, die dort unwirkliche Konstruktionen herstellt, die aus Nichts gefertigt sind, – eine Erklärung, die man nicht leicht akzeptieren kann, es müßten denn alle anderen als ungültig erwiesen werden. So wird klar, daß das, was wir als Bewußtsein sehen, ein Wesen oder ein Seiendes sein muß, aus dessen Bewußtseinsstoff alles erschaffen ist.

Wenn wir so zur zweieinigen oder dualen Wirklichkeit von Wesen und Bewußtsein zurückgehen, können wir entweder mit dem Vedanta ein einziges ursprüngliches Wesen annehmen oder mit dem Sankhya eine Vielzahl von Wesen, denen ein Bewußtsein oder irgendeine Energie, der wir Bewußtsein beilegen, seine Konstruktionen darbringt. Wenn allein eine Vielzahl getrennter ursprünglicher Wesen wirklich ist, muß, da jedes in seinem eigenen Bewußtsein seine eigene Welt sein oder erschaffen würde, der Schwierigkeit Rechnung getragen werden, die hinsichtlich ihrer Beziehungen in einem einzigen identischen Universum besteht. Es muß ein einziges Bewußtsein oder eine einzige Energie geben, entsprechend der Sankhya-Vorstellung von einer einzigen prakriti, die das Feld der Erfahrung für viele gleiche purushas ist, worin sie einander treffen in einem identischen, vom Mental konstruierten Universum. Diese Theorie von den Dingen hat den Vorteil, daß sie der Menge der Seelen und der Menge der Dinge Rechnung trägt, und ebenso auch ihrer Erfahrung vom Einssein in der Vielfalt, während sie zugleich das gesonderte spirituelle Wachstum und Schicksal des individuellen Wesens in Betracht zieht. Wenn wir aber das Eine Bewußtsein oder die Eine Energie voraussetzen können, die eine Vielfalt von Formen ihrer selbst erschafft und in ihrer Welt eine Vielzahl von Wesen unterbringt, besteht keine Schwierigkeit, auch ein einziges ursprüngliches Wesen anzunehmen, das eine Vielheit von Wesen trägt und erhält oder sich darin ausdrückt, Seelen oder spirituelle Mächte seines Einsseins. Daraus würde auch folgen, daß alle Gegenstände und alle Gestaltungen des Bewußtseins Formen des Wesens sind. Dann muß man fragen, ob diese Pluralität und diese Gestaltungen Wirklichkeiten des einen Wirklichen Seins sind oder nur stellvertretende Personen und Leitbilder oder Symbole oder Werte, die vom Mental erschaffen wurden, um Es zu repräsentieren. Das würde weithin davon abhängen, ob dabei nur das Mental, wie wir es kennen, tätig ist oder ein tieferes und größeres Bewußtsein, dem das Mental nur Instrument im Vordergrund, ausführende Instanz seiner Anregungen ist, Medium seiner Manifestationen. Ist es das erstere, kann das vom Mental geschaute und konstruierte Universum nur subjektive, symbolische oder repräsentative Wirklichkeit besitzen. Ist es aber letzteres, können das Universum und seine natürlichen Wesen und Gegenstände wahre Wirklichkeiten des Einen Seins, Formen oder Mächte seines Wesens sein, die durch seine Wesens-Kraft manifestiert werden. Dann wäre das Mental nur der Interpret zwischen der universalen Wirklichkeit und den Manifestationen seiner schöpferischen Bewußtseins-Kraft, shakti, prakriti, maya.

Es ist klar, daß ein Mental von der Art unserer vordergründigen Intelligenz nur eine sekundäre Macht des Seins sein kann. Trägt sie doch den Stempel der Unfähigkeit und Unwissenheit als Zeichen dafür, daß sie etwas Abgeleitetes und nicht die ursprüngliche Schöpferin ist. Wir sehen, daß sie die Gegenstände, die sie beobachtet, weder erkennt noch versteht. Sie hat nicht automatisch Herrschaft über sie. Das Mental muß erst mit vieler Mühe konstruiertes Wissen und kontrollierende Macht erwerben. Diese ursprüngliche Unfähigkeit des Mentals wäre nicht vorhanden, wenn die Gegenstände seine eigenen Konstruktionen wären, Schöpfungen der Macht seines Selbsts. Vielleicht ist das deshalb so, weil das individuelle Mental nur vordergründige Macht und abgeleitetes Wissen besitzt, während es ein universales Mental gibt, das vollständig, mit Allwissenheit und Allmacht ausgestattet ist. Der Charakter des Mentals jedoch, das wir kennen, ist Unwissenheit, die nach Wissen sucht. Es erkennt nur Bruchteile. Es arbeitet mit Teilungen, um durch sie zur Summe zu gelangen und so ein Ganzes zusammenzusetzen. Es besitzt nicht das Wesen der Dinge oder ihre Totalität. Ein universales Mental gleichen Charakters könnte die Summe seiner Teilungen kraft seiner Universalität wissen, doch würde ihm noch das essentielle Wissen fehlen, ohne das es kein wahrhaft integrales Wissen geben kann. Würde ein Bewußtsein das wesenhafte und vollständige Wissen besitzen, das von der Essenz zum Ganzen und vom Ganzen zu den Teilen schreitet, so wäre das nicht mehr ein Mental, sondern ein vollkommenes Wahrheits-Bewußtsein, das automatisch im Besitz der ursprünglichen Erkenntnis des Selbsts und der Welt ist. Von dieser Basis aus müssen wir die subjektive Betrachtung der Wirklichkeit sehen. Es ist wahr, es gibt nicht so etwas wie eine objektive Wirklichkeit, die vom Bewußtsein unabhängig wäre. Zugleich liegt aber auch in der Objektivität Wahrheit. Diese besteht darin, daß die Wirklichkeit der Dinge in etwas begründet ist, das in ihrem Innern existiert und unabhängig ist von der Interpretation, die unser Mental ihnen gibt, und von den Konstruktionen, die dieses auf seiner Beobachtung errichtet. Diese Strukturen konstituieren das subjektive Bild oder die subjektive Form des Universums im Mental. Doch sind das Universum und seine Gegenstände nicht nur ein Bild oder eine Form. In ihrem Wesen sind sie Schöpfungen des Bewußtseins, jedoch eines Bewußtseins, das eines ist mit dem Seienden, dessen Substanz die Substanz des Seienden ist und dessen Schöpfungen auch aus dieser Substanz bestehen und darum wirklich sind. Von diesem Gesichtspunkt aus kann die Welt nicht nur eine rein subjektive Schöpfung des Bewußtseins sein. Die subjektive und die objektive Wahrheit der Dinge sind beide wirklich; sie sind zwei Seiten der gleichen Wirklichkeit.

In gewissem Sinne sind, um die entsprechenden und suggestiven Ausdrücke unserer Sprache zu gebrauchen, alle Dinge die Symbole, durch die wir Zugang zu Jenem suchen und uns ihm nahen müssen, durch das wir und die Dinge existieren. Die Unendlichkeit der Einheit ist das eine Symbol, die Unendlichkeit der Vielheit das andere. Da nun wiederum jedes Ding in der Vielheit auf die Einheit zurückverweist und jedes Ding, das wir endlich nennen, eine repräsentative Gestalt, die Form-Vorderseite, Silhouette, das Schattenbild eines Unendlichen ist, sind auch alle Dinge, die sich im Universum in begrenzter Form zeigen -alle seine Objekte, Geschehnisse, Ideen-Gestaltungen und Lebens-Gebilde – jedes in seiner Art ein verschlüsselter Hinweis und ein Symbol. Für unser subjektives Mental ist die Unendlichkeit des Seins ein Symbol, die Unendlichkeit des Nicht-Seins ein anderes Symbol. Die Unendlichkeit des Unbewußten und die Unendlichkeit des Überbewußten sind die beiden Pole der Manifestation des absoluten parabrahman. Unser Dasein zwischen diesen beiden Polen und unser Übergang vom einen zum anderen sind ein fortschreitendes Erfassen, eine ständige Interpretation und ein subjektiver Vorgang, durch den wir in uns diese Manifestation des Nichtoffenbaren aufbauen. Durch solche Entfaltung unseres Selbst-Seins sollen wir zum Bewußtsein seiner unaussprechlichen Gegenwart und unseres Selbsts, der Welt und all dessen kommen, das ist, sowie all dessen, das nicht ist, als der Enthüllung von etwas, das sich selbst niemals irgendeinem anderen gegenüber enthüllt als seinem eigenen ewigen und absoluten Selbst-Licht.

Aber diese Art, die Dinge zu betrachten, gehört zur Tätigkeit des Mentals, das die Beziehung zwischen dem Seienden und dem äußeren Werden interpretiert. Sie ist gültig als kraftvolle mentale Darstellung, die einer gewissen Wahrheit der Manifestation entspricht, aber dem Vorbehalt unterliegt, daß die symbolischen Werte der Dinge diese Dinge selbst nicht zu bloß bedeutungsvollen Rechnungseinheiten, zu abstrakten Symbolen wie mathematischen Formeln und anderen Zeichen machen, die vom Mental zur Erkenntnis verwendet werden. Denn Formen und Ereignisseim Universum sind Wirklichkeiten, die bedeutungsvoll sind für die Wirklichkeit. Sie sind Selbst-Ausdruck von Jenem, Bewegungen und Mächte des Seienden. Jede Gestaltung ist deshalb da, weil sie Ausdruck einer Macht von Jenem ist, das sie bewohnt. Jedes Ereignis ist eine Bewegung in dem Vorgang, durch den eine gewisse Wahrheit des Wesens in seinem dynamischen Prozeß der Manifestation herausgearbeitet wird. Diese Bedeutung ist es, die der interpretierenden Erkenntnis des Mentals und seiner subjektiven Konstruktion des Universums Gültigkeit verleiht. Unser Mental ist in erster Linie Beobachter, Interpret. In zweiter Linie und in abgeleitetem Sinn ist es Schöpfer. Tatsächlich ist dies der Wert aller mentalen Subjektivität, daß sie in sich eine gewisse Wahrheit des Wesens reflektiert, das unabhängig von der Reflexion existiert, einerlei, ob sich die Unabhängigkeit als physische Objektivität oder als supraphysische Realität darbietet, die vom Mental wahrgenommen wird, aber für die physischen Sinne nicht wahrnehmbar ist. Das Mental ist also nicht der ursprüngliche Konstrukteur des Universums. Es ist eine vermittelnde Macht, die gültig ist für gewisse Aktualitäten des Wesens. Als ein Agent, ein Vermittler, macht es Möglichkeiten wirklich und hat so seinen Anteil an der Schöpfung. Der wirkliche Schöpfer ist aber ein Bewußtsein, eine Energie, die ursprünglich dem transzendenten und kosmischen Geist innewohnt.

Es gibt eine genau entgegengesetzte Betrachtung der Wirklichkeit und des Wissens, die die objektive Wirklichkeit als die einzig völlige Wahrheit und das objektive Wissen als die einzig verläßliche Erkenntnis behauptet. Diese Betrachtung geht von der Idee aus, daß das physische Dasein das einzige fundamentale Dasein ist. Bewußtsein, Mental, Seele oder Geist werden auf die Position eines vorübergehenden Ergebnisses der physischen Energie in ihrem kosmischen Wirken verwiesen – falls Seele oder Geist überhaupt irgendwie existieren. Alles, was nicht physisch und objektiv ist, besitzt eine geringere Wirklichkeit, die vom Physischen und Objektiven abhängt Es muß sich dem physischen Mental gegenüber durch objektive Evidenz oder durch eine erkennbare und beweisbare Beziehung zur Wahrheit der physischen und äußeren Dinge rechtfertigen, bevor man ihm einen Paß auf Wirklichkeit ausstellen kann. Es ist aber evident, daß diese Lösung in ihrer Starrheit nicht annehmbar ist, da sie in sich keine Vollständigkeit besitzt, sondern nur auf eine Seite des Daseins schaut, ja, nur auf eine einzige Provinz oder einen einzigen Bezirk des Daseins und alles übrige unerklärt läßt, weil ihm keine ursprüngliche Wirklichkeit und keine Bedeutung innewohne. Wenn man das bis zu seinem Extrem verfolgt, würde diese Anschauung einem Stein oder einem Plumpudding die größere Wirklichkeit zusprechen, dem Denken, der Liebe, dem Mut, dem Genie, der Größe der Seele und dem Mental der Menschen, die einer dunklen und gefährlichen Welt gegenüberstehen und ihr gegenüber Meisterschaft erlangen, eine geringere oder abhängige Wirklichkeit oder sogar nur eine substanzlose oder verschwindende Realität. Denn in dieser Anschauung sind die Dinge, die für unsere subjektive Betrachtung so groß sind, nur gültig als Reaktionen eines objektiven materiellen Wesens auf ein objektives materielles Sein. Sie sind nur insofern gültig, als sie es mit objektiven Wirklichkeiten zu tun haben und auf diese effektiv einwirken. Die Seele ist, wenn sie überhaupt existiert, nur die Begleiterscheinung einer objektiv wirklichen Welt-Natur. Im Gegensatz dazu könnte man aber auch behaupten, das Objektive erhalte seinen Wert überhaupt nur insofern, als es eine Beziehung zur Seele hat. Es ist ein Feld, eine Gelegenheit, ein Mittel für den Fortschritt der Seele in der Zeit. Das Objektive ist als Grundlage des Subjektiven zu seiner Manifestation erschaffen. Die objektive Welt ist nur eine äußere Form für das Werden des Geistes. Sie ist hier eine erste Form, eine Basis, aber nicht das Wesenhafte, nicht die Haupt-Wahrheit des Seienden. Das Subjektive und das Objektive sind zwei notwendige Seiten der manifestierten Wirklichkeit und von gleichem Wert. Im Bereich des Objektiven an sich hat das supraphysische Objekt des Bewußtseins ebensoviel Recht, anerkannt zu werden, wie die physische Objektivität. Es darf nicht a priori als subjektive Täuschung oder Halluzination beiseitegeschoben werden.

Tatsächlich sind Subjektivität und Objektivität keine unabhängigen Wirklichkeiten; sie hängen voneinander ab. Sie sind das Seiende, das als Subjekt durch das Bewußtsein auf sich als auf das Objekt schaut, und dasselbe Seiende, das sich als Objekt seinem eigenen Bewußtsein als Subjekt darbietet. Die mehr partielle Anschauung gesteht keiner Sache substantielle Wirklichkeit zu, die nur im Bewußtsein existiert, oder, um es genauer auszudrücken, keiner Sache, für die nur das innere Bewußtsein oder der innere Sinn Zeugnis ablegen, für die aber die äußeren physischen Sinne keine Grundlage liefern oder sie nicht als substantiell erweisen. Die äußeren Sinne können aber nur dann ein verläßliches Zeugnis liefern, wenn sie ihre Darstellung des Gegenstandes dem Bewußtsein vorlegen, wenn dieses Bewußtsein ihrem Bericht eine Bedeutung beilegt, der äußerlichen Darstellung seine innere intuitive Interpretation hinzufügt und diese durch begründete Zustimmung rechtfertigt. Denn das Zeugnis der Sinne ist an sich unvollkommen, keineswegs verläßlich und gewiß nicht endgültig, da es unvollständig und stets dem Irrtum unterworfen ist. Tatsächlich haben wir kein anderes Mittel, das objektive Universum zu erkennen, als unser subjektives Bewußtsein, für das die physischen Sinne Werkzeuge sind. So wie die Welt aber nicht nur diesem Bewußtsein, sondern in diesem erscheint, so ist es auch bei uns. Wenn wir der Aussage dieses universalen Zeugen in Bezug auf subjektive oder supraphysische Objektivitäten die Wirklichkeit bestreiten, gibt es auch keinen ausreichenden Grund, seiner Aussage hinsichtlich physischer Objektivitäten Wirklichkeit zuzugestehen. Wenn die inneren und die supraphysischen Objekte des Bewußtseins unwirklich sind, hat auch das objektive physische Universum alle Aussicht, unwirklich zu sein. In jedem Fall sind Verstehen, Unterscheiden, Nachprüfen notwendig. Es müssen aber das Subjektive und das Supraphysische eine andere Methode der Nachprüfung verwenden als jene, die wir mit Erfolg auf das Physische und äußerlich Objektive anwenden. Subjektive Erfahrung kann nicht dem Zeugnis der äußeren Sinne unterworfen werden. Sie hat eigene Maßstäbe für ihr Schauen und besitzt ihre eigene Methode der Nachprüfung. Ebenso können die supraphysischen Wirklichkeiten ihrem Charakter nach nicht dem Urteil des physischen oder des Sinnen-Mentals unterworfen werden, es sei denn, sie projizieren sich ins Physische. Aber selbst dann ist ihr Urteil oft nicht kompetent oder darf nur mit Vorsicht angenommen werden. Sie können nur durch andere Sinne und durch eine Methode der Untersuchung und Bestätigung verifiziert werden, die auf ihre eigene Wirklichkeit, auf ihre eigene Natur anwendbar ist

Es gibt verschiedene Ordnungen der Wirklichkeit. Die objektive und physische ist nur eine von ihnen. Sie wirkt überzeugend auf das physische oder das nach außen gerichtete Mental, da sie für die Sinne unmittelbar einleuchtend ist, während dieses Mental für das Subjektive und das Supraphysische keine Erkenntnismittel außer fragmentarischen Zeichen, Daten und indirekten Schlüssen besitzt, die aber bei jedem Schritt dem Irrtum ausgesetzt sind. Unsere subjektiven Vorgänge und inneren Erfahrungen sind ein Bereich von Geschehnissen, die ebenso wirklich sind wie irgendwelche äußeren physischen Geschehnisse. Während aber das individuelle Mental von seinen eigenen Phänomenen etwas durch unmittelbare Erfahrung wissen kann, bleibt es unwissend hinsichtlich dessen, was im Bewußtsein anderer Menschen vor sich geht, außer wenn es durch Analogie mit seiner eigenen Erfahrung oder aufgrund solcher Zeichen, Daten oder indirekten Schlüsse urteilt, die ihm seine äußere Beobachtung liefern kann. Darum bin ich in meinem Innern mir selbst gegenüber wirklich. Aber das unsichtbare Leben anderer hat für mich nur mittelbare Wirklichkeit abgesehen davon, inwieweit es auf mein eigenes Mental, mein Leben und meine Sinne einwirkt. Das ist die Beschränkung des physischen Mentals des Menschen. Es schafft in ihm die Gewohnheit, nur das Physische für wirklich zu halten und altes anzuzweifeln oder infrage zu stellen, was nicht im Einklang steht mit der eigenen Erfahrung und dem Horizont seines Verstehens oder was nicht übereinstimmt mit seinem Standard oder der Summe seines fest erworbenen Wissens.

Diese im Ich zentrierte Haltung ist in jüngster Zeit zum gültigen Maßstab der Erkenntnis erhoben worden. Man hat implizite oder ausdrücklich das Axiom aufgestellt, alle Wahrheit müsse dem Urteil des personalen Mentals, der Vernunft und Erfahrung von jedermann unterworfen werden, oder sie müsse vor einer allgemeinen oder universalen Erfahrung sonstwie bewiesen oder zumindest beweisbar sein, um als solche gelten zu können. Offensichtlich ist das aber ein falscher Maßstab für Wirklichkeit und Erkenntnis, da das die Souveränität des normalen oder durchschnittlichen Mentals und seiner begrenzten Begabung und Erfahrung sowie die Ausschließung all dessen bedeutet, was übernormal ist oder jenseits der durchschnittlichen Intelligenz liegt. Im Extrem ist dieser Anspruch des Individuums, Richter über alles zu sein, eine ichhafte Illusion, ein Aberglaube des physischen Mentals. In der Masse ist es ein grober, vulgärer Irrtum. Was dahinter steht, ist die Wahrheit, daß jeder Mensch, entsprechend seiner Fähigkeit, für sich selbst denken und für sich selbst erkennen muß. Sein Urteil kann aber nur unter der Bedingung gültig sein, daß er bereit ist, zu lernen und sich für eine immer umfassendere Erkenntnis zu öffnen. Man kann als Grund angeben, daß es zu groben Täuschungen kommen werde und man unbestätigte Wahrheit und subjektive Phantasie in den Bereich des Wissens eindringen lasse, wenn man vom physischen Maßstab und vom Grundsatz einer persönlichen oder universalen Überprüfung abweiche. Aber Irrtum und Illusion sind immer ebenso gegenwärtig wie das Eindringen des Persönlichen und der eigenen Subjektivität in das Suchen nach Erkenntnis. Die physischen oder objektiven Maßstäbe und Methoden schließen diese nicht aus. Die Wahrscheinlichkeit von Irrtum ist kein Grund dafür, den Versuch zur Entdeckung abzulehnen. Subjektive Entdeckung muß aber durch eine subjektive Methode des Forschens, der Beobachtung und Nachprüfung betrieben werden. Eine Erforschung des Supraphysischen muß geeignete Mittel und Methoden entwickeln, anwenden und erproben, die anders sind als jene, durch die man die Bestandteile physischer Objekte und Prozesse von Energie in der materiellen Natur untersucht.

Forschung aufgrund einer allgemeinen vorgefaßten Begründung abzulehnen, ist ein Obskurantismus, der für die Ausweitung der Erkenntnis ebenso schädlich ist wie es der religiöse Obskurantismus war, der sich in Europa der Ausweitung der wissenschaftlichen Entdeckung entgegenstellte. Die bedeutendsten inneren Entdeckungen können nicht vor den Richterstuhl der allgemeinen Mentalität gestellt werden, nämlich die Erfahrung des Selbst-Seins, das kosmische Bewußtsein, die innere Stille des befreiten Geistes, die unmittelbare Einwirkung von Mental auf Mental, die Erkenntnis der Dinge durch das Bewußtsein in innerem Kontakt mit einem anderen Bewußtsein oder mit seinen Gegenständen, ebenso wie die meisten irgendwie wertvollen spirituellen Erfahrungen. Davon hat diese allgemeine Mentalität keine Erfahrung und nimmt ihren eigenen Mangel an solcher Erfahrung oder ihre Unfähigkeit dazu als Beweis dafür, daß diese keine Geltung habe oder nicht existiere. Physische Wahrheit oder Formeln, Verallgemeinerungen und Entdeckungen, die auf physischer Beobachtung gegründet sind, können wohl vorgebracht werden; aber auch hier ist eine Ausbildung der Fähigkeit notwendig, bevor man wirklich verstehen und urteilen kann. Es kann doch auch nicht jeder unausgebildete Verstand der Relativitätstheorie oder anderen schwierigen wissenschaftlichen Wahrheiten folgen oder die Gültigkeit ihres Ergebnisses oder ihres Verfahrens beurteilen. Jede Wirklichkeit, jede Erfahrung muß, um als wahr gelten zu können, in der Tat der Nachprüfung durch eine gleiche oder ähnliche Erfahrung zugänglich sein. So können tatsächlich alle Menschen eine spirituelle Erfahrung machen, sie bis in ihre Konsequenzen verfolgen und sie in sich selbst als wahr bestätigen. Das ist jedoch nur möglich, wenn sie die Fähigkeit dazu erworben haben oder die inneren Methoden befolgen können, durch die diese Erfahrung und Bestätigung möglich gemacht werden. Wir müssen einen Augenblick bei diesen offensichtlichen und elementaren Wahrheiten verweilen, weil in letzter Zeit die entgegengesetzten Ideen uneingeschränkt geherrscht – sie weichen jetzt nur zurück – und der möglichen Entwicklung eines großen Erkenntnisbereiches den Weg versperrt haben. Für den menschlichen Geist ist es von größter Bedeutung, frei zu sein, um die Tiefen der inneren oder subliminalen Wirklichkeit, des Spirituellen und dessen, was noch überbewußte Wirklichkeit ist, zu erforschen und sich nicht in das physische Mental und seinen engen Bezirk objektiver äußerer, harter Fakten einzumauern. Denn nur auf diese Weise kann es zu einer Befreiung von der Unwissenheit kommen, in der unsere Mentalität steckt. Nur so können wir frei werden für ein vollständiges Bewußtsein, eine wahre und vollständige Selbstverwirklichung und -erkenntnis.

Vollständige Erkenntnis verlangt, daß wir alle möglichen Bereiche von Bewußtsein und Erfahrung erforschen und enthüllen. Denn es gibt subjektive Bereiche unseres Wesens, die hinter der offenkundigen Vorderseite liegen. Diese müssen in ihrer Tiefe erforscht werden. Alles, was als gesichert erwiesen ist, müssen wir innerhalb des Horizonts der totalen Wirklichkeit zulassen. Ein innerer Bereich von spiritueller Erfahrung ist einer der großen Bezirke des menschlichen Bewußtseins. Wir sollen in ihn eindringen bis in die tiefsten Tiefen und weitesten Weiten. Das Supraphysische ist ebenso wirklich wie das Physische. Es zu erkennen, ist Teil vollständigen Wissens. Man hat die Erkenntnis des Supraphysischen mit Mystizismus und Okkultismus zusammengebracht und den Okkultismus als Aberglauben und phantastischen Irrtum verfehlt. Das Okkulte ist aber ein Teil des Seins. Wahrer Okkultismus bedeutet nichts weiter, als daß man die supraphysischen Wirklichkeiten erforscht und die verborgenen Gesetze des Seienden und der Natur und all dessen enthüllt, das nicht oberflächlich zutage liegt. Er bemüht sich um die Entdeckung der verborgenen Gesetze des Mentals und der mentalen Energie, der geheimen Gesetze des Lebens und der Lebens-Energie, der verborgenen Gesetze des Subtil-Physischen und seiner Energien, – all dessen, was die Natur nicht in ein sichtbares Verfahren an die Oberfläche herausgestellt hat. Er versucht auch, diese verborgenen Wahrheiten und Mächte der Natur anzuwenden, um dadurch die Herrschaft des menschlichen Geistes über die gewöhnlichen Funktionen des Mentals, die gewöhnlichen Prozesse des Lebens und die gewöhnlichen Abläufe unseres physischen Daseins hinaus auszudehnen.

Im spirituellen Bereich, der für das vordergründige Mental insoweit verborgen ist, als er über das Normale hinausgeht und in die übernormale Erfahrung hineinreicht, kann man nicht nur das Selbst und den Geist entdecken, sondern auch das uns emporhebende, informierende und lenkende Licht des spirituellen Bewußtseins und der Macht des Geistes, die spirituelle Art des Erkennens und des Handelns. Diese Dinge zu wissen und ihre Wahrheiten und Kräfte in das Leben der Menschheit einzubringen, ist notwendiger Teil seiner Evolution. Wissenschaft ist auf ihre Art Okkultismus, bringt sie doch die Formeln ans Licht, die die Natur verborgen hat, und verwendet ihre Erkenntnis, um Kräfte freizusetzen, die sie nicht in ihre gewöhnlichen Verfahren einbezogen hat, um sie zu organisieren und ihre geheimen Mächte und Prozesse in den Dienst der Menschen zu stellen, ein immenses System von physischer Magie, denn es gibt keine andere – und kann keine geben – als die Verwendung geheimer Wahrheiten des Seienden, geheimer Mächte und Prozesse der Natur. Man mag sogar finden, daß eine supraphysische Kenntnis notwendig ist, um das physische Wissen zu vervollständigen, da die Abläufe der physischen Natur einen supraphysischen Faktor, eine mentale, vitale oder spirituelle Macht und Aktivität hinter sich haben, an die wir durch irgendwelche äußeren Mittel der Erkenntnis nicht herankommen können.

Aller Nachdruck, der auf die alleinige oder die fundamentale Gültigkeit des objektiv Wirklichen gelegt wird, geht von dem Empfinden aus, Materie sei die grundlegende Wirklichkeit. Es ist aber jetzt klar, daß Materie keineswegs fundamental wirklich ist. Sie ist ein Gefüge von Energie. Es wird sogar ein wenig zweifelhaft, ob das Wirken und die Schöpfungen dieser Energie an sich anders erklärlich sind denn als Bewegungen der Macht eines verborgenen Mentals oder Bewußtseins, dessen Formeln ihre Prozesse und Bau-Stufen sind. Es ist deshalb nicht länger möglich, Materie als die einzige Wirklichkeit anzunehmen. Die materielle Erklärung des Daseins war das Ergebnis einer exklusiven Konzentration, einer voreingenommenen Beschäftigung mit nur einer Bewegung des Seins. Solch eine exklusive Konzentration hat ihren Nutzen und ist deshalb auch zulässig. In jüngster Zeit wurde sie durch die vielen ins Große und die zahllosen ins Kleinste gehenden Entdeckungen der Physik gerechtfertigt. Aber eine Lösung des ganzen Problems des Daseins kann nicht auf eine exklusive einseitige Erkenntnis gegründet werden. Wir müssen nicht nur wissen, was Materie ist und was ihre Prozesse sind, sondern auch was Mental und Leben und deren Prozesse sind. Und man muß auch Geist und Seele und all das erkennen, was hinter der materiellen Oberfläche liegt. Nur dann können wir ein Wissen besitzen, das für eine Lösung des Problems vollständig genug ist. Aus demselben Grund bieten auch jene Ansichten vom Dasein, die ausschließlich oder vorwiegend Mental und Leben betonen und als die einzige fundamentale Wirklichkeit ansehen, keine genügende Voraussetzung für ihre Anerkennung. Eine solche Bevorzugung durch ausschließende Konzentration mag zu einer fruchtbaren Forschung führen, die viel Licht auf Mental und Leben wirft, kann aber nicht im Ergebnis zu einer umfassenden Lösung des Problems führen. Es kann wohl sein, daß ausschließliche oder vorwiegende Konzentration auf das subliminale Wesen, die das vordergründige Dasein als ein bloßes System von Symbolen ansieht, um die einzige Wirklichkeit des Subliminals auszudrücken, helles Licht auf das Subliminal und seine Prozesse wirft und die Mächte des menschlichen Wesens sehr weit ausdehnt. Aber das wäre an sich noch keine vollständige Lösung; es würde uns nicht erfolgreich zum integralen Wissen von der Wirklichkeit führen. In unserer Schau ist der Geist, das Selbst, die fundamentale Wirklichkeit des Seins. Aber eine ausschließliche Konzentration auf diese fundamentale Wirklichkeit, die die Wirklichkeit von Mental, Leben oder Materie ausschließt, ausgenommen deren Betrachtung als etwas dem Selbst Aufgezwungenes oder als substanzlose Schatten des Geistes, könnte zu einer unabhängigen und radikalen spirituellen Realisation verhelfen, nicht aber zu einer integralen und gültigen Erkenntnis der Wahrheit des kosmischen und individuellen Seins.

Vollständiges Wissen muß also eine Erkenntnis der Wahrheit aller Seiten des Seins sein, jedes getrennt für sich und in der Beziehung zu den anderen und ebenso der Beziehung aller zur Wahrheit des Geistes. Unser gegenwärtiger Zustand ist Unwissenheit und ein Suchen nach vielen Seiten. Wir suchen nach der Wahrheit aller Dinge. Es muß aber -wie ersichtlich ist, aus dem Drängen und der Vielartigkeit der Spekulationen des menschlichen Mentals über die fundamentale Wahrheit, die alle übrigen Wahrheiten erklärt, und über die Wirklichkeit, die allen Dingen zugrundeliegt – diese fundamentale Wahrheit der Dinge und die ihnen zugrundeliegende Wirklichkeit in einem Wirklichen gefunden werden, das zugleich fundamental und universal ist. Wenn dies entdeckt ist, muß es alles umfassen und erklären, denn: “Wenn Jenes erkannt ist, wird alles erkannt sein.” Notwendigerweise ist das fundamental Wirkliche und enthält es in sich die Wahrheit alles Seins, die Wahrheit des Individuums, die Wahrheit des Universums und die Wahrheit von allem, was jenseits des Universums ist. Wenn das Mental nach solch einer Wirklichkeit sucht und jedes Ding von der Materie aufwärts prüft, um zu sehen, ob es nicht Dieses sein könnte, ist es seinen Weg nicht dank falscher Intuition gegangen. Allein notwendig ist nun, das Forschen bis zu seinem Ziel zu bringen und die höchsten und äußersten Höhen der Erfahrung zu prüfen.

Da wir von der Unwissenheit zum Wissen voranschreiten, mußten wir zuerst die verborgene Natur und die volle Ausdehnung der Unwissenheit entdecken. Wenn wir auf diese Unwissenheit schauen, in der wir gewöhnlich gerade aufgrund unserer gesonderten Existenz in einem materiellen, in einem räumlichen und zeitlichen Universum leben, sehen wir, daß sich diese auf ihrer verborgenen Seite, von welcher Richtung wir sie auch betrachten oder uns ihr nahen, auf die Tatsache einer vielseitigen Unwissenheit über das Selbst zurückführen läßt: Wir wissen nichts vom Absoluten, das der Ursprung alles Seins und alles Werdens ist. Darum nehmen wir partielle Tatsachen des Seienden und vergängliche Beziehungen des Werdens für die ganze Wahrheit des Seins: Das ist die erste, die ursprüngliche Unwissenheit. Wir wissen nichts von dem raumlosen, zeitlosen, unbeweglichen und unveränderlichen Selbst. Darum nehmen wir die beständige Beweglichkeit und Veränderlichkeit des kosmischen Werdens in Zeit und Raum für die ganze Wahrheit des Seins: Das ist die zweite, die kosmische Unwissenheit. Wir wissen nichts von unserem universalen Selbst, vom kosmischen Sein, dem kosmischen Bewußtsein, von unserer unendlichen Einheit mit allem Seienden und Werden. Darum nehmen wir unsere begrenzte ichhafte Mentalität, Vitalität, Körperlichkeit für unser wahres Selbst und betrachten alles andere als das Nicht-Selbst: Das ist die dritte, die ichhafte Unwissenheit. Wir wissen nichts von unserem ewigen Werden in der Zeit. Darum nehmen wir dieses kleine Leben in einer kleinen Spanne von Zeit, in einem winzigen Feld von Raum, als unseren Anfang, unsere Mitte und unser Ende: Das ist die vierte Unwissenheit, die der Zeit. Gerade innerhalb dieses kurzen, vergänglichen Werdens wissen wir nichts von unserem umfassenden und komplexen Wesen, von dem in uns, was im Verhältnis zu unserem vordergründigen Werden überbewußt, unterbewußt, innenbewußt, umweltbewußt ist. Darum nehmen wir das Werden an der Oberfläche mit seiner kleinen Auswahl von äußeren mentalisierten Erfahrungen für unser ganzes Dasein: Das ist die fünfte, die psychologische Unwissenheit. Wir wissen nichts von der wahren Konstitution unseres Werdens. Darum nehmen wir Mental oder Leben oder Körper oder zwei von diesen oder alle drei für unser wahres Prinzip oder für die ganze Summe dessen, was wir sind: Dabei verlieren wir aus dem Auge, was sie konstituiert, was sie durch seine verborgene Gegenwart bestimmt und was durch sein Hervortreten ihre Wirkweisen uneingeschränkt bestimmen soll: Das ist die sechste, die konstitutionelle Unwissenheit. Als Ergebnis all dieser Unwissenheiten verfehlen wir die wahre Erkenntnis, Lenkung und Freude unseres Lebens in der Welt. Darum wissen wir in unserem Denken und Wollen, in unserem Empfinden und Handeln nichts von den Fragen, die die Welt an uns stellt, und reagieren an jedem Punkt falsch oder unvollkommen auf sie; wir irren umher in einem Labyrinth von Irrtümern und Begehren, von Ringen und Versagen, von Schmerz und Lust, von Sünde und Straucheln, verfolgen einen krummen Weg und tasten blind nach einem wechselnden Ziel: Das ist die siebte, die praktische Unwissenheit.

Unser Begriff von der Unwissenheit wird notwendig unseren Begriff vom Wissen bestimmen und damit auch das Ziel menschlichen Strebens und den Zweck kosmischen Bemühens, da unser Leben die Unwissenheit ist, die zugleich das Wissen leugnet und danach sucht. Integrales Wissen wird also die Aufhebung der siebenfachen Unwissenheit durch die Entdeckung dessen bedeuten, was in ihr verfehlt ist und was sie nicht weiß, nämlich eine siebenfache Offenbarung des Selbsts in unserem Bewußtsein. Das bedeutet: Erkenntnis des Absoluten als des Ursprungs aller Dinge; Wissen vom Selbst, vom Geist, vom Seienden und vom Kosmos als dem Werden des Selbsts, dem Werden des Seienden und einer Manifestation des Geistes; Erkenntnis der Welt als eins mit uns im Bewußtsein unseres wahren Selbsts, wodurch wir unsere Trennung von ihm durch die trennende Idee und das Leben des Ichs aufheben; Erkenntnis unserer psychischen Wesenheit und ihrer unsterblichen Dauer in der Zeit über Tod und Erden-Dasein hinaus; Erkenntnis unseres größeren und inneren Seins hinter unserer Außenseite; Erkenntnis unseres Mentals, Lebens und Körpers in ihrer wahren Beziehung zu dem Selbst im Innern und zum überbewußten spirituellen und supramentalen Wesen über ihnen; schließlich Erkenntnis der wahren Harmonie und des rechten Gebrauchs unseres Denkens, Wollens und Handelns und eine Umwandlung unserer ganzen Natur in einen bewußten Ausdruck der Wahrheit des Geistes, des Selbsts, des Göttlichen Wesens und der vollständigen spirituellen Wirklichkeit.

Das ist aber kein intellektuelles Wissen, das gelernt und in unserer gegenwärtigen Bewußtseins-Form zur Vollendung gebracht werden kann. Es muß eine Erfahrung, ein Werden, eine Umwandlung des Bewußtseins, eine Verwandlung des Wesens sein. Das weist hin auf den evolutionären Charakter des Werdens und auf die Tatsache, daß unsere mentale Unwissenheit nur eine Stufe in unserer Evolution ist. Das integrale Wissen kann also durch eine Evolution unseres Wesens und unserer Natur Zustandekommen. Das bedeutet offenbar einen langsamen Prozeß in der Zeit, wie er die anderen evolutionären Transformationen begleitet hat. Gegen diese Schlußfolgerung steht aber die Tatsache, daß die Evolution jetzt bewußt geworden ist. Ihre Methode und ihre Stufen brauchen keineswegs denselben Charakter zu haben wie bisher, wo sie in ihrem Verlauf unterbewußt war. Da das integrale Wissen aus einer Umwandlung des Bewußtseins hervorgehen muß, kann es durch einen Prozeß gewonnen werden, in dem unser Wille und unsere Anstrengung eine Rolle spielen, in dem sie ihre eigenen Schritte entdecken und ihre Methode anwenden können. Sein Wachsen in uns kann durch bewußte Selbst-Transformation fortschreiten. Notwendig ist also, daß wir sehen, welches wahrscheinlich das Prinzip dieses neuen Prozesses der Evolution ist und welches die Bewegungen des integralen Wesens sind, die zwangsläufig daraus hervorgehen, mit anderen Worten: welches die Art des Bewußtseins ist, das die Basis des göttlichen Lebens bilden muß, und wie dieses Leben gestaltet werden oder sich selbst gestalten mag, wie es sich materialisieren oder, wie man auch sagen könnte, wie es sich “verwirklichen” mag.

Kapitel XVI. Das integrale Wissen und das Ziel des Lebens. Vier Theorien des Daseins

Wenn alles Begehren, das sich ans Herz klammert, von ihm losgelöst ist, wird der Sterbliche unsterblich, besitzt er hier schon das Ewige.

Brihadaranyaka Upanishad, IV, 4.7.

Er wird zum Ewigen und geht fort ins Ewige.

Brihadaranyaka Upanishad, IV, 4. 7.

Dieses körperlose und unsterbliche leben und Licht ist das brahman.

Brihadaranyaka Upanishad, IV, 4.8.

Lang und eng ist der uralte Pfad – ich habe ihn berührt, ich habe ihn gefunden – der Pfad, auf dem die Weisen, die vom Ewigen Wissenden, indem sie zur Erlösung gelangten, von hier fortgehen zur hohen Welt des Paradieses.

Brihadaranyaka Upanishad, IV. 4.8.

Ich bin ein Sohn der Erde, der Boden ist meine Mutter... Möge sie an mich ihren vielfältigen Schatz, ihre geheimen Reichtümer verschwenden... Über deine Schönheit wollen wir sprechen, o Erde, die In deinen Dörfern ist und Wäldern und Versammlungen, in Krieg und Kämpfen.

Atharva Veda, XII, 1.12, 44, 56.

Möge die Erde, souverän über das Vergangene und das Zukünftige, uns eine weite Welt schaffen... Erde, die das Wasser auf dem Ozean war und deren Lauf die Denker folgen durch die Magie ihres Wissens, sie, die ihr Herz von Unsterblichkeit bedeckt hat mit der Wahrheit im höchsten Äther, möge sie uns Licht und Macht in jenem höchsten Reich verschaffen.

Atharva Veda, XII, 1.1,8.

O Flamme, du gründest Tag für Tag den Sterblichen in einer höchsten Unsterblichkeit zur Vermehrung inspirierten Wissens. Für den Seher, den nach der zweifachen Geburt dürstet, erschaffst du göttliche Wonne und menschliche Freude.

Rig Veda, I,31.7.

O Gottheit, hüte für uns das Unendliche und überschütte uns mit dem Endlichen.

Rig Veda, IV, 2. 11

Bevor wir nun die Grundsätze und den Ablauf des evolutionären Aufstiegs des Bewußtseins untersuchen, ist es nötig, nochmals das festzustellen, was unsere Theorie des vollständigen Wissens als fundamentale Wahrheiten der Wirklichkeit und ihrer Manifestation behauptet und was sie als wirksame Charakterzüge und dynamische Aspekte zugibt, aber nicht für eine vollständige Erklärung des Seins und des Universums als ausreichend anerkennen kann. Denn Wahrheit des Wissens muß die Grundlage sein für Wahrheit des Lebens, sie muß das Ziel des Lebens bestimmen. Der evolutionäre Prozeß selbst ist die Entfaltung einer Wahrheit des Seins, die hier in einer ursprünglichen Unbewußtheit verborgen ist, aus ihr herausgestellt durch ein hervortretendes Bewußtsein, das von Stufe zu Stufe seiner Selbst-Entfaltung emporsteigt, bis es in sich die volle Wirklichkeit der Dinge und eine vollständige Selbst-Erkenntnis offenbaren kann. Von der Art jener Wahrheit, von der es ausgeht und die es zu offenbaren hat, muß der Verlauf der evolutionären Entwicklung abhängen, – die Stufen ihres Fortschritts und deren Bedeutung.

Erstens bejahen wir ein Absolutes als den Ursprung, die Stütze und die verborgene Wirklichkeit aller Dinge. Man kann die Absolute Wirklichkeit nicht durch mentales Denken definieren und durch mentale Sprache benennen. Sich gegenüber ist sie selbst-seiend und selbst-bezeugend, wie alle absoluten Dinge selbst-bezeugend sind. Unsere mentalen Bejahungen oder Verneinungen können sie weder begrenzen noch definieren, ob man sie gesondert oder zusammen erklären will. Zugleich gibt es aber ein spirituelles Bewußtsein, ein spirituelles Wissen, eine Erkenntnis durch Identität, durch die man die Wirklichkeit in ihren fundamentalen Aspekten wie in ihren manifestierten Mächten und Gestaltungen begreifen kann. Alles, was ist, gehört in eine solche Beschreibung hinein. Wenn es durch dieses Wissen in seiner eigenen Wahrheit oder in seiner verborgenen Bedeutung geschaut wird, kann es als Ausdruck der Wirklichkeit und selbst als eine Wirklichkeit betrachtet werden. In diesen fundamentalen Aspekten ist diese geoffenbarte Wirklichkeit selbst-seiend. Denn alle zugrundeliegenden Wirklichkeiten bringen etwas heraus, das im Absoluten ewig und ursprünglich wahr ist. Alles jedoch, was nicht fundamental ist, alles Vorübergehende, ist phänomenal, ist Form und Macht, ist abhängig von der Wirklichkeit, die es ausdrückt. Es ist wirklich durch diese und durch seine eigene Wahrheit und Bedeutung, durch die Wahrheit dessen, was es in sich trägt. Ist es doch Jenes und nicht etwas Zufälliges, etwas ohne Grundlage, etwas Illusorisches, kein zwecklos konstruiertes Gebilde. Selbst das, was diese Wahrheit entstellt oder verbirgt – wie die Lüge die Wahrheit entstellt und vermummt, wie der Böse das Gute entstellt und sich damit maskiert hat eine vorübergehende Wirklichkeit als wahre Konsequenzen der Unbewußtheit. Aber diese entgegengesetzten Gestaltungen sind, wenn auch etwas Wirkliches in ihrem eigenen Feld, doch nichts Wesenhaftes. Sie sind nur Zusätze zur Manifestation und dienen ihr als vorübergehende Form oder Macht ihrer Bewegung. Das Universale ist demnach etwas Wirkliches dank des Absoluten, dessen Selbst-Offenbarung es ist. Alles, was es enthält, ist wirklich dank des Universalen, das ihm Form und Gestalt gibt

Das Absolute manifestiert sich in zwei Begriffen, im Sein und im Werden. Das Sein ist die fundamentale Wirklichkeit. Das Werden ist eine wirksame Wirklichkeit: Es ist dynamisch an Macht und Resultat, eine schöpferische Energie, eine Ausarbeitung des Seins, eine beharrliche, jedoch veränderliche Form, Prozeß und Ergebnis seiner unveränderlichen, formlosen Wesenheit. Alle Theorien, die das Werden als etwas für sich selbst Ausreichendes darstellen, sind deshalb nur Halb-Wahrheiten, gültig für eine bestimmte Erkenntnis der Manifestation, die man durch ausschließliche Konzentration auf das gewinnt, was diese Theorien behaupten und ins Auge fassen. Abgesehen davon sind sie aber nur deshalb gültig, weil das Sein vom Werden nicht gesondert, vielmehr in diesem gegenwärtig ist, es konstituiert, und ebenso in seinem winzigsten Atom wie in seiner grenzenlosen Ausbreitung und Ausdehnung enthalten ist. Das Werdende kann sich selbst nur dann völlig erkennen, wenn es sich als ein Seiendes begreift. Im Werden gelangt die Seele zur Erkenntnis des Selbsts und zur Unsterblichkeit, wenn sie den Höchsten und Absoluten erkennt und die Natur des Unendlichen und Ewigen besitzt. Das zu tun, ist höchstes Ziel unseres Daseins, denn es ist die Wahrheit unseres Wesens und muß deshalb auch das ursprüngliche Ziel, das notwendige Ergebnis unseres Werdens sein. Diese Wahrheit unseres Wesens muß notwendigerweise in der Seele manifestiert werden. In der Materie ist sie eine geheime Kraft. Im Leben wird sie zu einem Drang und einer Tendenz, zu Begehren und Suchen. Im Mental ist sie Wille, Ziel, Bemühen und Zweck. Das zu manifestieren, was von Anfang an im Innern verborgen ist, ist die ganze geheime Absicht der evolutionären Natur.

Wir erkennen also die Wahrheit an, die die Philosophien des suprakosmischen Absoluten zur Grundlage nehmen. Der Illusionismus selbst kann, auch wenn wir seine letzten Schlußfolgerungen bestreiten, doch als der Weg angenommen werden, durch den die Seele im Mental, das mentale Wesen, die Dinge in einer spirituell-pragmatischen Erfahrung sehen muß, wenn sie sich vom Werden lostrennt, um sich dem Absoluten zu nahen und darin einzugehen. Aber auch das ist keine vollständige Philosophie des Seins, da das Werden wirklich ist und unvermeidlich in der eigentlichen Selbst-Macht des Unendlichen und Ewigen enthalten sein muß. Für die Seele im Werden ist es möglich, sich selbst als das Seiende zu erkennen und das Werdende zu besitzen. Sie kann sich selbst als ein Unendliches in ihrer Wesenhaftigkeit erkennen aber auch als das Unendliche, das seinen Selbst-Ausdruck im Endlichen findet; und als das zeitlos Ewige, das sich selbst und seine Werke in dem sie begründenden Zustand und in der sich entwickelnden Bewegung von Zeit-Ewigkeit betrachtet. Diese Realisation ist die höchste Höhe des Werdenden. Sie ist die Erfüllung des Seienden in seiner dynamischen Wirklichkeit. Auch das muß also Teil der vollständigen Wahrheit der Dinge sein. Denn das allein verleiht dem Universum volle spirituelle Bedeutung und rechtfertigt die Seele in der Manifestation. Eine Erklärung der Dinge, die das kosmische und das individuelle Dasein jeder Bedeutung beraubt, kann nicht die ganze Erklärung oder jene Lösung sein, die sie als das einzig wahre Ergebnis anbietet.

Weiter behaupteten wir, daß die fundamentale Wirklichkeit des Absoluten für unsere spirituelle Wahrnehmung ein Göttliches Sein ist, ein Bewußtsein und eine Seligkeit des Wesens, die eine selbst-seiende überkosmische Wirklichkeit, aber auch die geheime Wahrheit ist, die aller Manifestation zugrundeliegt. Denn die fundamentale Wahrheit des Seins muß notwendig auch die fundamentale Wahrheit des Werdens sein. Alles ist eine Manifestation von Jenem. Denn Jenes wohnt eben in allem, was seine Gegensätze zu sein scheint. Sein im Verborgenen auf sie ausgeübter Zwang, es zu enthüllen, ist die Ursache der Evolution. Ebenso ein Druck auf die Unbewußtheit, aus sich heraus ihr geheimes Bewußtsein zu entfalten; auf das scheinbar Nicht-Seiende, in ihm selbst das geheime spirituelle Sein zu offenbaren; auf die empfindungslose Neutralität der Materie, eine andersartige Freude am Sein zu entfalten, die wachsen muß, indem sie sich von den untergeordneten Begriffen, den entgegengesetzten Dualitäten von Schmerz und Lust freimacht für die wesenhafte tiefe Daseinsfreude, das spirituelle ananda.

Das Seiende ist eines. Diese Einheit ist aber unendlich und enthält in sich eine unendliche Vielheit oder Vielfalt ihrer selbst: Das Eine ist das All. Es ist nicht nur ein essentielles Sein, sondern ein All-Sein. Die unendliche Vielfalt des Einen und die ewige Einheit der Vielen sind die beiden Wirklichkeiten oder Aspekte einer einzigen Wirklichkeit, auf die sich die Manifestation gründet. Wegen dieser fundamentalen Wahrheit der Manifestation stellt sich das Seiende unserer kosmischen Erfahrung in drei Kräfte-Verhältnissen dar: als das suprakosmische Sein, als der kosmische Geist und als das individuelle Selbst in den Vielen. Die Vielfalt gestattet aber in der Erscheinung eine Zerteilung des Bewußtseins, effektive Unwissenheit, in der die Vielen, die Individuen, aufhören, des ewigen selbst-seienden Einseins inne zu sein. Sie vergessen auch die Einheit des kosmischen Selbsts, in der und durch die sie leben, sich bewegen und ihr Wesen haben. Durch die Kraft der verborgenen Einheit wird aber die Seele im Werden durch ihre eigene unsichtbare Wirklichkeit und durch den verborgenen Druck der evolutionären Natur gezwungen, aus diesem Zustand der Unwissenheit herauszukommen und schließlich das Wissen von dem Einen Göttlichen Wesen und von ihrem Einssein mit ihm wiederzugewinnen. Zugleich erlangt sie ihre spirituelle Einheit mit allen individuellen Wesen und mit dem ganzen Universum. Sie muß nicht nur ihrer selbst im Universum innewerden, sondern auch des Universums in ihr selbst und des Wesens des Kosmos als ihres größeren Selbsts. Das Individuum soll sich universal ausweiten und in derselben Bewegung seiner suprakosmischen Transzendenz gewahr werden. Dieser dreifache Aspekt der Wirklichkeit muß in die totale Wahrheit der Seele und der kosmischen Manifestation einbezogen werden. Diese Notwendigkeit muß die endgültige Richtung des Ablaufs der evolutionären Natur bestimmen.

Alle Betrachtungen des Seins, die vor der Transzendenz haltmachen und sie nicht beachten, müssen unvollständige Darstellungen der Wahrheit des Seienden bleiben. Die pantheistische Anschauung von der Identität des Göttlichen Wesens mit dem Universum ist eine Wahrheit, denn all das, was ist, ist brahman. Aber sie macht halt vor der ganzen Wahrheit, wenn sie die suprakosmische Wirklichkeit verfehlt und ausschließt. Auf der anderen Seite irrt jede Betrachtung, die nur den Kosmos bejaht, die aber das Individuum als ein Nebenprodukt der kosmischen Energie beiseite schiebt, da sie den einen ins Auge fallenden Tatsachen-Aspekt der Welt-Aktion zu stark betont. Das trifft nur für das natürliche Individuum zu und ist nicht einmal dessen ganze Wahrheit. Denn das natürliche Individuum, das Natur-Wesen, ist zwar sicherlich ein Produkt der universalen Energie. Es ist aber zugleich auch eine Natur-Persönlichkeit der Seele, eine Gestaltung, die das innere Wesen und die innere Person zum Ausdruck bringt. Diese Seele ist keine vergängliche Zelle, kein auflösbarer Bestandteil des kosmischen Geistes. Sie besitzt vielmehr ihre ursprüngliche unsterbliche Wirklichkeit in der Transzendenz. Es ist eine Tatsache, daß sich das kosmische Wesen durch das individuelle Wesen zum Ausdruck bringt. Ebenso ist aber auch wahr, daß sich die Transzendente Wirklichkeit durch beide, das individuelle Dasein und den Kosmos, ausdrückt. Die Seele ist ein ewiger Bestandteil des Höchsten und nicht ein Bruchteil der Natur. In gleicher Weise muß jede Anschauung, die das Universum so betrachtet, als existiere es nur im individuellen Bewußtsein, offensichtlich fragmentarisch sein. Sie wird durch die Wahrnehmung gerechtfertigt, derzufolge das spirituelle Individuum allumfassend ist und die Macht hat, das ganze Universum mit seinem Bewußtsein zu umfangen. Aber weder der Kosmos noch das individuelle Bewußtsein sind die fundamentale Wahrheit des Seins. Denn beide sind abhängig vom transzendenten Göttlichen Wesen und existieren durch dieses.

Dieses Göttliche Wesen, saccidananda, ist zugleich apersonal und personal. Es ist ein Sein, der Ursprung und die Grundlage aller Wahrheiten, Kräfte, Mächte und Seins-Gestaltungen. Es ist aber auch das Eine Transzendente Bewußte Wesen und die All-Person, deren Selbste und Personalitäten alle bewußten Wesen sind. Denn Er ist ihr höchstes Selbst und die universale innewohnende Gegenwart. Für die Seele im Universum ist es eine Notwendigkeit – und deshalb die innerste Tendenz der evolutionären Energie und ihre höchste Absicht –, diese Wahrheit von sich selbst zu wissen und in sie hineinzuwachsen, eins mit dem Göttlichen Wesen zu werden, ihre Natur zur Göttlichen Natur, ihr Sein in das Göttliche Sein, ihr Bewußtsein in das Göttliche Bewußtsein, ihre Wesens-Seligkeit in die Göttliche Seins-Seligkeit emporzuheben. Sie soll all das in ihr Werden empfangen. Sie soll dadurch das Werden zu einem Ausdruck jener höchsten Wahrheit machen, so daß ihr Besitzer in ihrem Innern das Göttliche Selbst und der Meister ihrer Existenz ist. Zugleich soll sie aber auch Ihn voll besitzen und von Seiner Göttlichen Energie bewegt werden. Sie soll in völliger Selbst-Hingabe und Selbst-Überantwortung leben und handeln. Hier drücken die dualistischen und theistischen Anschauungen vom Dasein, die das ewige, wirkliche Sein Gottes und der Seele sowie die ewige wirkliche Existenz und das kosmische Wirken der Göttlichen Energie behaupten, auch eine Wahrheit des Integralen Seins aus. Ihre Formulierung macht aber vor der völligen Wahrheit halt, wenn sie die wesenhafte Einheit von Gott und Seele oder ihre Fähigkeit zum äußersten Einssein bestreitet oder wenn sie das mißachtet, was der höchsten Erfahrung im Aufgehen der Seele in der Göttlichen Einheit durch Liebe, Einung des Bewußtseins und Verschmelzen von Sein in Sein zugrundeliegt.

Die Manifestation des Seienden nimmt in unserem Universum die Form einer Involution an, die der Ausgangspunkt für die Evolution ist – Materie ist die allerniedrigste Stufe, Geist die erhabene Höhe. Bei dem Hinabgehen in die Involution kann man sieben Prinzipien des manifestierten Wesens unterscheiden, sieben Stufen des manifestierten Bewußtseins, von denen wir hier eine Wahrnehmung, eine konkrete Realisation ihrer Gegenwart und Immanenz oder eine reflektierte Erfahrung bekommen können. Die ersten drei sind die ursprünglichen und fundamentalen Prinzipien. Sie bilden universale Bewußtseins-Zustände, zu denen wir emporkommen können. Tun wir das, so können wir auch höchster Ebenen oder Stufen der grundlegenden Offenbarung oder Selbst-Formulierung der spirituellen Wirklichkeit bewußt werden, in der die Einheit des Göttlichen Seins, die Macht des Göttlichen Bewußtseins, die Wonne der Göttlichen Seins-Seligkeit herausgestellt wird – das alles aber nicht so verborgen und vermummt wie hier; vielmehr können wir sie in ihrer vollen unabhängigen Wirklichkeit besitzen. Ein viertes Prinzip, das supramentale Wahrheits-Bewußtsein, ist mit ihnen verbunden. Da es die Einheit in einer unendlichen Vielheit manifestiert, ist es die charakteristische Macht des Unendlichen, sich selbst durch Begrenzung zu bestimmen. Diese vierfache Macht von höchstem Sein, Bewußtsein und seliger Freude konstituiert eine obere Hemisphäre der Manifestation, die sich auf das ewige Wissen des Geistes vom Selbst gründet. Gehen wir in diese Prinzipien oder in eine Ebene des Seienden ein, auf der es die reine Gegenwart des Wirklichen gibt, so finden wir in ihnen vollständige Freiheit und Erkenntnis. Die anderen drei Mächte und Ebenen des Seienden, deren wir hier und jetzt inne werden, bilden eine niedrigere Hemisphäre der Manifestation, die Hemisphäre von Mental, Leben und Materie. Diese sind an sich Mächte der höheren Prinzipien. Wo sie sich aber getrennt von ihren spirituellen Ursprüngen manifestieren, erleiden sie im Resultat einen Absturz in das Phänomenale, in eine zerteilte statt in die wahre unzerteilte Welt des Seins. Dieser Absturz, diese Lostrennung, bewirkt einen Zustand von begrenztem Wissen, das ausschließlich auf seine eigene begrenzte Welt-Ordnung konzentriert ist und alles, was seinen Hintergrund bildet, sowie die zugrundeliegende Einheit vergißt. Darum ist es ein Zustand von kosmischer und individueller Unwissenheit.

Bei dem Herabkommen in die materielle Ebene, dessen Ergebnis unser natürliches Leben ist, findet dieser Fall seine absolute Tiefe in einer totalen Unbewußtheit, aus der sich ein involviertes Wesen und Bewußtsein stufenweise herausentwickeln müssen. Diese unvermeidliche Evolution entfaltet zuerst unumgänglich die Materie und ein materielles Universum. In der Materie erscheint das Leben mit lebenden physischen Wesen. Im Leben manifestiert sich das Mental, das verkörperte denkende lebende Wesen. Im Mental muß unvermeidlich durch eine fortschreitende Vermehrung seiner Mächte und Aktivitäten in Formen von Materie das Supramental, das Wahrheits-Bewußtsein, hervortreten, und zwar durch die Kraft dessen, was in der Unbe-wußtheit und in der Notwendigkeit der Natur enthalten ist, es zu manifestieren. Das erscheinende Supramental manifestiert das Wissen des Geistes vom Selbst und sein Wissen vom Ganzen in einem supramentalen lebenden Wesen. Durch dasselbe Gesetz, die innewohnende Notwendigkeit und Unvermeidlichkeit, muß es die dynamische Manifestation des göttlichen Seins, Bewußtseins und der Seins-Seligkeit bewirken. Hierin liegt die Bedeutung des Plans und der Ordnung der Evolution auf Erden. Diese Notwendigkeit muß alle ihre Stufen und Grade, ihr Prinzip und ihren Ablauf bestimmen. Mental, Leben und Materie sind die verwirklichten Mächte der Evolution und uns wohlbekannt. Das Supramental und der dreieinige Aspekt von saccidananda sind die geheimen Prinzipien, die bislang nicht nach außen hervorgebracht worden sind, sondern erst noch in den Formen der Manifestation realisiert werden müssen. Wir kennen sie nur durch Andeutungen und ein partielles, fragmentarisches Wirken, das sich noch nicht von der niederen Bewegung losgelöst hat und deshalb nicht leicht erkennbar ist. Aber auch ihre Evolution ist ein Teil der Bestimmung der Seele im Werden. Es muß innerhalb des Erden-Lebens in der Materie eine Realisierung und Dynamisierung nicht nur des Mentals, sondern alles dessen geben, was oberhalb von diesem zwar tatsächlich in das Erden-Leben und in die Materie herniedergekommen, aber noch verborgen ist.

Unsere Theorie vom integralen Wissen erkennt das Mental als ein schöpferisches Prinzip, als eine Macht des Seienden an und weist ihm seinen Platz in der Manifestation zu. In ähnlicher Weise akzeptiert sie Leben und Materie als Mächte des Geistes; auch in diesen ist eine schöpferische Energie. Aber die Anschauung, die das Mental zum alleinigen oder zum höchsten schöpferischen Prinzip macht, und die Philosophien, die dem Leben oder der Materie dieselbe einzige Wirklichkeit oder Vorherrschaft beimessen, sind Ausdruck einer Halb-Wahrheit und kein integrales Wissen. Es ist wahr, daß die Materie, wenn sie als erstes hervortritt, zum beherrschenden Prinzip wird. In ihrem eigenen Feld erscheint sie als die Grundlage aller Dinge – und ist es auch. Sie konstituiert alle Dinge und ist das Ende aller Dinge. Wir erkennen aber die Materie selbst als das Ergebnis von etwas, das nicht Materie ist, nämlich von Energie. Diese Energie kann aber nicht etwas Selbst-Seiendes sein und im Leeren wirken, sondern sie kann sich erweisen – und erweist sich auch, wenn wir sie bis in ihre tiefsten Tiefen erforschen -gleichsam als das Wirken eines geheimen Bewußtseins und Wesens. Wenn das spirituelle Wissen und die spirituelle Erfahrung hervortreten, wird dies zu einer Gewißheit. Man sieht dann, daß die schöpferische Energie in der Materie eine Bewegung der Macht des Geistes ist. Materie selbst kann nicht die ursprüngliche und letzte Wirklichkeit sein. Zugleich wird auch die Auffassung, die Materie und Geist voneinander trennt und sie als Gegensätze einander gegenüberstellt, unannehmbar. Materie ist eine Form des Geistes, eine Wohnung des Geistes. Hier, in der Materie selbst, kann es eine Realisierung des Geistes geben. Weiter trifft zu, daß das Leben dann, wenn es hervortritt, vorherrschend wird und die Materie in ein Werkzeug seiner Manifestation verwandelt. Dann sieht es anfänglich so aus, als wäre das Leben selbst das geheime ursprüngliche Prinzip, das in die Schöpfung hervorbricht und sich in den Formen der Materie verhüllt. In diesem Anschein liegt Wahrheit. Man muß einräumen, daß diese Wahrheit ein Teil der integralen Erkenntnis ist. Leben ist, wenn auch nicht die ursprüngliche Wirklichkeit, so doch eine ihrer Formen, Mächte, deren Mission, als schöpferisches Drängen in der Materie zu wirken, hier vollzogen werden muß. Darum müssen wir das Leben als das Mittel für unser Wirken und als eine dynamische Form annehmen, in die wir das Göttliche Sein hineingießen sollen. Es kann aber nur deshalb als solches anerkannt werden, weil es eine Form der Göttlichen Energie ist, die selbst größer ist als die Lebens-Kraft. Das Lebens-Prinzip ist nicht die ganze Grundlage und der Ursprung der Dinge. Sein schöpferisches Wirken kann erst dann vervollkommnet und souverän zur Erfüllung gebracht werden, erst dann seinen wahren Ablauf finden, wenn es sich selbst als eine Energie des Göttlichen Wesens erkennt und sein Wirken emporhebt und so verfeinert, daß das Ausströmen der höheren Natur frei durch es hindurchgehen kann.

Wenn das Mental seinerseits hervortritt, wird es dominierend. Es verwendet Leben und Materie als Mittel, um sich auszudrücken, als Feld für sein eigenes Wachsen und seine Souveränität. Es beginnt, so zu wirken, als wäre es die wahre Wirklichkeit und ebenso der Schöpfer, wie es der beobachtende Zeuge des Daseins ist. Aber auch das Mental ist eine begrenzte und abgeleitete Macht. Es tritt aus dem Übermental hervor oder ist hier ein lichter Schatten, der vom göttlichen Supramental geworfen wird. Es kann nur dadurch zu seiner Vervollkommnung gelangen, daß es das Licht einer höheren Erkenntnis einläßt. Es muß seine eigenen mehr unwissenden, unvollkommenen und einander widersprechenden Mächte und Werte in die auf göttliche Art wirkungsstarken Potenzen und harmonischen Werte des supramentalen Wahrheits-Bewußtseins umwandeln. Alle die Mächte der niederen Hemisphäre mit ihren Strukturen der Unwissenheit können ihr wahres Selbst nur dadurch finden, daß sie sich in jenes Licht transformieren, das aus der höheren Hemisphäre eines ewigen Selbst-Wissens zu uns herniederkommt.

Diese drei niederen Mächte des Seienden bauen sich auf der Unbewußtheit auf und scheinen von ihr verursacht und gefördert zu sein. Der schwarze Drache der Unbewußtheit trägt und erhält mit seinen gewaltigen Schwingen und auf seinem Rücken von Finsternis das ganze Gebäude des materiellen Universums. Seine Energien setzen den Strom der Dinge in Gang. Seine dunklen Einwirkungen scheinen der Ausgangspunkt des Bewußtseins selbst und die Quelle für jeden Lebens-Impuls zu sein. Darum wird jetzt, infolge dieser Verursachung und Vorherrschaft, das Unbewußte von einer gewissen Richtung der Forschung als der wirkliche Ursprung und Schöpfer angenommen. Tatsächlich darf man davon ausgehen, daß eine unbewußte Kraft, eine unbewußte Substanz der Ausgangspunkt der Evolution ist. In der Evolution tritt aber ein bewußter Geist, nicht ein unbewußtes Wesen, hervor. Das Unbewußte und sein anfängliches Wirken sind von einer Aufeinanderfolge immer höherer Mächte des Seienden durchdrungen und werden so dem Bewußtsein unterworfen, damit seine Obstruktionen gegen die Evolution, seine Kreisbewegungen zur Einschränkung allmählich zerbrochen werden. Die Python schlängelt sich aus ihrer Finsternis heraus, getroffen von den Pfeilen des Sonnen-Gottes. So werden die Begrenzungen durch unsere materielle Substanz so weit vermindert, bis sie transzendiert und bis Mental, Leben und Körper transformiert werden können, indem ein höheres Gesetz aus göttlichem Bewußtsein, göttlicher Energie und göttlichem Geist von ihnen Besitz ergreift. Das integrale Wissen erkennt die Wahrheiten aller Anschauungen des Daseins in ihrem eigenen Bereich als gültig an. Es sucht aber, sich von ihren Begrenzungen und Verneinungen zu befreien und die partiellen Wahrheiten zu harmonisieren und miteinander zu versöhnen in einer umfassenden Wahrheit, die die vielen Seiten unseres Wesens in einem allgegenwärtigen Sein zu Erfüllung bringt.

An diesem Punkt müssen wir einen Schritt weitergehen und immer mehr die metaphysische Wahrheit, die wir festgestellt haben, als einen bestimmenden Faktor nicht nur für unser Denken und die inneren Vorgänge, sondern auch für die Lenkung unseres Lebens und zu einer dynamischen Lösung unserer Selbst- und Welt-Erfahrung anerkennen. Natürlich sollten unser metaphysisches Wissen und unsere Anschauung von der fundamentalen Wahrheit des Universums und dem Sinn des Daseins der bestimmende Faktor unserer ganzen Auffassung vom Leben und unserer Haltung ihm gegenüber sein. Das Ziel des Lebens, wie wir es begreifen, muß auf dieser Basis gegründet sein. Eine metaphysische Philosophie ist ein Versuch, die grundlegenden Wirklichkeiten und Prinzipien des Seienden festzustellen im Unterschied zu seinen Prozessen und den Phänomenen, die bei der Realisierung entstehen. Diese Prozesse hängen aber von den fundamentalen Wirklichkeiten ab: Unser eigener Lebens-Verlauf, sein Ziel und seine Methode sollten in Übereinstimmung stehen mit der Wahrheit des Seienden, wie wir sie sehen. Andernfalls kann unsere metaphysische Wahrheit nur ein Spiel des Intellekts ohne jede dynamische Bedeutung sein. Es trifft zu, daß der Intellekt nach der Wahrheit um ihrer selbst willen suchen muß, ohne daß sich eine vorgefaßte Idee von ihrer Nützlichkeit für das Leben einmischt. Dennoch muß die Wahrheit, wenn sie einmal entdeckt ist, in unserem inneren Wesen und unseren äußeren Betätigungen verwirklichbar sein. Ist sie das nicht, mag sie intellektuelle, nicht aber integrale Bedeutung gewinnen. Eine Wahrheit für den Intellekt wäre für unser Leben nicht mehr als die Lösung eines Denk-Rätsels, eine abstrakte Unwirklichkeit oder ein toter Buchstabe. Die Wahrheit des Seienden muß die Wahrheit des Lebens beherrschen. Es kann nicht sein, daß diese beiden keine Beziehung zueinander hätten oder nicht voneinander abhängig wären. Die höchste Bedeutung des Lebens für uns, die fundamentale Wahrheit des Seins, muß auch der anerkannte Sinn unseres eigenen Lebens, unseres Ziels und unseres Ideals sein.

Von diesem Gesichtspunkt aus gibt es etwa vier Haupt-Theorien oder vier Theorie-Kategorien mit ihren entsprechenden mentalen Haltungen und Idealen im Einklang mit vier verschiedenen Begriffen der Wahrheit des Seins. Wir können sie nennen: die suprakosmische, die kosmische und irdische, die überirdische oder außerweltliche und die integrale, synthetische oder harmonisierte. Diese Theorien versuchen, jene drei Faktoren – oder etwa zwei von ihnen – miteinander zu versöhnen, die die anderen Anschauungen voneinander zu trennen bestrebt sind. In diese letzte Kategorie würde die Anschauung gehören, daß unser Dasein hier ein Werden ist, dessen Ursprung das Göttliche Wesen und dessen Ziel eine fortschreitende Manifestation, eine spirituelle Evolution ist, deren Ursprung und Unterstützung das Suprakosmische und deren sie bedingendes und verbindendes Glied das Außer-Weltliche ist. Das Kosmische und Irdische bilden ihr Feld, das menschliche Mental und Leben sind ihr Knoten- und Wendepunkt der Befreiung zu höherer und höchster Vervollkommnung. Unsere Betrachtung muß sich also mit den drei ersteren befassen, um zu sehen, wo sie von der vervollständigenden Lebensanschauung abweichen und inwiefern die Wahrheiten, auf denen sie fußen, in jene Struktur hineinpassen.

Bei der suprakosmischen Betrachtung der Dinge ist allein die Höchste Wirklichkeit völlig real. Ein gewisses Empfinden des Illusorischen, ein Gefühl für die Eitelkeit des kosmischen Daseins und des individuellen Wesens ist eine charakteristische Tendenz bei dieser Betrachtung der Dinge. Sie ist aber nicht essentiell, kein unentbehrliches Zubehör zu ihrem hauptsächlichen Denk-Prinzip. In den extremsten Formen dieser Weltanschauung hat das menschliche Dasein keine wirkliche Bedeutung. Es ist ein Fehler der Seele oder ein Delirium des Willens zum Leben, ein Irrtum oder eine Unwissenheit, die irgendwie die absolute Wirklichkeit überdeckt. Die einzige wirkliche Wahrheit ist das Überkosmische. Jedenfalls ist das Absolute, parabrahman, Ursprung und Ziel alles Seins. Alles übrige ist ein Zwischenspiel, ohne bleibende Bedeutung. Wäre das aber so, würde daraus folgen: Das einzige, was zu tun, der einzige weise und notwendige Ausweg für unser Wesen ist, allem Lebendigen, ob irdisch oder himmlisch, zu entkommen, sobald unsere innere Entwicklung oder ein verborgenes Gesetz des Geistes das möglich macht. Es ist wahr, die Illusion ist sich selbst gegenüber etwas Wirkliches. Die Eitelkeit gibt vor, voller Zweckmäßigkeiten zu sein. Aber ihre Gesetze und Fakten – es sind nur Fakten, nicht aber Wahrheiten, empirische, nicht aber wahre Wirklichkeiten – binden uns nur so lange, wie wir im Irrtum verharren. Von jedem Standpunkt wirklichen Wissens aus, in jeder Anschauung der wirklichen Wahrheit der Dinge, würde diese ganze Selbst-Täuschung kaum besser aussehen als die Ordnung eines kosmischen Irrenhauses: Solange wir verrückt sind und im Irrenhaus zu bleiben haben, sind wir zwangsläufig seinen Gesetzen unterworfen und müssen, je nach unserem Temperament, das Beste oder das Schlimmste aus ihnen machen. Immer bleibt es aber das eigentliche Ziel, daß wir von dieser Krankheit geheilt werden und in das Licht, die Wahrheit und Freiheit entkommen. Wie sehr man die Strenge dieser Logik auch abschwächen und was für Konzessionen man für den jetzigen Augenblick auch zur Aufwertung von Leben und Persönlichkeit machen mag, so muß doch von diesem Gesichtspunkt aus das wahre Gesetz des Lebens in alldem bestehen, was uns dazu helfen kann, so bald wie möglich zum Wissen vom Selbst und auf den Weg zurückzukehren, der uns unmittelbar ins nirvana führt. So muß das wahre Ideal ein Auslöschen des Individuums und des Universalen sein, seine Selbst-Vernichtung ins Absolute. Dieses Ideal der Selbst-Vernichtung, das kühn und klar von den Buddhisten verkündet wird, ist aber im vedantischen Denken ein Finden des Selbsts. Für das Individuum könnte das aber nur dann ein Selbst-Finden sein, wenn es in sein wahres Wesen im Absoluten hineinwächst, wenn also beides miteinander verbundene Wirklichkeiten sind. Das würde aber nicht zutreffen bei einer endgültigen, die Welt vernichtenden Selbst-Bejahung des Absoluten in einem unwirklichen oder vergänglichen Individuum dadurch, daß zugleich mit der Annullierung des falschen personalen Wesens auch alles individuelle und kosmische Dasein für dieses individuelle Bewußtsein zerstört würde, wie sehr auch diese Irrtümer, gestattet vom Absoluten, in der Welt der Unwissenheit noch zwangsläufig und unvermeidlich in einer universalen, ewigen und unzerstörbaren kosmischen Unwissenheit, avidya, weitergehen.

Die Vorstellung von der völligen Sinnlosigkeit des Lebens ist aber durchaus keine unvermeidliche Konsequenz der suprakosmischen Seins-Theorie. Im Vedanta der Upanishaden wird das Werden des brahman als Wirklichkeit angenommen. Deshalb gibt es hier auch Raum für die Wahrheit des Werdens. In dieser Wahrheit gibt es ein richtiges Gesetz des Lebens, eine erlaubte Befriedigung des hedonistischen Elements in unserem Wesen, seiner Freude am vorübergehenden Dasein, eine effektive Verwendung seiner praktischen Energie, der exekutiven Kraft des Bewußtseins in ihm. Wenn aber Wahrheit und Gesetz seines zeitlich begrenzten Werdens erfüllt sind, muß die Seele zu ihrer endgültigen Selbst-Verwirklichung zurückkehren, denn ihre natürliche höchste Erfüllung ist eine Erlösung, eine Befreiung in ihr ursprüngliches Wesen, in ihr ewiges Selbst, in ihre zeitlose Wirklichkeit. Es gibt einen Kreislauf des Werdens, der vom Ewigen Seienden ausgeht und wieder in ihm endet. Vom Gesichtspunkt des Höchsten als einer personalen oder überpersonalen Wirklichkeit aus gesehen, gibt es ein zeitlich begrenztes Kräfte-Spiel, ein Schauspiel von Werden und Leben im Universum. Hier bestimmt offensichtlich keine andere Bedeutung das Leben als der Wille des Seienden zum Werden, der Wille des Bewußtseins und das Drängen seiner Kraft zum Werden, sowie seine tiefe Freude am Werden. Für das Individuum hört, wenn es von ihm zurückgezogen wird oder in ihm erfüllt und nicht länger aktiv ist, das Werden auf; unabhängig davon dauert das Universum fort. Oder es kehrt immer wieder in die Manifestation zurück, weil der Wille zum Werden etwas Ewiges ist und auch sein muß, da er der innewohnende Wille eines ewigen Seins ist. Man könnte sagen, es sei einer der Mängel dieser Betrachtung der Dinge, daß jegliche fundamentale Wirklichkeit dem Individuum fehlt, ihm kein bleibender Wert und keine Bedeutung für seine natürliche oder seine spirituelle Tätigkeit beigelegt werde. Darauf kann man antworten, diese Forderung nach einer dauernden persönlichen Bedeutung, nach einer ewigen Dauer der Person, sei ein Irrtum unseres unwissenden, vordergründigen Bewußtseins. Das Individuum sei nur ein vorübergehendes Werden des Seienden, und das sei völlig ausreichend als sein Wert und seine Bedeutung. Hinzufügen könnte man, in einem reinen oder absoluten Sein könne es keine Werte und Bedeutungen geben. Im Universum existierten Werte, und sie seien dort unentbehrlich, jedoch nur als relative und vorübergehende Strukturen. In einer Zeit-Struktur könne es keine absoluten Werte, keine ewigen und selbst-seienden Bedeutungen geben. Das klingt zwar schlüssig, und scheinbar kann auch nichts weiter über die Sache ausgesagt werden. Dennoch bleibt die Frage offen. Denn der Nachdruck auf unser individuelles Wesen, die Forderung an es, der Wert, der auf individuelle Vervollkommnung und Erlösung gelegt wird, ist zu groß, um als ein nur für untergeordnetes Wirken Geschaffenes abgetan werden zu können, für das Aufziehen und Ablaufenlassen einer bedeutungslosen Spiralfeder in den großen Kreisläufen des Werdens des Ewigen im Universum.

Die kosmisch-irdische Betrachtungsweise, die wir jetzt als den genauen Gegensatz zur suprakosmischen behandeln, erkennt das kosmische Dasein als etwas Wirkliches. Sie geht darüber hinaus und nimmt es als die einzige Wirklichkeit an. Ihre Anschauung beschränkt sich gewöhnlich auf das Leben im materiellen Universum. Gott – wenn es ihn gibt – sei ein ewiges Werden. Oder, falls Gott nicht existiert, sei die Natur ein immerwährendes Werden – was wir auch unter Natur verstehen mögen, ob wir sie als ein Spiel der Kraft mit der Materie oder als ein großes kosmisches Leben ansehen oder ob wir gar ein universales apersonales Mental im Leben und in der Materie anerkennen. Erde sei das Feld oder eines der zeitweiligen Felder des Lebens. Der Mensch sei seine höchstmögliche Gestaltung oder nur eine der vorübergehenden Formen des Werdens. Der Mensch mag individuell durchaus sterblich sein. Auch die Menschheit mag nur für eine kurze Periode während des Daseins der Erde existieren. Die Erde mag das Leben nur für eine längere Periode ihres Daseins im Sonnensystem auf sich tragen. Dieses System selbst mag eines Tages zu einem Ende kommen, oder es mag zumindest aufhören, ein aktiver oder produktiver Faktor im Werden zu sein. Das Universum, in dem wir leben, mag sich selbst auflösen, oder es mag sich wieder in den Keimzustand seiner Energie zusammenziehen. Aber das Prinzip des Werdens sei ewig – zumindest so ewig, wie etwas in der dunklen Zweideutigkeit des Daseins ewig sein könne. Es ist in der Tat möglich, für den Menschen als Individuum eine Dauer in der Zeit als psychische Wesenheit anzunehmen, als kontinuierliche irdische oder kosmische Beseelung oder Wiederverkörperung ohne ein Leben danach in einem Jenseits oder ein Leben irgendwo anders. In diesem Fall kann man als Ziel dieses endlosen Werdens als Ideal anerkennen, daß der Mensch entweder seine Vollkommenheit ständig vermehre oder daß er sich der Vollkommenheit annähere oder daß er zu einer dauernden Glückseligkeit irgendwo im Universum heranwachse. Bei einer extremen irdischen Anschauung kann man das aber nur mit Mühe aufrechterhalten. Gewisse Spekulationen menschlichen Denkens sind in dieser Richtung gegangen. Sie haben aber keine substantielle Gestalt angenommen. Ein dauerndes Verharren im Werden wird gewöhnlich mit der Annahme eines höheren überirdischen Daseins verbunden.

Bei der gewöhnlichen Auffassung von einem einzigen irdischen Leben oder von einem begrenzten vorübergehenden Durchgang durch das materielle Universum – denn es könnte möglicherweise denkende lebende Wesen auf einem anderen Planeten geben – bleibt es die einzige annehmbare Wahl für den Menschen, seine Sterblichkeit zu akzeptieren, sie passiv zu ertragen oder sich aktiv mit einem begrenzten personalen oder kollektiven Leben und dessen Lebens-Zielen auseinanderzusetzen. Dem individuellen menschlichen Wesen bleibt dann aber als einziger hoher und vernünftiger Weg – wenn er sich nicht damit zufrieden gibt, nur seine persönlichen Interessen zu verfolgen oder, bis sein Leben ihn verläßt, dieses sonstwie zu verbringen daß er die Gesetze des Werdens studiert und sie möglichst vorteilhaft gebraucht, um, rational oder intuitiv, innerlich oder in den dynamischen Bereichen des Lebens, dessen potentielle Energien in sich oder für sich oder in der Rasse, der er zugehört, oder für diese zu verwenden. Dann ist es sein Bemühen, aus den aktuellen Dingen, wie sie sich ergeben, das Bestmögliche zu machen und die höchsten Möglichkeiten, die hier entfaltet werden können oder die im Werden sind, zu ergreifen oder zu diesen emporzukommen. Das könnte dann aber nur die Menschheit als Ganzes wirkungsvoll unternehmen: durch die Massenhaftigkeit der individuellen oder kollektiven Aktion, in dem Verlauf der Zeit und in der Evolution der Rassen-Erfahrung. Zu diesem Ziel zu gelangen, kann der Einzelne nur innerhalb seiner eigenen Grenzen verhelfen. Er kann das alles für sich selbst bis zu einem gewissen Grad innerhalb der kurzen Lebensspanne, die ihm zubemessen ist, tun. Dabei kann besonders sein Denken und Handeln einen Beitrag zu dem gegenwärtigen intellektuellen, moralischen und vitalen Wohl der Menschheit leisten und für ihren künftigen Fortschritt wirken. Er ist zu einem gewissen Adel seines Wesens fähig. Da er seinen unvermeidlichen und baldigen Tod akzeptiert, hindert ihn nichts daran, hohen Gebrauch von seinem Willen und Denken, die sich in ihm entfaltet haben, zu machen, diese auf hohe Ziele zu lenken, die von der Menschheit ausgearbeitet werden sollen. Selbst die Tatsache, daß auch das kollektive Wesen der Menschen etwas Vorübergehendes ist, bedeutet dabei nicht so sehr viel – außer bei der am meisten materialistischen Auffassung vom Leben. Denn solange das universale Werden die Form eines menschlichen Körpers und Mentals annimmt, werden das Denken und Wollen, die es in seinem menschlichen Geschöpf entwickelt hat, sich selbst weiter auswirken. Dies klug zu befolgen, ist das natürliche Gesetz und die beste Regel für das menschliche Leben. In bezug auf das Ziel unseres Wesens bieten sich der Menschheit, solange sie auf der Erde weiterlebt, ihre Wohlfahrt und ihr Fortschritt als das umfassendste Betätigungsfeld und als natürliche Begrenzung an. Darum sollte ihre übergeordnete Dauer und die Größe und Bedeutung des kollektiven Lebens die Art und den Horizont unserer Ideale bestimmen. Wenn aber Fortschritt oder Wohlfahrt der Menschheit entfallen oder nicht unsere Aufgabe, gar eine Täuschung sind, bleibt doch das Individuum übrig. Dann wird es Sinn des Lebens sein, daß der Mensch seine höchstmögliche Vollkommenheit erlangt oder das Bestmögliche aus seinem Leben macht, wie das eben seine Natur von ihm verlangt.

Die überirdische Anschauung erkennt die Wirklichkeit des materiellen Kosmos an und akzeptiert auch die zeitlich begrenzte Dauer von Erde und menschlichem Leben als die ersten Tatsachen, von denen wir ausgehen müssen. Sie fügt aber hinzu, daß es eine Wahrnehmung von anderen Welten oder Ebenen des Seins gibt, die eine ewige, zumindest längere Dauer besitzen. Hinter der Sterblichkeit des körperlichen Lebens des Menschen nimmt sie die Unsterblichkeit der Seele in seinem Innern wahr. Das Schlüsselwort für diese Auffassung vom Leben ist ein Glaube an die Unsterblichkeit, an die ewige Dauer des individuellen menschlichen Geistes getrennt vom Körper. Das erfordert von selbst seinen weiteren Glauben an Ebenen des Seins, die höher sind als die materiellen oder irdischen, da es für den vom Körper getrennten Geist keinen bleibenden Platz in einer Welt gäbe, bei der jeder Vorgang von einem Kräftespiel in oder mit den Gestaltungen der Materie abhängig ist, sei er spirituell, mental, vital oder materiell. Aus dieser Anschauung der Dinge entsteht die Vorstellung, die wahre Heimat des Menschen sei im Jenseits, das Erdenleben sei auf diese oder jene Art nur eine Episode innerhalb seiner Unsterblichkeit oder der Abweg aus einem himmlischen oder spirituellen in ein materielles Dasein.

Was ist dann aber der Charakter, der Ursprung und das Ende dieses Herunterkommens? Wir haben hier zunächst die Vorstellungen gewisser Religionen, die sich lange hielten, jetzt aber erschüttert oder in Mißkredit geraten sind: Der Mensch sei ein Wesen, das zuerst als lebender materieller Körper auf der Erde erschaffen, in den eine neugeborene Seele eingeatmet oder mit dem sie durch das Machtwort eines allmächtigen Schöpfers verbunden wurde. Dieses Leben sei nur eine Episode, jedoch die einzige Gelegenheit für den Menschen, aus der er in eine Welt ewiger Seligkeit oder in eine Welt ewigen Elends voranschreite, je nachdem die allgemeine oder überwiegende Bilanz seiner Taten gut oder böse ist. Oder je nachdem er einen bestimmten Glauben, eine Art der Gottesverehrung oder einen göttlichen Mittler annehme oder zurückweise. Oder auch entsprechend der willkürlichen vorherbestimmenden Laune seines Schöpfers. Das ist aber die überirdische Theorie des Lebens in ihrer am wenigsten rationalen Form eines fragwürdigen Glaubens oder Dogmas. Nehmen wir zum Ausgangspunkt jene Vorstellung, die Seele sei bei der physischen Geburt erschaffen worden, so könnten wir dennoch annehmen, der Rest ihres Daseins müsse nach einem natürlichen Gesetz, das allen gemeinsam wäre, in einem Jenseits, auf einer überirdischen Ebene verbracht werden, sobald die Seele ihre ursprüngliche Umhüllung abgeschüttelt hat. Das sei etwa so, wie wenn ein Schmetterling aus seiner puppe ausschlüpft und sich auf seinen leichten farbigen Flügeln in die Luft emporschwingt. Wir könnten es auch vorziehen, eine Existenz der Seele vor ihrer irdischen Geburt anzunehmen, ihren Fall oder Abstieg in die Materie und ihren Wiederaufstieg in ein himmlisches Wesen. Wenn wir aber von der Präexistenz der Seele ausgehen, besteht kein Grund, letztere Möglichkeit als gelegentliches spirituelles Ereignis derart auszuschließen, daß wir uns vorstellen, ein Wesen, das zu einer anderen Ebene des Seins gehört, nehme für irgendeinen besonderen Zweck den menschlichen Körper und seine Natur an. Das ist wahrscheinlich nicht das universale Prinzip der Erd-Existenz, kein völlig zureichender Grund für die Erschaffung eines materiellen Universums.

Manchmal hat man auch angenommen, dieses einzige Leben auf der Erde sei nur eine Stufe, jedoch vollziehe sich die Entwicklung des Wesens als Annäherung an seine ursprüngliche Herrlichkeit in einer Aufeinanderfolge von Welten, die ebensoviele andere Stufen seines Wachstums, Stadien seiner Reise darstellen. Das materielle Universum oder die Erde im besonderen wären dann ein dem Menschen von einer göttlichen Macht, Weisheit oder Laune zugeteiltes, mit aller Pracht ausgestattetes Wirkungsfeld, damit er hier seine Rolle in diesem Zwischenspiel aufführe. Je nach dem Gesichtspunkt, den wir für unsere Betrachtung wählen, werden wir in ihr den Ort der Qual, ein Feld für unsere Entwicklung oder eine Szene unseres spirituellen Falls und unseres Exils sehen. Es gibt auch eine indische Anschauung, die die Welt als einen Garten für das göttliche lila ansieht, für das Spiel des göttlichen Wesens mit den Bedingungen des kosmischen Daseins in dieser Welt einer niederen Natur. Die Seele des Menschen nimmt an diesem lila eine lange Reihe von Geburten hindurch teil, sie ist aber dazu bestimmt, zuletzt wieder auf ihre eigene Ebene des Göttlichen Wesens emporzusteigen und sich dort der ewigen Nähe und Gemeinschaft mit ihm zu erfreuen. Das verleiht dem schöpferischen Prozeß und dem spirituellen Abenteuer einen gewissen rationalen Grund, der in den anderen Darstellungen dieser Art der Seelen-Bewegung oder des Seelen-Zyklus entweder fehlt oder nicht klar aufgezeigt wird. In all diesen verschiedenartigen Darstellungen eines gemeinsamen Prinzips gibt es drei charakteristische Dinge: erstens den Glauben an die individuelle Unsterblichkeit des menschlichen Geistes; zweitens, als notwendige Folge davon, die Vorstellung von dessen Reise auf der Erde als einem kurzfristigen Durchgang oder von einem Abfall aus seiner höchsten ewigen Natur oder von einem jenseitigen Himmel als seiner eigentlichen Heimat; drittens Betonung der Entwicklung des ethischen und spirituellen Wesens als des Mittels zum Aufstieg der Seele und darum der einen eigentlichen Aufgabe des Lebens in dieser Welt der Materie.

Das sind die drei fundamentalen Arten, das Leben zu betrachten, eine jede mit ihrer mentalen Haltung ihm gegenüber, wie man sie im Hinblick auf unser Dasein einnehmen kann. Die übrigen sind gewöhnlich Stationen auf diesem Weg oder Variationen oder Kombinationen, die sich freier der Kompliziertheit des Problems anzupassen versuchen. Ist es doch für den Menschen, als Rasse genommen, praktisch unmöglich, sein Leben, was auch immer einzelne Individuen mit Erfolg tun mögen, ständig oder einzig und allein nach einem Leitmotiv aus einer dieser drei Haltungen zu führen und dabei den Anspruch der anderen an seine Natur auszuschließen. Sein Weg, mit den verschiedenen Impulsen seines komplexen Wesens und mit den Intuitionen seines Mentals, die um Zustimmung an ihn appellieren, führt zu einer verworrenen Verbindung von zweien oder mehreren von ihnen, zum Konflikt oder einer Aufteilung seiner Lebens-Motive zwischen diesen oder aber zum Versuch einer Synthese. Normalerweise widmen fast alle Menschen den größeren Teil ihrer Energie dem Leben auf Erden, den irdischen Bedürfnissen, Interessen, Sehnsüchten, den Idealen des Individuums und der Menschheit. Das ist unausweichlich so. Denn die Sorge um den Leib, um ausreichende Entwicklung und Befriedigung des vitalen und mentalen Wesens des Menschen, das Verfolgen hoher individueller und kollektiver Ideale, die von der Vorstellung ausgehen, durch seine normale Entwicklung könne der Mensch die Vollkommenheit erlangen oder ihr näher kommen, sind uns allein schon durch den Charakter unseres irdischen Wesens auferlegt. Sie sind Teil seines Gesetzes, seines natürlichen Impulses, seiner Ordnung und seiner Wachstumsbedingungen. Ohne diese Dinge könnte der Mensch nicht sein volles Menschsein erreichen.

Jede Anschauung über unser Wesen, die sie vernachlässigt, ungebührlich herabsetzt oder intolerant verdammt, ist allein schon durch diese Tatsache ungeeignet, eine allgemeine oder vollständige menschliche Lebensordnung zu sein, mag sie für einzelne Träger eines bestimmten Temperaments oder einer gewissen Stufe spiritueller Entwicklung auch eine Wahrheit, einen Wert oder einen Nutzen enthalten oder geeignet sein. Die Natur ist sorgfältig darauf bedacht, daß die menschliche Rasse ihre Absichten nicht vernachlässigt, die ein notwendiger Teil ihrer Entwicklung sind; denn sie gehören zur Methode und den Stufen des göttlichen Plans mit uns, und unser Wachsein für die ersten Stufen und die Erhaltung ihrer mentalen und materiellen Grundlage ist ein dringendes Anliegen der Natur, das sie nicht in den Hintergrund drängen läßt, weil diese Dinge zum Fundament und zur Struktur ihres Aufbaus gehören.

Die Natur hat aber auch ein Empfinden dafür in uns eingepflanzt, daß es in der Zusammensetzung unserer Anlagen etwas gibt, das über diese erste irdische Natur des Menschseins hinausgeht. Aus diesem Grund kann auch die Menschheit eine Anschauung vom Seienden nicht zulassen oder auf längere Zeit hinaus befolgen, die dieses höhere und feinere Empfinden unbeachtet läßt und sich müht, uns ausschließlich auf eine rein erdgebundene Lebensart zu beschränken. Die Intuition von einem Jenseits, die Idee und das Gefühl für eine Seele und einen Geist in uns, die etwas anderes sind als Mental, Leben und Körper oder größer als diese und nicht beschränkt durch ihre Ausgestaltung, kommt wieder zu uns und nimmt schließlich von uns Besitz. Der gewöhnliche Mensch befriedigt dieses Empfinden leicht genug, indem er ihm seine außergewöhnlichen Stunden widmet oder den späteren Teil seines Lebens, wenn das Alter schon das Ungestüm seiner irdischen Natur abgestumpft hat oder er Jenes als etwas anerkennt, das hinter oder über seinem normalen Wirken liegt, auf das er nun mehr oder minder unvollkommen sein natürliches Wesen hinlenken kann. Der außergewöhnliche Mensch wendet sich dem Überirdischen als dem einzigen Ziel und Gesetz des Lebens zu und schwächt seine irdischen Seiten ab oder läßt sie soweit wie möglich absterben in der Hoffnung, so seine himmlische Natur zu entfalten. Es hat Epochen gegeben, in denen diese überirdische Anschauung die Menschheit stark ergriff und es ein Schwanken zwischen einer unvollkommenen menschlichen Lebensweise gab, die ihre umfassende natürliche Ausweitung nicht stark genug leisten kann, und einem kranken asketischen Sehnen nach dem himmlischen Leben, das in nicht mehr als nur einigen wenigen Menschen seine beste, reine und glückliche Entfaltung finden kann. Das ist ein Zeichen dafür, daß im Wesen des Menschen ein falscher Konflikt ausgebrochen ist, indem man einen Maßstab oder eine Norm aufgestellt hat, die das Gesetz der evolutionären Begabung mißachtet, oder indem etwas überbetont wird, was den versöhnenden Ausgleich verfehlt, der in der göttlichen Veranlagung unserer Natur stets vorhanden sein muß. Schließlich sollen wir aber in dem Maß, wie sich unser mentales Leben vertieft und ein feineres Erkennen entwickelt, offener werden für die Wahrnehmung, daß das Irdische und das Überirdische nicht die einzigen Grundbegriffe des Seienden sind. Es gibt etwas, das überkosmisch und der höchste, ferne Ursprung unseres Daseins ist. Durch spirituellen Enthusiasmus, durch die Höhe und Glut der Sehnsucht der Seele, durch den philosophischen Höhenflug oder die strikt logische Intoleranz unseres Intellekts, durch das ungestüme Drängen unseres Willens oder die krankhafte Abscheu in unserem vitalen Wesen, das durch die Schwierigkeit des Lebens entmutigt oder durch dessen Ergebnisse enttäuscht ist, – durch einige oder alle diese Motivkräfte wird diese Wahrnehmung aber leicht mit dem Empfinden verbunden, daß alles andere als jenes entfernte Höchste völlig eitel sei: Das menschliche Leben erscheint als eitel, das kosmische Dasein ist unwirklich, die Erde ist voller bitterer Häßlichkeit und Grausamkeit, auch der Himmel kann keinen Ausgleich bieten, die Wiederholung der Geburten im Körper ist etwas Sinnloses. Mit solchen Vorstellungen kann der gewöhnliche Mensch nicht wirklich leben. Sie können ihn höchstens mit Unzufriedenheit dem grauen und ruhelosen Leben gegenüber erfüllen, in dem er doch immer weiterleben muß. Der außergewöhnliche Mensch gibt dagegen alles hin, um der Wahrheit zu folgen, die er geschaut hat. Für ihn können jene Dinge nur die notwendige Nahrung für seinen spirituellen Impuls oder ein Antrieb sein, allein das zu erreichen, was für ihn nun das einzige ist, auf das es ankommt. Es hat Zeiten und Länder gegeben, in denen diese Betrachtung des Seienden sehr mächtig war. Ein beträchtlicher Teil der Menschheit hat sich dem abseitigen Leben des Asketen zugekehrt – nicht immer mit wirklicher Berufung dazu. Die übrigen hingen weiter dem normalen Leben an, wenn auch mit der zugrundeliegenden Überzeugung von dessen Unwirklichkeit. Wird aber eine solche Überzeugung zu oft wiederholt und zu nachdrücklich eingeprägt, kann das zu einer Entnervung des Lebens-Impulses und zu einer wachsenden Verminderung seiner Antriebe führen. Oder es kann durch subtile Reaktion darauf und weil wir im gewöhnlichen engen Leben aufgehen, dazu kommen, daß unsere natürliche Reaktion auf die umfassendere Freude des Göttlichen Wesens am kosmischen Dasein versagt und wir zu dem großen fortschrittlichen menschlichen Idealismus unfähig werden, durch den wir zur kollektiven Selbst-Entwicklung und zur edlen Begeisterung für Kampf und Arbeit angespornt werden. Auch hier zeigt sich wieder, daß die Aussage über die Suprakosmische Wirklichkeit ungenügend ist. Vielleicht ist ihre Darstellung zu überbetont, vielleicht handelt es sich auch um eine irrige Gegenüberstellung. Oder es fehlt die göttliche Ausgeglichenheit, das allumfassende Empfinden für die Schöpfung und den ganzen Willen des Schöpfers.

Wir können diesen Ausgleich nur finden, wenn wir Sinn und Tragweite unserer komplexen menschlichen Natur an ihrem rechten Platz in der kosmischen Bewegung erkennen. Notwendig ist, jedem Teil unseres kombinierten Wesens und unserem vielseitigen Streben seinen vollen legitimen Wert zu geben und den Schlüssel für ihre Einung wie zum Verständnis ihrer Verschiedenheit zu finden. Dieses Finden muß in Form einer Synthese oder Einbeziehung geschehen. Da aber eindeutig Entwicklung das Gesetz der menschlichen Seele ist, wird es sehr wahrscheinlich durch eine evolutionäre Synthese vollzogen. Eine Synthese dieser Art wurde in der alten Kultur Indiens versucht. Sie erkannte vier legitime Motive für das menschliche Leben an: die vitalen Interessen und Bedürfnisse des Menschen, sein Begehren, sein ethisches und religiöses Streben, sein höchstes spirituelles Ziel und seine Bestimmung. Mit anderen Worten, es wurden anerkannt die Ansprüche seines vitalen, physischen und emotionalen Wesens; die Ansprüche seines ethischen und religiösen Wesens, die von einer Erkenntnis des Gesetzes Gottes, der Natur und des Menschen regiert wurden; und die Ansprüche seines spirituellen Sehnens nach einem Jenseitigen, für dessen Befriedigung er eine letzte Befreiung vom unwissenden weltlichen Dasein suchte. Diese Synthese sah vor: eine Periode der Erziehung und Vorbereitung, die auf diese Auffassung vom Leben gegründet ist; eine Periode normalen Lebens, um die menschlichen Wünsche und Interessen unter der mäßigenden Lenkung durch die ethische und religiöse Seite in uns zu befriedigen; eine Periode, in der sich der Mensch aus dem Leben zurückzieht und spirituell vorbereitet; und eine letzte Periode des Verzichts auf das Leben, also eine Befreiung empor in den Geist. Offensichtlich würde diese vorgeschriebene Norm, diese Festlegung der Kurve unseres Lebenswegs, wenn sie als universales Gesetz angewandt wird, an der Tatsache vorbeiführen, daß unmöglich alle Menschen in einer einzigen kurzen Lebenszeit den ganzen Kreis einer solchen Entwicklung durchlaufen können. So wurde sie durch die Theorie modifiziert, daß die vollständige Entwicklung erst durch eine lange Aufeinanderfolge von Wiedergeburten vollzogen wird, bevor man für eine spirituelle Befreiung reif sein kann. Diese Synthese hat durch ihre spirituelle Einsicht, die umfassende Weite ihrer Anschauung, ihre Symmetrie und Vollständigkeit viel dazu beigetragen, daß das menschliche Leben reicher getönt wurde. Schließlich ist sie aber zusammengebrochen. Sie mußte einer Übertreibung des Impulses zur Lebens-Verneinung weichen, was die Symmetrie des Systems zerstörte und es in zwei Bewegungen des Lebens zerteilte, die in Gegensatz zueinander standen: das normale Leben der Interessen und Wünsche, das ethisch und religiös gefärbt war, und das abnorme oder übernormale innere Leben, das sich auf die Entsagung gründet. Die alte Synthese trug in der Tat in sich selbst den Keim zu dieser Übertreibung und mußte darum zerfallen. Denn wenn wir das Entkommen aus dem Leben als unser begehrenswertes Ziel ansehen, wenn wir es unterlassen, eine höhere Lebens-Erfüllung anzubieten, und wenn das Leben in sich selbst keine göttliche Bedeutung enthält, muß schließlich die Ungeduld des menschlichen Intellekts und Willens zu einem Kurzschluß hintreiben, damit man von möglichst vielen der mühevolleren und verzögernden Prozesse des Lebens befreit wird. Wenn das Leben das nicht tun kann oder unfähig ist, den Abkürzungsweg zu gehen, wird es dem Ich und seinen Befriedigungen überlassen. Es hat aber dann nichts Höheres, was hier erreicht werden kann. So wird es gespalten in das spirituelle und in das weltliche Leben. Dabei kann es nur einen abrupten Übergang aber keine Harmonie oder Versöhnung dieser Seiten unserer Natur geben.

Die Verknüpfung, die wir für die Versöhnung zwischen Leben und Geist benötigen, ist eine spirituelle Evolution, die Entfaltung des Wesens hier in unserem Innern von einer Geburt zur anderen. Ihr zentrales Instrument ist der Mensch. Das menschliche Leben stellt in seiner höchsten Entwicklung den Wendepunkt dar. Denn sie erlaubt uns, daß wir die gesamte Natur des Menschen berücksichtigen und den legitimen Platz dessen anerkennen, was in dreifacher Weise seine Anziehung auf ihn ausübt: die Erde, der Himmel und die Höchste Wirklichkeit. Zu einer vollständigen Auflösung der Gegensätze des Lebens können wir aber nur auf der Grundlage gelangen, daß das niedere Bewußtsein von Mental, Leben und Körper zu seiner vollen Bedeutung erst dann kommen kann, wenn es zu einer höheren Frequenz gebracht, neu formuliert und transformiert wird durch das Licht, die Macht und Freude des höheren spirituellen Bewußtseins, während das höhere erst dann in seiner vollen rechten Beziehung zu dem niederen steht, wenn es dieses nicht zurückweist, sondern empornimmt, seine Macht auf es ausübt, seine unerfüllten Werte zu sich aufhebt und das niedere Wesen neu statuiert und transformiert, also dadurch, daß die mentale, vitale und physische Natur spiritualisiert und supramentalisiert wird. Das irdische Ideal, das im modernen Bewußtsein so mächtig ist, hat den Menschen, sein Leben auf Erden und die kollektive Hoffnung der Menschheit zu einer hervorragenden Stellung emporgehoben und ein nachdrückliches Verlangen nach einer Lösung geschaffen. Das ist das Gute, das es vollbracht hat. Durch seine Übertreibung und seine Ausschließlichkeit schränkte es aber den Gesichtskreis des Menschen ungebührlich ein. Es ließ unbeachtet, was in ihm das Höchste und letzten Endes das Umfassende ist. Durch diese Begrenzung vermochte es nicht, sein eigenes Ziel voll zu erreichen. Wäre das Mental das Höchste im Menschen und in der Natur, würde es sicher nicht zu dieser Enttäuschung gekommen sein. Zwar gäbe es dennoch diese Begrenzung des Horizonts, nur eine enge Möglichkeit und einen fest umrissenen Ausblick. Ist aber das Mental nur eine partielle Entfaltung des Bewußtseins und gibt es Mächte jenseits davon, zu denen die Natur im Menschengeschlecht fähig ist, dann hängt nicht nur unsere Hoffnung für die Erde, geschweige denn für das, was jenseits davon ist, von dessen Entwicklung ab, sondern diese wird zum einzig richtigen Weg unserer Evolution.

Mental und Leben selbst können erst dann zu ihrer Fülle heranwachsen, wenn sich in ihnen das umfassendere und höhere Bewußtsein öffnet, dem das Mental nur nahekommt. Solch ein umfassenderes und höheres Bewußtsein ist das spirituelle. Denn das Spirituelle ist nicht nur höher als die übrigen Bewußtseins-Frequenzen sondern auch umfassender. Da es sowohl universal wie transzendent ist, kann es Mental und Leben in sein Licht emporheben und ihnen die wahre und äußerste Realisation all dessen verleihen, nach dem sie suchen. Denn es besitzt ein größeres Instrumental an Wissen, eine Quelle größerer Macht und stärkeren Willens, eine unbegrenzte Reichweite und Intensität von Liebe, Freude und Schönheit. Das sind die Dinge, nach denen Mental, Leben und Körper suchen, nach Wissen, Macht und Freude. Das zurückzuweisen, wodurch sie alle zu ihrer höchsten Erfüllung gelangen, heißt, sie von ihrer eigenen höchsten Vollendung auszuschließen. Eine entgegengesetzte Übertreibung, die nur die farblose Reinheit spirituellen Seins verlangt, macht das schöpferische Wirken des Geistes zunichte und schließt von uns all das aus, was die Gottheit in ihrem Wesen manifestiert. Es läßt nur Raum für eine Evolution ohne Sinn und Erfüllung, denn ein Ausmerzen von allem, was entwickelt worden ist, erscheint hier als die einzige und höchste Errungenschaft. Das verwandelt den Prozeß unseres Wesens in die sinnlose Kurve eines Absturzes in die Unwissenheit und Rückkehr aus dieser. Oder es erschafft ein Rad kosmischen Werdens mit nur einem einzigen Ziel, der Flucht aus ihm. Die Vermittlungsstufe, das überirdische Streben, schneidet die Erfüllung des Wesens nach oben hin dadurch ab, daß das Wesen nicht bis zur höchsten Realisation des Einsseins gelangen kann, und sie mindert es nach unten hin, indem sie ihm nicht die eigentliche Fülle der Empfindung seines Daseins im materiellen Universum und die Annahme seines Lebens in einem irdischen Leib gestattet. Eine weite Beziehung von Einheit, Einbeziehung, stellt das Gleichgewicht wieder her, erleuchtet die volle Wahrheit des Wesens und verbindet die Stufen der Natur miteinander.

In dieser Integration steht die kosmische Wirklichkeit da als die höchste Wahrheit des Seienden. Sie zu realisieren, ist die äußerste Höhe, die unser Bewußtsein erreichen kann. Aber diese höchste Wirklichkeit ist ebenso das kosmische Wesen, das kosmische Bewußtsein, der kosmische Wille und das kosmische Leben. Sie hat diese Dinge hervorgebracht, jedoch nicht außerhalb ihrer selbst sondern innerhalb ihres eigenen Wesens, nicht als ein entgegengesetztes Prinzip sondern als ihre eigene Selbst-Entfaltung und als ihren Selbst-Ausdruck. Das kosmische Wesen ist keine sinnlose Laune, keine Phantasie, kein Zufalls-Irrtum. In ihm gibt es eine göttliche Bedeutung und Wahrheit: Der vielfältige Selbst-Ausdruck des Geistes ist das Ziel unseres irdischen Daseins. Wir können es nur dann erreichen, wenn wir der höchsten Wirklichkeit bewußt geworden sind. Denn nur, wenn das Absolute uns anrührt, können wir zu unserem eigenen Absoluten gelangen. Das kann aber auch nicht dadurch getan werden, daß wir die kosmische Wirklichkeit ausschließen: Wir müssen universal werden, denn das Individuum bleibt unvollkommen, wenn es sich nicht in die Universalität hinein öffnet. Wenn sich das Individuum vom AM trennt, um das Höchste zu erlangen, verliert es sich selbst in den höchsten Höhen. Wenn der Mensch das kosmische Bewußtsein in sich einbezieht, gewinnt er die volle Ganzheit seines Selbsts und hält doch an seinem höchsten Gewinn von Transzendenz fest. Er erfüllt es und sich selbst in der kosmischen Fülle. Eine realisierte Einheit des Transzendenten, des Universalen und des Individuellen ist die unentbehrliche Vorbedingung für die Fülle des sich selbst zum Ausdruck bringenden Geistes. Denn das Universum ist das Feld der Totalität seines Selbst-Ausdrucks, während seine evolutionäre Selbst-Entfaltung durch das Individuum hier ihren Höhepunkt erreicht. Das setzt aber nicht nur voraus, daß das Individuum ein wirkliches Wesen ist, sondern auch die Offenbarung unseres geheimen ewigen Einsseins mit dem Höchsten und mit dem gesamten kosmischen Dasein. In der Selbst-Integration muß die Seele des einzelnen Menschen zu Universalität und Transzendenz erwachen.

Das überirdische Sein ist ebenfalls eine Wahrheit des Wesens, denn die materielle Ebene ist nicht die einzige unseres Daseins. Es gibt andere Ebenen des Bewußtseins, zu denen wir gelangen können. Diese haben bereits ihre verborgenen Verbindungen mit uns. Wenn wir nicht zu den höheren Bereichen der Seele, die uns offenstehen, emporstreben, wenn wir nicht ihre Erfahrung machen und nicht ihr Gesetz in uns erkennen und offenbaren, bedeutet es, daß wir vor der Höhe und Fülle unseres Wesens zurückschrecken. Doch sind Welten eines höheren Bewußtseins nicht die einzige Szene und Heimat für die vervollkommnete Seele. Wir können auch nicht in einer unveränderlichen Typenwelt den endgültigen oder vollkommenen Sinn des Selbst-Ausdrucks des Geistes im Kosmos finden. Die materielle Welt, diese Erde, dieses menschliche Leben sind ein Teil des Selbst-Ausdrucks des Geistes; sie besitzen ihre göttliche Möglichkeit. Diese Möglichkeit ist evolutionär und enthält in sich die Möglichkeiten aller anderen Welten, der unverwirklichten, jedoch verwirklichbaren. Das Erdenleben ist kein Absturz in den Schlamm von etwas Ungöttlichem, etwas Eitlem und Elendem, das irgendeine Macht sich selbst als Schauspiel darbietet oder das für die verkörperte Seele etwas sein soll, das sie erleiden und dann wegwerfen muß. Es ist die Bühne, auf der sich die Evolution des Seienden vollzieht, die bis zur Offenbarung eines höchsten spirituellen Lichtes und einer Macht, einer Freude, eines Einsseins fortschreitet, die aber auch in sich die Vielfalt und Verschiedenheit des sein Selbst verwirklichenden Geistes enthält. Es gibt ein alles überragendes Ziel in der irdischen Schöpfung. Ein göttlicher Plan wirkt sich aus durch alle seine Widersprüche und Verwirrungen hindurch, die ein Zeichen sind für die vielseitigen Erfolge, zu denen das Wachstum der Seele und das Mühen der Natur hingeführt werden sollen.

Es ist wahr, daß die Seele zu den Welten eines höheren Bewußtseins jenseits der Erde emporkommen kann. Es ist ebenso wahr, daß die Macht dieser Welten, die Macht eines höheren Bewußtseins, sich hier zu entfalten hat. Die Verkörperung der Seele hier ist das Mittel, damit sie auch jene Verkörperung erlangen kann. Alle die höheren Mächte des Bewußtseins existieren deshalb, weil sie Mächte der Höchsten Wirklichkeit sind. Dieselbe Wahrheit liegt auch unserem irdischen Wesen zugrunde: Es ist ein Werden der Einen Wirklichkeit, das in sich jene höheren Mächte zu verkörpern hat. Seine gegenwärtige Erscheinung ist eine verhüllte und partielle Gestaltung. Begrenzen wir uns auf diese erste Gestalt, auf die gegenwärtige Formel eines unvollkommenen Menschseins, dann schließen wir unsere göttlichen Verwirklichungsmöglichkeiten aus. Wir müssen einen umfassenderen Sinn in unser menschliches Leben hineinbringen und in ihm das viel Umfassendere manifestieren, das wir insgeheim sind. Unsere Sterblichkeit ist nur im Lichte unserer Unsterblichkeit gerechtfertigt. Unsere Erde kann sich nur dann völlig erkennen und selbst ganz das sein, wenn sie sich für die Himmel öffnet. Der einzelne Mensch kann sich selbst erst richtig sehen, kann seine Welt erst richtig verwenden, wenn er in höhere Ebenen des Seienden eingetreten ist, wenn er das Licht des Höchsten geschaut hat und im Wesen und in der Macht des Göttlichen und Ewigen lebt.

Eine Integration dieser Art wäre unmöglich, wäre nicht eine spirituelle Evolution der Sinn unserer Geburt und irdischen Existenz. Die Evolution von Mental, Leben und Geist in der Materie ist das Zeichen dafür, daß diese Integration, diese vollständige Offenbarung eines in ihr enthaltenen geheimen Selbsts ihr tieferer Sinn ist. Vollständige Involution all dessen, was der Geist ist, und evolutionäre Selbst-Entfaltung bilden den Doppelbegriff unseres materiellen Daseins. Es gibt eine Möglichkeit, daß sich der Geist durch eine immer mehr enthüllte lichtvolle Enwicklung des Wesens zum Ausdruck bringt. Es gibt aber auch die Möglichkeit, daß er sich unterschiedlich in Typen ausdrückt, die in ihrer Art festgelegt und vollkommen sind. Das ist das Prinzip des Werdens in den höheren Welten. Sie sind in ihrem Lebens-Prinzip geprägt, nicht evolutionär. Jeder Typus existiert in seiner eigenen Vollkommenheit, jedoch innerhalb der Grenzen einer feststehenden Welt-Formel. Es gibt aber auch die Möglichkeit, sich dadurch zum Ausdruck zu bringen, daß man das Selbst findet. Diese Entfaltung nimmt die Form der Verhüllung des Selbsts an und schreitet durch das Abenteuer der Wiedergewinnung des Selbsts vorwärts. Das ist das Prinzip des Werdens in diesem Universum, dessen erste Erscheinung darin besteht, daß sich das Bewußtsein involviert und der Geist in der Materie verbirgt.

Involution des Geistes in der Unbewußtheit ist der Anfang. Evolution in der Unwissenheit mit ihrem Spiel der Möglichkeiten einer partiell sich entfaltenden Erkenntnis ist die Mitte. Sie ist die Ursache der Anomalien unserer gegenwärtigen Natur. Unsere Unvollkommenheit ist das Zeichen für einen Übergangszustand, für ein noch nicht vollendetes Wachstum, für ein Bemühen, das seinen Weg findet. Die Gipfelhöhe dieses Wegs liegt darin, daß wir eine Vollendung in der Entfaltung des Selbst-Wissens des Geistes und der Selbst-Macht seines göttlichen Wesens und Bewußtseins erlangen. Das sind die drei Stufen dieses Zyklus, in dem sich der Geist fortschreitend im Leben selbst zum Ausdruck bringt. Die beiden Stufen, die bereits ihr Kräftespiel entfalten, scheinen auf den ersten Blick die Möglichkeit der letzten, alles überhöhenden Stufe des Zyklus auszuschließen. Logischerweise setzen sie aber ihr Hervortreten voraus. Denn wenn das Unbewußte die Bewußtheit entwickelt hat, muß sich das bereits erreichte partielle Bewußtsein gewiß in das vollständige Bewußtsein entwickeln. Die Erd-Natur sucht nach einem vervollkommneten und vergöttlichten Leben. Dieses Suchen ist ein Zeichen für den göttlichen Willen in der Natur. Es gibt auch andere Formen des Suchens; auch diese finden die Mittel zu ihrer Selbst-Erfüllung. Innerhalb der Erd-Existenz steht es der Seele frei, sich in den erhabenen Frieden oder in die Ekstase, die Seligkeit der Göttlichen Gegenwart, zurückzuziehen. Denn das Unendliche besitzt in seiner Manifestation viele Möglichkeiten und ist nicht durch seine Formulierungen beschränkt. Jedoch kann keine dieser Arten, sich zurückzuziehen, hier die fundamentale Absicht im Werden sein. Denn dann wäre ein evolutionärer Fortschritt nicht unternommen worden. Ein solches Vorwärtsschreiten hier kann nur als Ziel haben, sich selbst zur Erscheinung zu bringen. Eine fortschreitende Manifestation dieser Art kann als tieferen Sinn nur die Offenbarung des Seins in einem vollkommenen Werden haben.

Kapitel XVII. Der Fortschritt zum Wissen. Gott, Mensch und Natur

Du bist Jenes, o Svetaketu.

Svetasvatara Upanishad, IV, 10.

Das lebende Wesen ist niemand anderes als das brahman, die ganze Welt ist brahman.

Vivekachudamani, Vers 479.

Meine höchste Natur ist zu einem lebendigen Wesen geworden, und diese Welt wird durch es erhalten... alle Wesen haben dies als den Ursprung ihrer Geburt.

Gita, VII, 5. 6.

Du bist Mann und Frau, Knabe und Mädchen; alt und gebrechlich gehst du, auf einen Stock gestützt; du bist der blaue Vogel und der grüne und der scharlachäugige ...

Svetasvatara Upanishad, IV, 3.4.

Diese ganze Welt ist voll von Wesen, die seine Gliedmaßen sind.

Svetasvatara Upanishad, IV, 10.

Eine Involution des Göttlichen Seins, der spirituellen Wirklichkeit, in die in Erscheinung getretene Unbewußtheit der Materie ist der Ausgangspunkt der Evolution. Aber diese Wirklichkeit ist ihrer Natur nach ewiges Sein, Bewußtsein, Seins-Seligkeit. Die Evolution muß also ein Hervortreten dieses Seins, dieses Bewußtseins, dieser Seins-Seligkeit sein. Zunächst ist sie das nicht in ihrer Essenz oder Totalität, sondern in evolutionären Formen, die sie ausdrücken oder verkleiden. Aus der Unbewußtheit erscheint das Sein in einer ersten evolutionären Form als Stofflichkeit der Materie, die von einer unbewußten Energie geschaffen ist. Bewußtsein, in die Materie involviert und nicht in Erscheinung tretend, taucht zuerst auf in der Verkleidung von vitalen Vibrationen, die lebhaft, aber unterbewußt sind. Danach ringt es in den unvollkommenen Formulierungen bewußten Lebens danach, sich durch aufeinanderfolgende Formen dieser materiellen Substanz selbst zu finden, durch Formen, die mehr und mehr angepaßt sind, es immer vollständiger zum Ausdruck zu bringen. Bewußtsein müht sich im Leben, indem es die ursprüngliche Unempfindlichkeit der materiellen Unbelebtheit und Nichtbewußtheit abwirft, um sich selbst mehr oder minder vollständig in der Unwissenheit zu finden, die ihre erste unvermeidliche Formulierung ist. Sie erlangt aber zuerst nur eine primitive mentale Wahrnehmung und vitale Bewußtheit vom Selbst und von den Dingen, eine Lebens-Wahrnehmung, die in ihren ersten Formen von einem inneren Empfinden abhängt, das auf die Kontakte mit anderem Leben und mit der Materie reagiert. Bewußtsein arbeitet daran, sich, so gut es kann, durch die noch unangemessene Art der Empfindung seiner eigenen, ihm innewohnenden Freude des Wesens zu offenbaren. Es kann aber nur zum Teil den Schmerz oder die Lust formulieren. Im Menschen erscheint das seine Kraft entfaltende Bewußtsein als Mental, das deutlicher seiner selbst und der Dinge bewußt ist, eine partielle und begrenzte, noch nicht integrale Macht seines Selbsts, bei der aber eine erste begriffliche Potenz und das Versprechen auf ein vollständiges Hervortreten sichtbar ist. Dieses integrale Hervortreten ist das Ziel der sich entwickelnden Natur.

Der Mensch ist hier, um sich im Universum zu behaupten. Das ist seine erste Aufgabe. Er muß sich aber auch entwickeln und schließlich über sich selbst hinauskommen. Sein partielles soll er in das vollständige Wesen ausweiten. Sein partielles Bewußtsein soll er zum integralen Bewußtsein werden lassen. Er soll die Herrschaft über seine Umgebung erlangen, aber auch die Einung der Welt und die Welt-Harmonie. Er soll seine Individualität verwirklichen. Er soll sie aber auch in das kosmische Selbst und in die universale und spirituelle Daseins-Freude ausweiten. Offensichtlich ist es Absicht seiner Natur, daß er sich umwandelt, daß er all das läutert und verbessert, was in seiner Mentalität finster, irrig und unwissend ist. Schließlich soll er zu einer freien und umfassenden Harmonie und Erleuchtung seines Wissens, Wollens, Fühlens, Handelns und Charakters gelangen. Die Schöpferische Energie hat seiner Intelligenz dieses Ideal auferlegt. Einen Drang danach hat sie seiner mentalen und vitalen Substanz eingepflanzt. Das kann aber nur dadurch zur Vollendung gebracht werden, daß er in ein umfassenderes Wesen und in ein umfassenderes Bewußtsein hineinwächst. Der Zweck, um dessentwillen er geschaffen wurde, ist, daß er sein Selbst ausweitet, zur Erfüllung bringt und sich über das hinaus entwickelt, was er nur zum Teil und vorübergehend in seiner aktuellen und sichtbaren Natur darstellt, in das, was er in Vollkommenheit in seinem geheimen Selbst und Geist ist und gerade deshalb in seinem manifestierten Dasein werden kann. Diese Hoffnung ist die Rechtfertigung seines Lebens auf Erden inmitten der Erscheinungsformen des Kosmos. Der Mensch, so wie er äußerlich erscheint, ist ein vergängliches Wesen, den Beschränkungen durch seine materielle Verkörperung unterworfen und in eine begrenzte Mentalität eingesperrt. Er soll zu jenem inneren wirklichen Menschen werden, der Herr seiner selbst und seiner Umgebung, sowie in seinem Wesen universal ist. In einer lebendigeren und weniger metaphysischen Sprache ausgedrückt: Der natürliche Mensch soll sich zum göttlichen Menschen entwickeln. Die Kinder des Todes sollen sich als die Kinder der Unsterblichkeit erkennen. Aufgrund einer solchen Auffassung kann man die Geburt des Menschen als den Wendepunkt in der Evolution beschreiben, als die kritische Stufe in der Erd-Natur.

Daraus folgt sofort: Das Wissen, das wir erlangen sollen, ist nicht die Wahrheit des Intellekts. Es ist nicht die rechte Überzeugung, die richtige Meinung, die zutreffende Information über uns selbst und die Dinge – das ist nur die Vorstellung unseres Vordergrund-Mentals von Wissen. Zu einem mentalen Begriff über Gott, uns selbst und die Welt zu gelangen, ist ein Ziel, das für den Intellekt gut genug, jedoch nicht umfassend genug ist für den Geist. Es wird aus uns nicht die bewußten Kinder der Unsterblichkeit machen. Das indische Denken des Altertums verstand unter Wissen ein Bewußtsein, das die höchste Wahrheit durch unmittelbare Wahrnehmung und Selbst-Erfahrung besitzt. Das Höchste zu werden und zu sein, das wir erkennen können, ist ein Zeichen dafür, daß wir wirklich das Wissen besitzen. Aus demselben Grund ist es auch nicht – und kann es nicht sein – das höchste Ziel für uns, unser praktisches Leben und unsere Handlungen soviel wie möglich nur in Einklang zu bringen mit unseren intellektuellen Begriffen von Wahrheit und Recht oder sie aus einer erfolgversprechenden pragmatischen Erkenntnis – einer ethischen oder Walen Zielsetzung wegen – zu gestalten. Unser Ziel muß sein, hineinzuwachsen in unser wahres Wesen, in unser Wesen des Geistes, in das Wesen des höchsten und universalen Seins, Bewußtseins und der Seligen Freude, saccidananda.

Unser ganzes Dasein hängt von jenem Sein ab; es entwickelt sich in uns. Wir sind ein Wesen jenes Seins, ein Bewußtseins-Zustand jenes Bewußtseins, eine Energie jener bewußten Energie, ein Wille zur Seins-Seligkeit, zur Freude des Bewußtseins, zur Wonne der Kraft, die aus jener Seligkeit geboren ist. Das ist das Wurzel-Prinzip unseres Daseins. Die Form, die wir an unserer Außenseite von diesen Dingen gestalten, ist aber nicht Jenes. Sie ist eine falsche Übertragung in die Begriffe der Unwissenheit. Unser Ich ist nicht das spirituelle Wesen, das im Blick auf das Göttliche Sein von sich sagen kann: “Jenes bin ich.” Unsere Mentalität ist nicht jenes spirituelle Bewußtsein. Unser Wille ist nicht jene Kraft des Bewußtseins. Unser Schmerz und unsere Lust, auch unsere höchsten Freuden und Ekstasen, sind nicht jene Seins-Seligkeit. In unserem vordergründigen Wesen sind wir noch ein Ich, das sich als das Selbst aufführt, eine Unwissenheit, die sich zum Wissen hinwendet, ein Wille, der sich um wahre Kraft bemüht, eine Sehnsucht, die nach der Seins-Seligkeit sucht. Zu unserem Selbst zu werden, indem wir über uns selbst hinauskommen – so können wir die inspirierten Worte eines halb-blinden Sehers umkehren, der das Selbst nicht kannte, von dem er sprach –, ist der schwierige und gefährliche Zwang, das uns auferlegte Kreuz, über dem eine unsichtbare Krone schwebt, das Rätsel der wahren Natur seines Wesens, das dem Menschen von der dunklen Sphinx der Unbewußtheit unter ihm und von der lichten verhüllten Sphinx des unendlichen Bewußtseins und der ewigen Weisheit von innen und oben her aufgegeben wird, die ihm als eine unerforschliche göttliche maya entgegentritt. Deshalb ist der höchste Zweck unseres Lebens hier, unser Ich zu überwinden und unser wahres Selbst zu sein, unser wirkliches Wesen zu gewahren und zu besitzen, eine wirkliche Freude am Sein zu haben. Das ist der verborgene Sinn unseres individuellen und irdischen Daseins.

Intellektuelles Wissen und praktisches Handeln sind Einrichtungen der Natur, durch die wir so viel von unserem Wesen und Bewußtsein, von unserer Kraft und der Macht unserer Freude zum Ausdruck bringen können, wie wir in unserer vordergründigen Natur zu verwirklichen fähig sind. Wir versuchen dadurch, mehr zu wissen, mehr auszudrücken, mehr zu verwirklichen, immer weiter in das Viele emporzuwachsen, das wir noch zu verwirklichen haben. Jedoch sind unser Intellekt, unsere mentale Erkenntnis und unser Wille zum Handeln nicht unsere einzigen Mittel, nicht alle Werkzeuge unseres Bewußtseins und unserer Kraft. Unsere Natur – so benennen wird die Kraft des Wesens in uns in ihrem aktuellen und potentiellen Spiel und in ihrer Macht – ist in ihrer Anordnung des Bewußtseins ebenso komplex wie in der Instrumentation der Kraft. Wir müssen jeden schon entdeckten oder noch entdeckbaren Begriff und Umstand dieser Komplexheit, die wir zum wirksamen System machen können, in den für uns höchst-möglichen und feinsten Werten verwirklichen und in seiner weitesten und reichsten Machtentfaltung für das eine Ziel verwenden. Dieser Zweck liegt darin, ständig zu wachsen, bewußt zu sein, größer zu werden in unserem erkannten Wesen, im Innesein des Selbsts und der Dinge, in unserer verwirklichten Kraft und Freude des Seins und dieses Wachsen dynamisch in solcher Einwirkung auf die Welt und uns selbst zum Ausdruck zu bringen, daß wir und sie immer mehr zur größt-möglichen Höhe und Weite an Universalität und Unendlichkeit heranwachsen. In dem gewaltigen Drama des Bemühens der Natur ist all das durch die Epochen währende Ringen des Menschen nur eine Episode: seine Aktivitäten, seine Gesellschaft, Kunst, Ethik, Wissenschaft und Religion, sowie all die vielfältigen Tätigkeiten, durch die er sein mentales, vitales, physisches und spirituelles Sein ausdrückt und vermehrt. Hinter ihren begrenzten vordergründigen Zielen hat all das keinen anderen wahren Sinn oder Grund. Die alten Seher der Veden verstanden unter Wissen, daß der einzelne zur göttlichen Universalität und höchsten Unendlichkeit kommt, in ihr lebt, sie besitzt, sie allein in all seinem Wesen, seinem Bewußtsein, seiner Kraft und Seins-Seligkeit ist, weiß, fühlt und ausdrückt. Das war die Unsterblichkeit, die sie dem Menschen als seine göttliche höchste Vollkommenheit vor Augen stellten.

Durch die Art seiner Mentalität, durch seinen Einblick in sich selbst und seinen Ausblick auf die Welt, durch seine ursprüngliche Begrenztheit in beiden durch Sinne und Körper, durch die Gebundenheit an das Relative, das Augen- und Sinnenfällige, ist der Mensch gezwungen, schrittweise, zuerst in Dunkel und Unwissenheit innerhalb dieser riesigen evolutionären Bewegung vorwärtszugehen. Es ist für ihn nicht möglich, das Seiende von Anfang an in der Vollständigkeit seiner Einheit ins Auge zu fassen. Es stellt sich ihm in der Verschiedenheit dar. Sein Suchen nach Wissen wird beherrscht von drei hauptsächlichen Kategorien, die für ihn diese Verschiedenheit zusammenfassen: er selbst – der Mensch oder die individuelle Seele – Gott und die Natur. Das erste ist das, dessen allein er in seinem normalen unwissenden Wesen unmittelbar bewußt ist. Er sieht sich, das Individuum, scheinbar in einem Dasein von allem übrigen Wesen getrennt, bleibt jedoch immer unabtrennbar mit diesem verbunden. Er ringt danach, sich selbst genug zu sein, doch kann er niemals in sich selbst Genüge finden, da man noch nie von dieser individuellen Seele die Erfahrung machte, daß sie getrennt von den übrigen Wesen ins Dasein trat oder existierte oder in ihrem eigenen Sein den Höhepunkt erreichte ohne die Hilfe der anderen und unabhängig vom universalen Wesen und der universalen Natur. Zweitens gibt es jenes, das der Mensch nur mittelbar durch sein Mental und die körperlichen Sinne und durch dessen Wirkungen auf diese erkennt, wobei er aber darum ringen muß, jenes immer vollständiger zu erkennen: weil er auch alles übrige Seiende sieht, mit dem er sich so sehr identifiziert und von dem er doch so getrennt ist – den Kosmos, die Welt, die Natur, die anderen individuellen Wesen, die er als ihm stets gleich und dennoch ungleich erkennt. Denn sie sind ihrer Natur nach dasselbe, selbst bis zu Pflanze und Tier, und doch in ihrem Charakter so ganz anders. Jedes Wesen scheint seinen eigenen Weg zu gehen, ein gesondertes Wesen zu sein, und doch wird jedes durch die gleiche Bewegung angetrieben und folgt, gemäß seinem eigenen Grad der Entwicklung, der gleichen unermeßlichen Evolutionskurve wie er selbst. Schließlich sieht oder vielmehr ahnt er etwas, das er überhaupt nicht kennt, es sei denn ganz mittelbar. Denn er weiß davon nur etwas durch sich selbst und durch das, wonach sich sein Wesen sehnt, oder durch die Welt und das, worauf sie hinzuweisen scheint und das sie entweder im Verborgenen zu erlangen und durch ihre unvollkommenen Gestaltungen auszudrücken sucht, das zumindest diese, ohne daß sie es wissen, auf ihre geheime Beziehung zu jener unsichtbaren Wirklichkeit und zu jenem geheimen Unendlichen gründet.

Dieses dritte und unbekannte Etwas, dieses tertium quid, nennt er Gott. Mit diesem Wort meint er Etwas oder Jemand, der das Höchste, das Göttliche, die Ursache, das All ist, eines von diesen Dingen oder sie alle zugleich, die Vollkommenheit oder die Totalität von allem, das hier nur bruchstückhaft oder unvollkommen ist, das Absolute all dieser Myriaden von Relativitäten. Er ist der Unbekannte: wenn der Mensch Ihn ergründen könnte, kann das wirkliche Geheimnis dessen, was man weiß, für ihn immer verständlicher werden. Der Mensch hat versucht, all diese Kategorien zu negieren: Er hat versucht, sein eigenes wirkliches Dasein zu bestreiten. Er hat versucht, das wirkliche Dasein des Kosmos zu verneinen. Er hat versucht, das wirkliche Sein Gottes zu leugnen. Hinter all diesen Verneinungen sehen wir aber denselben ständigen Zwang seines Strebens nach Wissen. Denn er fühlt die Notwendigkeit, zu der Einheit dieser drei Begriffe zu gelangen, selbst wenn das nur dadurch geschehen könnte, daß er zwei von ihnen unterdrückt oder sie mit dem anderen, übriggebliebenen verschmilzt. Um das fertig zu bringen, behauptet er, nur er allein sei die Ursache von allem anderen, und dieses seien nur die Schöpfungen seines Mentals. Oder er bejaht nur die Natur, alles übrige seien bloß Phänomene der Natur-Energie. Oder er bejaht nur Gott, das Absolute, und der Rest sei nichts als Illusionen, die Jenes durch eine unerklärliche maya auf sich selbst und auf uns projiziere. Keine von diesen Verneinungen kann völlig befriedigen. Keine löst das Problem vollständig oder kann unwiderleglich und definitiv sein, am wenigsten jene, zu der sein von den Sinnen beherrschter Intellekt am meisten neigt, in der er aber nie lange verharren kann. Wenn er Gott leugnet, bestreitet er zugleich sein eigenes wahres Streben und sein eigenes Allerhöchstes. Die Epochen eines naturalistischen Atheismus waren stets kurzlebig, weil jener nie das geheime Wissen des Menschen befriedigen kann. Er kann auch nicht dem endgültigen Veda entsprechen, da er nicht mit dem Veda in unserem Innern übereinstimmt, den alle mentale Erkenntnis nach außen zu bringen bemüht ist. Von dem Augenblick an, wo wir diesen Mangel an Entsprechung fühlen, ist eine Lösung, mag sie noch so vernünftig, auch logisch noch so vollständig sein, durch den Ewigen Zeugen im Menschen gerichtet und verurteilt. Sie kann nicht das letzte Wort des Wissens bilden.

Der Mensch ist seiner Art nach sich selbst nicht genug. Er existiert nicht gesondert für sich; er ist nicht der Ewige und ist nicht das All. Darum kann er, für sich genommen, nicht die Erklärung für den Kosmos sein, von dem sein Mental, Leben und Körper so offenkundig nur eine unendlich kleine Einzelheit bilden. Ebenso erkennt er, daß der sichtbare Kosmos an und für sich nicht genügt, da er sich nicht einmal durch seine unsichtbaren Kräfte erklärt. So findet der Mensch sowohl in sich selbst wie in der Welt zu viel, was jenseits von diesen beiden ist, etwas, von dem sie nur ein äußeres Gesicht, eine Haut oder sogar nur eine Maske zu sein scheinen. Ebensowenig können sein Intellekt oder seine Intuitionen oder sein Fühlen etwas tun ohne den Einen oder ohne die Einheit, mit dem oder mit der diese Welt-Kräfte und er selbst in einer Beziehung stehen können, die diese trägt und denen sie ihre Bedeutung verleiht. Er fühlt, es muß ein Unendliches geben, das diese Endlichkeiten trägt, das in, hinter und um diesen sichtbaren Kosmos ist, die Harmonie, die gegenseitige Beziehung und die wesenhafte Einheit der vielfältigen Dinge begründet. Sein Denken braucht ein Absolutes, von dem diese unzähligen, endlichen Relativitäten in ihrem Dasein abhängen, eine höchste Wahrheit der Dinge, eine schöpferische Macht oder Kraft oder ein Wesen, das alle diese unzähligen Wesen im Universum verursacht und im Dasein erhält. Mag er es nennen, wie er will: Er muß zu einem Höchsten, zu einem Göttlichen, zu einer Ursache, zu einem Unendlichen un